Tag 597: Kommt im Herbst erneut Triage?

Da schaust nur noch deppat …

Täglich überbietet man sich sich mit abstrusem Stumpfsinn. Die hohen Infektionszahlen führen zu einer roten Corona-Ampel, na dann schaffen wir doch die Ampel lieber ab, fordern Hoteliers, nachdem es zu vermehrten Stornierungen kommt. Warum soll man Kindergartenkinder testen, wenn die Inzidenz in dieser Altersgruppe ohnehin niedrig wäre? Das denkt die Stadt München.

Österreich hat heute den zweiten Tag in Folge über 6000 Neuinfektionen – die meisten davon (1800) in Oberösterreich. Jetzt kommen aber nur halbherzige Maßnahmen, die aber dennoch dafür sorgen, dass die Impfquote gesteigert wird. Erst durch die Ankündigung von 3G am Arbeitsplatz, jetzt 2,5G am Arbeitsplatz, also verpflichtende PCR-Tests. Die sind noch schwieriger zu bekommen als Antigentests – auch das dürfte den Ansturm auf die Impfstraßen und Impfärzte verstärken. Ja, jetzt lassen sich Impfärzten zufolge tatsächlich nochmal Unentschlossene überzeugen, weil die Bequemlichkeit weggefallen ist, sich nur bei Bedarf testen lassen zu müssen.

Um die vierte Welle abzuflachen, kommen die Erstimpfungen allerdings zu spät, ganz zu schweigen von den Zweitimpfungen, deren Impfschutz erst Mitte Dezember schlagend wird. Bis dahin sind wir bereits in der vollen Triage. Es war aber auch schon seit Moore et al. (03/2021) klar, dass die Impfung alleine die Pandemie nicht mehr besiegen würde, und mit Liu et al. (07/2021), dass man die Kinder und Jugendlichen für das Erreichen einer Herdenimmunität benötigt. Das heißt mit anderen Worten – wir brauchen die klassischen Werkzeuge der Pandemiebekämpfung auf unbestimmte Zeit weiter: Non-Pharmazeutical Interventions (NPIs) wie Masken, Tests, Lüftungsmaßnahmen und Quarantänemaßnahmen). Das wollen die Sparfuchs-Regierungen nicht wahrhaben, sie dachten, man könnte mit der Impfung auf alle anderen Käsescheiben verzichten. Und weil das halt nicht geht, laufen wir jetzt in die Katastrophe.

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Tag 596: Das Weltgesundheitsnetzwerk: eine globale Bürger-Initiative

Übersetzung des Papers Bar-Yam et al. (30.10.21) – von mir mitunterzeichnet (siehe Anhang)

kursiv zusätzliche Erläuterungen

Die COVID-19-Pandemie hat mehr als 4 Millionen Leben gekostet, Millionen Menschen mit anhaltenden Symptomen (das heißt, LongCOVID) zurückgelassen und die Gesellschaft zugrunde gerichtet, dabei wurden die bereits benachteiligten Gruppen am stärksten getroffen. Die Tragik dahinter ist, dass viel vom erlittenen Schaden vermieden hätte werden können, wie frühzeitig von vielen asiatisch-pazifischen Ländern gezeigt wurde, die einen Eliminationskurs bei Covid19 gefahren sind, und sowohl die Öffentliche Gesundheit als auch die Wirtschaft geschützt haben. Der Rest der Welt kann immer noch auf eine Elimination hinarbeiten. Das Weltgesundheitsnetzwerk (WHN) ist eine Vereinigung von Bürgern und Experten, die sich zu einem globalen Vorgehen bekennen, um die Öffentliche Gesundheit durch fortschreitende Elimination von COVID-19 zu schützen.

