Tag 385: Ursachensuche: Inkompetenz, Epistemic Trespassing und Interessenskonflikte

Pressekonferenz Anfang Jänner 2021 – AGES-Public-Health Chef Allerberger maskiert, es redet aber der Gesundheitsminister Anschober ohne Maske – Sinnbild für mangelndes Verständnis der Übertragungswege

PLURV.

Podcast Nr. 82 mit Christian Drosten deckte sehr gut die wesentlichen Eckpfeiler der Desinformation auf, mit dem die Gegner einer effektiven Pandemiebekämpfung seit Beginn hausieren gehen. Deutschland steht in Summe immer noch besser da als Österreich, viele der genannten Desinformationskampagnen waren aber in Österreich wesentlich effektiver als in Deutschland und führten nicht nur zu über 9000 Toten, einer unbezifferbaren Zahl an Long COVID-Betroffenen im hohen fünfstelligen Bereich, sondern auch zum schwersten Wirtschaftseinbruch in der EU.

Weshalb Desinformation in Österreich auf viel fruchtbareren Boden fällt? Das liegt nicht nur an der „top-down-„Risikokommunikation, in der sich Wissenschaftler kaum direkt an die Bevölkerung wenden dürfen, sondern auch an der gleichförmigen Medienlandschaft, in der niemand die eingeschlagene Strategie kritisiert, geschweige denn pro NoCovid argumentiert (wenige Ausnahmen). Schließlich spielt auch die gesetzlich verankerte Verschwiegenheitspflicht eine tragende Rolle, durch die etwa das Ausmaß an Infektionsgeschehen in den Schulen oder die Alters-, Berufs- oder Ethnien-Zugehörigkeit der Schwerkranken nicht nach außen dringen darf. Dazu kommen Amtsgeheimnis und Datenschutz, die gerne dann eine Lecklage haben, wenn man Migranten einseitige Schuldzuweisungen machen kann („Migranten am Semmering“, „Virus vom Westbalkan wieder eingeschleppt“). Desinformation ist auch die Folge geringer Wertschätzung wissenschaftlicher Arbeit, die sich in veralteten Datenbanksystemen (unzuverlässige AGES-Daten), wenig internationaler Teilnahme an Studien und erschreckenden Kenntnissen der Grundlagen von Mathematik und Physik in der Gesamtbevölkerung äußert. Der Föderalismus ist wie im Rest der Welt dann das I-Tüpfelchen. Unpassendes Wettbewerbsdenken zwischen den Ländern und gegenüber dem Bund. Wahlkampf zu Unzeiten.

Die folgende Analyse ist ein erster Versuch das Ausmaß der (gezielten) Desinformation zu ergründen:

Wissenschaftlich gesehen fußt das Versagen in Österreich auf 3 Säulen:

  • Lokalpatriotische Inkompetenz
  • Epistemic Trespassing
  • Ideologie und Interessenskonflikte

Diese drei Faktoren wird man in jedem „Non-Zero-COVID“-Land in unterschiedlicher Ausprägung und Gewichtung finden. Ein beliebtes Totschlagargument, um das Versagen hierzulande zu relativieren, lautet immer: „Ganz Europa ist betroffen.“ Auffallend ist aber schon, dass wir nur dann ins Ausland schauen, wenn es um unsere Selbsterhöhung geht, und nicht, um von deren Versagen zu lernen und deren Fehler nicht zu wiederholen.

Lokalpatriotische Inkompetenz

In diesem Schlagwort stecken eigentlich gleich drei schwere Missstände:

  1. Lokal, in der eigenen Gemeinde, im Tal, im Bezirk, im Bundesland oder in Österreich das Infektionsgeschehen zu sehen, und damit zu ignorieren, dass das Virus über die Mobilität der Bevölkerung von A nach B kommt und über Pendler und Reisetätigkeiten zwischen den Ländern zirkuliert.
  2. Patriotismus – die Neigung zur Selbstüberschätzung und Selbstüberhöhung, und damit zu ignorieren, dass wesentliche Mechanismen des Virus alle Menschen auf der Welt gleich betreffen, etwa Übertragungswege, Eintrittspforten in den Menschen, Krankheitsverlauf und Spätfolgen. Missstände im Infektionsschutz wirken sich überall dort verstärkt aus, wo viele Menschen zusammenkommen. Wenn weltweite Studien beispielsweise längst belegt haben, dass Faceshields alleine nahezu wirkungslos gegen Ansteckungen sind, müssen wir sie nicht vier Monate weiter verwenden, bis wir eine eigene Studie machen, die zum gleichen Ergebnis kommt.
  3. Inkompetenz – Never attribute to malice that which is adequately explained by stupidity – Unterstelle niemals Boshaftigkeit, wo Dummheit ausreicht. Dazu passen bestens die Fehler, die in der zweiten und dritten Welle wiederholt wurden, nämlich von der Grundannahme auszugehen, dass stabile Bettenbelegung und Todeszahlen mit stabilem Infektionsgeschehen einhergehen bzw. dessen Kontrolle wären. Zum x.ten Mal: Die Ansteckungen finden statt, 5-10 Tage später treten Symptome auf, eine Woche später folgt die Einlieferung ins Spital. Wer Glück1 hat, verlässt eine Woche später das Spital, wer Pech hat, bleibt dort wochenlang und wer viel Pech hat, verlässt das Spital im Leichensack. Der entscheidende Punkt ist die Verzögerung in der Auswirkung. Selbst ein epidemiologisches Nackerpatzerl wie ich hat das schon nach wenigen Wochen (22.03.20) begriffen.

1Glück ist allerdings relativ zu sehen, denn 7 von 10 hospitalisierten COVID-Patienten haben sich auch fünf Monate nach der Entlassung noch nicht erholt (Quelle). 1 von 10 stirbt innerhalb weniger Monate nach der Entlassung (Quelle). Während viele Politiker in Verantwortung die Versorgung von COVID-19-Patienten im Spital mit Fließbandarbeit in der Fabrik gleichzusetzen scheinen, verlässt die Mehrheit aller Hospitalisierten das Spital krank und bleibt für Monate arbeitsunfähig.

Der Aufenthalt auf einer Intensivstation ist kein Wellness-Urlaub. Quelle: Ein Intensivmediziner

Unter Inkompetenz fällt auch die mangelnde Vorbereitung auf eine zweite Welle im Herbst und Winter, als das Contact Tracing rasch an seine Grenzen stieß und viel zu spät in FFP2-Masken im gesamten Gesundheitsbereich und generell dort investiert wurde, wo Menschen selbst dann zusammenkommen, wenn sie nicht wollen (Großraumbüro und Schulen). Ganz zu Beginn wurden Parks und Gärten gesperrt, obwohl schon frühzeitig bekannt war, dass die Viruskonzentration im Freien viel geringer ist als in geschlossenen Räumen. Moment – das stimmt nicht ganz, denn bis heute hält die AGES an der Tröpfcheninfektion als Hauptübertragungsweg fest, wonach Tröpfchen nach 1-2m Flug automatisch zu Boden fallen und Lüftungskonzepte eigentlich keine Rolle spielen dürften, weil größere Speicheltröpfchen nicht stundenlang in der Luft schweben.

Der beschränkte Horizont erklärt auch, weshalb das Thema Long COVID immer noch auf kleiner Flamme geköchelt wird. In Deutschland kamen das Thema zunehmend ab Juli in den Medien vor, in UK und in den USA bereits ab Mai, in Österreich berichtete der Leiter der Notaufnahme in Innsbruck, Dr. Frank Hartig, erstmals Ende April von möglichen Folgen für Tauchsportler – vor allem aufgrund der geschädigten Lunge. Vereinzelte Berichte, vorwiegend hinter Paywalls der Tageszeitungen verborgen, gab es schon im späteren Frühjahr und Sommer, am ehesten berichtet haben ausgerechnet Boulevardzeitungen (Hörensagen, ich les sie selbst normalerweise nicht). Die Berichterstattung zu LongCOVID und PostCOVID nahm erst am Höhepunkt der zweiten Welle zu, nach wie vor findet man darüber aber nichts auf den Seiten der AGES und nichts beim Gesundheitsministerium.

