Tag 407: Warum ich das FALTER-Abo gekündigt habe

Der Zeitungsmarkt in Österreich ist von Inseraten abhängig. Der Boulevard sowieso ÖVP-nahe Tageszeitungen in den Bundesländern werden besonders stark gefördert. Seit Kurz Bundeskanzler ist, wurde der KURIER-Chefredakteur Brandstätter abgesetzt und durch die neoliberale Salomon ausgetauscht. Bei der WIENER ZEITUNG wurde Walter Hämmerle Chefredakteur, er ist gleichzeitig Mitglied im Präsidium des Friedrich-Funder-Instituts, der ÖVP-Medienschule. Bei der KRONE wurde der SPÖ-nahe Innenpolitik-Journalist Claus Pandi nach Salzburg versetzt. Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid hörte nach 27 Jahren Zugehörigkeit beim STANDARD im August 2017 auf.

Für mich war der FALTER immer sowas wie das letzte Bollwerk gegen eine rechtslastige politische Übermacht. Gute Recherchen gegen Rechtsextremismus und Korruption. Einen Kratzer bekamen sie für mich bereits 2019, als der FALTER eine türkisgrüne Koalition bewarb. Nur falls es in Vergessenheit geraten sollte: Kurz koalierte vorher mit der rechtsextremen FPÖ. Dann kam Ibiza und der Korruptionsverdacht gegen die FPÖ. Das Video schadete vor allem der FPÖ. Kurz wurde durch einen Misstrauensantrag gegen die gesamte Regierung abgewählt, inszenierte sich danach als außerparlamentarisches Opfer und witterte die große Chance, seine Stimmenmehrheit auszubauen bzw. liebäugelte mit der absoluten Mehrheit. Die rechtsextremen Aussagen und Gesetzesreformen des Koalitionspartners waren und wären nie ein Grund gewesen, die Koalition aufzukündigen. Deswegen stand ich einer türkisgrünen Koalition von Beginn an kritisch gegenüber.

Ähnlich wie jetzt habe ich damals rund 60 Maßnahmen unter ÖVP-FPÖ gesichtet, die für einen gesellschaftlichen Rückschritt in Österreich stehen, teils klar diskriminierend und fremdenfeindlich sind, teils zynisch und menschenverachtend. In Summe erscheint es undenkbar, und das wurde durch den Kurs der Grünen in der Regierung eindrucksvoll bestätigt, dass man Kurz dazu bewegen könnte, von seinem Orbanisierungskurs abzuweichen.

Erratum: Am 24. März schrieb ich auf Twitter, dass es mein letzter Tag mit FALTER-Abo sei. Leider falsch erinnert. Mein 2-Jahres-Abo schloss ich erst im Juni ab, entsprechend erhalte ich noch bis Anfang Juni die wöchentliche Ausgabe. An meiner Kündigung ändert das allerdings nichts.

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Tag 403: Österreichs PLURV-Vertreter haben Narrenfreiheit

Österreichs PLURV-Pseudoexperten am 18. September 2020 in einer gemeinsamen Presseaussendung: „Wir haben keine zweite Welle, sondern einen Labor-Tsunami.“ (Quelle: tips.at)

Wer sind die führenden Pseudo-Experten in Österreich, die mitverantwortlich dafür sind, dass heute die Schwelle von 10000 Coronatoten in Österreich überschritten wurde? Ja, die Übersterblichkeit fällt heuer wohl etwas geringer aus, weil die Influenzatoten aufgrund der ausgebliebenen Grippewelle wegfallen, doch ist die Altersverteilung bei den Coronatoten anders. Es betrifft auch viele Menschen, die mitten im Leben standen. Viele Gesunde. Und es lässt völlig außer Acht, dass LongCovid bei Corona um ein vielfaches häufiger und schwerwiegender ist als Langzeitfolgen bei Influenza. Geschätzte 20% aller Infizierten werden unter Langzeitfolgen leiden – bei über 500 000 „Genesenen“ eine horrend hohe Zahl an Patienten, nicht alle davon werden sich vollständig erholen.

In diesem Artikel möchte ich auf die fünf wichtigsten Schwurbel-Experten näher eingehen, die alle noch im Amt sind, die öffentlich nie in der nötigen Schärfe kritisiert wurden, die nie die nötigen kritischen Nachfragen durch Journalisten bekamen.

