
In vielen westlichen Ländern, besonders im deutschsprachigen Raum, dominiert bei der Berichterstattung, in der politischen Debatte und bei Experteninterviews vor allem die linke Spalte, der sogenannte “schwere Akutverlauf”, der in den Spitälern für volle Normal- und Intensivstationen sorgt und dadurch das Gesundheitssystem überlastet – in den täglichen Krisenstabsmeldungen etwas abschätzig als “Belag” bezeichnet. Denn hinter jedem “Belag” stecken Einzelschicksale – Angehörige, die sich um schwerkranke Patienten sorgen. Die Betroffenen selbst mit Todesangst, insbesondere mit Erstickungsanfällen und Beatmungsmaske. Die Covid19-Patienten, die seit drei Jahren in den Spitälern landen, sind oft nicht mehr als eine Nummer, Statistik. Über ihre weitere Entwicklung erfährt man nichts. Wer wird wieder vollständig gesund: Nur rund 29% erholen sich innerhalb eines Jahres (Evans et al. 2022) Wer muss nach der Entlassung erneut ins Krankenhaus: bis zu vier Mal häufiger als ohne Krankenhausaufenthalt (Ayoubkhani et al. 2021). Einer von zehn hospitalisierten Patienten starb im März 2021 noch an den Folgen seiner Covid19-Infektion – das war vor der Impfung. Wie viele der hospitalisierten Patienten entwickeln ein Post-COVID-Syndrom: Rund ein Viertel (Ozonoff et al. 2022), daneben gibt es besonders nach längerer Beatmung/ECMO noch das PICS-Syndrom (Post-Intensive Care Syndrom), das neben körperlichen Schäden auch kognitive und psychische Symptome umfasst. Wie im letzten Blogtext erläutert, können diese Folgen auch Patienten betreffen, die im Krankenhaus zufällig positiv auf SARS-CoV2 getestet werden.
Zu wenig geredet wird über die Kollateralschäden, die mit einem dauerhaft belasteten Gesundheitswesen und hoher Krankheitslast in der Gesellschaft einhergehen: Die öffentliche Gesundheitsversorgung kann nicht mehr sichergestellt werden, etwa dass ein Rettungswagen zeitnah am Unfallort oder zuhause eintrifft, da Fahrer fehlen oder alle Rettungswägen im Einsatz sind, oder der Notfall abgewiesen werden muss, weil keine personellen Kapazitäten mehr verfügbar sind, weil alle Betten im Aufwachraum belegt sind. Überlasteten Pflegern und Ärzten unterlaufen häufiger Fehler, haben mehr Krankenstände, landen schneller im Burnout durch enorme Zahl an Überstunden. Die vielen Kündigungen durch drei Jahre Dauerbelastung verschärfen das Problem – eine beschleunigende Abwärtsspirale, vergleichbar mit Öl ins Feuer der globalen Erderhitzung gießen. LongCOVID führt auf Dauer zur Arbeitsunfähigkeit von Millionen Menschen weltweit. Das Problem ist schon lange bekannt, wird aber erst seit diesem Jahr breiter thematisiert (z.B. Aimee Picchi, 01.02.22), wenngleich überwiegend international und kaum hierzulande, mit Ausnahme eines PRESSE-Artikels vom 12.09.22. Die Wahrscheinlichkeit beträgt 40%, durch LongCOVID arbeitslos zu werden, auch die Vollzeitfähigkeit sinkt (Trujillo et al. 2022, preprint). Man rechnet inzwischen mit Trillionen Dollar Schaden durch LongCOVID. Letztendlich sinkt die Lebensqualität und Lebenserwartung auch für all jene, die sich nicht infizieren oder durch eine Infektion keine gesundheitlichen Folgen davontragen, denn ein marodes Gesundheitssystem kann auch chronisch kranke, Schmerzpatienten oder Krebspatienten nicht mehr bestmöglich versorgen, es versagt bei Notfällen und führt zu langen Wartezeiten bei geplanten Operationen und Reha.
In diesem Beitrag möchte ich vor allem auf die rechte Spalte eingehen, und weshalb ich es für sinnvoller halte, statt von LongCOVID oder PostCOVID besser vom Oberbegriff LongCOVID/PostCOVID-Spektrum zu sprechen.
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