FAQ: Zahlen, Daten, Fakten – Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz

Es ist sogar schlimmer – deren Kenntnisstand zur Gefährlichkeit ist veraltet (Datumsstempel vom 10.11.20, war damals aber auch schon falsch) und reproduziert die übliche Verharmlosung, das Virus wäre nur für alte und immungeschwächte Menschen gefährlich.

Zur Inkompetenz zählt ebenfalls u.a. auch die Impfstrategie, bei den hochwirksamen mRNA-Impfstoffen das volle Kontingent nicht auszuschöpfen, sondern sich auf den billigeren, aber durch handwerkliche und PR-Missgeschicke schwer in Veruf geratenen Vektorimpfstoff AstraZeneca zu verlassen, der das Herzstück der österreichischen dezentralen Impfstrategie wurde. Vielen Ländern, selbst populistisch angeführten wie die USA damals noch unter Trump („Operation Warpspeed“), war klar, dass man so viele (verschiedene) Impfstoffe wie möglich kaufen musste, denn damals wusste man erstens nicht, wie die Wirksamkeit in der Realität aussehen würde und zweitens war allen klar, dass die Wirtschaft sich nur dann dauerhaft erholen würde, wenn im Land Herdenimmunität erreicht wird und zumindest die heimische Produktion keine Rückschläge mehr erleidet. Dass die EU hier versagt hat, ist das Eine, das Andere ist, dass Österreich nicht einmal das reduzierte Angebot an Impfstoffen aus Spargründen ausnützen wollte. Das ist einfach nur fahrlässig. Wenn eines der reichsten Länder der Welt beim Ticket aus der Pandemie spart, dann will es offenbar „ewig mit dem Virus leben“ (ja, wir wissen, dass die Herdenimmunität nicht mehr erreichbar ist mit der langsamen Impfstoffausgabe, aber das ursprüngliche (erste) Ziel war auch, das Virus in seiner Gefährlichkeit deutlich abzuschwächen, um das Gesundheitssystem nicht mehr zu überlasten, wenn viele gleichzeitig erkranken).

Inkompetenz ist auch, ein Jahr nach Pandemiebeginn keine open-source entwickelte, stark beworbene Tracking-App zu haben. Die STOPP-CORONA-App des Roten Kreuzes wurde nach der Androhung durch die ÖVP, sie verpflichtend zu machen, nie wirklich angenommen. Zur Inkompetenz zählt, dass Intensivmediziner in ganz Österreich kein zentrales Bettenregister haben, d.h., sie wissen offenbar nicht, über wie viele Betten einzelne Spitäler verfügen und wie viel gerade wo frei ist inklusive Personal (in Dänemark sind die Spitäler hingegen digital vernetzt). Dazu kommen je nach Bundesland unterschiedliche Definitionen, was ein Intensivbett ist.

Inkompetenz ist nicht zuletzt auch die Unfähigkeit, Fehler einzugestehen, öffentlich zuzugeben und Aufgaben, die über die eigene Fähigkeit hinausgehen, an Organisationen oder Personen zu delegieren, die mehr Sachkompetenz und Erfahrung haben, und zwar unabhängig davon, welches Parteibuch jemand hat oder ob es ein In- oder Ausländer ist.

Apropos delegieren, hier gibt es einen fließenden Übergang zu ….

Epistemic Trespassing

„Epistemic trespassers judge matters outside their field of expertise.“

Ballantyne (2019)

Wenn sich Experten außerhalb ihres Fachgebiets anmaßen, über Sachverhalte zu urteilen, etwa, indem sie klare ja/nein Aussagen treffen, betreiben sie epistemic trespassing. Sie sind nicht als Experten bekannt, aber reden trotzdem drüber. Sie trauen sich nicht, Journalisten eine unbequeme Antwort zu geben: „Das weiß ich nicht, das müssen Sie meinen Kollegen fragen.“ oder „Das kann man derzeit noch nicht sagen. Die Datenlage ist noch zu unvollständig.“

„Notice that expertise does not entail that one can give firm answers to all of a field’s questions; there can be ‘open questions’ in a field.“

Experten kennen sich in ihrem Bereich bestens aus und wissen, was bekannt ist und was unbekannt. Sie postulieren keine Fakten, wo ein Mangel an Daten vorliegt.

Einer der bekanntesten epistemic trespasser in Österreich ist der Leiter der Public-Health-Abteilung in der AGES, Franz Allerberger.

„Aus irgendeinem Grund bin ich bei der Weltgesundheitsorganisation als Experte gelistet, und deshalb darf ich da wahrscheinlich über ein neues Coronavirus reden, und um ganz klarzustellen: Wir haben in ganz Österreich keinen einzigen diagnostizierten Fall, das heißt, ich bin ein Schreibtischtäter, Coronaviren gibt es bei uns bei der AGES schon, aber nur im Veterinärbereich. […] weil hunderte, tausende Leute jetzt Expertise meinen zu haben. Ich weiß, ich hab sie nicht. Und wenn Sie irgendwo googeln und schauen, wer über was publiziert, dann werden Sie sehen, Allerberger Coronaviren Null Result, also bitte ja nicht missverstehen, was ich Ihnen sage. Ganz sicher kein Experte.“

Vortrag auf der Uni Salzburg am 12. Februar 2020

Der Umstand, dass der führende Infektiologe des Landes kein Corona-Experte ist, aber u.a. stv. Sprecher der Corona-Kommission ist, für Österreich in der Europäischen Seuchenbehörde (ECDC) sitzt und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Public Health Mikrobiologie im deutschen Robert-Koch-Institut ist, wurde öffentlich bisher nie hinterfragt.

Eine weitere Trespasserin ist die Tropenmedizinerin, Mikrobiologin und Hygienerikerin Petra Apfalter mit Spezialgebiet Bakterien.

„Es sind die Hände, die Hände, die Hände! Händehygiene ist DIE Maßnahme um Infektionen hintanzuhalten.“

Absolventenporträts, Krankheitserregern auf der Spur – Zur Identifikation von Bakterien, Jahresbericht 2012 Ramsauer Gymnasium

Dazu ein passendes Zitat der Virologin Dorothee von Laer:

„ein Bakterium ist von einem Virus so weit weg wie eine Giraffe von einem Wurm“

ORF-Sendung „Im Zentrum“, 15.11.2020

Da war der Schaden leider schon angerichtet. Apfalter verharmloste von Beginn an („Coronavirus keine große Gefahr für Österreich“, 23.01.20, 12.2.20), fatal war aber die massive Verharmlosungskampagne im September, als die Regierung sich mit härteren Maßnahmen zu lange Zeit ließ. Unvergessen ihr Sager „Wir haben keine zweite Welle, sondern einen technischen Labor-Tsunami.“ (18.09.20). Aus irgendeinem Grund lud sie Bildungsminister Faßmann dennoch Anfang November zu einer Pressekonferenz ein, wo sie erneut die Aussagekraft der PCR-Tests öffentlich anzweifelte und zudem die Validität der PCR-Gurgeltests von Michael Wagner auf Nachfrage eines Journalisten diskreditierte. Detail am Rande: In ihrem eigenen Diagnostiklabor Analyse BioLab analysiert Apfalter u.a. auch die vier gewöhnlichen Coronaviren – mithilfe von Gurgeltests! Woher also die vehemente Ablehnung der Anwendung bei SARS-CoV-2?

