Homöopathie und die Grünen

Der Auslöser, darüber zu bloggen, war ein Thread auf Twitter.

Mein Hintergrund:

Ich hatte im Gymnasium Chemie-Leistungskurs sowie zwei Semester Chemie auf der Uni. Dort hab ich ein naturwissenschaftliches Fach (Meteorologie) studiert, wodurch ich eine wissenschaftliche Arbeitsweise annahm. Es ist zwar keine Voraussetzung für meine Sicht der Dinge, aber mein (diagnostizierter) Autismus bekräftigt sicherlich den inneren Wunsch nach Rationalität, Logik und ist grundsätzlich ablehnend gegenüber Wirksamkeit, die rein auf Glauben und nicht auf Fakten basiert.

Am 26. Mai 1019 schrieb der HNO-Arzt und Globuli-Kritiker Dr. Christian Lübbers folgenden Tweet:

Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus. ¹⁻¹³

¹ Kleijnen, 1991
² Linde, 1997
³ Linde, 1998
⁴ Cucherat, 2000
⁵ Shang, 2005
⁶ Mathie, 2014
⁷ NHMRC, 2015
⁸ FTC, 2016
⁹ Mathie, 2017
¹⁰ NHS, 2017
¹¹ EASAC, 2017
¹² Mathie, 2018
¹³ Antonelli, 2018

Eine der schärfsten Kritikerinnen von Homöopathie ist die ehemalige Homöopathin Nathalie Grams, die die Wirksamkeit von Homöopathie über den Placebo-Effekt hinaus anzweifelt.

Am 01.Juni 2019 kommentierte das der Twitter-Account der „Grüne Frauen Wien“ (also der Partei „Die Grünen“ in Wien) so:

Weil die Medizin ja inzwischen ganz genau weiss wie der körper und heilung funktioniert! 🤣🤣🤣

Am 04. Juni 2019 führten sie aus …

da müssten wir jetzt drüber diskutieren, was als wissenschaftlich erwiesen gilt. westlich und östlich wissenschaftlich ist schon einmal ein unterchied. wie wurden die probanden ausgesucht, wer hat interesse am ergebnis, und was ist mit den menschen bei denen es gewirkt hat?

Von den deutschen Grünen war mir unlängst der Hang zu esoterischen Heilungsmethoden ja bekannt. In Deutschland wird schon länger diskutiert, ob Kassen homoöpathische Medikamente übernehmen sollen. In Frankreich ist man schon weiter, da wurde kürzlich angekündigt, dass Homöopathie nicht mehr als Kassenleistung übernehmen werden soll. In Österreich sind Schüssler-Salze, Bachblüten und esoterische Heilmethoden sehr präsent, viele Apotheken werben damit. Das Homöopathische Zusatzdiplom vieler (Allgemein-)Ärzte wirkt wie eine Auszeichnung.

Die Position der Wiener Grünen wirkt auf mich befremdlich, wissenschaftsfeindlich und nicht zuletzt bedenklich, wenn man über die Folgen nachdenkt:

1. Homöopathische Wirkstoffe sind nicht nachweisbar, das liegt in der Definition. Je höher die Potenz, desto weniger nachweisbar. Wenn die empfohlene Tagesdosis an Magnesium bei 300mg liegt, können das fünf Globuli mit 0,0000000 xx mg niemals aufwerten. Ich hatte schon wiederholt Muskelkrämpfe in den Waden in der Nacht, weil ich zu wenig Wasser oder zu viel Alkohol getrunken hatte. Üblicherweise nehm ich dann ein Mg-Stick mit 300mg und die Krämpfe verschwinden rasch wieder. Mir fehlt schlicht die Vorstellungskraft, wie diese Wirkung durch extreme Verdünnung zustandekommen soll.

2. Homöopathie statt Impfung: Manche Eltern verzichten auf Impfen und behandeln mit Homöopathie. Kinderkrankheiten wie Masern oder Mumps können dadurch schwere Verläufe bis hin zu bleibenden Schäden oder Tod annehmen. Außerdem sind ungeimpfte Kinder eine Gefahr für immunschwache Personen, die sich gegen gefährliche Erreger nicht wehren können.