Elimination bedeutet, die Fälle auf signifikant niedrige Zahlen herunterzudrücken, sodass keine Community Transmission (clusterübergreifende Übertragungsketten) über längere Zeit stattfinden kann. Ausbrüche können auftreten, werden aber rasch erkannt und kontrolliert. Trotz des offenkundigen Erfolgs dieser Strategie lehnen sie viele Regierungen gänzlich ab, und nach wiederholten Lockdowns und beträchtlichen Verlusten an Leben und in der Wirtschaft sprechen diese Regierungen nun davon, dass wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben. Viele Reaktionen der Regierungen wurden durch falsche Dichotomien (Gegensätzlichkeiten) geprägt, die Öffentliche Gesundheit gegen die Wirtschaft und Gemeinwohl gegen individuelle Freiheit ausspielten. Wirksame Gegenmaßnahmen wurden behindert durch Interessensgruppen, weit verbreitete und organisierte Desinformation, Denken in kurzen Zeiträumen und dem Widerstand gegen wichtige Fakten, einschließlich Übertragung über die Luft, die Rolle der Kinder und Schulen bei der Übertragung, und der Bedeutung der Gesichtsmasken und Lüftung.

Exzeptionalismus (das heißt, der Glaube, dass die Ergebnisse von ähnlichen Maßnahmen in einem bestimmten Kontext irgendwie verschieden sein würden), die Weigerung, aus den Erfahrungen anderer Länder zu lernen, und das Versagen, das Vorsichtsprinzip anzuwenden (das heißt, proaktiv handeln, um angesichts der Ungewissheit Schaden vorzubeugen, wie der Verwendung von Masken, um die Ausbreitung eines luftgestützten Erregers zu verhindern) führten zu denselben vermeidbaren Fehlern, die in verschiedenen Ländern wiederholt wurden. Selbst die Ankunft der wirksamen Impfstoffe, die traditionellerweise die Grundlage für Elimination sind, haben die Denkweise vieler Regierungen nicht verändert, dass anhaltende Community Transmission mit unvermeidbaren Folgen von Tod und Behinderung für viele Menschen akzeptiert werden sollten. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass durch das alleinige Vertrauen auf die Impfung als Hauptstrategie gegen die Pandemie, ohne die Übertragung zu kontrollieren, gefährliche Fluchtvarianten entstehen können.

Eine effektive weltweite Strategie gefordert – mit Solidarität und kollektiven Handlungen auf individueller, lokaler, nationaler und internationaler Ebene, um Covid19 fortschreitend zu eliminieren. Diese umfassende Richtungsänderung von einer Strategie des „mit dem Virus leben müssen“ zu einer globalen fortschreitenden Elimination wird die Beteiligung von Bürgern mit unterschiedlicher Expertise erfordern, einschließlich Wissenschaftler, Journalisten, Pflegekräfte, Pädagogen, Juristen, Ethiker, Menschenrechtsgruppen und Menschen mit Erfahrung mit Covid19 aus erster Hand. Um diese Bedürfnisse zu erfüllen, haben wir das WHN ins Leben gerufen: eine internationale Basisinitiative.

Das WHN beinhaltet unabhängige Berater- und Einsatz-Teams und bürgerliche Handlungsinitiativen (siehe Anhang). Seit dem vergangenen Jahr haben unsere Mitglieder erfolgreich Eliminierungsanstrengungen in zahlreichen Ländern angeführt, Regierungen und Institutionen beraten, zugängliche Datenanalyseplattforms entwickelt (z.b. die End Coronavirus platform), sich für vorbeugende Lüftungsmaßnahmen und sichere Schulen eingesetzt, Dokumente mit wissenschaftlichem Konsens produziert und sich in der öffentlichen Kommunikation und auf Gemeinschaftsbasis engagiert, um die Gesundheit des Einzelnen, aber auch der Gemeinschaft zu fördern. Am 14. und 15. Juli 2021 hielten wir einen Global Summit to End Pandemics virtuell ab, wo 70 interdisziplinäre und internationale Teams und über 300 Wissenschaftler und andere Fürsprecher miteinander in Verbindung traten.