Apfalter sprach sich wiederholt dafür aus, nur symptomatische Verdachtsfälle zu testen, obwohl bereits Ende Jänner 2020 erstmals bekannt wurde, dass das Virus vor dem Auftreten erster Symptome übertragen werden konnte (Helen Branswell, 28.01.20). Ein wesentlicher Grund für die Einführung der Maskenpflicht war ja der Fremdschutz als unwissender Überträger der Infektion. Bei der Pressekonferenz mit Faßmann sprach sie sich „aus infektionsepidemiologischer Sicht“ dafür aus, die Kindergärten und Schulen offen zu halten, obwohl Kinder unter 10 Jahren per Empfehlung für die Gesundheitsbehörden nicht getestet wurden. Bereits zu diesem Zeitpunkt war die Datenlage umfangreich genug, um die Rolle der Kinder nicht negieren zu können. Man hätte selbst bei strittiger Datenlage nach dem Vorsichtsprinzip agieren müssen – zumal noch gar nicht abschätzbar war, was die Infektion selbst bei milden Verläufen im Körper der Kinder anrichten konnte. Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz Anfang November war MIS-C jedenfalls schon bekannt.

Subjektiver Eindruck: Hygiene-Experten haben einen ausgeprägten Händehygiene-Fetisch und messen der luftgestützten Übertragung („COVID IS AIRBORNE“) wenig Bedeutung bei. Führende Aerosolwissenschaftler liegen deswegen schon seit Jahr(zehnten) mit der WHO im Clinch, weil dort zwar viele Hygieniker, aber kein einziger Aerosolwissenschaftler vertreten wären, wie Jose-Luis Jimenez in einem Kommentar am 30. Juli 2020 ausführte. Der Umstand, dass 239 Wissenschaftler die WHO vergeblich aufforderten, die Aerosol-Übertragung bei SARS-CoV-2 (nicht nur dort) anzuerkennen, zeigt das Gewicht veralteten einzementierten Wissens.

Weitere Aussagen von VIVs („very important virologists“) im Laufe der Pandemie, die mit einer Kompetenzüberschreitung einhergingen, entweder weil fremdes Fachgebiet oder auf Basis unzureichenden Wissens Fakten postuliert wurden – vollständige Quellen in meiner Zitatsammlung siehe Übersichtsseite:

  • Virologe Steininger: „Coroonavirus ist nicht so gefährlich wie Grippe“ (30.01.20, Krone)
  • Virologe Nowotny: „Sollte doch eine zweite Welle kommen, so sollte sie wesentlich milder verlaufen als die erste. Dies wissen wir von vergangenen Pandemien“ (Mai 2020, Tierisch Heute)
  • Public-Health-Experte Sprenger: „eines ist sicher, zu einer Überforderung der Krankenversorgung wird es mit hundertprozentiger Sicherheit nicht kommen“ (22.08.20, Ö1-Journal)
  • Infektiologe Wenisch: „Mit Corona und den Kindern habe ich überhaupt keine Angst, das ist mir Powidl, weil die Kinder nicht gefährdet sind. Corona ist keine Kinderkrankheit, das ist etwas für Erwachsene.“ (06.09.20, Ö3)
  • Hygieniker Gattringer: „Einfache Maßnahmen schützen vor Ansteckung – oberster Baustein ist die Händehygiene, dazu die richtige Nies- und Husten-Ettikete und ein Mindestabstand von einem Meter seien ein effektives Bündel. Auch sei das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in geschlossenen Räumen ohne Mindestabstände eine gute Maßnahme“ (18.09.20, Aussendung OÖ Ärztekammer)
  • Public-Health-Experte Sönnichsen: „Wenn ohne Anfangsverdacht getestet wird, führen selbst relativ genaue PCR-Tests zu etwa einem Prozent falsch positive Befunde.“ (30.09.20, Falter-Sonderbeilage 40a/20)
  • Infektiologe Weiss: „Ich möchte mich dezidiert gegen Schulschließungen aussprechen,weil sich gezeigt hat, dass die Schulen eigentlich nichts zum Infektionsgeschehen beitragen.“ (12.11.20, zib2)
  • Mikrobiologin Lass-Flörl: „Jüngste Publikationen zeigen, dass der asymptomatische Träger keine Infektionen weitergibt.“ (04.01.21 Tiroler Tageszeitung)
  • Labormediziner Oswald Wagner: „Die deutlich infektiösere britische Mutation des Corona-Virus erfordere auch eine Anpassung, also Erweiterung, der bisherigen Abstandsregeln.“ (16.01.21, Standard)
  • Epidemiologin Daniela Schmid: „Im Monat zwölf der Pandemie ein ganzes Bundesland abzuschotten und den Lockdown zu behalten, ist ja Gefängnis pur“ (16.02.21, FALTER)
  • Virologin Redlberger-Fritz: „Die Varianten haben für Kinder jetzt keinen Einfluss.“ (23.03.21, Stadt Wien Corona-Podcast)
  • Virologin Christina Nicolodi:„Aus virologischer Sicht wäre gut, wenn der Lockdown jetzt kommt und länger dauert. Man muss aber auch die anderen Faktoren sehen. Viele haben ihre Ostereinkäufe noch nicht erledigt, der Handel war nicht vorbereitet“ (25.03.21, „Wien heute“)

Ideologie und Interessenskonflikte

Beide haben gemeinsam, dass sie sich PLURV bedienen, um ihre Agenda durchzusetzen. Interessenskonflikte sind das Grundübel schlechter Pandemiebekämpfung weltweit. Die Grenzen zwischen Ideologie und Interessenskonflikten sind fließend, denn die Konfliktzone verläuft vor allem zwischen Wirtschaft und Gesundheit. In Österreich sind es vor allem Tourismus und Handel, die vermeintlich von den ständigen Lockerungen profitieren, während die Öffentliche Gesundheit das Nachsehen hat. Es sind auch die Interessen der Bundesländer versus Interesse des Bundes bzw. des Gesundheitsministeriums. Die jeweiligen Landeshauptmänner bzw. -frauen schielen mehr auf Wahlumfragen und Popularität als auf die warnenden Aussagen der Wissenschaftler. Wir kennen das aus jedem B-Katastrophenfilm. Interessenskonflikte tun sich also dann auf, wenn das eigene Ego bzw. die Partei, der man angehört wichtiger ist Sachpolitik.

Interessenskonflikte

Der offensichtlichste Interessenskonflikt entsteht zwischen Kinderbetreuung und Arbeit. Wer seine Kinder zuhause betreuen muss, weil die Kindergärten und Schulen geschlossen sind, der kann mitunter nicht arbeiten gehen, sei es, weil beide Elternteile berufstätig sind, weil Homeoffice nicht möglich (und oft nicht vereinbar mit Kinderbetreuung ist, speziell, wenn sie noch sehr klein sind) oder weil es sich um alleinerziehende Mütter oder Väter handelt. Das Absurde ist, dass sich hier sowohl Wirtschaftsliberale (ÖVP, NEOS) als auch Arbeitnehmervertreter (SPÖ, Arbeiterkammer, Gewerkschaften) einig sind: Sie fordern bis zuletzt, dass die Schulen – in Präsenz! – offen bleiben müssen. Psychosoziale Gründe sind meist vorgeschoben, denn dass Österreich europaweit führend bei Schulmobbing ist, interessierte beide Parteien vorher herzlich wenig. Die oft genannte „Triage“ (unter PLURV: siehe Logik-Fehler – Mehrdeutigkeit) in Kinder- und Jugendpsychiatrie gab es vorher schon in Gestalt von Engpässen bei Kassenplätzen für Kinder und Jugendliche (übrigens auch Erwachsene). Auch danach hat vorher kein Hahn gekräht.

Um es einmal klar zu sagen:

Es ist die Meinung ALLER Wissenschaftler, dass Schulen als letztes geschlossen werden sollten! Die Wissenschaftler sind sich ebenso einig, dass monatelang geschlossene Schulen nicht nur zulasten ihrer Bildung gehen, sondern aufgrund des Mangels an Sozialkontakten je nach Phase ihrer Kindheit und Pubertät Spuren hinterlassen, häufig Depressionen, Vereinsamung, Zwangsstörungen, usw. Ebenso klar ist aber auch: Kinder fürchten sich davor, selbst krank zu werden oder ihre Familienangehörige und Freunde anzustecken. Kindern von Angehörigen der Risikogruppen ist das bewusst. Auch 14 Tage Quarantäne sind alles andere als angenehm, insbesondere, wenn es wiederholt passiert, weil es immer wieder zu Verdachtsfällen oder positiv getesteten Klassenkameraden oder LehrerInnen kommt. Isolation des Kindes im eigenen Haushalt? Unvorstellbar und schwer umsetzbar.

