Tag 703: Schlaue Pandemiebekämpfung ohne Lockdowns

Der aktuelle Kurs ist gar nicht schlau. Heute wurde vom Bildungsminister Polaschek bekanntgegeben, dass die Maskenpflicht in allen Schulstufen am Sitzplatz fallen soll. Das wurde mit Verweis auf die GECKO-Kommission begründet – wovon sich allerdings Mitglied Gerry Foitik bereits distanziert hat. Die Britische SAGE (Scientific Advisory Group for Emergencies) stellte vor kurzem vier mögliche Szenarien für die künftigen 12-18 Monate vor:

  • Im besten Szenario behalten die Impfstoffe ihre Wirksamkeit gegen neue Varianten (die nicht besser übertragbar sind oder schwerere Verläufe erzeugen). Antivirale Medikamente bleiben wirksam. Nur kleinere saisonale/regionale Ausbrüche treten auf.
  • Im mitteloptimistischen Szenario treten weiterhin Infektionswellen auf, die durch nachlassende Immunität und/oder neue Varianten angetrieben werden. Es wird gute und schlechte Jahre geben. Manche Varianten verursachen schwerere Verläufe. Die Immunität schützt die meisten Menschen, doch können sich erste Resistenzen gegen antivirale Medikamente zeigen.
  • Im mittelpessimistischen Szenario gibt es wiederholte, einschränkende Wellen durch die unvorhersagbare Entwicklung von Varianten. Immunität und neue Impfstoffe schützen die meisten Menschen, doch entsteht verbreitet eine Resistenz gegen antivirale Medikamente.
  • Im schlimmsten Szenario gibt es andauernd hohe Übertragungsraten unter Menschen, unvollständige globale Durchimpfungsraten, und die Übertragung unter Tieren sorgt wiederholt für neue Varianten, von denen manche schwerere Verläufe oder Immunescape erzeugen können. Es gibt zunehmend Langzeitfolgen der Infektion.

Unabhängig vom Szenario geht die SAGE davon aus, dass es noch beträchtliche Zeit in Anspruch nehmen wird, bis ein stabiler Zustand erreicht wird (2-10 Jahre). Die Übergangsphase werde wahrscheinlich hochdynamisch und unprognostizierbar sein. Epidemiologin Zoë Hyde hält aufgrund unserer bisherigen Erfahrung mit SARS-CoV2 das mittelpessimistische Szenario für am wahrscheinlichsten. Es kann aber auch ein Element des schlimmsten Szenarios – die Langzeitfolgen einer Infektion (LongCOVID/MECFS) – eintreffen. Daher brauchen wir eine Strategie, die auch die Inzidenzen niedrig hält, bis wirksamere Impfstoffe (vor allem über die Nase injizierte Impfstoffe, die für besseren Schleimhautschutz sorgen) entwickelt wurden. Einfache Maßnahmen wie Lüftungskonzepte belasten die Menschen nicht. Die Pandemie ist jedenfalls weit davon entfernt, zu Ende zu gehen.

Ich hab die letzten Monate viel kritisiert (und werde das auch weiterhin), was alles falsch gemacht wurde (und wird), daher möchte ich in diesem Text zumindest auszugsweise darauf eingehen, wie man es besser machen könnte, ohne „alle monatelang einzusperren“ (Strohmannargument).

Wer die Gesundheit aufgibt, um Wirtschaft zu schützen, der wird am Ende beides verlieren.“

Covid19-Maßnahmen reduzieren auch andere Infektionskrankheiten

In meinen Augen eines der stärksten Argumente für einen echten Paradigmenwechsel. Stickige Luft im Büro und Klassenzimmer müssen nicht sein. Kopfweh, Müdigkeit, Konzentrationsschwächen, manchmal auch allergische Reaktionen (verstopfte Nase, Niesattacken) quälen SchülerInnen wie BüroarbeiterInnen seit Jahrzehnten. Die Produktivität und Leistungsfähigkeit leiden darunter. Wenn sich besseren Lüftungsanlagen, HEPA-Filtern, mobilen Luftfiltern, anderer Bauweise (mehr Fenster, mehr Querlüftmöglichkeiten) die Raumluft verbessern lässt, dann nützt das zu jeder Jahreszeit etwas – nicht nur dann, wenn Atemwegsinfekte verstärkt auftreten. Covid19 ist allerdings kein reiner Atemwegsinfekt, sondern eine systemische (den ganzen Körper betreffende) Erkrankung, das ist mindestens seit April 2020 bekannt, wurde aber schon von Robb and Bond (1979) über Coronaviren allgemein beschrieben. Covid19 ist gefährlicher als Influenza und viel effizienter übertragbar, daher hinken alle Grippe(monitoring)vergleiche. OMICRON befindet sich mit dem derzeitigen R-Wert näher an Masern als an Influenza. Alle Maßnahmen, die COVID-19 eindämmen, reduzieren auch die anderen Infektionskrankheiten, die jährlich das Gesundheitssystem belasten.

