Tag 568: Impfunwillige – das ethische Dilemma

Bandbreite einer SARS-CoV2-Infektion: Was ist das Ziel der Impfkampagne? A, B, C oder auch D verhindern? Bildquelle: Marton Széll, Infektiologe, Tropenmediziner, Notfallmedizin – Mitglied im Nationalen Impfgremium und Coronakommission

DELTA hat die Spielregeln geändert. Vor der DELTA-Variante wäre es mit hoher Impfquote noch möglich gewesen, die Pandemie einzudämmen – unter der Voraussetzung, dass die Geimpften das Virus nicht übertragen können. Jetzt bräuchten wir über 85% Impfquote der Bevölkerung. Bis man aber die letzten geimpft hat, lässt der Impfschutz auf der Schleimhaut der zuerst Geimpften bereits wieder nach und sie können das Virus wieder übertragen. Europa entschied sich großteils für den Great-Barrington-Ansatz, die Infektionszahlen vermeintlich soweit unter Kontrolle zu halten, dass das Gesundheitssystem die Zahl der Kranken bewältigen kann – LongCOVID (in der Bandbreite von B und C enthalten) wurde dabei ausgeblendet. Mit dieser Strategie wird das mittelfristige Ziel sein, schwere Verläufe und Tod zu verhindern, aber nicht mehr die Infektion an sich, um die Pandemie einzudämmen.

Dilemma 1: Menschen mit angeborenen Immundefekten und auch Menschen mit schweren chronischen Erkrankungen, wo die Impfung nicht anschlägt oder die nicht geimpft werden können, müssten sich demnach dauerhaft isolieren, wenn man zulässt, dass das Virus endemisch wird und zirkulieren kann. Nur, weil der politische Wille fehlt, einfache Maßnahmen wie Maskenpflicht, Lolli-PCR und Gurgeltests in Schulen und allgemein Frischluftmanagement in geschlossenen Räumen durchzusetzen.

In Österreich sind jetzt vor dem beginnenden Herbst und Winter erst knapp 60% der Bevölkerung vollgeimpft, 63% haben zumindest eine Impfdosis erhalten. Letzten Sonntag ist eine über 6% starke Impfgegner- und Covidleugner-Partei in den oberösterreichischen Landtag eingezogen, die in den kommenden sechs Jahren dafür sechs Millionen Euro Parteienfinanzierung bekommt. Die Impfung von Kindern unter 12 Jahren ist immer noch nicht zugelassen. Mit dieser Impfquote bleibt die Belastung der Spitäler hoch und mittel- und langfristig kommen hunderte LongCOVID-Betroffene pro Tag hinzu – wenn die Infektionszahlen weiterhin über 2000 pro Tag betragen.

Begriffliche Klarstellung: Von einer Infektion spricht man, wenn die Zelle des Menschen anfängt, Viren zu replizieren (A). Erst wenn viele Zellen der Atemwege befallen sind, kann die Zahl der Viren ausreichend sein, um infektiös zu werden (B).

Dilemma 2: Es herrscht immer noch keine allgemeine Klarheit darüber, was Antigen- und PCR-Tests aussagen. Antigentests erkennen die Infektion häufig erst ab Symptombeginn in der infektiösesten Phase und nicht, wie zunächst erhofft, vor Symptombeginn. Antigentests sind damit als Massenscreening-Instrument bei symptomfreien Menschen ungeeignet. Dazu kommt die geringe Sensitivität bei Nasenflügeltests, insbesondere bei Kindern (20-40%). An der unteren Schwelle liegen auch die Lolli-Antigentests für Kleinkinder. Der große Vorteil von PCR-Tests ist, dass sie eine Infektion erkennen, bevor die Infektiösität beginnt. Bei regelmäßigungen Testungen deuten erstmals neu auftretende niedrige Viruslasten (hohe Ct-Werte) bei Schülern auf eine frische Infektion hin. Daher ist es ein schwerer Trugschluss zu glauben, dass z.B. ein positiver Test mit Ct-Wert über 30 aus der Quarantäne entlassen kann. Es kommt eben darauf an, ob die Person am Beginn oder am Ende der Infektion steht!