Der einfachste Weg, es gar nicht soweit kommen zu lassen, dass Kinder zum Überträger werden oder selbst (seltener) schwer erkranken, ist die Inzidenz in der Community zu senken, d.h., bei niedrigen Fallzahlen und gleichzeitig konsequent durchgezogenen Schutzmaßnahmen lassen sich Schulen eher noch offen halten als bei hoher Inzidenz zu öffnen samt Lücken bei den Schutzmaßnahmen (ungenaue und unzuregelmäßige Tests, verfehlte K1/K2-Definition, keine Maskenpflicht in Volksschulen, fehlende Lüftungskonzepte, kein CO2-Monitoring, etc.). Österreich hat das im September gemacht und erneut im Februar – übrigens ungeachtet der Evidenz steigender Zahlen bei Kindern und Jugendlichen. Später hätte man korrigieren können und müssen, doch wo waren die Sozialpartner?

„Wenn uns Kinder, Vorerkrankte und Alte wichtig sind, dann müssen wir auf gewisse Sachen verzichten. Dann geht man mal nicht in eine Bar oder Disco und verzichtet auf die Kreuzfahrt oder das Fitnessstudio.“

Mikrobiologe Michael Wagner, Pressekonferenz, 17.08.20, sinngemäß

Skeptiker und Gegner des NoCovid-Wegs behaupten meist, dass Lockdown-Fanatiker die Schulen schließen wollen, dabei ist es umgekehrt, sie wollen vermeiden, dass die Fallzahlen so hoch werden, dass die Schulen geschlossen werden müssen! Dafür muss man jedoch als Gesellschaft bereit sein, zu verzichten. Das heißt, der Reiseverkehr und Skitourismus müssen geschlossen bleiben, die Mobilität der Erwachsenen eingeschränkt. Jegliche Lockerungsdebatten um Gastronomie und Kultur sind hinfällig – an oberster Stelle stehen die Kinder. Das schreib ich als kinderloser Mensch. Ich bin bereit zu verzichten und nutzte auch das „Geschäftsreisen“-Schlupfloch nicht aus, oder flog wider der Vernunft auf andere Kontinente mit lascheren Maßnahmen, um meinen Urlaub zu genießen und versehentlich neue, gefährliche Virusvarianten einzufliegen. Ich fuhr nicht nach Hause, obwohl ich es mit viel Urlaub nehmen und Quarantäne absitzen gekonnt hätte. Ich fuhr nicht einmal längere Zeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, um Wanderziele anzusteuern und begab mich auch nicht in Einkaufszentren. Der monatelange Verzicht hat sich leider nicht ausgezahlt, weil zu wenige im Land so denken. Zu viele wollten nicht auf ihren Skiurlaub verzichten, nicht einmal eine Saison lang, zu viele können es nicht lassen, mit der Geburtstags-, Firmen-, Familien- oder Nachbarschaftsfeier zu warten, bis es deutlich wärmer wird und man das etwas weniger riskant (B117 ist leider auch im Freien ansteckender) durchführen könnte.

Die mangelnd Bereitschaft, aus Solidarität mit Schwächeren und der Gemeinschaft als Ganzes zurückzustecken, findet sich in der Politik ebenso wie in der Bevölkerung. Wenn die Regierung und Opposition dann sagen: EIGENVERANTWORTUNG, ist klar, dass der Egoismus damit legitimiert wird. Im Zweifelsfall eines Interessenskonflikts entscheidet sich der Bürger für seine eigenen Interessen.

Nicht immer sind Interessenskonflikte klar begründbar. Am widersprüchlichsten finde ich die Rolle der Kinderärzte in der Pandemie – weltweit. Die kleine, laute Minderheit suggeriert stets, dass Kinder im Infektionsgeschehen keine Rolle spielen würden, und je frequenter die Zahl der Studien wird, die das Gegenteil belegen, desto mehr wird auf Begriffe ausgewichen, die epidemiologisch ungebräuchlich sind. „Ja, sie spielen eine Rolle, aber sie sind keine Treiber.“ oder „Sie sind Teil des Infektionsgeschehens, aber nicht Ausgangspunkt.“

Unter PLURV-Logikfehler fällt auch ein Klassiker: „aus korrekten Informationen falsche Schlussfolgerungen ziehen“ (vgl. Tag 239 – Faktencheck Apfalter)

Die ÖGKJ empfahl z.B. Kinder unter 10 Jahren sowie bei Symptomen ohne Fieber nicht zu testen. Kinder im Klassenband sollten per se als K2 eingestuft werden. Der Verein berief sich dabei auf das ECDC und CDC mit Abruf Mitte August, die Empfehlung selbst war von Ende Oktober. Alle vier zitierten Quellen wiesen wichtige Limitationen in der Aussagekraft zur Rolle der Kinder auf: Weder stand dort, Kinder unter 10 Jahren nicht zu testen noch sich an den willkürlich gewählten Schwellenwert von 15 Minuten bei Kontakt zu halten. Ein Artikel hielt fest, dass Schulcluster schwer zu detektieren seien, nachdem die Infektion vielfach asymptomatisch verlaufen würde. Ein Artikel empfahl sogar dezidiert, symptomfreie Kinder zu testen, wenn die Inzidenz in der Region moderat bis hoch sei.

Warum verdreht ein Verein, der für das Kindeswohl da sein sollte, wissenschaftliche Aussagen und pickt sich das heraus, was zur Grundaussage „Kinder spielen keine Rolle im Infektionsgeschehen“ passt? Über das Warum tappe ich weiterhin im Dunkeln, denn zum Kindeswohl gehören meiner Ansicht nach auch die körperliche Gesundheit des Kindes selbst und das seiner engsten Bezugspersonen. Der Zweck der Faktenklitterung ist klar: Schulen und Kindergärten sollen möglichst lange offen bleiben können, was den Wirtschaftsvertretern sehr gelegen kommt. Besonders perfide werden die Logikfehler allerdings dann, wenn die AGES-Clusteranalysen herangezogen werden, um zu „belegen“, dass Kinder keine Rolle spielen würden – wie auch, wenn sie nicht getestet werden!!!

Manchmal sind die Interessenskonflikte aber auch gar nicht so ersichtlich, etwa, wenn es um öffentliche Statements von Experten geht, die an privaten Firmen beteiligt sind, die vom Staat Aufträge oder Förderungen erhalten.

Als es um die Abriegelung Tirols ging, winkten die Tiroler Experten ab. Etwa Ralf Herwig (HG-Pharma-Chef), der von Laer unterstellte, es hätte ein Missverständnis bei den Sequenzierungsergebnissen gegeben und ihr wären nur die auffälligen Proben geschickt worden. 75 Fälle wären bestätigt worden, 5 noch aktiv. 10 Tage später waren es dann 318 Fälle, davon 142 aktive Fälle. Die Alarmstimmung von von Laer war also doch berechtigt.

Herwig arbeitet eng mit dem Land Tirol zusammen, indem seine Firma LAB TRUCKS für PCR-Tests zur Verfügung stellt. Die Firma betreibt unter anderem ein Medikament, mit dem behauptet wird, Autismus mit Vitamin D heilen zu können. Autismus-Experten winken auch ab: Mehr Schwurbel geht gar nicht. Wenn sich Herwigs Meinung also zufällig mit der des Land Tirols deckt, dann könnten ihn kritische Journalisten fragen, ob das damit zu tun hätte, dass er zufällig mit dem Land Tirol zusammenarbeitet?