Unser Ziel ist die Elimination, indem wir …

  • exakte wissenschaftliche Beweise und Richtlinien zusammentragen
  • Erfahrungen und Expertise zwischen den Ländern teilen
  • internationale Strategien und Handlungen koordinieren
  • bürgerliche Aktionen stärken, um die Öffentliche Gesundheit zu verbessern, die Durchimpfung zu unterstützen und die Maßnahmen mitzugestalten
  • die Rolle der Ungleichheit, Ungerechtigkeit und soziale Ausgrenzung in der Gesundheit anzusprechen
  • für Verteilungsgerechtigkeit bei Impfungen zu werben
  • und Desinformation, Nationalismus und Exzeptionalismus anzufechten.

Das WHN ist eine Bürgerinitiative, die gleichgesinnte Experten und leidenschaftliche Fürsprecher für Öffentliche Gesundheit zusammenbringt. Sie ist unabhängig von jeglicher politischen Institution oder Regierung. Sie wird von Mitgefühl, wissenschaftlicher Gründlichkeit, Transparenz, sozialer Gerechtigkeit und Wert des Lebens getragen, die bei vielen Pandemiestrategien abwesend war.

Die Herausforderungen, denen die Welt gegenübersteht, sind entmutigend, doch glauben wir, dass diese Bewegung dabei helfen wird, SARS-CoV2 fortschreitend zu eliminieren, widerstandsfähigere und fairere Systeme zu bauen als derzeit existieren, um die Gesundheit von allen zu erhalten, und globale Herausforderungen abseits von Covid19 in Angriff zu nehmen, einschließlich struktureller Ungleichheiten und Klimawandel.

Schließ Dich uns an, um zu dieser globalen Gemeinschaft beizutragen.

Tag 590: 5-Stufen-Plan – warten, bis das Haus in Vollbrand steht, bevor man mit Gießkannen anrückt

Eran Segal, Genetiker am Weizmann Institut, Israel

Verkündeter Stufenplan bei der Pressekonferenz am 22.Oktober 2021, 22.30 Uhr – mit Stand 23. Oktober 2021 sind 220 Intensivbetten belegt.

In der Schweiz wurde der 3-Phasen-Plan von der Wirtschaft ausgearbeitet, in Österreich vielleicht ähnlich?

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Tag 588: Eskalation der vierten Welle

Im Baltikum, in Großbritannien und in Rumänien eskalieren die Inzidenzen. Rumänien erlebt sein persönliches Bergamo mit harter Triage. Österreich liegt noch vor Russland. Dänemark hat bei 75% Impfquote alles geöffnet – 25% der Neuinfektionen sind Schulkinder.

Wir erleben ein déjà-vu vom Vorjahr. Dieses Mal kann niemand sagen, dass wir es nicht gewusst hätten. Wir haben ein Jahr lang Zeit gehabt, die Fehler aus dem Pandemiemanagement zu analysieren, die zur dramatischen zweiten Welle geführt haben. Wir hätten die Daten transparenter gestalten können, besser verknüpfen, das Contact Tracing verbessern, eine Richtlinienkompetenz für den Gesundheitsminister, um den Förderalismus auszuhebeln.

Wir hätten auf Aerosolwissenschaftler, Intensivmediziner und jene Expertinnen und Experten hören können, die von Beginn an richtig lagen. Es hätte längst verpflichtend CO2-Ampeln im öffentlichen Raum gegeben, generelle FFP2-Maskenpflicht indoor und Luftreiniger in den Klassenzimmern. Homeoffice wäre gesetzlich verankert worden und ArbeitnehmerInnen, die einer Risikogruppe angehören, hätten nicht mehr um Regelungen betteln müssen, die sie schützen.

Es hätte zumindest den Versuch gegeben, LongCOVID in der Bevölkerung statistisch zu erfassen – sei es über Langzeitkrankenstände nach einer Covid19-Infektion, über einzelne prävalente Symptome wie Geruchs/Geschmacksverlust, ausgeprägte Fatigue oder spezielle Symptome wie POTS. Wir wären aufgrund der Versäumnisse am Beginn der zweiten Welle von der Verknüpfung von Maßnahmen und Intensivbetten-Inzidenz abgekommen und hätten uns wieder an die Inzidenz als alleinigen Richtwert gehalten, um LongCOVID zu berücksichtigen.