Vorbereitung auf den endemischen Zustand

Im Webinar „Covid19 und kein Ende? Wie kommen wir von der Pandemie zur Endemie?“ (09.02.22) diskutierte u.a. Virologin Isabella Eckerle und teile diese Folie mit ihren Followern:

Virologe Florian Krammer warnt aber beim Punkt „Pan-Coronavirus-Impfstoffe“ vor zu viel Optimismus (ausführlicher im Menüpunkt Virusvarianten).

Mikrobiologin Sigrid Neuhauser spricht einen wichtigen Punkt an, der immer übersehen wird: Gesundheitsbildung zur Infektionsprävention: 51,6% der ÖsterreicherInnen haben eine limitierte Gesundheitskompetenz, einer der schlechtesten Werte in Europa.

Vorschläge zur Erhöhung der Gesundheitskompetenz:

  • Gesundheitsbildung in den Schulen – von Händehygiene bis hin zum erkennen von ersten Symptomen verschiedener Krankheiten beginnend im Kindergarten. Gerade Händehygiene lässt sich perfekt für alle Altersklassen aufarbeiten.
  • Normalisieren, dass jemand der nur einen leichten Schnupfen hat, eine Maske trägt, um seine Umgebung zu schützen. Dafür muss aber der Sinn der Maske verstanden werden, auch hier könnte man sehr gut schon in der Schule ansetzen, mit Experimenten und Aufklärungskampagnen.
  • Gesundheitsbildung bei jungen Frauen forcieren und zwar mit strengen Qualitätskriterien. Gerade in der Schwangerschaft wird man geradezu mit „sanfter Medizin“ und anderem pseudowissenschaftlichen Hokus Pokus bombardiert.
  • Tagweises Distance Learning (DL) normalisieren + Infektionsketten durchberechen. Wenn man pro Schulstufe 1-2 Wochen Stoff fürs DL vorbereitet (und es gibt Dinge ,die im DL genauso gut gehen wie in Präsenz), kann man relativ einfach 1-2 mal im Jahr für ein paar Tage ins DL wechseln.
  • Qualitätskriterien für Gesundheitsberichterstattung festlegen und Pseudomedizin als das darstellen was sie ist: bestenfalls ein Placebo, schlechtestenfalls reine Geschäftemacherei.
  • Wo möglich (!) Homeoffice normalisieren, wenn Personen nur leicht erkrankt sind. Bewusstsein schaffen, dass es nicht heldenhaft ist, sich halbkrank zur Arbeit zu schleppen. Für Arbeitgeber sind 2 prophylaktische Krankenstandstage einer Person billiger eine kranke Abteilung.

ABER: um eine bessere Gesundheitsbildung und einen „gesünderen“ Umgang mit Infektionskrankheiten – sprich deren Prävention – umzusetzen, braucht es Fortbildungen, Lehrmaterial, Qualitätststandards. Die müssen erarbeitet werden, und auch an die Bildungseinrichtungen gebracht werden. Leider beruht das alles auf Initiativen von Einzelnen. Eine Investition in Prophylaxe würde sich auch wirtschaftlich rentieren, da in Österreich jeder Arbeitnehmer im Schnitt 15 Tage (drei volle Arbeitswochen!) im Krankenstand ist.

Strategien gibt es: Sie müssen nicht erst erfunden werden!

Erfolgreiche Staaten haben frühzeitig Handlungsbedarf erkannt, schnell reagiert und zügig umgesetzt („Be fast, no regrets!“ – Mike Ryan, WHO). Lokale Häufungen wurden kurzfristig isoliert (Reise-, Ausgangsbeschränkungen), es gab breite Testangebote und effektives (!) Contact Tracing, wie es gestern übrigens auch der ehemalige Gesundheitsminister Anschober in „Im Zentrum“ gefordert hat – im krassen Gegensatz zum eigentlichen Fachexperten Gartlehner, der im wesentlichen Great Barrington von sich gibt.