Mikrobiologin Apfalter ist im Management des Diagnostiklabors Analyse BioLab tätig und tätigte schon Aussagen wie „Gurgeln ist absolut abzulehnen.“ (siehe oben). Auch PCR-Tests auf SARS-CoV2 stehen in ihrem Leistungskatalog. Sie ist außerdem in der Expertengruppe bei „Arznei und Vernunft“, Projekt des Dachverbands der Österreichischen Sozialversicherung, Pharmaunternehmen, Österreichischer Ärztekammer und Apothekerkammer. Ebenso wie Allerberger sitzt sie auch als Mitglied für Österreich im ECDC. Die Linie der (Landes-) Regierung ist, dass Kinder keine Rolle spielen – die Gurgelstudie zeigte aber wiederholt, dass Kinder ähnlich häufig infiziert waren wie Erwachsene (Lehrer!).

Andere geben ihren Interessenskonflikt zumindest zu:

„Optimistischer ist Christoph Steininger – allerdings auch, wie er selbst einräumt, etwas voreingenommen: Nähmen in Wien genügend Menschen an der PCR-Test-Aktion „allesgurgelt“ teil, in die er als Virologe selbst involviert ist, dann könne sich die Hauptstadt eine Verlängerung des Lockdowns sparen.“

https://www.derstandard.at/story/2000125368531/experten-kritisieren-oster-lockdown-als-zu-kurz-und-zu-spaet

Interessenskonflikte entstehen natürlich schon alleine daraus, dass man bestimmte Daten erst gar nicht erhebt, weil sie unangenehme Wahrheiten ans Licht bringen würden. Sind Schulen und Arbeitsplätze wirklich sicher? Ob das nun die zu Schulbeginn verzögerte Gurgelstudie von Wagner ist oder auch die fehlende Verknüpfung von Neuinfektionen mit Berufsgruppen. Wüsste man Bescheid, wo Infektionen gehäuft passieren, könnte man Gegenmaßnahmen einleiten oder bestehende Maßnahmen zielgerecht anpassen. Warum hängt nicht in jedem Klassenzimmer ein CO2-Messgerät, warum werden Betriebe mit Büros nicht verpflichtet, regelmäßige CO2-Messungen durchzuführen? Warum darf die Öffentlichkeit nicht erfahren, welche Schulen und Kindergärten von Clustern betroffen sind? In einem Land mit mehr Respekt und Wertschätzung gegenüber Migranten könnte man die Ethnienzugehörigkeit bei Infektionen und Erkrankungen dazu verwenden, den Infektionsschutz am Arbeitsplatz zu verbessern, ebenso Freistellungen ohne Kündigungsgefahr und mehrsprachige Informationen, um sich selbst besser zu schützen.

Die Sozialpartnerschaft und Gewerkschaften versagen, wenn es um die Teststrategie geht:

„Das Testen in den Betrieben ist nicht einfach ein bloßer Teil der „Strategie testen“. Betriebe sind dabei zentral, besonders aus netzwerktheoretischer Sicht. Sie sind Knotenpunkte wie Schulen, weil sie viele Familien/“Haushalte“ verbinden. Das sagt auch ein Blick auf den Pendlerverkehr, den zentralsten und auch größten Mobilitätsfaktor, größer als das Shoppen und auch Freizeitaktivitäten (abgesehen von derzeit eh nicht stattfindenden Reisewellen).“

Impfanalphabeten in der Regierung: strunzdumm und wirtschaftlich ahnungslos (06.04.21)

Ganz grundsätzlich einmal der Appell an meine Leser, immer die Beweggründe zu hinterfragen: Cui bono? Nichts ist in Österreich so verpönt wie offener Widerspruch. Nur nicht aufmucken, möglichst auf Linie bleiben, nicht Klartext reden. Wann immer sich die Aussagen von Experten mit denen der Landes- oder Bundespolitiker decken, die gleichzeitig im Widerspruch mit jenen seriöser Wissenschaftler im In- und Ausland stehen, sollte man hellhörig werden.

Nicht zwingend ist jedes „auf Linie“ sein Absicht. Gestern hab ich auf Twitter konstatiert, ob man es normal fände, dass in Österreich Wissenschaftler, Ärzte oder teilweise auch Privatpersonen nicht offen warnen dürfen, in welcher gesundheitlichen Katastrophe wir uns befinden, weil sie Angst davor haben, ihren Job zu verlieren oder ihre Karriere zu verbauen. Ebenso wenig, wie Lehrer nicht offen darüber reden durften, dass Ansteckungen in der Schule ständig passierten. Oder Interessenskonflikte von Journalisten bzw. ihren Chefredakteuren mit großzügigen Inseratförderungen bestehen, oder regelmäßig der Kanzler in den Redaktionen anruft.

Ideologie

Der wahrscheinlich heikelste Punkt ist die Frage nach Vorsatz. Sollen wir bewusst durchseucht werden? Bestand nie die Absicht, das Virus so stark einzudämmen, dass das Infektionsgeschehen dauerhaft unter Kontrolle gebracht werden könnte? Hat man uns bewusst getäuscht, was das Ausmaß der Erkrankung (gesunde Menschen mit schweren Verläufen, Long COVID, Unterschätzung der Todeszahlen), die Rolle der Kinder und die Verfügbarkeit freier Betten in den Spitälern betrifft, um die Schmerzensgrenze immer weiter anzuheben?

Anzahl der Intensivpatienten (blau) und Kapazität freier Betten laut AGES-Dashboard (grau), farbig unterlegt das Systemrisiko laut Coronakommission (kritisch ab 33%, Kritik von Epidemiologe Zangerle), Quelle

„Peinlich genau wurde deshalb darauf geachtet, dass auf den Intensivstationen stets genügend freie Betten zur Verfügung standen. Solange dies gegeben war, konnten Behörden und Regierung beschwichtigen und Kritik am schwedischen Sonderweg zurückweisen“

FOCUS: Schwere Vorwürfe gegen Schwedens Corona-Politik, 11.10.20

In einer ohnehin schon polarisierten Welt gibt es bei der Virusbekämpfung keine Kompromisse. Entweder erlangt man die Kontrolle oder man verliert sie. Die Ansätze zur Pandemiebewältigung gehen entweder über die Great Barrington Erklärung oder das John Snow Memorandum, auf Europa zugeschnitten durch das Priesemann-Paper.

Great Barrington sagt grob gesagt das, was wir durch die „wir müssen mit dem Virus leben“-Fraktion seit einem Jahr hören: Alte/Schwache schützen, die restliche Gesellschaft soll möglichst normal weiterleben. Nur man Alte/Schwache eben nicht mit hoher Inzidenz schützen kann und die „restliche Gesellschaft“ durch hohe Viruslasten genauso schwer erkranken kann. Great-Barrington läuft ohne Gegenmaßnahmen auf einen Genozid hinaus: Brasilien und bei halbherzigen Gegenmaßnahmen zu einer deutlichen Übersterblichkeit. John Snow sagt das Gegenteil: Nur niedrige Inzidenzen reduzieren Risiko und wirtschaftliche Schäden für alle. Wer ständig Angst haben muss, sich zu infizieren, geht nicht gerne einkaufen oder fährt auf Urlaub. Dazu die hohen Folgekosten von Krankheit und Quarantäne.

In Schweden, Schweiz und Österreich hat sich Great Barrington durchgesetzt, während Island, Norwegen und Finnland auf John Snow setzten. Finnland und Norwegen erreichten nie das Ausmaß des Infektionsgeschehens der anderen europäischen Länder.

Na gut, dann schauen wir uns mal an, welche Vorbilder die AGES hat:

Im ECDC ist der Vorsitzende des Auditee Commitees ein gewisser Johan Carlson. Carlson wurde neben Epidemiologe Anders Tegnell von Johan Giesecke, dem Vorgänger von Tegnell, angestellt. Der Erfinder der Great Barrington-Declaration (GBD) Martin Kulldorff sendete Tegnell (im CC: Giesecke) eine Mail, wo er ihm dafür dankte, den „Schwedischen Weg“ in der ganzen Welt beworben zu haben (Quelle: öffentlich einsehbarer Schriftverkehr in Schweden).

