Tag 381: Maskenpflicht im Freien, aber nicht am Arbeitsplatz

Draußen ist immer besser als drinnen als Schaden-Nutzen-Risiko

Ein Jahr Pandemie. Merkwürdige Flashbacks. Ich erinnere mich wirklich ungern, denn die ersten Wochen waren geprägt von Angstzuständen und Überforderung mit der rasch eskalierenden Gesamtsituation. Der erste Ausflug ins Freie in den Prater war begleitet von lärmenden Polizeihubschraubern und zahlreichen Polizeiautos auf der Hauptallee, die die Abstände kontrollierten. Ich floh mit dem Rad über diverse Schleichwege in den tiefsten Auenwald und umarmte einen Baum – für fast einen Monat war es die einzige Umarmung eines Lebewesens (*auf Holz klopf*). Als am 16. März der erste Erlass veröffentlicht wurde mit Ausgangsbeschränkungen und Öffiverbot zur Freizeitnutzung, wusste ich schon über eine mögliche Aerosol-Übertragung Bescheid, auch wenn sie damals noch als unwahrscheinlich erachtet wurde.

Ein Jahr später. Ich hätte damals niemals geglaubt, dass unsere Regierung die gleichen Fehler wieder und wieder begehen würde und nichts aus der Wissenschaft lernt. Gut, nehmen wir es zähneknirschend zur Kenntnis, dass die wissenschaftliche Infrastruktur und Datentransparenz hierzulande so erbärmlich ist, dass nationale wissenschaftliche Erkenntnisse nicht entstehen können, aber hallo – 21. Jahrhundert, Internet, soziale Medien, open access zu nahezu allen Veröffentlichungen über das Virus und effektive Begleitmaßnahmen. Wie hat es die Regierung geschafft, diese so lang und effektiv zu ignorieren? Nicht nur die Regierung, auch eine signifikante Anzahl an Beratern, Wissenschaftlern, Ärzten, Journalisten und etliche Leute in der Bevölkerung, denen ich mehr “thinking outside the box” zugetraut hätte?

Und tausend Mal ist nichts passiert …

Ein Jahr später. Ich hab die Wohnung verflucht. Nähe zur Innenstadt, super, wenn die Geschäfte und Lokale offen sind, wenn man auf Konzerte gehen kann. Der Augarten war damals geschlossen im Lockdown aus nicht nachvollziehbaren Gründen, ein politisches Scharmützel der ÖVP gegen die SPÖ im langen Wahlkampf vor der Herbstwahl in Wien. Mit den Öffis ins Grüne fahren durfte ich nicht. Nur einmal hab ich es missachtet an einem ruhigen, kalten Sonntag. Kontrolliert wurde ich nicht. Grundsätzlich fürchte ich die Staatsautorität aber zu sehr, um mich bewusst nicht daran zu halten. Ich war neidisch auf alle mit Auto, mit Zweitwohnsitz, mit Wohnung am Stadtrand, mit Dachwohnung oder freier Himmelsicht, mit Wohnung am Land. Alle Vorteile einer Stadtwohnung sind gefallen, die Nachteile geblieben. Der Lärm durch Nachbarn, Verkehr und Baustellen und schlicht, sich über Menschen im Slalom umgehen irgendwohin zu begeben, wo keine Menschen sind. Zwei hab ich es gemacht, mit dem Rad in den 19. Bezirk und zu Fuß weiter, und die lange Fahrt nach Kaltenleutgeben und zu Fuß weiter, auch wenn ich tierisch Angst hatte, dass mein festgekettetes Rad trotzdem gefladert würde. Es ging gut, aber die Fahrt war beschwerlich.