Unsere Impfquote dümpelt bei knapp über 60%. Darin sind die mit Johnson & Johnson einfach geimpfte Personen enthalten, die nach allen vorliegenden Daten das höchste Risiko aller Impfstoffe für Impfdurchbrüche haben. Es inkludiert auch die ältere Bevölkerung, deren Impfschutz nach 5-6 Monaten bereits wieder deutlich nachlässt – die sich aber großteils selbst um die dritte Teilimpfung kümmern müssen. Es inkludiert mehrere hunderttausend Menschen, die wegen Immunsuppression oder angeborenem Immundefekt keine Antikörper aufbauen können. Und es inkludiert – indirekt – eine signifikante Zahl an Vollgeimpften, die glauben, die Pandemie sei für sie tatsächlich vorbei und sich bewusst oder unbewusst in Situationen mit hoher Viruslast geben, und dann wundern, dass der Impfdurchbruch sich ähnlich heftig wie eine schwere Grippe manifestiert – und in manchen Fällen auch zu Long COVID trotz Impfung führt. Dazu zählen leider auch viele Eltern, die sich bei ihren Kindern anstecken und nichts dagegen machen können. Die gesellschaftlich relevante reale Impfquote wird also eher deutlich unter 50% liegen – von Herdenimmunität sind wir damit weit entfernt und es kommt wenig überraschend wieder zu starken Anstiegen samt prekärer Situation im Gesundheitswesen – verschärft durch Pflege- und Ärztemangel, die aufgrund der vorangegangenen Wellen psychisch oder körperlich nicht mehr durchhalten könnten.

Von gestern auf heute wurden in der EMS-Morgenmeldung 3902 neue Fälle erfasst – fast eine Verdopplung in einer Woche. Schöne neue Welt.

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Tag 584: Wie man mit Impfskeptikern im Freundes- und Familienkreis umgeht

Goldener Oktober

Übersetzung nach Renee Liang, Kinderärztin in Neuseeland (rot Ergänzungen von mir)

Man braucht kein extra Wissen über COVID, man muss kein Arzt oder Wissenschaftler sein. Es reicht aus, eine Person zu sein, die den Gesprächspartner kennt und sich um ihn kümmert. Es läuft im wesentlich auf Zugang suchen, Mitgefühl und Engagement hinaus – und das Wort „Schutz“ gehört zu den Dingen, die man braucht.

Diese Gespräche können jedoch kraftraubend sein, also sollte man sich nur engagieren, wenn man die Energie dafür hat – und wenn man sich genug für die Person interessiert, um sich auf sie einzulassen. Es ist in Ordnung, manchmal nicht die Energie dafür zu haben.

Hier sind die Schritte: Es sind nur wenige und sie sind recht einfach:

Stelle fest, ob die Person a) Lust hat, b) impfskeptisch oder c) völlig gegen Impfung ist.

Wenn sie die Impfung grundsätzlich wollen, dann schau, ob Du ihnen dabei helfen kannst, die Impfung zu bekommen, das heißt Fahrgelegenheit, Unterstützung während der Impfung, etc.

Wenn sie zögerlich sind (das ist die Mehrheit der Ungeimpften), nutze Deine Verbindung zu ihnen, um zu sehen, ob sie über ihre Gründe sprechen wollen. Vielleicht haben sie Angst, weil sie etwas gehört haben, vielleicht haben sie ein gesundheitliches Problem (z.B. Allergien) und befürchten, dass es dadurch noch schlimmer wird. Vielleicht sind sie in einer Facebook- oder Whatsapp-Gruppe, wo jemand Furcht und Desinformation schürt. Doch Du bist ihr Freund/Angehörige/r, und indem Du offene, nicht wertende Fragen stellst, mitfühlend bist und sie zum Reden bringst, kann Du ihnen dabei helfen, die Sache klarer zu sehen.

