TAG 715: 2 Jahre Pandemie – mittendrin statt am Ende

Heute vor zwei Jahren schrieb ich meinen ersten Beitrag zur Pandemie. Das war kurz vor meinem letzten regulären Urlaub mit einer Alpenvereinsgruppe in den Seetaler Alpen, wo wir zwei Tage Schneeschuhwandern gingen. Eine ähnliche Zusammensetzung der Gruppe wäre ironischerweise am kommenden Wochenende geplant gewesen, worauf auch das Ende aller Maßnahmen (nicht aber die Pandemie! ) fällt. Damit hätte sich das Kapitel jetzt schließen können. Das wird leider nicht passieren.

Gestern sah ich im Live-Blog zur Kriegsberichterstattung der Tagesschau ein Interview zum Thema Sanktionen (23:25). Ob man nicht sehen wollte, dass in der Ukraine ein Krieg drohe:

Carlo Masala, Politikwissenschaftler:

Weil es einfacher ist, Fakten zu ignorieren, wenn sie nicht sozusagen ins eigene, idealistische Weltbild passen. Man will sich nicht auf worst-case-Szenarien vorbereiten, weil das bedeuten würde, dass man Geld in die Hand nehmen muss. Das bedeutet, dass man unangenehme Entscheidungen treffen muss , die man letztendlich der Bevölkerung verkaufen muss. Von daher ist es einfacher, den Vorstellungen, die idealistisch gewesen sind, anzuhängen und jetzt ist der Zug komplett gegen die Wand gefahren.“

Damit ist eigentlich alles zum Ukraine-Krieg, aber auch zur Pandemiebekämpfung gesagt.

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So a Schas ….

Als der erste Lockdown kam und die Bilder aus Bergamo dachte ich nur, das passiert jetzt aber nicht echt, das kann nicht sein. Damals war ich schockiert, wie schnell das alles ging. Ich hatte aber auch den Jänner auf Kur verbracht und kaum Nachrichten konsumiert. Das zweite Mal hatte ich dieses Gefühl seit Jahresbeginn, als alle westlichen Staaten beschlossen, OMICRON als Ticket in die Endemie zu betrachten, obwohl die Wissenschaft davor gewarnt hat. Nein, nicht alle Wissenschaftler, Österreichs Regierungsberater sind ja viel klüger als der Rest der Welt und haben die Regierung darin bestärkt, den Weg zu gehen, wie er jetzt begangen wird. Dieser Fehler ist ebenso schwer und unverzeihlich, da uns auf Jahre bis Jahrzehnte beeinträchtigend wie die Kriegserklärung von Russland an die Ukraine. In beiden Fällen sterben Menschen, im Krieg als Medienspektakel, in der Pandemie meistens leise, auf Intensivstationen, in Altersheimen oder das Verschwinden von Millionen Menschen aus der Öffentlichkeit durch LongCOVID und MECFS. Beides unverzeihlich und für die nächsten Jahrzehnte sicherlich keine Hilfe im Kampf gegen die Erderwärmung. Jetzt hat man also zum dritten Mal innerhalb von zwei Jahren das Gefühl, dass das alles so unwirklich ist, was gerade geschieht. Die Hoffnung bestand, dass wie früher einfach nur ein bisschen Säbelrasseln passiert, aber der Krieg diplomatisch abgewendet wird, wie das halbwegs zivilisierte und rationale Staatsführer in den letzten Jahrzehnten auch getan haben. Diese Sicherheit in den Sieg der Vernunft ist nicht mehr da. Ich kann mich aber nicht auf zwei Katastrophen gleichzeitig konzentrieren. Das heißt nicht, dass ich das, was weniger als 400km östlich der österreichischen Grenze passiert, bagatellisieren will, aber ich kann es Null beeinflussen. Es liegt außerhalb meiner Kontrolle und kostet nur unnötige Energie. Daher wird das hier, außer es sieht nach Weltuntergang aus, mein einziger Beitrag zu dem Thema bleiben, und ich widme mich auch weiterhin, soweit ich die Kraft dafür aufwenden kann, der Pandemie.