Wichtig zu wissen: Bei gleichen Ct-Werten bei Geimpften entspricht der größere Teil der nachgewiesenen RNA-Kopien nicht mit dem infektiösen Virus (Eyre et al., Preprint 28.09.21, Shamier et al., Preprint 20.08.21). Anders ausgedrückt: Bei gleichen Ct-Werten sind Geimpfte deutlich weniger ansteckend als Ungeimpfte – das gilt auch für DELTA!

Vorteil der Impfung

Der Vorteil der Impfung ist, dass sie nicht nur das Risiko eines Krankenhausaufenthalts deutlich reduziert, sondern auch die Übertragung des Virus. Davon waren selbst die Wissenschaftler überrascht, denn Virologe Florian Krammer hat in seinem Übersichtsartikel vom 23.09.20 über die Impfstoffentwicklung noch darauf hingewiesen, dass Impfstoffe, die über den Muskel injiziert werden, überwiegend die unteren Atemwege schützen, aber keine ausreichende Antikörperbildung (IgA) auf der Schleimhaut produzieren. Nur bei sehr hohen Antikörpertitern würde man kleine Mengen an IgG auch in den oberen Atemwegen finden – was konsistent mit der Beobachtung (Mades et al., 07.05.21, Nahass et al., 30.08.21) ist und dass die Impfstoffgabe von MODERNA – mit der höchsten Dosis aller Impfstoffe – die Übertragung am besten verhindert (Lipsitch and Kahn, 28.02.21) und auch am besten vor Erkrankung schützt (Khoury et al., 11.03.21). Oben zitierte Studie von Eyre et al. (28.09.21) zeigt, dass BioNTech (65%) stärker vor Übertragung schützt als Astra Zeneca (36%).

Langzeitdaten einer Phase-3-Studie von Moderna zeigen, dass die Impfwirksamkeit bis zu mehr als 4 Monate bei über 90% bleibt hinsichtlich Schutz vor symptomatischer Infektion (Sahly et al., 2021).

Nebenwirkungen

Impfstoffe durchlaufen drei klinische Phasen, bevor sie zugelassen werden können. Wären mit der Impfung Todesfälle aufgetreten, hätte man die klinischen Versuche natürlich ausgesetzt. Das geschieht bereits in Phase 1, in der die Sicherheit und Verträglichkeit von Impfstoffen getestet wird, und gilt natürlich genauso für Kinder. Die Nebenwirkungen der Impfung dürfen nicht schwerer ausfallen als die Folgen einer Erkrankung, sonst stimmt das Schaden-Nutzen-Verhältnis nicht.

Eine große Studie (n = 800 000) zur Sicherheit von BNT-Impfungen (Barda et al., 16.09.21) erschien vor kurzem in Israel. Dabei zeigte sich, dass Lungenembolien nicht durch Impfungen hervorgerufen werden. Die einzig gehäuften Krankheitsbilder durch die Impfung sind geschwollene Lymphknoten (Lymphadenopathy) und Herpes Zoster (Gürtelrose), die durch das Varizella Zoster Virus ausgelöst wird. Das Virus versteckt sich nach Infektion in unseren Zellkernen. Stress und Immunsuppression können dazu führen, dass das Virus aktiv wird und Symptome verursacht. 98% von uns tragen das Virus in sich, bei 16 von 100000 Geimpften kam es zu einer Reaktivierung. Ebenfalls eine Rolle könnte das Epstein-Barr-Virus (EBV) spielen, das man als möglichen Verursacher von LongCOVID vermutet. LongCOVID-Symptome nach einer Impfung (z.B. ausgeprägte Fatique) könnten ebenfalls durch das EBV entstehen, was sich über IgM-Antikörper-Messungen nachweisen ließe. Viele MECFS-Patienten hatten nach der Impfung eine reaktivierte EBV-Infektion.