Ein Jahr später, wo ich geglaubt hatte, diese Situation nicht mehr erleben zu müssen, weil selbst unser wie ein Selbstbedienungsladen geführter Staat wohl *etwas* dazu lernen würde, was effektive Maßnahmen beträfe. In meinem humanistischen Weltbild sind Menschenleben mehr Wert als kurzfristige Maßnahmen für die Wirtschaft, die durch monatelange Jojo-Lockdowns verpuffen und die große Insolvenzwelle lediglich hinauszögern – die man weitgehend vermieden hätte mit dem Sinn und Zweck des ersten Lockdowns, vulgo in der Zeit ein massiver Ausbau von Contact Tracing, heimische Produktion von Schutzmaterial (FFP2-Masken!) und mithilfe von Aerosol-Experten spätestens ab Sommer effektive Lüftungskonzepte für Schulen und Arbeitsplätze, um sich auf die von Drosten und Krammer schon im April angekündigte Winterwelle vorzubereiten.

Turns out: Sie haben nichts gemacht, und nichts kapiert. Kurz lässt es relativ kalt, ob 9000 oder 90000 Menschen an Covid versterben oder dauerhaft erkranken, der lässt den ÖBAG-Chef die Heimopferrente deckeln, ließ einen Budgetrahmen von 200 Millionen Euro für die Impfstoffbeschaffung festlegen, ließ kein Mitgefühl erkennen, als er in Österreich geborene Kinder mitten in der Nacht abschieben ließ, wenige Stunden nach dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Kurz ließ am 25. Feber im Interview mit der deutschen (!) BILD-Zeitung ausrichten, dass die dümmsten Kälber die größten Kartoffeln wählen.

„Ich behaupte, würden die Zahlen explosionsartig steigen, dann wäre in der Bevölkerung auch wieder mehr Bereitschaft da und mehr Kraft da, um einen Lockdown mitzutragen, zumindest ist es bei uns so der Fall.“

und die deutsche Talk-Moderatorin Maischberger hatte darauf eine Antwort, die ihm außer Armin Wolf wohl niemand direkt ins Gesicht sagen würde:

„Wenn Sie sagen, ein Lockdown macht keinen Sinn, wenn die Bevölkerung nicht mitmacht, dann könnte man auch sagen, das ist das Eingeständnis eines politischen Scheiterns. Sie können die Menschen nicht mehr überzeugen, Sie haben kapituliert.“

Der Gesundheitsminister klammert sich krampfhaft an die Auslastung der Intensivstationen. Von Inzidenzen als Zielwert wie noch im Jänner spricht keiner mehr. Man dürfe nicht nur auf die Inzidenzen schauen, wiederholen die Landeshauptmänner und -frauen im dümmlichen Einklang. Auch wenn manche jetzt das heroische Dagegenhalten von Anschober beweihräuchern – von seinem Recht, sich gegen die Länder durchzusetzen, macht er aus falsch verstandener Kompromissbereitschaft keinen Gebrauch. Cui bono? Er könnte als Gesundheitsminister in die Geschichte eingehen, der trotz schwerer Versäumnisse in der zweiten Welle noch das Ruder herumreißen konnte und Menschenleben retten. Letzendlich ist die mangelnde Durchsetzungsfähigkeit Teil des Versagens, von den Grünen, von Rendi-Wagner, die Epidemiologin ist, und wider besseren Wissens (Drosten) einen Lockdown mit offenen Schulen forderte. Filzmaier merkte in der letzten “Im Zentrum”-Sendung (28.3.21) an, dass die Regierung anders als im Wahlkampf auch mit jenen Leuten kommunizieren müsste, die sie sonst nicht erreichen (will) – dazu zählen nach aktueller Studie des Österreichischen Integrationsfonds vor allem Migranten.