Wenn sie entschieden dagegen sind, baue keinen zusätzlichen Druck auf. Verbinde Dich über die anderen Dinge, die ihr beide liebt. Lass sie wissen, dass Du anderer Meinung bist, aber dass es nicht die anderen Gründe betrifft, weswegen Du sie liebst. Halte die Freundschaft offen für das nächste Mal, wo ihr redet.

Bei den Impfskeptikern kann man durch Interesse, Mitgefühl und Engagement zeigen Freunde noch von der Impfung überzeugen. Ein Gespräch alleine könnte dazu nicht ausreichen, aber es ist möglich. Hier kommt das magische Wort ‚Schutz‘ hinein: Jemand, der viel Zeit damit verbracht hat, sich in Ängsten und Fehlinformationen zu baden, kann in seinen Ansichten sehr festgefahren sein. Wenn man ihre Ansichten anzweifelt, führt dies zur kognitiven Dissonanz (die ihr Selbstgefühl bedroht), was ihren Widerstand wahrscheinlich intensiviert. Stelle also Desinformation und Ängste nicht direkt in Zweifel. Konzentrier Dich darauf, warum sie die Impfung wählen könnten: Schutz. Schutz für sie selbst, für ihre Kinder und Ältere. Schutz für die Gemeinschaft. Schutz für das Land und den Lebensweg, und für alles, was das Leben lebenswert macht.

Wenn Du jedoch spürst, dass sie die Desinformation noch nicht akzeptiert haben und lediglich nach mehr Wissen suchen, kannst Du ihnen helfen, auf genaue Informationen zuzugreifen – z.B. auf diese gut gemachte Covid19-Seite aus Neuseeland, die anders als in vielen europäischen Ländern auch das passende Motto dazu schreibt: „Unite against Covid19“ (Vereint gegen Covid19).

Weitere Beispiele:

Manche Impfskeptiker sind auch unschlüssig, weil ihre Nutzen-Risiken-Abschätzung auf falschen Ausgangsdaten beruht. Darum sollte man weiterhin intensiv über schwere unmittelbare Folgen der Covid19-Erkrankung (Atemnot, Sauerstoffmangel, irreparable Lungen-, Herz- und Gehirnschäden, Thrombosen) sowie Long COVID aufklären, deren Folgen jene der Impfung bei weitem, in Häufigkeit und Schwere überwiegen (mehr Infos hier im Blog).

Wenn sie durch ihre medizinische Vorgeschichte oder Reaktion auf frühere Impfungen beunruhigt sind, sollte man sie dazu ermutigen, das Gespräch mit ihrem Hausarzt zu suchen. Prüfe, ob Zugangsbarrieren zu überwinden sind. Nur sehr wenige Reaktionen bzw. Grunderkrankungen schließen eine Impfung aus, doch manche sollten die Impfung beim Hausarzt oder im Krankenhaus erhalten.

Sobald man Informationen oder Unterstützung bereitgestellt hat, sollte man nachhaken, wie sie sich jetzt fühlen. Brauchen sie noch mehr Hilfe? Wie denken sie jetzt darüber, sich und andere zu schützen? Es ist erstaunlich, aber oft reicht es, mit jemandem darüber reden zu können, um den Teufelskreislauf aus Angst und Fehlinformation zu brechen.

Du kannst den Unterschied machen!

Tag 581: Aerosol-Übertragung und LongCOVID müssen bekannter werden

“Droplets on surfaces is very convenient for people in power – all of the responsibility is on the individual. On the other hand, if you admit it is airborne, institutions, governments and companies have to do something.” (Jose-Luis Jimenez, Chemieprofessor, Aerosol-Experte)