Auch wenn die Impfung bei einem Teil der Frauen vorübergehend zu Änderungen im Menstruationszyklus mit schmerzhafteren Perioden führt, hat das langfristig keine Auswirkungen auf ihre Fruchtbarkeit. Im Gegenteil, Schwangeren wird die Impfung explizit empfohlen – nicht nur, weil dem Baby damit Antikörper gegen Covid19 übertragen werden, sondern weil es das Risiko für Früh- und Fehlgeburten bis zum Tod der Mutter deutlich mindert.

Infektiologe Franz Allerberger, ehemaliger Chef der Öffentlichen Gesundheit der AGES:

„Für Kinder und Schwangere ist das neue Virus weniger gefährlich als eine Grippe.“ (14.09.20, Kurier DAILY-Podcast)

Intensivmediziner Gustoff, Klinik Ottakring:

„Auf meiner Covid-Intensivstation habe ich in den vergangenen Wochen mehrfach schwangere Frauen, jung, gesund und wohlauf bis zur Covid-Erkrankung gesehen: schwere Atemnot, tagelang künstlich beatmet und um ihr Leben ringend. Dann kämpfen wir gleich um zwei Leben, und das nicht nur einmal.“ (06.10.20, PRESSE-Leserbrief)

Langzeitfolgen der Infektion viel schwerwiegender als von der Impfung

Während die Inhaltsstoffe des Impfstoffs nur für kurze Zeit im Körper bleiben – darum gibt es auch keine Langzeitfolgen -, können sich Virusfragmente noch monatelang etwa im Darm halten. Der Darm ist unser zweites Gehirn – geht’s der Verdauung schlecht, merken wir das auch in unserem psychischen Befinden und umgekehrt. Über den Riechnerv gelangt das Virus außerdem ins Gehirn und richtet dort allerlei Schäden an, neurologische Schäden wie kognitive Defizite, frühe Demenz, aber auch (anfangs) Geruchs- und Geschmacksverlust. In seltenen Fällen wird auch das Rückenmark mit bleibenden Schäden angegriffen. Bei schweren Krankheitsverläufen können Organschäden bleiben, weil das Virus über die ACE2-Rezeptoren an den Organen eindringt. Bei Kindern wurde etwa ein Anstieg an Diabetes-Erkrankungen beobachtet, weil die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse beeinträchtigt wurde. Langzeitfolgen wie LongCOVID können unabhängig der Schwere der akuten Erkrankung auftreten und wesentlich schwerer als ein „milder Verlauf“ sein.

Langzeitkranke erleben massive Einbußen der Lebensqualität, selbst wenn es sich nur um wenige Monate handelt. Seien wir uns ehrlich – wie viele Arbeitnehmer können sich drei Monate Krankenstand leisten? Was bedeutet das für Selbstständige, die etwa infolge der Pandemie ohnehin mit Verdienstausfällen zu kämpfen hatten und haben, und sich nicht einmal einen Tag Krankenstand erlauben könnten?

Wenn die Kinderimpfung zugelassen wurde: Impfen!

Bei Kindern kann man nicht die gleichen Maßstäbe ansetzen. Karl Zwiauer, Infektiologe, Kinderarzt und Mitglied im Nationalen Impfgremium, warnt davor, Äpfel und Birnen zu vergleichen: Covid19 bei Kindern müsse man mit anderen Kinderkrankheiten vergleichen und nicht mit dem Erkrankungsverlauf bei Erwachsenen.

„Keine der herkömmlichen und derzeit durch Impfungen bekämpfbaren Kindererkrankungen hat eine so große Krankheitslast wie sie SARS-CoV2-Infektion“.

