Tag 377: Aerosole, B.1.1.7 und Triage

Die Outdoor-Saison beginnt …. mit begrenzter Mobilitiät

Krisensituation, mal wieder. Eskalation am 24.10. (Tag 227), Fahrplan in die Hölle am 04.12. (Tag 266) und mit Anlauf in die dritte Welle am 04.03. (Tag 354). Die Situation ist jetzt speziell im Osten, aber auch zunehmend in den anderen Bundesländern richtig ernst. Ansteckerendes Virus, mehr symptomatische Verläufe auch bei jüngeren Menschen und schwerere Verläufe obendrauf. Die Spitäler sind voll, Staudinger wirkte gestern in der zib2 sehr ernst und angeschlagen (Transkript). Die beschlossene Osterruhe, wie der halbherzige Lockdown beschönigend genannt wird, kommt zu spät und dauert zu kurz. Es ist allen Experten klar, dass er viel länger dauern muss – nicht sechs Tage, sondern eher sechs Wochen. Jetzt ist es zu spät zu handeln, wir werden in Wien Szenen wie in London zum Jahreswechsel erleben. Triage, lange Wartezeiten von Rettungswägen vor den überfüllten Ambulanzen. Kollateraltote durch verschobene Herz- und Tumoroperationen. Vieles wird sich erst später zeigen und in keiner COVID-Statistik sichtbar.

Das Rezept für den Ausweg aus dem Lockdown und der Minderversorgung durch das Gesundheitssystem habe ich im letzten Blogeintrag beschrieben.

Die aktuelle Prioritätenreihung erinnert mich an den März 2020. Gestern Abend fuhr ich am Donaukanal vorbei und malte mir bereits aus, wer sich über die Menschenansammlungen beklagen würde, und wer die Szenarie so fotografieren würde, dass es nach besonders dicht gedrängten Menschen aussähe. Eine Stunde später wurde ich bereits auf Twitter fündig. Ja, sie saßen eng zusammen und viel Platz war nicht zwischen den Spaziergängern. Mir persönlich wäre das zu eng gewesen. Ich fuhr zum Glück auf der anderen Seite vom Kanal mit dem Rad (Slalom). Es ging allerdings ein böiger Ostwind und zerstob die Aerosolwolken. Ist man draußen vor Ansteckung sicher? Nein. Ist es draußen besser als drinnen? Ja sicher! Ist so ein Verhalten klug? Mehr Abstand wäre sicherlich besser. Entstehen große Cluster? Wahrscheinlich nicht. Was nun? “Pandemic shaming” ist kontraproduktiv.

Was fehlt, ist Aufklärung …

1 Jahr Desinformation

Aufklärung in Österreich in einem Bild

Gegen diese Übermacht an Desinformation und Verharmlosung ist wenig auszurichten. Stellvertretend für das Grundproblem in Österreich ist der gut gemeinte “Stadt Wien Podcast”. Warum gut gemeint? Die Folgen sind nicht überlang, es werden Experten angekündigt. Das Problem ist, dass die interviewten Experten nicht kritisch hinterfragt werden können – da wäre z.B. ein Wissenschaftsjournalist mit Schwerpunkt Biologie eher in der Lage, getroffene Aussagen im Kontext vorhandener Forschungserkenntnisse einzuordnen.

Ein paar ausgewählte Beispiele aus den Interviews mit Epidemiologin Schernhammer, Hygienikerin Suchomel und Virologin Redlberger-Fritz.

  1. Epidemiologin Schernhammer (11. März 2021)

“Die britische Variante B.1.1.7 ist vor allem infektiöser […], aber abgesehen davon hat diese britische Variante keinen nennenswerten Einfluss auf Verlauf der Erkrankung, den Schweregrad oder auch die Case Fatality Rate (CFR). Insofern ist diese Variante einfach insofern lästig, dass man versuchen muss, noch mehr Maßnahmen zu setzen, bevor man dann endlich eine Impfung hat, um diese Infektion nicht überhand gewinnen zu lassen, im Sinne von, dass immer mehr Menschen infiziert werden. Aber ansonsten ist der Verlauf der, den wir kennen, da hat sich nichts geändert.”