Triage findet statt

Journalist Sebastian Reinfeldt dokumentiert die Belegung der Intensivbetten in Wien täglich auf seinem Blog. Anekdoten wie Berichte in den Zeitungen (endlich auch im aktuellen FALTER) zeigen, dass die Situation zunehmend in ganz Österreich eskaliert. Anekdoten häufen sich, dass 70jährige trotz schwerer Symptomatik (Atemnot, Schmerzen) nach Hause geschickt werden, um Normalbetten freizumachen. Hasibeder von der ÖGARI warnt in einer Presseaussendung vor massiven Einschränkungen in der Regelversorgung. Das zib2-Interview mit Staudinger sollte jeder gelesen haben. Dass ein Aufenthalt auf einer Covid-Intensivstation kein Wellnessurlaub ist, zeigt auch diese Fotoreportage von tschechischen Intensivstationen.

Statt von Triage reden wir aber lieber von “sehr angespannter” Situation oder “drohender Überlastung” der Intensivstationen. Dabei sind sie längst überlastet und der Regelbetrieb bereits eingeschränkt. Der Ernst der Situation scheint nicht klar genug. Es geht nicht darum, dass man sein blutendes Knie nicht mehr verarzten lassen kann, sondern dass große Tumor- und Herzoperationen verschoben werden müssen, im schlimmsten Fall führt das zu einer verzögerten Sterblichkeit bei Nicht-Covid-Patienten.

Outdoor ist böse, indoor kann man nichts machen

Wo stehen wir jetzt? Der ÖGB verhindert gemeinsam mit Arbeitgebervertretern eine FFP2-Maskenpflicht am Arbeitsplatz, während Bürgermeister Ludwig an mindestens fünf öffentlichen Plätzen eine FFP2-Maskenpflicht im Freien verhängt. Die Logik dahinter versteht kein Mensch – im Gegenteil, man kommt sich gepflanzt vor wie beim ersten Lockdown. Der Arbeitsplatz wird zur infektionsfreien Zone erklärt, während es ganz böse ist, sich mit Freunden draußen mit Abstand zu treffen. Mit Fremden in der Skigondel war natürlich kein Problem, weil der arme Skigebietsbetreiber muss auch Geld verdienen. Fremde darf man draußen treffen, zufällig natürlich. Was es noch absurder macht, weil selbst bei den wenigen Ansteckungen, die draußen passieren, ist es aus Contact Tracing-Sicht leichter, wenn die Infektionskette nachvollziehbar bleibt und nicht an Fremden scheitert.

„So when we talk we make lots of invisible spit-balls that float in the air? And that’s how COVID gets around? It floats around in invisible spit-ball spaceships?

Selbst 8jährige verstehen, wie Aerosolübrertragung funktioniert

Wie schwerwiegend es sein kann, das Thema Aerosole vollkommen zu ignorieren und nur Tröpfcheninfektion in den Vordergrund zu stellen, sieht man daran, dass viele Leute immer noch nicht gneißen, dass man sich auch anstecken kann, wenn eine infektiöse Person gerade den Raum verlassen hat, den man anschließend betritt. Sei es im Aufzug, im Klo, aber auch im ungelüfteten Sozialraum.

“Often people get a false sense of security because if they go into a bathroom & don’t see anyone else, they think they’re safe. But we know aerosols can stay in the room for anywhere from 20 min to 4 hours. It depends on ventilation, & often bathrooms have poor ventilation.

Quelle: Washington Post, Hitting the road? Here’s what to know about rest-stop risks (Paywall)