Infektiologe und Ex-Public-Hell-Chef Franz Allerberger auf einer Fortbildung am 23.02.21:

„Ich könnte aus dem Stand heraus keine Infektionskrankheit nennen, die so harmlos für Kinder ist wie covid.“

Quelle: Persönliche Mitteilung einer Zuhörerin

Zwiauer:

„Und wir kennen keine Kinderkrankheit, die so belastend ist, so viele Hospitalisationen, so viele schwere Fälle, so viele Intensivstationsaufenthalte verursacht wie die Covid-Erkrankung.“

Quelle: NÖ ORF TEXT, 17.09.21

Ungeimpfte, Impfunwillige, Ungeschützte – Was ist der Unterschied?

Kanzler Kurz wird nicht müde zu betonen, dass die Pandemie für Geimpfte vorbei wäre und sie ihr Leben normal leben könnten wie vorher. Das stimmt natürlich auf mehreren Ebenen nicht.

Wer sind die Ungeimpften?

Zu den Ungeimpften zählen nicht nur Impfskeptiker und Impfgegner, sondern auch Kinder unter 12 Jahren, genauso Kinder und Jugendliche über 12 Jahren, denen von ihren impfkritischen Eltern die Impfung verweigert wurde. Eine weitere, gerne vergessene Gruppe sind all jene, die aufgrund einer schweren chronischen oder akuten Erkrankung (z.B. Krebs) nicht geimpft werden können. Auch das kann Kinder betreffen, die etwa wegen einer Autoimmunerkrankung nicht geimpft werden dürfen. Solange so viel Virus in der Gesamtbevölkerung zirkuliert, besonders aber in den jüngeren Alterskohorten, wo die meisten ungeimpft sind, gefährdet das auch all jene besonders, die Risikofaktoren aufweisen. Was ist mit dem 14jährigen Kind mit Übergewicht und Diabetes, das die Eltern nicht impfen wollen? Soll das Kind wegen der Dummheit und Ignoranz der Eltern schwer erkranken? Genauso trifft es aber auch kerngesunde Kinder, die mehrere Wochen, selten Monate LongCOVID entwickeln. Selten ist relativ, denn in absoluten Zahlen sind das bei 1,8 Mio Kindern und Jugendlichen in Österreich wieder viel.

Wer sind die Ungeschützten?

Dann gibt es die Ungeschützten, das sind neben den Ungeimpften auch all jene, bei denen die Impfung keine effektive Immunantwort erzeugt, weil sie durch Autoimmunerkrankungen und Immunsuppression unterdrückt wird. Die Statistiken hierzulande, aber z.B. auch in Israel zeigen, dass Impfdurchbrüche mit schweren Verläufen gehäuft bei jenen auftreten, die wir durch Herdenimmunität eigentlich schützen woll(t)en: Alte Menschen, bei denen die Impfung meist die wenigsten Nebenwirkungen hat, aber die Antikörper rascher wieder abgebaut werden (Immunoseneszenz) und Menschen mit schweren Vorerkrankungen, die keine oder zu wenige Antikörper bilden. Dazu zählen auch primäre Immundefekte.

Es können aber auch „Genesene“ sein, die die Infektion ohne oder nur mit leichten Symptomen durchlaufen haben, aber dadurch kaum Antikörper gebildet haben. Genauso trifft es in einigen Fällen LongCOVID-Betroffene, bei denen die Impfung nicht anschlägt, und die sich erneut infizieren können oder erneuter Kontakt mit dem Virus das Virus im Körper reaktivieren lässt.

Wer sind die Impfunwilligen?

Darunter fallen all jene, bei denen weder das Alter noch medizinische Gründe dagegen sprechen, sich impfen zu lassen. In den Spitälern liegen vor allem Impfunwillige, die die Impfung aus den unterschiedlichsten Gründen ablehnen.