Es ist mir unerklärlich, wie die Epidemiologin ruhig und selbstsicher verkündet, dass B.1.1.7 keine schwereren Verläufe verursachen würde. Gegenteiliges erfuhr man im NERVTAG-Update am 11. Februar (UK), aus Israel und aus Dänemark am 25. Februar, Bager et al. (02. März), Challen et al. (10. März). Sofern das Interview nicht im Jänner aufgezeichnet wurde, hätte Schernhammer davon lesen müssen.

Schernhammer glaubte außerdem auch, dass der bestehende Lockdown die Ausbreitung der Mutationen gedämpft hätte und wir wegen der vielen Tests den status quo erhalten hätten können und gut über den Frühling gekommen wären, während Virologen wie Drosten bereits davor warnten, dass man sich aus der Pandemie nicht “freitesten” könnte (wie es auch der angrenzenden Slowakei misslang).

2. Hygienikerin Miranda Suchomel (16. März 2021)

Viel über FFP2-Masken, Desinfektion von Oberflächen, Händewaschen, aber leider (wieder) nichts über Aerosole, über Lüftungskonzepte, über CO2-Monitoring in Innenräumen, Luftfilter oder Tipps, wie man die Durchlüftung beschleunigen kann (Standventilatoren bei offenen Türen/Fenster), bzw. dass man sich auch anstecken kann, wenn man alleine im Raum ist (Toiletten, Aufzug).

3. Virologin Redlberger-Fritz (23. März 2021)

Die Virologin sagt, dass Kinder nicht Indexfall großer Superspreader-Events wären, und zwar nicht wegen der geringeren Viruslast, sonern weil kleine Kinder bis auf ihre engsten Bezugspersonen weniger Sozialkontakte hätten als ältere Kinder mit großem Freundeskreis. Was hier ungenannt blieb: Rolle der Kindergärten und Volksschulen (ohne Masken). Die Virologin glaubte nicht, dass sich die Lage bis Herbst verschlimmern würde, weil Kinder nur Teil der Infektionsketten und nicht Ausgangspunkt wären. [Lesenswert dazu: Hyde, 2021]. Als Hauptansteckungsweg nannte sie respiratorische Tröpfchen, die nicht sehr weit fliegen würden [widerlegt: Aerosole legen mehrere Meter Entfernung zurück].

“Die Varianten haben für Kinder jetzt keinen Einfluss”

Das hat mich ziemlich irritiert, weil durch B117 klarerweise mehr mehr Kinder als vorher infiziert werden, z.B. Day (2021), siehe dazu diese Meldung aus Dänemark sowie Rasmussen (20.03.21) und Volz et al. (04.01.21), wo vermutete wurde, dass die Verlagerung zu jüngeren Altersgruppen an der erhöhten Übertragbarkeit, besseren Empfänglichkeit oder häufigeren Symptomen (mehr Tests) liegen kann.

Höhere Secondary Attack Rates bei B.1.17 in allen Altersgruppen

Hier wurde sogar eine Second Attack Rate von annähernd 100% im Haushalt angedeutet, was sich mit der zahlreichen anekdotischen Evidenz aus anderen Ländern deckt, dass “ganze Familien jetzt mit dem Virus flachen liegen würden”. Ich kann mich auch an ähnlich lautende Berichte aus England noch im Dezember erinnern. Das erscheint deswegen logisch, weil das Virus besser an die ACE2-Rezeptoren anbinden kann. Kinder haben davon zwar weniger, aber ein besser angepasstes Virus kann leichter in die Zellen eindringen.

“This variant is up to 70% more transmissible. Doctors report treating whole families together, compared to last year when some people in a household would be ill and others not.”

Irland, 21. März 2021

Zusammenfassung:

Hier geht es um drei Kernaussagen zur Pandemie-Situation. In allen Fällen existiert bereits reichlich Literatur (hunderte Artikel), die die getroffenen Aussagen widerlegen oder – im Fall von Suchomel – um einen bedeutenden Faktor (Aerosole!) erweitern.