„Was denken sich eigentlich Journalistinnen, die eine Person wieder und wieder zu einem Thema interviewen, zu dem die Person schon seit über einem Jahr mit ihren Aussagen und Annahmen zu 100% falsch gelegen ist?“
(Kathryn Hoffmann, Health Service Research, 20. April 2021)

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Tag 401: Erdbeben in Wien spürbar

Ich lag schon im Bett, Schlafzimmertür angelehnt. Fenster gekippt. Plötzlich fing es leise an zu klopfen. Originelle Zeit, um Nägel in die Wand zu klopfen, dachte ich zuerst. Dann wurde das Klopfen immer lauter. Es klang so, als ob jemand hinter meiner Schlafzimmertür stand. Das war doch ein wenig beunruhigend. Es wurde noch lauter und ich dachte spontan, der Windzug ließ sie gegen den Türrahmen schlagen – was meistens der Fall ist bei stärkerem Wind, doch hatte ich dann immer die gegenüberliegenden Fenstertüren gekippt. Nachdem ich die Vornacht viel zu wenig geschlafen hatte, konnte ich nicht klar denken, stand auf, und machte die Tür richtig zu. Wunderte mich noch, weil eigentlich überhaupt nicht viel Wind ging. Minuten später sah ich auf Twitter dann, dass es tatsächlich ein Erdbeben gewesen ist. Subjektiv schwankte auch das Bett noch ein wenig.

Ich hab in meiner Studienzeit in Innsbruck zwei Erdbeben erlebt und in Wien bisher auch zwei, an die mich noch gut erinnern kann. Das erste im Nachtdienst (5. Stock), da saß ich grad am Bürostuhl und schwankte etwas, dabei hatte ich gar nichts getrunken. Alle vier Beben fühlten sich relativ ähnlich an, da kam der Impuls aus dem Erdboden, also von unten. Das war ein regelrechtes Blubbern, mir fällt kein besseres Wort dafür ein.

Das Beben hier war anders, nämlich wirklich in der Horizontalen versetzend, sodass es die Tür gegen den Rahmen schlug. So hab ich es schon lang nicht mehr erlebt, zuletzt beim Roermond-Beben vom 13. April 1992. Da knarrte das Bett und der Kleiderschrank wurde durchgerüttelt. Roermond hatte 5,9 auf der Richterskala in 18km Tiefe und einer Dauer von 15 Sekunden – das stärkste Erdbeben in Mitteleuropa seit 1756. Das Neunkirchner Erdbeben um 0.57 hatte eine Stärke von 4,4 und lag in 9km Tiefe. Bereits am 30. März gab es dort ein Beben der Stärke 4,7 in 10km Tiefe.

Das Erdbeben in Kroatien am 29.12.2020 mit Stärke 6,4 in 10km Tiefe war auch in Wien deutlich spürbar. Eigentlich hätte ich mich auf Arbeit in 90m Höhe befunden, hatte da aber gerade Mittagspause und war einkaufen. Im Billa hab ich gar nichts gespürt und dachte erst, man wollte mich verarschen, als es hieß, das ganze Gebäude hätte geschwankt.

Sonst…. war heute mal eine kleine Auszeit angebracht, die ich für eine Radausfahrt nutzte. Dabei wurde ich zwischen den Schauern nur kurz nass und hatte recht lange schönen Rückenwind auf der Donauinsel. Zuvor bin ich ein Stück den Donaukanal entlang gefahren. Außer mir trug kaum jemand Masken, aber es waren auch kaum Leute unterwegs. Das Maskengebot also nur Politikshow, anders war es nicht zu erwarten. Auf der Donauinsel wechselte ich auf die OP-Maske, da gings nur um Pollenreduktion für die Lungen. Das gelang gut. Keine Beschwerden.

Das Erpelzentrum lag heute im Prater.
Multizellengewitter über dem Wienerwald, abziehende Schauerzelle über dem Süden von Wien,
fotografiert vom Kraftwerk Freudenau
Nach dem Regen (Donauinsel)
Am Lusthauswasser

Tag 400: Irrtümer und Desinformation im Faktencheck

Ein Jahr in der Pandemie. Die Desinformation durch die AGES, das Gesundheitsministerium und die Regierung allgemein hat Spuren hinterlassen. Es fehlt weiterhin an Grundlagenwissen. Hier sind die wichtigsten Irrtümer zusammengetragen – die Richtigstellung erfolgt mit der „Truth Sandwich“-Methode. Das ist etwas aufwendiger als „Aussage und Fakt“, aber „the first frame wins“. Und wir haben den Scheinexperten schon zu viele erste Frames überlassen.