Tegnell war schon ein Anhänger der Herdenimmunität durch natürliche Durchseuchung lange vor der GBD, er äußerte am 14. März 2020 in einem Mail den Vorschlag: „a point would speak for keeping the schools open to reach herd immunity faster„(Quelle). Tegnell nannte einen weiteren Vorteil: „If children don’t go to school their parents need to stay at home and we know of economic calculations that have been given to us that then about 20% of the workforce disappears from the Swedish work market“ (Quelle). Hier schließt sich der Kreis zu oben geschilderten Interessenskonflikten der Politiker mit den Wirtschaftsvertretern.

Giesecke gab ein Interview in Weißrussland, dabei fiel dieser Satz:

„Almost everyone in the world will get coronavirus one way or another.“

Allerberger am 25. Oktober 2020 in Ö3:

„Jeder von uns wird es früher oder später kriegen, außer er stirbt vorher.“

Eines ist klar: Carlson stand hinter Tegnells Durchseuchungsstrategie (Quelle).

Allerberger lud Tegnell zur Neujahrs-Vorlesung in die AGES ein – die Session fand online statt. Dabei lobte Allerberger den Schwedischen Weg Tegnells (Zusammenfassung hier) Auch Brasilien hat den Schwedischen Weg übernommen, es gab einen Erfahrungsaustausch mit Schweden über ein Webinar mit Tegnell am 22. April 2020:

„We are not really thinking that we ever can get rid of it in Sweden. We need to find a way to live together with it.“

Tegnell sprach davon, dass Schweden die Kurve glätten konnte. Sie hätten zumindest 20% der Intensivbetten jederzeit frei gehabt. Er sagte nicht dazu, dass Pflegeheimbewohner nie ins Krankenhaus gebracht wurden, dass das Stockholm-Feldspital nie Patienten hatte aufgrund Personalmangels. Er rundete die Zahl der Intensivbetten großzügig auf 2000, tatsächlich sind es höchstens 500, und behauptete, Schweden hätte bereits 20-30% Immunität erreicht. Kinder wären kaum ansteckend und könnten das Virus nicht weitergeben. (Quelle)

In einem zweiten Video vom 07. Mai 2020 begann er über die hohe Zahl an sterbenden Alten zu sprechen, erwähnte aber nicht, dass die Betten frei gehalten wurden, indem man Altenheime anwies, niemand ins Spital zu schicken. Er berichtete von sehr wenig Fällen unter Kindern, sagte aber nicht dazu, dass sie Kinder nicht testeten, nicht mal in der Schule, als Schulpersonal starb. Tegnell empfahl keine Masken, man solle einfach daheim bleiben, wenn man krank wäre – und ignorierte damit die asymptomatische/präsymptomatische Verbreitung.

Davon kommt einiges bekannt vor, nicht?

Ein weiteres Merkmal der GBD-Anhänger ist der rechte politische Einschlag:

„He blamed immigrants on several occasions!! Tegnell is in essence the supporter of GBD ideas and John Ioannidis ideas. Please stop romanticising. It has failed miserably! First they said it was the fault of nursing homes, then too many old people, then immigrants.“

Katrin Rabiei, MD PhD, Neuromedizinerin

Eine lesenswerte Analyse zu Anders Tegnell Aufstieg und Fall gibt es hier.

Allerberger zeigte seine politische Haltung in mehreren Vorträgen und Interviews:

Laut AGES-Analyse sind die österreichischen Infektionszahlen wesentlich auf Migranten mit Wurzeln am Westbalkan oder in der Türkei zurückzuführen.“ (Profil, 27.07.20)

Die serbischen Regalschlichterinnen, die im Sozialraum gemeinsam schlecht durchlüftet ganz hinten, kleiner Raum, das Mittagessen einnehmen, stecken sich natürlich untereinander an, weil sie sich unterhalten in der Muttersprache.

Wie ich meine Public-Health-Ausbildung bei John Hopkins [USA] gemacht hab, war ich ganz einmal frustriert, weil bei allen Beispielen nicht gerechnet wurde zwischen Äpfel und Birnenwie wir es in der Volksschule in Österreich lernen, sondern zwischen Schwarze und Weiße. Ich hab das nie ganz verstanden, denn die Schwarzen, die ich kenne, da hat praktisch jeder mal einen weißen Urgroßvater oder irgendwas Weißes drinnen.“ (beide Primärversorgungskongress Graz, 22.09.20)

Das nur ein Auszug davon. Im oben zitierten Vortrag auf der Uni Salzburg fielen auch die Begriffe Schreibtischtäter, Blutauffrischung und „unsere Konzentrationslager Bergen-Belsen“.

Kritiker meiner Faktenchecks mit österreichischem Migrationshintergrund stört, dass ich den Alltagsrassismus bei Allerberger überbetonen würde. Er erklärt jedoch zum einen die inhaltliche Nähe zu Tegnell, der sich ebenfalls despektierlich über Migranten äußert, zum anderen auch, weshalb die AGES keinerlei Präventionsmaßnahmen fordert, um Menschen zu schützen bzw. aufzuklären, die in beengten Wohnverhältnissen leben und oft prekäre Jobs haben.

Moment, Allerberger ist ja nicht Chef der AGES, sondern leitet nur das Sektionsfeld Public Health. Er erhielt diese Position 2003 unter der damaligen ÖVP-FPÖ-Koalition. Gesundheitsministerin war Rauch-Kallat (ÖVP), Staatssekretär unter ihr Reinhart Waneck, FPÖ. Dieser war Mitglied der „Akademischen Verbindung Wartburg“, die dem WKR angehört. Der jetzige Geschäftsführer der AGES, Thomas Kickinger, erhielt diesen Posten unter der Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) und ist Mitglied der Burschenschaft „Oberösterreicher Germanen Wien“, die ebenfalls dem WKR angehört. Das DÖW stuft die Burschenschaft als rechtsextrem ein. Ebenfalls zu dieser Burschenschaft gehört der amtierende Aufsichtsratchef Arthur Kroismayr. Er ist außerdem FPÖ-Vizebürgermeister von Regau. Renate Haider war stv. Parteivorsitzende des „Team Kärnten“, wechselte 2017 in die FPÖ und wurde von Hartinger-Klein 2018 ebenfalls in den Aufsichtsrat entsandt. Gabriele Jell-Wiesinger ist bereits seit 2002 in der AGES tätig. Sie war stv. FPÖ-Bezirksvorsteherin in Liesing und wurde 2013 wegen „parteischädigenden Verhaltens“ aus der FPÖ ausgeschlossen. 2017 wurde sie Leiterin der Internen Revision der AGES.

Ich hab mir die ganze Zeit nämlich gedacht, warum sich die AGES als Agentur nicht von Allerberger distanziert oder ihn schlicht durch jemanden ersetzt, der sich mehr an den wissenschaftlichen Konsens hält. Da hat man die Antwort.

Im Anschober-Porträt im FALTER von Barbara Tóth wurde deutlich, dass Allerberger und Anschober sich regelmäßig fachlich austauschen:

Allerberger und ihn [Anschober] verbindet der regelmäßige Corona-Test, den der Arzt beim Minister persönlich vornimmt. In den zehn Minuten, bis das Ergebnis da ist, tauschen sie sich aus, unter vier Augen. Da ist oft Zeit für das Fachgespräch. Beratung heißt auch, unterschiedliche Einschätzungen zu hören und sich daraus eine eigene Meinung zu bilden.

Daraus zeigt sich bereits ein grundlegender Irrtum beim Gesundheitsminister:

Wissenschaft ist nicht die Meinung des Klügsten, sondern ein Geflecht an Fakten, die einander gegenseitig stützen.“ (Florian Aigner, 22.08.20)

Das Amtsgeheimnis verhindert bei uns, dass wir wie in Schweden den Schriftverkehr etwa zwischen Tegnell und Allerberger einsehen können. Allerberger drückte sich im Ö3-Interview am 25.10.20 flapsiger aus:

nach diesem Winter, werden wir erst sehen, ob man noch eine zweite Saison noch durch müssen, und ob sich das Problem dann natürlich geregelt hat.