Tag 712: Die Regierung verbreitet gefährliche wissenschaftliche Desinformation

Don’t look up! Die Staaten weltweit lassen alle Maßnahmen fallen und ein mutierfreudiges, neutropes Virus mit schwerwiegenden Langzeitfolgen auf hohem Niveau endemisch werden.
Aktueller Stand zu BA.2Screenshot aus meinem Blog (‚teilweise‘ wurde nachträglich ergänzt, weil die genannten Studien auf eine gewisse Kreuzimmunität bei BA.1/BA.2 hinweisen. Das Reinfektionsrisiko ist bei ungeimpften Kindern demnach am höchsten)

Laut einer heutigen Presseaussendung von Gesundheitsminister Mückstein soll demnächst die monoklonale Antikörperkombination Evusheld für Immungeschwächte prophylaktisch zur Verfügung stehen. Die Therapie ist aber naturgemäß dann effektiv, wenn sie vor der Infektion bzw. vor der Entwicklung von ersten Symptomen eingeleitet wird. Ein weiteres Problem könnte sein, dass die ab März dominante BA.2-Subvariante von OMICRON die meisten therapeutischen monoklonalen Antikörper wirkungslos macht, darunter auch Evusheld, wie Zhou et al. (15.02.22) explizit schreiben:

„We report here, using a spike protein-pseudotyped lentivirus assay, that Omicron BA.2 is not neutralized with detectable titer by any of the therapeutic monoclonal antibodies, including Sotrovimab and the Evusheld monoclonal antibodies.“

Zum heute bekannt gegebenen Aus der Schutzmaßnahmen ab 5. März 2022 ist wieder einmal ein Faktencheck notwendig:

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Tag 706: Lockerungen ohne wissenschaftliche Substanz

Vorfrühlingsgefühle am Anninger, 16.02.22

Immer, wenn große Pressekonferenzen in den vergangenen zwei Jahren anstanden, egal ob Lockdown-Verkündigungen oder weitreichende Lockerungen, zog es mich in die Berge, in den Wald, hauptsache weg von der Zivilisation. Seit dem ersten Lockdown waren die Beschlüsse eher zum Weinen. Der zweite Lockdown kam zu spät, der dritte Lockdown auch und kam nur im Osten. Der vierte Lockdown wäre beinahe gar nicht gekommen, weil die ÖVP am Narrativ, dass die Pandemie für Geimpfte vorbei sein würde, unbedingt festhalten wollte. Obwohl OMICRON auch Dreifachgeimpfte anstecken und infektiös machen kann, werden Dreifachgeimpfte weiterhin von vielen Regeln ausgenommen und gefährden damit ungeimpfte Kinder und generell Menschen, die trotz Impfung nur unzureichenden Impfschutz aufgebaut haben.

Seit Welle 1 wird von der Bundesregierung immer wieder der gleiche Fehler gemacht: Man orientiert sich nicht an Inzidenzen, sondern gibt ein festes Datum vor, an dem gelockert werden soll. Dieses Mal ist es der 5. März. Zwar wurde der Leerdenkerbegriff nicht verwendet, aber de fakto ist es ein Zugeständnis an Impfgegner und Leerdenker, ein „Freedomsday“. Folgende Aussagen stammen nicht etwa von FPÖ-Chef Kickl, sondern vom amtierenden Bundeskanzler Nehammer (ÖVP):

Wir holen uns die Freiheit wieder, die uns das Virus genommen hat“

„Ab dem 5. März wird ein Großteil der Einschränkungen, welche die Menschen so beschweren, wegfallen“

Kickl hätte “Virus“ durch “Corona-Diktatur“ ersetzt und damit die Regierung gemeint, das Ergebnis bleibt aber dasselbe: Österreichs Regierung entscheidet, wann die Pandemie zu Ende ist, nicht die Realität.

Virologin von Laer: „Ich hoffe, dass das Virus sich an den Zeitplan der Regierung hält.“ (ZiB2)

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Tag 704: Individuelle Risiken einer Pandemie

„Es wird nicht so sein, dass es jetzt nochmal durchläuft und dann sind wir wieder, wo wir waren, sondern die Welt ist etwas schlechter geworden, weltweit übrigens, wir sind noch am besten geschützt. Wir haben einen Virus, was ansteckender und gefährlicher als die Grippe ist, und die Idee, dass das jetzt immer harmloser wird, demnächst eine Erkältungskrankheit, das ist eine ganz gefährliche Legende, das mag in dreißig, vierzig Jahren so sein, aber nicht für die nächsten zehn Jahre.“