Wir sollten also darüber reden, wie wir in geschlossenen Räumen das Infektionsrisiko senken können. Dazu gibt es für Schul- und Unterrichtsräume ausgearbeitete Lüftungskonzepte. Genauso sollte man sich Gedanken darüber machen, dass es zwar weitgehend ungefährlich ist, gemeinsam zu wandern oder zu rodeln, aber die Anfahrt dorthin zu fünft im Auto könnte selbst mit Maske ein Problem darstellen. Dabei müsste man das Schiebefenster nur spaltbreit offen lassen. Wir könnten für den Handel darüber reden, dass Standventilatoren den Durchzug erhöhen statt nur Tür oder Fenster offen zu lassen. CO2-Monitore könnten verplichtend in Büro- und Unterrichtsräumen kommen – auch nach Corona ist es ein guter Zeiger für die Qualität der Raumluft und Lüften beugt Konzentrationsschwächen vor. Ja, Lüften kommt hier und da in Empfehlungen vor, aber kurioserweise der Kontext Aerosole meistens nicht. Dabei funktioniert Lüften nur mit einem Windzug, daher auch Ventilation genannt, der die Luft aber nicht im Raum verteilt (Umluft), sondern durch Frischluft ersetzt. Es sind eben diese winzigen Tröpfchen, die im Raum schweben und inhaliert werden können, und nicht (!) nach zwei Metern schon zu Boden fallen.

Wo man sich als vorsichtiger Mensch ansteckt, beschrieb ich an Tag 326 (02.02.). Der häufigste Einwand gegen Aerosole als Hauptübertragungsweg ist die geringere Basis-Reproduktionszahl R0 als bei Masern. Wenn das Virus über die Luft übertragen wird, müsste es dann nicht hochansteckend sein? Das Hauptproblem mit dieser Aussage ist, dass R0 nicht direkt abhängig davon ist, ob eine Krankheit über Aerosole übertragen wird. Der Parameter gibt an, wie viele Menschen durch eine Person infiziert werden können, unabhängig vom Mechanismus der Übertragung. Mit vielen symptomfreien Verläufen ist R0 zudem schwieriger zu bestimmen als bei Infektionskrankheiten, die überwiegend symptomatisch verlaufen.

Fazit: Maskenpflicht im Freien, wo sich viele Menschen nahekommen, ist kein Fehler, aber inkonsequent, wenn es indoor nicht verpflichtend wird, wo das Ansteckungsrisiko IMMER höher sein wird als draußen.

Wie würde ich mich jetzt verhalten?

Machen wir uns nicht vor: Der Lockdown wird den ganzen April dauern müssen, um die Inzidenz dramatisch zu senken. Die nächsten drei Wochen werden hart, denn die Triage ist unvermeidbar. Wir müssen hoffen, dass jetzt keine größeren Unfälle passieren, Zugsunglücke oder Frontalzusammenstöße. Die waghalsige Skitour oder die Arbeiten am Hausdach auf der Leiter sind jetzt keine gute Idee. Deswegen ist es einerseits wichtig, sich die nächsten Wochen defensiv zu verhalten, andererseits auch nicht drinnen zu verkriechen. Denn dass 1 Jahr Pandemie an der Psyche nagen, geht inzwischen den meisten so und es ist legitim, seine Zeit nach einem langen, trüben Winter (vor allem in Ostösterreich) möglichst oft im Freien zu verbringen.

Unabhängig davon, ob der Lockdown nun politisch so lange umgesetzt wird, bis die Inzidenz unter 50 ist, oder zwischendrin aufgehoben wird, weil Hirnfasching im Kopf der Politiker herrscht – kann und sollte man sich weiterhin vorsichtig verhalten, bis die Durchimpfungsrate hoch genug ist.

Im Freien ist immer besser als drinnen. Immer, egal wie ansteckend die Varianten sind. Mit ansteckenderen Varianten wie B117 oder P1 ist es jedenfalls vorsichtiger, auch mit Abstand draußen eine Maske zu tragen – was gerade in der Natur für Pollenallergiker den angenehmen Nebeneffekt hat, seine Atemwege zu schonen.

Ich werd jedenfalls versuchen, mich die nächsten Tage viel zu bewegen, ohne übermütig zu werden – nachdem aber wie im Vorjahr mein genehmigter Urlaub zur Gänze vom Lockdown gefressen wird, möchte ich ihn wenigstens in der Natur verbringen.

PS: Die Verordnung für Wien ist veröffentlicht – die FFP2-Maskenpflicht am Donaukanal gilt auch für Radfahrer.

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