Das klingt schon sehr nach Durchseuchung durch natürliche Infektion.

Wenn ein Virus wirklich weit verbreitet ist, […] geh ich davon aus, dass auch das natürliche Virus einen Booster-Effekt bringen könnte.“ (04.01.21, Pressekonferenz)

Beim Gesundheitsausschuss vom 22. Feburar 2021, als Allerberger von der FPÖ nominiert wurde, äußerte er sich so:

Man müsse den Mut haben, ein gewisses Restrisiko bewusst in Kauf zu nehmen. Das Wirtschaftsleben und das Bildungssystem lahmzulegen, sei seiner Meinung nach nicht erforderlich, auch Öffnungen in der Gastronomie halte er für möglich.

Wir wissen heute, wozu dieses Restrisiko geführt hat, wenn wie am 1. April in der Klinik Floridsdorf das Durchschnittsalter der Intensivpatienten zwischen 40 und 45 Jahren liegt. Am 4. April 2021 war in Wien Stufe 8 von 8 aktiviert, 224 Intensivbetten belegt (laufende Aktualisierung auf Semiosisblog). Allerberger hat übrigens leicht reden, denn sein „gewisses Restrisiko“ ist gering – er wurde bereits im Februar mit Pfizer geimpft.

PLURV

Ich kratze hier höchstens an der Oberfläche, meine Recherchen gehen nun schon über Monate und mir fehlt schlicht die Zeit, das alles zusammenzufassen. Vorläufig begnüge ich mich damit, ein paar ausgewählte Beispiele für PLURV zu bringen – und werde mich damit auf Allerberger beschränken (obwohl es diese Beispiele genauso für Schmid oder Weiss geben würde).

Pseudo-Experten: John Ioannidis. Allerberger bezieht sich wiederholt auf die zu niedrig geschätzte Infection Fatality Rate (IFR) der fehlerhaften Stanford-Studie.

Strohmann-Argumention: Sterblichkeit deutlich niedriger als bei MERS (bis zu 30%). Nur: Niemand hat je angenommen, dass die Sterblichkeitsrate bei Covid19 so hoch wie bei MERS sein wird. Durch den rhetorischen Truck wird das Risiko heruntergespielt.

Verfälschte Darstellung: Am Ende des Tages sind diese Mortalitätsdaten das Einzige, was für einen Public-Health-Experten wie mich zählt„, „Seit der Corona-Krise schlägt sie in vielen Ländern Haken nach oben, und das bedeutet: Übersterblichkeit. In Österreich tut sie das bisher nicht. „Das ist das Einzige, woran man unsere Arbeit messen kann“, sagt Allerberger. Die erwartete Katastrophe sei bisher nicht eingetreten.“ (Standard, 01.08.20 bzw. Die Zeit, 27.07.20). Eine sehr engstirnige Definition von Public Health, die WHO sagt dazu: „Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.“

Auch hier ein rhetorischer Kniff, denn die Präventivmaßnahmen, die er wiederholt kritisiert hat (Lockdown, Schulschließungen, Maskenpflicht), haben die Katastrophe verhindert (Präventionsparadoxon).

Strohmannargument:

Der Großteil der Österreicher, sicher 90%sind noch voll empfänglich gegen diesen Erreger, ein Erreger, der bei weitem nicht so schlimm ist, wie wir gefürchtet haben.

Ich selber habe wegen Covid keine schlaflose Nacht, weil wir nach 8 Monaten wissen, dass diese Krankheit nicht diese Bedeutung hat, die man ihr ursprünglich zugemessen hat.“

„wir kriegen ein Problem, wenn zu schnell alle sich gleichzeitig infizieren, auch wenn die Krankheit bei weitem nicht so schlimm ist, wie man noch vor zehn Monaten geglaubt haben.“

Acht oder zehn Monate, was macht das schon….?

„Ja, und vor allem diese Anzahl der Betroffenen deutlich geringer ist als wir geglaubt haben.“ (zu Long COVID)

Verfälschte Darstellung:

„Immer dargestellt werden diese Kurven, wo der Lockdown ausgerufen wird und zwei Wochen später fängt dann die Kurve zu kippen an. Aber das ist die Kurve mit den labordiagnostischen Ergebnissen. Das, was für uns zählt, ist das Datum, wo die Leute krank worden sind.“

Vom königlichen Wir abgesehen (aufgeblähte Minderheit) werden die prä/asymptomatischen Übertragungen hier unterschlagen (Parallele zu Tegnell).

„Nur, und jetzt kommt das Positive, so wie es aussieht, scheint doch im Regelfall, ein Ausheilen dieser Krankheitszeichen aufzutreten, also je länger wir die Krankheit kennen, desto mehr sehen wir, dass es hier KEINE besonderen Probleme gibt.“

Merkwürdige Schlussfolgerung Ende Oktober, als zunehmend klar wurde, dass Long Covid bzw. Post-Covid ein besonderes Problem darstellen würde.

(Ö3, 25.10.20, Transkript)

Irreführende Analogie: Allerberger schätzt die Immunität der Bevölkerung auf 30%. Grund für diese Annahme war die Ischgl-Studie, die er bereits im Ö3-Interview nannte, weil sie genau auf die errechnete Sterblichkeit von Ioannidis passte. Nur: Bergdorfbewohner kann man von der körperlichen Verfassung nicht eins zu eins auf die Durchschnittsösterreicher umlegen. Statistik Austria und Simulationsforscher Popper kamen höchstens auf 12-15%.

Behauptungen aufstellen:

„Ich glaube, dass nicht nur die immun sind mit Antikörpern, sondern auch die, die zelluläre Immunität haben, die wir derzeit gar nicht nachweisen können“

„Dass das Nachbarland so betroffen ist, hat laut den Experten zwei Gründe: Zum einen den besonders starken Tourismus aus China und enge wirtschaftliche Verbindungen. Dazu kommt laut Franz Allerberger von der AGES die Nähe zu Afrika, in dem das Virus wesentlich stärker verbreitet ist als offiziell angegeben.“ (ORF, 03.03.20)

„Für Staaten wie dem Kosovo oder Bulgarien geht Allerberger mittlerweile von einer Durchseuchungsrate Richtung 50 Prozent aus.“ (Profil, 27.07.20)

„auf der anderen Seite sehen wir, dass dieses Ziel, wir haben früher darüber gesprochen, wir brauchen bis zu 80% Durchseuchung, bevor wirklich diese Herdenimmunität kommt, das dürfte, aus welchem Grund auch immer, deutlich niedriger liegen die Schwelle“ (Kurier daily, 14.09.20)

Übermäßige Vereinfachung (Ursachen unterschlagen):

„Der respiratorische Katarrh gilt nicht mehr als Krankheitszeichen. Da sollte man nicht an Covid denken, sondern an andere Sachen: Allergie oder Schnupfen durch Rhinoviren.“

Masse an Pseudo-Experten:

„Es gibt, und da hat die Europäische Seuchenbehörde Recht, keinen Beleg, dass das breite Ausrollen der FFP2-Masken wirklich einen großen Nutzen bringt. Auf der anderen Seite, der Winter ist noch
nicht vorbei, wir müssen Maßnahmen setzen, und wir wissen aus medizinischen Bereich, wie wirksam FFP2-Masken sein können. Ich glaube, es ist einen Versuch wert.“
(zib2, 03.02.21)

Erstens sitzt er selbst im ECDC ebenso wie die anderen GBD-Anhänger Carlson, Tegnell oder Apfalter, und zweitens ist auch das ein rhetorischer Trick, den er im Ö3-Interview gebracht hat:

„aber wir haben in der Medizin viele Sachen, wenn wir jetzt anfangen, nur mehr das zu machen, was man medizinisch belegen kann, denken Sie an die ganze Homöopathie, denken sie an die Bachblütentherapie, also da wär ich sehr vorsichtig, wenn man da alles plötzlich jetzt in Frage stellt.“