Zusammenfassung Strategien, um Lockdowns zu verhindern

  • Indikatoren, um die epidemiologische Entwicklung zu überwachen
  • Sichere Strategien, um Abstand zu halten und Masken zu tragen
  • Vorbeugende Maßnahmen in Schulen und Arbeitsplätzen
  • Kommunikation, um das öffentliche Vertrauen und Kooperation zu sichern
  • Gefährdete Bevölkerungsgruppen schützen
  • soziale und finanzielle Unterstützung gewährleisten
  • effektives Testen, Nachverfolgen und Isolation
  • Rolle der Experten
  • Gesundheitseinrichtungen vorbereiten
  • ausreichend Schutzausrüstung gewährleisten
  • Gesundheitspersonal unterstützen
  • Grenzkontrollen mit Reisebeschränkungen

Widerspruchsfreie Kommunikation statt mal so, mal so

Bestes aktuelles Beispiel – die Impfpflicht tritt in Kraft, aber dieselben Personen, die sie gefordert haben, egal ob Nehammer (ÖVP), Kaiser (SPÖ) oder Gartlehner (ORF-Stammgast), reden jetzt offen über Verschieben bzw. Aussetzen. Die Impfpflicht wurde inmitten der DELTA-Welle ins Spiel gebracht, hat man ernsthaft geglaubt, mit Gültigkeit der Impfpflicht ab Februar würde man die OMICRON-Welle brechen? Offenbar haben das die Politiker ernsthaft gedacht. Dass es alleine über sechs Monate dauert, bis der volle Impfschutz (nach 3 Impfungen) da ist, wurde nicht einkalkuliert. Ebenso wenig, dass viele Impfgegner natürlich mit dieser politischen Entwicklung spekuliert haben – keine echte Kontrolle, freikaufen möglich, zig Ausnahmen, und am Ende verschieben, weil OMICRON als Ticket aus der Pandemie verstanden wurde.

Seit zwei Jahren werden die Maßnahmen nicht klar begründet. Erst wurde gegen Masken argumentiert, aber nicht aus Mangel an Evidenz (Asien, 1918-Grippe), sondern wegen Versorgungsmangel. Dann waren Masken plötzlich sinnvoll, nicht einmal zwei Monate später, als die erste Welle sank, wurde die Maskenpflicht schon wieder in Frage gestellt. Dann wurde die Maskenpflicht weitgehend aufgehoben bzw. durch sinnlose Faceshields ersetzt. Dann kamen die Masken wieder, dann wurde mit ALPHA die Einführung der FFP2-Maskenpflicht begründet – auch das aerosolphyikalisch falsch. Auch der Wuhan-Stamm wurde schon durch Aerosole übertragen. Dann galt die Maske beim Sitzen, dann gab es die FFP2-Pflicht im Freien, usw. Jetzt haben wir den Höhepunkt der OMICRON-Welle und schaffen die Maskenpflicht in den Schulen am Sitzplatz ab.

Die Inkonsistenz in der Kommunikation wurde leider gesetzlich verankert. Als juristischer Laie kann ich das höchstens anreißen…

  • Voraussetzung der Covid-Maßnahmen für die Gesamtbevölkerung: „Bekämpfung der Verbreitung von COVID19“: Mit Verbreitung ist wohl ‚Ausbreitung‘ gemeint, also sorgen Lockerungen am Höhepunkt der Omicron-Welle zwangsläufig zu einer weiteren Verbreitung bzw. einem langsameren Abfall.
  • Bei den Schulen geht es nicht um Verbreitung von COVID19 , sondern um „Bewältigung der Folgen“ – das kann natürlich so ausgelegt werden, dass man nur wirtschaftliche Folgen von Schulschließungen/Quarantänen abfedern will. Nur unter dieser Leseart sind Lockerungen legal, aber natürlich gesundheitsgefährnd und unethisch. Sie sind auch inkonsistent mit den allgemeinen Maßnahmen, weil Schulen als Virendrehscheiben der Gesamtbevölkerung, einschließlich der kritischen Infrastruktur, dienen (Senna et al., 13.02.22).
  • Das Covid-Maßnahmengesetz dient zur Verhinderung der Verbreitung [R > 1], die Ausgangsbeschränkungen dienten zusätzlich (!) zur Verhinderung von Triage (akute schwere Verläufe, überlastete Spitäler, aber erst ab 33%, OPs werden schon ab 10% verschoben)

Masken und 2/3G fallen in den Bereich der Verbreitung („epidemiologische Gefahr“): Masken/Nachweispflicht zu lockern passt also nicht zu den aktuell hohen Inzidenzen in den Schulen, außer man behauptete fälschlicherweise, großteils ungeimpfte Volksschüler würden nicht zur Verbreitung beitragen. Es passt aber auch nicht zur OMICRON-Welle, die den Impfschutz so stark umgehen kann, dass mindestens jeder zweite Geimpfte übertragen kann.