Die Wissenschaft hat ihre Pflicht erfüllt. Wir kennen die effektiven Werkzeuge, um die Virusausbreitung einzudämmen, und wissen um die Gefährlichkeit des Virus, dass ein Durchlaufenlassen der Infektion bei den jüngeren Altersgruppen fatale Folgen haben kann – selbst wenn die Infektion zunächst kaum spürbar ist. Dennoch sind erst 61,5% der Bevölkerung in Österreich vollimmunisiert – und nicht einmal diese Bezeichnung ist streng genommen zutreffend. Die Innenpolitik ist momentan leider zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, als sich darum zu kümmern, die Impfquote dramatisch zu steigern, geschweige denn die Bevölkerung aufzurufen, sich mit Beginn der kälteren Jahreszeit risikobewusst und zurückhaltend zu verhalten. Man könnte zudem den Eindruck gewinnen, dass den meisten Eltern derzeit egal wäre, dass ihre Kinder nun durchseucht würden, obwohl die rettende Impfung nur noch wenige Wochen entfernt ist (und offlabel bereits praktiziert wird). Diese Auffassung wäre aber überaus zynisch, denn die meisten Eltern wurden nicht über die mögliche Gefahren einer Infektion aufgeklärt – selbst wenn sie zuerst harmlos verläuft.

Wie geht es die nächsten Jahre weiter? Geben wir uns dauerhaft mit unter 70% Impfquote zufrieden? Wollen wir dauerhaft ein überbelastetes Gesundheitssystem, das in den ruhigeren Phasen Operationen und wichtige Untersuchungen nachholen muss, und wo die Haus- und Fachärzte durch LongCOVID-Patienten in den Burnout getrieben werden? Derzeit gibt es in ganz Österreich zwei FachärztInnen für MECFS/LongCOVID. Wir werden die Masken übrigens so lange weitertragen müssen, solange das Virus mit signifikanten Inzidenzen zirkuliert – insbesondere wenn mit dennoch florierendem Tourismus auch Influenzaviren und andere Infektionskrankheiten eingeschleppt werden, was zu einer Doppelt- und Mehrfachbelastung der Spitäler führt – wie aktuell durch die RSV-Welle bei den Kindern. Und wir leben auf Monate und Jahre mit der Gefahr von Fluchtvarianten, die den Immunschutz noch besser umgehen können als derzeit die bei uns dominante Virusvariante DELTA.

Ich weiß, es sind alle im Umfeld schon so genervt. Sie sind genervt vom Masken tragen, genervt vom zusätzlichen Testen trotz Impfung, genervt von abgesagten Veranstaltungen, genervt von der Quarantäne ihrer Kinder, und jetzt nervt man sie schon wieder, weil zwei Teilimpfungen eine dritte nach sich ziehen. Das hört ja nie auf! Ja, selbst schuld… und das meint eher das königliche Selbst, genauer gesagt das Regierungsselbst. Long COVID wird bis heute unter den Teppich gekehrt, wenn das Prognosekonsortium die Überlastung der Spitäler berechnen soll. Dabei hat Long COVID neben den gesundheitlichen Folgen auch dramatische Auswirkungen auf wirtschaftliche Kosten, wie hier am Beispiel Australien gezeigt wird. Und bis heute fehlt die Anerkennung der Aerosol-Übertragung als dominante Route für SARS-CoV-2 (und andere Infektionskrankheiten inklusive Influenza!). Damit laufen wir diesen Winter Gefahr, die gleichen Fehler wie im Vorjahr zu machen – mit einer Virusvariante, die 1000x mehr Viruslast erzeugt als der Wildtyp.

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Tag 576: Pandemiemanagement unter korrupter Führung

Grob skizziert: Kurz hat sich mit seinen Anhängern innerhalb der ÖVP an die Macht geputscht, indem sie die SPÖ-ÖVP-Koalition mit Kanzler Kern (SPÖ) und Vizekanzler Mitterlehner (ÖVP) mithilfe gekaufter Berichterstattung und genehmer Meinungsumfragen sabotiert haben. Im Anschluss kam die ÖVP-FPÖ-Regierung, die mit dem Ibiza-Skandal endete. Darin wurde Strache und Gudenus (beide FPÖ) eine Falle gestellt mit einer falschen Oligarchin, die beiden das entlockte, was die ÖVP schon vorher umgesetzt hatten. Im Ibiza-Video ging es um Phantasien, hier geht es um konkrete strafbare Handlungen.