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Tag 394: Rücktritt von Anschober

Risikokommunikation von „Pater Anschober“

„Und wir haben ein Phänomen, das in Österreich noch viel zu wenig Thema ist, und das Ziel dieser Woche war eigentlich gewesen, es zum Thema zu machen, sichtbar zu machen, und Maßnahmen einzuleiten, das ist: Long COVID. Das sind viele, viele, viele Betroffene, die vielfach nur leicht betroffen sind am Beginn und dann nach Monaten doch sehr sehr gravierende Spätfolgen und Probleme haben. Britische Studien gehen von 10% Infizierten aus, die von LongCOVID betroffen sein werden, und ich denke, wir müssen in der österreichischen Gesundheitspolitik dieser Gruppe in der Bevölkerung alle Möglichkeiten, die es braucht geben, was Betreuung betrifft, was Anerkennung als Krankheit betrifft, und vieles andere mehr, und deswegen warne ich davor, dass ein Gefühl entstehen könnte, dass man dann, wenn die Risikogruppen und ältere Mitbürger und Mitbürgerinnen durchgeimpft sind, dass man dann zu rasch öffnen könnte. Es geht um jeden einzelnen Infektionsfall, der vermieden werden muss.“

Gesundheitsminister Anschober in seiner Rücktrittsrede am 13. April 2021

Seine Rede symbolisiert die Tragik einer Politikergeneration, die erst dann Tachles redet, nachdem sie als verantwortliche Politiker i) zurücktreten, ii) nach Brüssel (ins EU-Parlament) oder iii) in die Privatwirtschaft gehen. Ich erinnere an so manche kluge Wortmeldung eines Christian Kern oder Mathias Strolz, von denen man sich diese Klugheit erhofft hätte, als sie ihre Partei noch angeführt haben. Oder Othmar Karas, der Kurz öfter mal widerspricht. So sehr ich Anschober heute für diese Offenheit schätze und respektiere, so sehr missfällt mir die Schlussfolgerung, die ich daraus ziehe:

Wenn er schon immer das Richtige wollte, warum hat er es dann nicht gesagt? Dann hätten auch Außenstehende bzw. seine Wähler gesehen, er wollte ja mehr, aber die Bundesländer und der Kanzler ließen ihn nicht. Stattdessen formulierte er als oberstes Ziel von Beginn an, die Überlastung der Intensivstationen, die harte Triage verhindern zu wollen, und seit dem Herbst warnten namhafte Virologen weltweit davor, dies als Ziel zu setzen, weil der Lockdown als Notbremse immer zu spät kommen wird.

Anschober formulierte bis zuletzt keinen Dissenz zum Koalitionspartnern oder den Ländern. Als Gesundheitsminister trägt er die Verantwortung. Er hat dieses Amt nicht, um es allen Recht zu machen, nicht in einer Pandemie mit einem Virus, dem egal ist, ob wir es ernstnehmen oder nicht.

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Incompetence, epistemic trespassing and conflict of interests: Why Austria failed

Press conference at the beginning of January 2021 – AGES Public Health Chief Allerberger masks up being silent, but Health Minister Anschober speaks without a mask – a symbol of the lack of understanding of the transmission pathways.

This is a translation of my german article about failure of pandemic management in Austria. Wide parts of the text were translated by DeepL-Translator. Some adjustments have been necessary. You may easily spot where I wrote by myself. I’m not a native speaker.

Podcast No. 82 with Christian Drosten revealed very well the essential cornerstones of the disinformation that opponents of effective pandemic control have been peddling since the beginning. Germany is still better off than Austria overall, but many of the disinformation campaigns mentioned were much more effective in Austria than in Germany and led not only to over 9000 deaths, an unquantifiable number of Long COVID-affected people in the high five-digit range, but also to the most severe economic outcome in the EU.

Why does disinformation fall on much more fruitful ground in Austria? This is not only due to the „top-down“ risk communication, in which scientists are hardly allowed to address the population directly, but also to the uniform media landscape, in which no one criticizes the strategy adopted, let alone argues in favor of NoCovid (few exceptions). Finally, the legally anchored obligation to maintain secrecy also plays a major role, as a result of which, for example, the extent of infections in the schools or the age, occupation or ethnicity of the seriously ill patients may not be disclosed to the outside world.

In addition, official secrecy and data protection tend to leak out only when migrants can be blamed unilaterally („migrants at Semmering“, „virus reintroduced from the Western Balkans“). Disinformation is also the result of low appreciation of scientific work, which manifests itself in outdated database systems (unreliable AGES data), little international participation in COVID-19 studies and appalling knowledge of basic mathematics and physics in the general population as well es among politicians. Federalistic structures hinder the few good moves of the health minister to contain COVID-19. We hear from similar problems in other parts of the world, like Germany, Switzerland, France, Canada and also the US. States with a more centralistic approach to manage the pandemic have been much more successful. Election campaigning in Vienna where a quarter of the total population of Austria lives and which is governed by the social democrats (SPÖ) in contrast to the right-wing turquoise people party (ÖVP) destroyed any chance of a quick response to rapidly rising rates of infections in autumn. The green party didn’t rule out a second lockdown before election and has been kicked out of the red-green city government, replaced by the neoliberal party (NEOS).