Es passt auch nicht, dass man in Schulen einen anderen Ct-Schwellenwert bei PCR-Tests anlegt als bei Erwachsenen, um ein Ergebnis als positiv zu werten. Der Gründer der „Alles-Spült“-Tests, Boris Fahrnberger, verstand offenbar nicht, dass ein hoher Ct-Wert auch der Beginn einer Infektion (und damit baldige Infektiösität) sein kann, und nicht immer eine abklingende Infektion detektiert. Daher machen PCR-Tests als Werkzeug zur Pandemiebekämpfung auch nur dann sinn, wenn mehrmals die Woche getestet wird, um beginnende Infektionen rechtzeitig zu erkennen.

  • Impfpflichtverordnung: Im ehemaligen Entwurf zur Impfpflichtverordnung (nicht mehr online) wurde aber auch LongCOVID erwähnt. Dazu kommt die Gefahr neuer gefährlicher Varianten (aktuell UK: Variant of Interest, Delta+Omicron) und nachlassende Immunität. Beides ist so eindeutig, dass sich in Aussetzen der Impfpflicht nicht rechtfertigen lässt. Doch selbst wenn die Spitalszahlen niedrig blieben (aktuell steigen sie, weil wie bei allen Wellen zuvor, sich die Infektionen wieder zur älteren Bevölkerung durchgefressen haben), geht es um Öffentliche Gesundheit!
Quelle: Erich Neuwirth, 13. Februar 2022

Öffentliche Gesundheit umfasst natürlich auch Alte, Kranke, Behinderte („vulnerable Gruppen“) – das war ja der Grund für den ersten Lockdown, für die Solidaritätskampagnen im ersten Pandemiejahr, Risikogruppenverordnung, Priorisierung bei Impfstoffknappheit. Mit dem Wissen um LongCOVID und Gefahr dauerhafter chronischer Krankheit und deutlich verringerter Lebenserwartung kann und darf die Impfpflicht gar nicht ausgesetzt werden, wenn Experten das objektiv und nicht durch Interessenskonflikte (Parteien) geblendet beurteilen.

Übersterblichkeit KW48-50 in Abhängigkeit der Impfquote, Deutschland, Höhepunkt DELTA-Welle (Quelle: Johann Holzmann, Biochemiker)

In Summe ist die Kommunikation der Regierung maximal widersprüchlich, die Opposition antwortet auf einseitig (neoliberal, GreatBarrington), oder sieht wie weite Teile der SPÖ nur die wirtschaftlichen Folgen der Schulquarantäne (Eltern können nicht arbeiten gehen), aber spielt die gesundheitlichen Folgen herunter (Ausnahme: SPÖ-Bürgermeister von Traiskirchen, Andreas Babler). Die Medien betreiben seit zwei Jahren False Balance und lernen nicht dazu. Viele klinisch tätige Wissenschaftler (Ärzte mit Zusatzausbildung Epidemiologie, Infektiologie) mögen hervorragende Ärzte sein, sind kommunikativ aber eine Katastrophe, wenn sie dem Mehrheitskonsens der Wissenschaft widersprechen. Der Widerspruch ist in Österreich – wahrscheinlich aufgrund der vielen Abhängigkeitsverhältnisse – leider sehr sehr leise.

Welche Maßnahmen sollten wir beibehalten und sogar ausbauen?

  • Gratis-Ausgabe von FFP2-Masken und Schnelltests
  • Finanzielle Unterstützung bei Erneuerung von Lüftungsanlagen und Luftfiltern
  • Luftqualitätsstandards für Innenräume festlegen – nach sauberem Trinkwasser, modernen Hygienestandards braucht es jetzt saubere Luft für die Zukunft
  • Finanzielle Unterstützung im Absonderungsfall (Erkrankung)
  • Öffentliche Erziehung: LongCOVID ist die Hölle
  • Öffentliche Erziehung: COVID wird über die Luft übertragen
  • CO2-Messgeräte in allen Innenräumen, Ergebnisse können von jedermann eingesehen werden
  • Bonus für Dienstleister und Unternehmen, die Schutzmaßnahmen beibehalten/ausbauen (z.B. Impfpflicht für Mitarbeiter, CO2-Ampel, Luftfilter, Ausstattung für Homeoffice, Maskenpflicht für Servicepersonal, Testangebot, etc.)
  • Fallweise Distance Learning für 1-2 Wochen
  • Kein Shaming von Menschen, die sich und ihr Umfeld schützen wollen (Kinder, die Maske tragen wollen, um ihre kranken Angehörigen zu schützen)

Impfungen alleine reichen nicht!

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