Die Verantwortung der Regierung und Medien ist es, die Gefährlichkeit des Virus herunterzuspielen:

  • widersprüchliche Expertenmeinungen in der Öffentlichkeit
  • „Pandemie ist vorbei“-Sager von Kurz im Frühsommer
  • Stillstand der Impfkampagne nach Abgabe vom Roten Kreuz ans Bundeskanzleramt im Juli
  • Völliges Ausblenden von LongCOVID bei den Verhandlungen zu neuen Maßnahmen oder Lockerungen. Damit hätte man vor allem (sportliche) jüngere und gesunde Menschen überzeugen können.
  • wiederholte Sager von Politikern, Experten und Journalisten, dass nur Ältere und Vorerkrankte gefährdet wären (Great Barrington)
  • Lockerungen zu Masken tragen und Erlaubnis von Großveranstaltungen ohne ausreichend Schutzmaßnahmen suggerierten, dass das Risiko nicht mehr so groß wäre

Gleichzeitig hat man es versäumt, über Impfnebenwirkungen ehrlich aufzuklären. Wenn Frauen nach der Impfung einen veränderten, schmerzhafteren Zyklus verspüren, befeuert das Vorurteile über Unfruchtbarkeit nach Impfung.

Infektiologe und Intensivmediziner Wenisch wurde im zib2-Beitrag (Transkript) befragt, wo es in zeitlicher Nähe zur AstraZeneca-Impfung zu mehreren Fällen mit Thrombosen und einem Todesfall in Niederösterreich gekommen ist. Den angedeuteten Zusammenhang könnte Wenisch als erfahrener Mediziner ganz kompetent widerlegen. Er hätte z.B. auf die statistische Häufung von Thrombosen in der Gesamtbevölkerung, die sogenannte Hintergrundmorbidität, verweisen können, wie es der Mediziner im Beitrag auch gemacht hat.

Was machte Wenisch? Er antwortete gar nicht auf die Frage, sondern äußert seine aufgeregte Begeisterung darüber, dass Daten aus Israel zeigen, dass der Impfstoff in 95% der Fälle Übertragungen verhindert würde. Da ging es allerdings um Pfizer, nicht Astra Zeneca! Wenisch wurde selbst als einer der ersten Menschen in Österreich geimpft – mit Pfizer! So entkräftet man keine Bedenken.

Die wenigsten Ungeimpften sind rechtsradikale Verschwörungstheoretiker, sondern eher ….

  • Superman: „mir kann Covid nichts anhaben, ich bin noch jung/ich bin gesund“
  • Esoteriker: Alternativmedizin, Selbstheilungskräfte, super Immunsystem, Kräuter
  • Hypochonder: Angst vor Covid19, aber auch Angst vor der Impfung

Diesen Menschen wird oft über ihr soziales oder berufliches Umfeld eingeredet, dass sie sich nicht impfen lassen sollen. Manche Menschen sind schlicht überfordert, seriöse von unseriöser Information zu unterscheiden. Manche besitzen schlichtweg nicht die Kompetenz nachzufragen, was die Quelle von Aussagen auf Facebook oder in Whatsappgruppen ist.

Ethisches Dilemma: „Geimpfte sollen bevorzugt behandelt werden“

Es wäre Aufgabe der Politik, die Situationen zu verhindern, die jetzt immer häufiger vorkommen: Ungeimpfte müssen mit chronischen und akuten Erkrankungen oder Verletzungen weggeschickt werden, weil es sich nicht um akute Lebensgefahr handelt, denn die Intensivbetten sind alle belegt. Aufwachräume, die noch am ehesten die Ausstattung einer Intensivstation haben, wurden umfunktioniert. Ich erlebe, dass jetzt dieselben, die sich zwar impfen ließen, aber die Gefahr des Virus immer herunterspielten, jetzt auch sagen, dass man Geimpfte gefälligst bevorzugen sollte.

Dazu drei Schilderungen von Intensivmedizinern.