The following analysis is a first attempt to fathom the extent of the (targeted) disinformation:

Scientifically, the failure in Austria is based on three pillars:

  • Local Patriotic Incompetence
  • Epistemic Trespassing
  • Ideology and conflicts of interest

These three factors will be found in every „Non-Zero-COVID“ country in varying degrees and weighting. A popular killer argument to put the failure in this country into perspective is always: „All of Europe is affected.“ But it is striking that we only look abroad when it is a matter of self-aggrandizement, and not to learn from their failures and not to repeat their mistakes.

There are mainly two reasons for which I wanted to make this text available for a greater public.

First…. Nobody of those who are responsible in Austria, let it be politicians in the government or opposition, trade unions or journalists as the fourth power of the state, is really interested in the reasons of failure. Some of them might be silenced by their bosses or political influence. So I want to let the world know what went wrong here anyway.

Second … there are a lot of so-called civilized western countries with more or less high economic income struggling with controlling the pandemic and you may find some similarities here. Maybe my reasonings will help you to understand what whent wrong in your own country and to find some lobbying to propose alternative choices – which can only be – to lower the rate of new infections as much as possible. You may call it zero covid, no covid, contain covid, control covid, whatever… it’s about saving as much lives as possible. Nothing less.

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Tag 385: Ursachensuche: Inkompetenz, Epistemic Trespassing und Interessenskonflikte

Pressekonferenz Anfang Jänner 2021 – AGES-Public-Health Chef Allerberger maskiert, es redet aber der Gesundheitsminister Anschober ohne Maske – Sinnbild für mangelndes Verständnis der Übertragungswege

PLURV.

Podcast Nr. 82 mit Christian Drosten deckte sehr gut die wesentlichen Eckpfeiler der Desinformation auf, mit dem die Gegner einer effektiven Pandemiebekämpfung seit Beginn hausieren gehen. Deutschland steht in Summe immer noch besser da als Österreich, viele der genannten Desinformationskampagnen waren aber in Österreich wesentlich effektiver als in Deutschland und führten nicht nur zu über 9000 Toten, einer unbezifferbaren Zahl an Long COVID-Betroffenen im hohen fünfstelligen Bereich, sondern auch zum schwersten Wirtschaftseinbruch in der EU.

Weshalb Desinformation in Österreich auf viel fruchtbareren Boden fällt? Das liegt nicht nur an der „top-down-„Risikokommunikation, in der sich Wissenschaftler kaum direkt an die Bevölkerung wenden dürfen, sondern auch an der gleichförmigen Medienlandschaft, in der niemand die eingeschlagene Strategie kritisiert, geschweige denn pro NoCovid argumentiert (wenige Ausnahmen). Schließlich spielt auch die gesetzlich verankerte Verschwiegenheitspflicht eine tragende Rolle, durch die etwa das Ausmaß an Infektionsgeschehen in den Schulen oder die Alters-, Berufs- oder Ethnien-Zugehörigkeit der Schwerkranken nicht nach außen dringen darf. Dazu kommen Amtsgeheimnis und Datenschutz, die gerne dann eine Lecklage haben, wenn man Migranten einseitige Schuldzuweisungen machen kann („Migranten am Semmering“, „Virus vom Westbalkan wieder eingeschleppt“). Desinformation ist auch die Folge geringer Wertschätzung wissenschaftlicher Arbeit, die sich in veralteten Datenbanksystemen (unzuverlässige AGES-Daten), wenig internationaler Teilnahme an Studien und erschreckenden Kenntnissen der Grundlagen von Mathematik und Physik in der Gesamtbevölkerung äußert. Der Föderalismus ist wie im Rest der Welt dann das I-Tüpfelchen. Unpassendes Wettbewerbsdenken zwischen den Ländern und gegenüber dem Bund. Wahlkampf zu Unzeiten.

Die folgende Analyse ist ein erster Versuch das Ausmaß der (gezielten) Desinformation zu ergründen:

Wissenschaftlich gesehen fußt das Versagen in Österreich auf 3 Säulen:

  • Lokalpatriotische Inkompetenz
  • Epistemic Trespassing
  • Ideologie und Interessenskonflikte

Diese drei Faktoren wird man in jedem „Non-Zero-COVID“-Land in unterschiedlicher Ausprägung und Gewichtung finden. Ein beliebtes Totschlagargument, um das Versagen hierzulande zu relativieren, lautet immer: „Ganz Europa ist betroffen.“ Auffallend ist aber schon, dass wir nur dann ins Ausland schauen, wenn es um unsere Selbsterhöhung geht, und nicht, um von deren Versagen zu lernen und deren Fehler nicht zu wiederholen.

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