Das ist ganz perfide Rhetorik, die er da betreibt: Er nennt eine gewichtige Institution wie das ECDC, das keinen Nutzen sehen würde, und wertet damit die FFP2-Maskenpflicht als „Schuss ins Blaue“ ohne haltbare Evidenz ab. Beim Homöopathie-Vergleich ist es ähnlich. Er vergleicht den Nutzen von Masken mit Homöopathie und wertet damit die Masken ab. Gleichzeitig signalisiert er dem skeptischen Zuhörer Zustimmung: „Wir versuchen da etwas, wofür es keine Belege gibt.“

Schlussfolgerung

In Summe lässt sich feststellen, dass Allerberger in vielen Punkten die Rhetorik von Tegnell übernommen hat. Die GBD-Anhänger treffen sich in ihrem gemeinsamen Leitsatz „wir müssen mit dem Virus leben“ (PLURV: Mehrdeutigkeit – ja, natürlich müssen wir damit leben, aber erst nachdem, das Virus durch die Impfung seinen Schrecken verliert). Allerberger greift wiederholt auf Ioannidis zurück und veröffentlich gemeinsam mit ihm noch Artikel, welche Re-Infektionen für selten halten, dabei aber die neuen Varianten ignorieren. Ins gleiche Horn stoßen Weiss, Lass-Flörl und Schmid sowie Apfalter und die Oberösterreichische Ärztekammer.

Der Schwedische Weg bildet sich in meinen Augen unverkennbar im Österreichischen Weg ab:

Die systematisch untertesteten Kinder, das unendliche Reservoir freier Intensivbetten, die Abneigung gegenüber der Maskenpflicht, die Ignoranz der Aerosole, die Verharmlosung der Mutanten (Update, am 22.03. wurde die erhöhte Sterblichkeit bei B.1.1.7 erstmals zugegeben) samt Informationen auf der AGES-Webseite, die teilweise Monate alt sind, das Beharren darauf, nur symptomatische Personen zu testen bzw. zu zählen, das Herunterspielen der Sterblichkeitsrate bei jüngeren Menschen, die Verharmlosung des Ausmaß von Long COVID. Dazu kommen mangelnde Präventivmaßnahmen in Schulen und Arbeitsplätzen. Die AGES empfiehlt nicht einmal selbst Masken, sondern verweist auf das ECDC, RKI, etc.

Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand:

Je effektiver die Maßnahmen, desto schwieriger wird Herdenimmunität durch Durchseuchung. Wir hätten uns vom „flatten the curve“-Ansatz spätestens im Sommer verabschieden müssen, als das Ausmaß der Post- und Long COVID-Betroffenen bekannt wurde, und allerspätestens im Herbst, als sich der Durchbruch bei den Impfungen abzeichnete. Warum sollte man eine Bevölkerung durchseuchen wollen mit ungeahnten und möglicherweise schwer behandelbaren Folgen für die Gesamtbevölkerung einschließlich Kinder, wenn mehrere Impfstoffe in Reichweite sind?

Die völkische Ideologie einzelner Personen wie Allerberger (oder Tegnell) fällt wohl angesichts überwältigend vieler Interessenskonflikte nicht so ins Gewicht. Schwerer wiegen die Folgen in Brasilien, wo die Pandemie auch dank der schwedischen Beratung außer Kontrolle geriet und zu einem noch laufenden Genozid geführt hat. Kanzler Kurz hat sich gerne fremdenfeindlicher Ressentiments bedient, die Allerberger geliefert hat, etwa mit dem Virus, „das mit dem Auto käme“ und dass sich Österreich das Virus mit Migranten aus ihren Herkunftsländern wieder ins Land geschleppt hätte.

Daniela Schmid, AGES, äußerte sich in der deutschen „Zeit“ am 27.07.20 zurückhaltender als ihr Chef Allerberger am gleichen Tag im österreichischen „Profil“:

„Wenn ein Ausbruch eine bestimmte Ethnie oder Religionsgemeinschaft betrifft, ist völlige Transparenz immer heikel. Wir Österreicher haben ja schon x-mal in unserer rühmlichen Vergangenheit bewiesen, dass Menschen sofort stigmatisiert und diskriminiert werden.“

Weshalb wurde dann trotzdem mit Migranten Stimmung gemacht? Da zeigt sich zumindest eine inhaltliche Nähe zur ÖVP bzw. FPÖ, die Allerberger bei zahlreichen Gelegenheiten auf FPÖ Facebook-Accounts, rechtsextremen Zeitschriften und im Parlament zitiert hat.

Meiner unmaßgeblichen Meinung nach würde alleine das in Deutschland bereits für einen handfesten Aufschrei vieler namhafter Tageszeitungen sorgen und eine heftige Debatte im Parlament auslösen. In Österreich ist Alltagsrassismus … nun ja Alltag, gehört zum täglichen politischen Geschäft dazu. Wie ich aber hoffentlich gut genug herausgearbeitet habe, erklären Inkomptenz und Interessenskonflikte bereits einen Großteil des Jojo-Lockdowns in Österreich mit den bekannten Folgen.

Ein Gedanke zu “Tag 385: Ursachensuche: Inkompetenz, Epistemic Trespassing und Interessenskonflikte

  1. Das Problem von erster Sekunde an, ist die absolute Ahnungslosigkeit der Politik, was die Grundregeln des Krisenmsnagements betrifft! KM ist 90% Psychologie, also Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit usw. Darauf bauen die Grundregeln auf – 1. Handle immer Ereignisorientiert, nie wunschorientiert heißt massnahmen wie zb lockdown nie mit einer Laufzeit oder Enddatum versehen, das nmd kennen kann und somit zwangsläufig zur revidierung bzw Änderung der massnahme führt = jede Änderung oder revidierung kostet Glaubwürdigkeit und Vertrauen = daher massnahmen immer ereignisorientiert- LD weil wir dzt noch nicht wissen, wie infektiös, wie aggressiv das Virus ist und welche Kapazitäten wir im Gesundheitssystem brauchen – bis wir diese Fakten haben brauchen wir lockdown = 2. Ehrlich erklären warum und dauert bis wir Infos haben (ereignisorientiert) 3. Wir halten euch ALLE lfd über ALLE MEDIEN plus in wöchentlichen PK über den stand der Erkenntnisse am Laufenden (= 3. Offene klare verständliche kommunikation)
    4. Sich immer am worst case orientieren um wenn sich etwas zum besseren verändert gute positive Nachrichten überbringen zu können (zb Mutationen usw.) 5. ALLE technischen Hilfsmittel in best verfügbarer Ausprägung heranziehen (zb Masken sofort in FFP2, nicht Tücher usw. kann kurze Übergangslösung sein bis für alle verfügbar aber beste mögliche varianten)
    6. Nie ultimative Ausssagen machen wenn etwas nicht wirklich 100% weiß, wie zb Masken helfen nichts daher Masken NEIN.. solange verschiedene Meinungen bestehen wir verwenden Masken solange bis Wirksamkeit geklärt ist (zuerst total nein dann plötzlich doch ja kostet Vertrauen siehe KM = 90% vertrauen) – es gibt noch 5 GR des KM, keine einzige wurde eingehalten, damit nicht verwunderlich, dass alles völlig ausser Kontrolle geraten ist, und bis heute ausser Kontrolle ist! Ohne Grundregeln gibt es auch keine Perspektive keine planbarkeit neun System keine Kontinuität, sondern nur Chaos, Panik, negative Überraschungen, usw. So schwindet jedes Vertrauen, jede Glaubwürdigkeit und somit jede Loyalität! Ohne diesen Faktoren kommt es zum Supergau
    Es ginge heute noch sich das zu Herzen zu nehmen und zu starten, aber die Politik hat nicht nur keine Ahnung von KM, Politik hat auch kein Rückgrat, keinen Charakter, zu wenig Größe um versagen, Unwissenheit, usw. einzugestehen das sind alle diese Barrieren die weltweit das gleiche Problem zur superkrise auf dem Rücken der Menschen gemacht haben, und alles gefährden bzw zerstören!

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