Intensivpfleger Martin Alge, 22.09.21:

„Ich meine ihr schreibt das hier so locker-flockig auf Twitter, aber ich habe sie gesehen, die Angst in den Augen der Patienten, wenn sie sich erschöpfen und nicht mehr können. Wenn sie das (nichtinvasive) Beatmungsgerät mit 30 l Atemmintenvolumen (normal unter 10 l) „leersaugen“ und sich damit die Lunge zusätzlich zerstören. Wie sie am Ende nicht mehr konnten und um den erlösenden Tubus (und Narkose) gebettelt haben. Und ihr? Stellt ihr euch hin an das Bett des Erstickenden, am Ende seiner Kräfte, bereuend, dass er sich nicht impfen hat lassen und sagt es ihm ins Gesicht? „Sie sind selbst schuld, sie sind zu dumm, ein unwertes Leben! Sie nehmen einem Geimpften das Bett weg und deshalb lassen wir Sie sterben!“ (Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt) Und dann geht ihr hinaus, ruft seine Kinder an und sagt es ihnen, dass ihr entschieden habt, dass sie zu Halbwaisen werden, weil das Leben ihres Vater unwert ist? Der Staat hat aus meiner Sicht die Aufgabe, die Menschen zu schützen. Viele Menschen sind offenbar völlig überfordert, die Situation zu erfassen, die Gefahren richtig einzuschätzen und seriöse von unseriösen Informationen zu unterscheiden. Der Staat muss daher diesen Menschen helfen, indem er ihnen die Entscheidung abnimmt und eine Impfpflicht einführt. Sie ist das gelindere Mittel. Wer dieser nicht nachkommt, muss halt eine Strafe zahlen, aber das wäre vermutliche eine ganz kleine Minderheit.

Ich meine das kann doch nicht euer Ernst sein, dass wir eine Impfpflicht zum Tabubruch erklären, aber Menschen aufgrund ihres Impfstatus sterben lassen sollen.“

Intensivmedizinerin Traveleve, 02.09.21:

„Leute, die hier über Triage diskutieren und danach lechzen, dass Ungeimpfte nicht dran kommen. Versetzt euch Mal in unsere Lage, die der Behandelnden. Vor uns liegt ein Mensch, eine Oma, eine Mama, ein Vater, ein Bruder. Ein Mensch. Er hat zu wenig Luft. Droht zu ersticken. Nicht mehr ordentlich ansprechbar. impfstatus nicht sofort erhebbar, aber irrelevant. Wir wissen ja nicht ob er Covid hat oder nicht. Er schaffte es selbst noch ins KH Lungenröntgen, beidseitige Verschattung. Der Schnelltest ist negativ. Der PCR Test dauert mind 2h. Laborergebnis 1h Wartezeit, Blutgas sofort erhältlich, grottenschlecht. Das EKG ist auch nicht ganz in Ordnung. Was tun wir? Spoiler. Wir behandeln. Er kriegt Sauerstoff, wir stellen den Blutdruck ein. Er bekommt wenn notwendig eine Druckluft Maske oder einen Tubus. Ob er selbst verschuldet durch Covid oder selbst verschuldet durch COPD und Rauchen, ob er ein Bankräuber ist oder ein treuer Bänker, egal. Ein Mensch, eine Oma, ein Opa, eine Mama, ein Papa, ein Freund, eine Freundin. Wir behandeln.“

Wolfgang Hagen, Internist, 27.09.21:

„In den letzten paar Wochen treten hier vermehrt Impf*befürworter* auf, die fordern, dass Ungeimpfte mit #COVID19 kein ICU-Bett bekommen sollten. Sie agieren weniger brachial als die Antipoden von den Coronaleugnern. Aber die Forderung ist für mich inakzeptabel und inhuman.