Ich will das an einem Beispiel festmachen: Wären es wirklich nur die Tröpfchen, müsste man die Maske nicht dicht tragen, denn relevant wären nur die größeren Sekretteilchen, die in der Maske hängen bleiben. Dann hätten auch einfache Masken genügt. Tatsächlich spielen aber die Aerosole die entscheidende Rolle, die seitlich von den Masken in die Umgebungsluft entweichen. Oder über die Nase nach oben steigen. Daher ist nicht nur eine gut filternde Maske sinnvoll als Eigenschutz, sondern dicht sitzen sollte sie auch für den Fremdschutz. Nur Aerosole erklären Superspreader-Events mit hohen Ansteckungsraten.

Wie sieht es jetzt mit dem Donaukanal aus? Im Freien ist die Ansteckungsgefahr deutlich geringer als in Innenräumen. Sie ist nicht Null – einzelne Ansteckungen können auch passieren, wenn man sich mit einer infizierten Person im Freien länger unterhält und dabei nicht genug Abstand hält. Böiger (Seiten-)Wind verdunstet und zerstäubt die Aerosolwolken rascher als gleichmäßig schwacher Wind.

Schematische Skizze von Milton (2020) zur Infektion mit Tröpfchen (ballistic drops) und Aerosolen (lungengängige Aerosole < 2.5-5μm, thoraxgängige Aerosole 10-15μm und einatembare Aerosole < 100μm)

Die ballistischen Tröpfchen, jene respiratorische Tröpfchen, die Redlberger-Fritz gemeint hat, spielen nur eine geringere Rolle, weil sie *zufällig* auf die Schleimhäute (Augen, Mund) treffen müssten, während die viel winzigeren Aerosole leichter eingeatmet werden können. Die kleinsten Aerosole sind am gefährlichsten, weil sie bis ins Lungengewebe eindringen können. Zusätzlich kann man sich auch über den Speichel von asymptomatischen Personen infizieren. Das heißt für den Donaukanal: Auch im Freien mehr Abstand halten und Maske tragen, wenn es eng wird. Damit können die jungen Menschen weiterhin draußen bleiben, gefährden sich aber nicht gegenseitig. Das gilt natürlich nicht nur für den Donaukanal, sondern überall an belebten Plätzen.

Die beiden anderen Aussagen betreffen grad ganz wesentliche Gründe, weshalb die Spitäler jetzt kollabieren und das nicht nur im Osten, sondern in der Folge auch in den restlichen Bundesländern. B.1.1.7. sorgt insgesamt bei jüngeren häufiger für schwere Verläufe. Die Zeit von den ersten Symptomen bis zur intensivmedizinischen Behandlung hat sich verkürzt. Warum wird darüber nicht in einem Ausmaß berichtet, das dem Ernst der Lage angemessen ist – mit Sondersendungen rund um die Uhr? Zur Abwechslung mal echte Info?

Kinder infizieren sich ebenfalls häufiger, was sich in der deutlich gestiegenen Secondary Attack Rate widerspiegelt. Damit sind auch die Eltern in größerem Ausmaß gefährdet als noch beim Wildtyp. Das sollte ebenso breit kommunziert werden – und sowohl Kindergarten- als als auch Unterrichtspflicht aussetzen, damit jene, die ihr Kind zuhause lassen können, dies tun. Je ausgedünnter die Klassen, desto besser – zusätzlich zu den notwendigen Lüftungskonzepten.

Deswegen ist eine klare wissenschaftlich fundierte Kommunikation wichtig, sonst passiert das, was jetzt beobachtet wird – der Eindruck entsteht, verfestigt sich, dass die Leute das Virus nicht ernst genug nehmen. Wie sollten sie, wenn seit Beginn der Pandemie nie (!) fact-based kommunziert wurde? Die AGES hat dabei einen Löwenanteil zu verantworten.

Unklar ist noch, ob sich der ohnehin hohe Anteil (20-30%) an LongCOVID-Patienten noch erhöhen wird mit den Varianten. Jedenfalls kein Grund, sich entspannt zurückzulehnen, sobald die Intensivstationen wieder “Platz genug” haben.

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