3. Homöopathie macht Homöopathen reich und Menschen in Notsituationen arm. Weil wer sich teure Privatärzte leisten kann (und das ist auch die Kritik am Gesundheitssystem, dass Kassenarztbehandlungen unzureichend sind und an den Bedürfnissen von Patienten vorbeigehen), muss nicht zum Heilpraktiker oder homöopathischen Hausarzt gehen. Vielleicht ist das unabhängig, aber das macht es nicht besser, wenn man Pensionistinnen und anderen Menschen in Armut das Geld für teure homöopathische oder andere dubiose Mittel aus der Tasche zieht. Von falschen Hoffnungen auf Heilung abgesehen, im schlimmsten Fall, wenn Homöopathie der Chemotherapie vorgezogen wird.

4. Hier spielt dann auch eine Rolle, wer Homöopathie verschreibt. In Österreich sind es oft Hausärzte, in Deutschland subjektiv eher die Heilpraktiker.

5. Ja, Placeboeffekt – aber das müsste nicht Homöopathie sein, bei leichten Beschwerden könnte auch ein Facharzt Zuckerkügelchen verschreiben, die nichts beinhalten und nichts kosten.

Was muss sich ändern?

Eines ist klar, Homöopathie verteidigen löst das grundsätzliche Problem nicht. Das grundsätzliche Problem besteht darin, dass das Gesundheitssystem zu Tode gespart wird, wortwörtlich. Die Grundgehälter der Ärzte müssten deutlich steigen, sodass die Ärzte nicht auf Überstunden angewiesen sind und – subjektiv – eher mehr Personal verweigern, weil dann die lukrativen Überstundenzulagen wegfallen [das lasse ich jetzt mal an Behauptung so stehen]. Kassenarztstellen müssten vervielfacht werden und nicht weiter eingespart, sodass in Summe wieder weniger Patienten auf einen Kassenarzt kommen und somit mehr Behandlungszeit. Es müsste sich aber auch der Lohn für Kassenärzte deutlich erhöhen, unabhängig davon, wie viele Patienten er behandelt. Der Arztberuf darf nicht gleich organisiert sein wie der Taxifahrerberuf. Derzeit ist für viele Ärzte lukrativer auf Dauer, eine Wahlarzt- oder Privatarztpraxis zu machen, die Rückerstattung durch die Kassen ist ein Witz. Zusatzversicherungen schließen viele Personen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen von vorneherein aus.

Homöopathie (und Heilpraktiker) sind in meinen Augen nur ein Symptom für die Schieflage im Gesundheitssystem. Wenn der Patient wieder im Mittelpunkt steht, wenn sich Ärzte ausreichend Zeit nehmen, zu hören, ganzheitlich behandeln (d.h., Psyche und Körper zusammen betrachten und bisweilen mal über den fachlichen Tellerrand hinaussehen), sich auf sie einlassen, vielleicht auch mal etwas recherchieren statt zu resignieren und Dauermedikation verschreiben.

Leider geschieht derzeit das Gegenteil – aufgeblähte Bürokratie, schlechte Bezahlung, Spardruck und die selbst auferlegte Schuldenbremse werden dafür sorgen, dass die neue „Österreichische Krankenkasse“ noch weniger Leistungen bietet. Es wird noch weniger Kassenärzte geben, noch mehr Wahl- und Privatärzte, damit bleibt der Wunsch bestehen, auszuweichen auf „Alternativmedizin“ (in meinen Augen synonym mit „alternativen Fakten“).

 

 

Neuanfang

Von 2017 bis 2019 war die Webseite unter todesmuseum.wordpress.com erreichbar und beschäftigte sich mit der Hassliebe zu Salzburg, zwischen dörflichem Charakter und Verkehrsinfarkt, zwischen mangelnder NS-Vergangenheitsbewältigung und Overtourism. Der Titel Todesmuseum lehnte sich an ein Zitat von Thomas Bernhard an.

Seit Oktober 2019 habe ich die Adresse seit meiner Rückübersiedlung nach Wien umbenannt in wieneralltag.wordpress.com Hier geht es um Erlebnisse in der Stadt selbst, um BeHindernisse, um Inklusion, um die Infrastruktur, um Stadtpolitik, aber auch um Sehenswürdigkeiten. Ich werd auch nicht umhin kommen, meinen Senf zum Klimawandel abzugeben, zur Umwelt, zu Alltagsrassismus und zu allem anderen, was einem eben im Alltag begegnet. Ich bin zurückgekommen, um zu bleiben.

Der Hauptgrund, den Blog mit veränderter Themenrichtung fortzuführen (und keine Blogleiche aufrechtzuerhalten), ist mein Bedürfnis für mehr Zeichenplatz. Denn via Twitter ist die Möglichkeit begrenzt, Gedanken ausführen zu können. Manches bedarf einfach mehr Raum, um seriös recherchiert und zu Ende gedacht zu werden.