Immunität

Grundlagen

Quelle: Institut für medizinische Diagnostik Berlin

Biochemiker Johann Holzmann:

Der Schutz vor Krankheit wird vermittelt durch die zelluläre (T-Zellen) und humorale (B-Zellen, vor allem IgG-Antikörper) Immunabwehr. Sekretorische Antikörper (IgA-Antikörper) verhindern eine lokale Infektion der Schleimhäute im Nasen/Rachenraum.

T-Zellen bzw. T-Gedächtniszellen können sogar jahrelangen Schutz vor schwerer Krankheit bieten. Bei den IgG-Antikörpern, die SARS-CoV2 erkennen und neutralisieren und somit präventiv unsere Lungen vor Befall schützen, ist die Lebensdauer deutlich kürzer (wenige Wochen bis Monate seit OMICRON). Nach der Impfung ist die IgG-Konzentration sehr hoch, ca. 1000-10000 mal höher als vor der Impfung (De Gruyter, 12.04.21).

In den Muskel injizierte Impfstoffe wirken vor allem im unteren Atemwegstrakt, für effektive Schleimhautimmunität bräuchte man in die Nase injizierte Impfstoffe. Die derzeitigen Impfstoffe führen auch bei Doppelt- und Dreifachgeimpften vorübergehend zur Bildung von IgA-Antikörpern, wenn auch in geringerer Konzentration als nach einer Infektion (Krammer, 23.09.20, Vortrag Krammer am 13.12.21 bei der AGES).

Erhöhte IgM-Antikörper-Werte weisen auf eine momentane Infektion hin, nach einer Impfung sind ebenfalls kurzzeitig erhöht.

Nach durchgemachten Infektionen “vergisst” das Immunsystem zunehmend das SARS-CoV2-Spike Protein und erinnert sich vermehrt an andere SARS-CoV2-Proteine. Bei einer Reinfektion werden B-Gedächtniszellen aktiviert und bilden vorwiegend nicht neutralisierende Antikörper aus (die nicht an die Rezeptorbindungsdomäne des Spike binden und nicht die Bindung zwischen Virus und Zelle verhindern). Diese können im schlechtesten Fall infektionsverstärkende Antikörper (ADE) sein und die Krankheit verstärken. Das ist bisher unklar, die Situation in Brasilien könnte diesen Schluss aber nahelegen. Fazit: Auch nach einer Infektion unbedingt impfen, nur so werden B-Gedächtniszellen gegen das Spike-Protein erzeugt und das Risiko von ADE stark vermindert.

Holzmann: “Setze dem Immunsystem keine falschen Gedanken in den Kopf!”

Lu et al., Beyond binding: antibody effector functions in infectious diseases (2017)

Vorsicht beim Vergleich von Antikörper-Konzentrationen nach Infektion/Impfung, die Assays sind nicht normiert. Ergebnisse können verglichen werden, wenn im Analysenergebnis steht, dass der Test auf den WHO-Standard normalisiert worden ist. (Ainsworth et al., 2020)

Infektiologe Marton Széll: Derzeit gibt es keinen definierten Grenzwert für Antikörper-Titermessungen, ab dem man von einem Schutz ausgehen kann. Es ergeben sich weder aus hohen, noch niedrigen Titern unmittelbare Konsequenzen. (Stand 07.05.21 – Empfehlungen des Nationalen Impfgremiums)

Aber: Willicombe et al. (12.04.22) raten zu Antikörpermessungen nach Impfungen bei immungeschwächten Patienten

Schutz vor Infektion und Erkrankung nach Impfung (Schutzkorrelat)

Einschränkung: Ergebnisse gelten nicht mehr für OMICRON und evtl. folgende Varianten

Rolle der T-Zellen nach Covid19-Infektion und Schutz gegen andere Infekte

SARS-CoV2 vermindert die T-Zellen in den Lymphknoten, gerade bei milderen Verläufen. Das erklärt die schwache Antikörper-Antwort (wenige CD4+, die B-Zellen stimulieren). Das ist der Trick des Virus: CD4+ unterdrücken, um wenige Antikörper zu produzieren und den Wirt nochmals nutzen zu können (=/= Herdenimmunität!) Gerade nach milderen Verläufen besteht höhere Gefahr für erneute Infektion und LongCOVID durch Fehlfunktion der T-Zellen. Anders nach mehrfacher Impfung: Vielfältig kombinierte B-Zellen-Antwort verhindert LongCOVID großteils.

These: T-Zellen bieten wenig Schutz vor SARS-CoV2, die Antikörperantwort ist entscheidend.

Schutz vor erneuten Infektionen und Erkrankung (Reinfektionen)

Immunität nach Infektion (schwarz) und 1. bzw. 2. Impfdosis (bunt) – sehr heterogene Verteilung nach Infektion, während nach Impfung einheitlich hohes Niveau erreicht wird (Parker et al., 14.02.22)

bei Kindern

Kreuzimmunität durch andere Coronaviren

Schutz gegen Covid durch Influenza-Impfung? Eher nicht.

Herdenimmunität und Endemie

Sporadisches (blau), epidemisches (rot) und endemisches (grün) Infektionsgeschehen – welches Aktivitätslevel ist uns lieber? (Quelle: Global Biosecurity)

Die allgemein bekannte Interpretation von Herdenimmunität ist der solidarische Schutz einer immunen Mehrheit für eine ungeimpfte Minderheit, wobei dafür nicht nur Impfunwillige, sondern auch nicht impfbare Menschen stehen. Das Virus kann sich demnach nicht mehr verbreiten, sondern läuft in der Bevölkerung tot (R0 < 1).

Herdenimmunität ist ohne Impfstoffe und nonpharmazeutische Maßnahmen nicht erreichbar. Für den Wildtyp wurden 60-70% Immunisierungsrate für Herdenimmunität geschätzt, für die ansteckenderen ALPHA und DELTA 80-90%, bei OMICRON ist die Schwelle unklar, weil unbekannt ist, wie lange man gegen eine Reinfektion mit OMICRON geschützt ist.

Herdenimmunität über Infektion zu erreichen führt durch die anhaltend hohen Inzidenzen unweigerlich zu Virusmutationen und gefährliche Virusvarianten, die Reinfektionen wahrscheinlicher machen, sodass Immunität auf Bevölkerungsebene nie erreicht werden kann.

Auch Herdenimmunität über Impfung alleine ist unwahrscheinlich, da Geimpfte sich nach einem bestimmten Zeitraum wieder infizieren und auch übertragen können (nachlassende IgA/IgG-Antikörpermenge auf der Schleimhaut des Respirationstrakts). Nonpharmazeutische Maßnahmen (Kontaktbeschränkungen) sind auch dann notwendig, um die Virusausbreitung einzudämmen.