Der Skandal um die ÖVP wird gerade in allen Tageszeitungen aufgearbeitet, eine Auswahl:

Ganz zu schweigen von der internationalen Presse (leider vielfach hinter der Paywall verborgen, wie beim SPIEGEL oder FINANCIAL TIMES). Die Grünen haben Kurz bereits ihr Misstrauen ausgesprochen. Es wird erwartet, dass beim Misstrauensantrag am Dienstag gegen Kurz alle anderen Parlamentsparteien mitstimmen werden. Würden die Grünen trotz klarer Aussagen dagegen stimmen, wäre das politischer Selbstmord.

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Tag 573: Covid19 wird nicht zum Schnupfen

Salzburg – Heimat des Senders ServusTV, der Covidleugnern immer wieder eine Bühne bietet

In einem Paralleluniversum hätten die wohlhabenden Industrieländer ZeroCovid fortgesetzt, nachdem sie in der ersten Welle damit recht erfolgreich waren. In den ärmeren Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens existieren häufig Seuchenpläne und die Bevölkerung weiß, was zu tun ist. Sie hätte man natürlich dabei unterstützen können. Das Virus wäre bewältigbar geblieben, die Infektionszahlen klein und das Risiko einer Variante wie DELTA eher gering. Die WHO hätte dabei eine führende Rolle übernehmen müssen. Sie hat zu spät eine PHEIC (Public Health Emergency of International Concern) ausgerufen, als China bereits 1400 offizielle Fälle hatte. Sie haben zu lange gebraucht, um Aerosol-Übertragung anzuerkennen, weil unter ihnen zwar viele Handhygienefetischisten sitzen, aber keine Aerosol-Experten. Auch bei den Masken kam von ihnen und dem ECDC Widersprüchliches. Europäische Regierungspolitiker wollen großteils lieber die Masken loswerden als das Virus. Dicht sitzende und gut filternde Masken tragen wird als Bestrafung kommuniziert, nicht als effektiver Eigen- und Fremdschutz. Mit Maske und Lüften – und dem grundsätzlichen Konzept dahinter, Sozialkontakte im Freien zu treffen statt in Innenräumen, hätte man die Pandemie weitaus besser unter Kontrolle als es immer noch der Fall ist.

Gestern fuhr ich mit einer steirischen Buslinie, dabei ertönte die automatische Durchsage, dass das Virus über „Tröpfchen- und Schmierinfektion“ übertragen wird. Das war der Kenntnisstand von März 2020, wir sind längst schlauer. Wir aufgeklärten User, die regelmäßig Drosten hören und auf Twitter den ExpertInnen folgen, mögen überheblich denken, dass man eineinhalb Jahre nach Pandemiebeginn längst wissen müsste, dass Abstand halten und Hände waschen nicht ausreicht. Tatsächlich ist nicht jeder in der Bevölkerung fähig, akademische Texte zu lesen und zu verstehen, viele haben nicht die Zeit und Muße, sich so intensiv damit auseinander zu setzen. Solange es einen nicht selbst betrifft, sehen viele gar keine Veranlassung dazu. Viele Menschen haben andere Sorgen, leiden unter Einkommensverluste, müssen Kinder großziehen, haben zu teure Mieten, zu teuren Strom oder Heizung.