Gesundheitsminister und Epidemiologe Karl Lauterbach, 13.02.22

„Omicron ist keine Erkältung, und die derzeit kursierende Rhetorik, dieses Narrativ da draußen, ist gefährlich und tödlich. OMICRON und DELTA infizieren Individuen, bringen Menschen ins Krankenhaus, und wenn man hohe Fallzahlen hat, wird man eine Zunahme der Spitalsaufnahmen sehen. Dieses Virus, OMICRON, wird Risikogruppen erreichen. Es erreicht ältere Personengruppen und wir werden zunehmende Todeszahlen sehen. Die Andeutung, dass OMICRON bloß eine milde Infektion wäre, ist wirklich, wirklich gefährlich, und das möchte ich betonen, ohne die Öffentlichkeit in Angst zu versetzen.“

Maria van Kerkhove, WHO, 05.01.22

„Wir sind jetzt in einer Phase der Pandemie angelangt, in der Menschen mit oder ohne Vorerkrankungen, die sich nicht wiederholt mit einem unberechenbaren, neurotropen Virus anstecken wollen, herabgewürdigt und pathologisiert werden.“

@dederreda, 15.02.22

Ist jetzt der richtige Zeitpunkt für die Aufhebung aller Maßnahmen? Warum sollte man noch länger warten? In den letzten Tagen häufen sich Aussagen wie, dass sich vorsichtige Menschen verrannt hätten, dass mit nahe 70% Impfquote SARS-CoV2 zu einem Gesundheitsrisiko wie andere Krankheiten geworden sei, etwa wie die Influenza, und deswegen hätte man auch nicht so einen Bahö gemacht.

Wir sind alle erschöpft, wir wollen alle unser früheres Leben zurück, sofern wir eins gehabt haben. Nur interessiert sich das Virus nicht dafür, was wir wollen. Es kümmert sich weder um symbolische Tage, an denen alle Maßnahmen aufgehoben werden (sollen), noch um christliche Feiertage, an denen landesweit Familientreffen stattfinden. Die Pandemie läuft weiter, ob wir das wollen oder nicht.

Jetzt ist der falsche Zeitpunkt, um alle Vorsicht zu vergessen und zur „Normalität“ zurückzukehren – nicht vergessen, die Normalität hat uns weitere Wellen beschert, viel Leid und erst in die Lage gebracht, dass die entwickelten Impfstoffe an Wirksamkeit eingebüßt haben.

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Tag 703: Schlaue Pandemiebekämpfung ohne Lockdowns

Der aktuelle Kurs ist gar nicht schlau. Heute wurde vom Bildungsminister Polaschek bekanntgegeben, dass die Maskenpflicht in allen Schulstufen am Sitzplatz fallen soll. Das wurde mit Verweis auf die GECKO-Kommission begründet – wovon sich allerdings Mitglied Gerry Foitik bereits distanziert hat. Die Britische SAGE (Scientific Advisory Group for Emergencies) stellte vor kurzem vier mögliche Szenarien für die künftigen 12-18 Monate vor:

  • Im besten Szenario behalten die Impfstoffe ihre Wirksamkeit gegen neue Varianten (die nicht besser übertragbar sind oder schwerere Verläufe erzeugen). Antivirale Medikamente bleiben wirksam. Nur kleinere saisonale/regionale Ausbrüche treten auf.
  • Im mitteloptimistischen Szenario treten weiterhin Infektionswellen auf, die durch nachlassende Immunität und/oder neue Varianten angetrieben werden. Es wird gute und schlechte Jahre geben. Manche Varianten verursachen schwerere Verläufe. Die Immunität schützt die meisten Menschen, doch können sich erste Resistenzen gegen antivirale Medikamente zeigen.
  • Im mittelpessimistischen Szenario gibt es wiederholte, einschränkende Wellen durch die unvorhersagbare Entwicklung von Varianten. Immunität und neue Impfstoffe schützen die meisten Menschen, doch entsteht verbreitet eine Resistenz gegen antivirale Medikamente.
  • Im schlimmsten Szenario gibt es andauernd hohe Übertragungsraten unter Menschen, unvollständige globale Durchimpfungsraten, und die Übertragung unter Tieren sorgt wiederholt für neue Varianten, von denen manche schwerere Verläufe oder Immunescape erzeugen können. Es gibt zunehmend Langzeitfolgen der Infektion.