Jetzt sollte man meinen, dass die Verantwortlichen in Politik und Behörden, wie einem Verkehrsbetreiber, mehr Ahnung haben müssten, aber zum selbst denken wurde man in diesem Land nicht erzogen, Eigenverantwortung ja, aber bevor man es tut, wartet man darauf, was von oben vorgegeben wird. Verantwortungskaskade. Und so ändert sich nichts an falschen Verhaltensregeln und Verharmlosung des tatsächlichen Risikos. Ich habe lieber eine Bevölkerung, die panisch wird, weil das Virus über die Luft übertragen wird, und dafür konsequent Maske trägt und physische Kontakte einschränkt, als ein im Verhalten sorgloses Volk, das die Pandemie außer Kontrolle geraten lässt und viele Opfer einschließlich Kollateralschäden verursacht. Die Panik kann man natürlich nehmen, in dem man viel Zeit, Geld und Geduld aufwendet, um zu erklären, was Aerosol-Übertragung bedeutet, und dass „über die Luft übertragen“ nicht hochansteckend bedeuten muss – auch wenn DELTA sich diesbezüglich deutlich optimiert hat und effektiver übertragen wird. Ich muss mich da gleich etwas entschuldigen hier, weil auch meine Texte eher wissenschaftlich formuliert sind, aber ich seh es eher als meine Aufgabe, Wissen zusammenzutragen. Die Aufklärung sollte *eigentlich* von der Regierung, von der AGES, vom Gesundheitsministerium, von Wissenschaftsjournalisten und von Wissenschaftlern kommen, die dafür Ressourcen aufwenden können. Ich hab nebenher noch einen Vollzeitjob und kann viele Themen nur anreißen. Sonst müsste ich täglich bloggen wie zu Beginn der Pandemie.

In diesem Beitrag geht es mir, wie aus dem Titel ersichtlich, darum, dass der allgemeine Eindruck entstanden ist, SARS-CoV2 würde endemisch wie die anderen Coronaviren und würde dann jedes Jahr in saisonalen Wellen durch die Bevölkerung zirkulieren. Auf lange Sicht würde es zum harmlosen Schnupfen werden und ein Risiko wie jedes andere Erkältungsvirus auch.

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Tag 568: Impfunwillige – das ethische Dilemma

Bandbreite einer SARS-CoV2-Infektion: Was ist das Ziel der Impfkampagne? A, B, C oder auch D verhindern? Bildquelle: Marton Széll, Infektiologe, Tropenmediziner, Notfallmedizin – Mitglied im Nationalen Impfgremium und Coronakommission

DELTA hat die Spielregeln geändert. Vor der DELTA-Variante wäre es mit hoher Impfquote noch möglich gewesen, die Pandemie einzudämmen – unter der Voraussetzung, dass die Geimpften das Virus nicht übertragen können. Jetzt bräuchten wir über 85% Impfquote der Bevölkerung. Bis man aber die letzten geimpft hat, lässt der Impfschutz auf der Schleimhaut der zuerst Geimpften bereits wieder nach und sie können das Virus wieder übertragen. Europa entschied sich großteils für den Great-Barrington-Ansatz, die Infektionszahlen vermeintlich soweit unter Kontrolle zu halten, dass das Gesundheitssystem die Zahl der Kranken bewältigen kann – LongCOVID (in der Bandbreite von B und C enthalten) wurde dabei ausgeblendet. Mit dieser Strategie wird das mittelfristige Ziel sein, schwere Verläufe und Tod zu verhindern, aber nicht mehr die Infektion an sich, um die Pandemie einzudämmen.

Dilemma 1: Menschen mit angeborenen Immundefekten und auch Menschen mit schweren chronischen Erkrankungen, wo die Impfung nicht anschlägt oder die nicht geimpft werden können, müssten sich demnach dauerhaft isolieren, wenn man zulässt, dass das Virus endemisch wird und zirkulieren kann. Nur, weil der politische Wille fehlt, einfache Maßnahmen wie Maskenpflicht, Lolli-PCR und Gurgeltests in Schulen und allgemein Frischluftmanagement in geschlossenen Räumen durchzusetzen.

In Österreich sind jetzt vor dem beginnenden Herbst und Winter erst knapp 60% der Bevölkerung vollgeimpft, 63% haben zumindest eine Impfdosis erhalten. Letzten Sonntag ist eine über 6% starke Impfgegner- und Covidleugner-Partei in den oberösterreichischen Landtag eingezogen, die in den kommenden sechs Jahren dafür sechs Millionen Euro Parteienfinanzierung bekommt. Die Impfung von Kindern unter 12 Jahren ist immer noch nicht zugelassen. Mit dieser Impfquote bleibt die Belastung der Spitäler hoch und mittel- und langfristig kommen hunderte LongCOVID-Betroffene pro Tag hinzu – wenn die Infektionszahlen weiterhin über 2000 pro Tag betragen.

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