Unabhängig vom Szenario geht die SAGE davon aus, dass es noch beträchtliche Zeit in Anspruch nehmen wird, bis ein stabiler Zustand erreicht wird (2-10 Jahre). Die Übergangsphase werde wahrscheinlich hochdynamisch und unprognostizierbar sein. Epidemiologin Zoë Hyde hält aufgrund unserer bisherigen Erfahrung mit SARS-CoV2 das mittelpessimistische Szenario für am wahrscheinlichsten. Es kann aber auch ein Element des schlimmsten Szenarios – die Langzeitfolgen einer Infektion (LongCOVID/MECFS) – eintreffen. Daher brauchen wir eine Strategie, die auch die Inzidenzen niedrig hält, bis wirksamere Impfstoffe (vor allem über die Nase injizierte Impfstoffe, die für besseren Schleimhautschutz sorgen) entwickelt wurden. Einfache Maßnahmen wie Lüftungskonzepte belasten die Menschen nicht. Die Pandemie ist jedenfalls weit davon entfernt, zu Ende zu gehen.

Ich hab die letzten Monate viel kritisiert (und werde das auch weiterhin), was alles falsch gemacht wurde (und wird), daher möchte ich in diesem Text zumindest auszugsweise darauf eingehen, wie man es besser machen könnte, ohne „alle monatelang einzusperren“ (Strohmannargument).

Wer die Gesundheit aufgibt, um Wirtschaft zu schützen, der wird am Ende beides verlieren.“

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Day 699: Returning to normal as if nothing happened?

Most people will get infected when the wave will be flattening out.

We’re just amidst the pandemic. Far from some kind of ending. At the same time, politicians and even stupid scientists demand for extensive ease of measures and even promise a ‚freedom day‘ soon. It seems perfectly clear now: Science has delivered. As long as public health has been threatened by high rates of hospitalisations and deaths, politicians pretended to listen to the scientists and advisors. Even if there were wrong. It didn’t matter as long as the alleged majority of voters were on their side. Absolute numbers of hospitalisations are somewhat undeniable but the feared breakdown of the health care system could be camouflaged by infinitely free hospital beds. Given enough beds, the rate of infections could rise and rise, and the local and federal governments were not immediately forced to act. In contrast to these verifiable numbers, people with longcovid disappeared – either counting as „convalescent“ or just vanishing from the surface. Long COVID is merely displayed as some random byproduct of the pandemic with seems to be dissociated from the burden of disease.

I wrote this piece in english because it’s not just a problem of Austria, it’s everywhere in western countries with a fatally wrong pandemic strategy.

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Tag 697: COVID19 wird nicht zur Grippe

Hospitalisierung, Intensiv- und Todesfälle seit Pandemiebeginn in Österreich, Quelle: Erich Neuwirth, 08.02.22

Derzeit kann man in Europa live erleben, wie sich die Staaten wie Lemminge verhalten und in der OMICRON-Welle über die Klippe stürzen. Österreich ist seit Herbst 2020 dem „Schwedischen Weg“ gefolgt. Schweden, Dänemark und andere Länder haben jetzt die Covid-Maßnahmen weitgehend aufgehoben. Österreichs Regierung leidet unter dem innenpolitischen Skandal der „Sideletters“ (Postenschacher bei der Koalitionsvereinbarung) bzw. der Chat-Affären (ÖVP-Landeshauptfrau von Niederösterreich, Mikl-Leitner, hat die SPÖ als „rotes Gsindl“ bezeichnet). Nicht zufällig erfolgten die jüngsten, gegen jede wissenschaftliche Evidenz sprechenden Lockerungen in zeitlicher Nähe zu den neuesten Skandalnachrichten. Ich hab darüber schon in Zusammenhang mit der Kurz-Affäre berichtet.

Wir befinden uns derzeit inmitten der OMICRON-Welle. Die ansteckendere Subvariante BA.2, die auch den Immunschutz noch etwas besser umgeht (höhere Ansteckungsrate auch bei Geimpften, Plesner-Lyngse et al., 01/22), macht rund 10% aller Neuinfektionen aus und wird laut Prognose von Molekularbiologe Ulrich Elling Ende Februar bzw. Anfang März dominant in Österreich. 75% der Bevölkerung hat zumindest eine Impfdosis erhalten, 51% sind geboostert.

In Wien ist die Hospitalisierungsrate bei Covid19 so hoch, dass erneut Stationen in Covid19-Stationen umgewandelt werden und NonCovid-Operationen verschoben werden müssen. OMICRON wirkt sich erst die letzten Wochen zunehmend bis auf ältere Menschen aus, die auch dreifach geimpft ins Spital müssen. Die Mehrheit der schweren Verläufe sind aber immer noch Ungeimpfte.

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