Damit ihr wisst, was da gefordert wird, ist ein konkretes Bsp besser geeignet als theoretische Ethik. 52 Jahre, weiblich, wirkt jünger als 52, gesund bis auf etwas Übergewicht (gilt damit als „vorerkrankt“). Ungeimpft. Seit 1 Woche Fieber, Husten. Jetzt mit etwas Atemnot ins Spital gekommen. O2-Sättigung bereits <90%, PCR+, im Lungenröntgen beginnende Viruspneumonie. Mit etwas Sauerstoff geht es ihr recht gut, dazu Cortison. In ihrem Gesicht eine Mischung aus viel Hoffnung, etwas Selbstvorwürfen, noch gut verborgener Angst. Sie ist ungeimpft, weil sie so viel Schlechtes über die Impfungen gehört hat, außerdem lebt sie ja gesund, was soll da schon passieren. „Meine Tochter ist als einzige der Familie geimpft. Kluges Mädchen. Ich war leider dumm.“ Sie ruft am Abend Verwandte an. „Geht impfen!“ In der Früh kriege ich die Info vom Turnusarzt, dass der O2-Bedarf über Nacht deutlich gestiegen ist, bei 10L/min liegt der pO2 bei nur mehr 52mmHg. Von der Hoffnung ist in ihrem Gesicht jetzt nicht mehr viel zu sehen, die Angst ist nicht mehr verborgen, Selbstvorwürfe riesig. Während sie anfangs noch nicht auf dem Bauch liegen wollte, weil es für sie unangenehm war, macht sie es jetzt. Tut alles, um ihren Fehler wieder ein bisschen gut zu machen. Aber wir kennen diese Verläufe halt nur allzu gut. Airvo, reicht nur kurzfristig. Abends auf die ICU. Meine Kolleg:innen auf der ICU halten sie 2d an einer nicht-invasive Beatmung mit Maske. Zum Schluss kann sie kaum mehr was zu sich nehmen, weil die Sättigung dermaßen abrauscht, wenn man die Maske nur für eine Minute abnimmt. Zunächst hat sie Angst vor Intubation, nach 2d bittet sie selbst darum, weil körperlich und psychisch am Ende. Beatmung bald am Anschlag. Heute wurde sie von unserer ICU wegtransferiert zur ECMO als letzte Möglichkeit. 52J, wirkt jünger, gesund bis auf etwas Übergewicht, ungeimpft wegen falschen Informationen. Ein Gesicht, das ich nicht mehr vergesse. Und jetzt soll mir jemand sagen, dass man dieser Frau aufgrund ihres Impfstatus eine intensivmedizinische Behandlung verweigern sollen hätte. Am Laptop oder Handy lassen sich leicht große Forderungen stellen. Aber im wahren Leben haben wir es mit echten Menschen zu tun, die vielleicht weniger klug, gut und schön sind, als wir Geimpften in unserer Überheblichkeit zu sein glauben. Menschen, die einen Fehler machten. Wenn der Zorn auf die rabiaten Coronaleugner, die uns die Freiheit nehmen, von der sie immer reden, dazu führt, dass wir die Menschlichkeit verlieren, dann haben wir verloren. Und für die Ungeimpften unter euch: LASST EUCH BITTE IMPFEN!“

Literatur und Empfehlungen zur Impfung

Die Auflistung ist hier nicht vollständig. Worauf ich nicht eingehen konnte, weil es den Rahmen gesprengt hätte, sind die Unterschiede zwischen den Impfstoffen, und die Bedeutung der Viruslast für Impfdurchbrüche – ganz banal gilt: Je höher die Viruslast, desto wahrscheinlicher ein Impfdurchbruch – auch bei „genügend“ Antikörpern (was genügend ist, ist noch Diskussion der Forscher). Wer voll geimpft in die Disco unter Ungeimpften geht, hat ein höheres Risiko, sich zu infizieren als für eine halbe Stunde in die Cafeteria, und dabei Masken tragend in den Essens- und Trinkpausen. Geimpfte gehen mehr ins Risiko als vorsichtige Ungeimpfte, daher ist es nicht überraschend, wenn es nennenswerte Anzahl an Infektionen auch bei Geimpften gibt – aber, sie haben ein deutlich reduziertes Risiko schwer zu erkranken.

3 Gedanken zu “Tag 568: Impfunwillige – das ethische Dilemma

  1. Leider ein Endlosthema … und, wie du sagst, es gibt leider keine „richtige“ Lösung. Ich schätze deine Analysen sehr.
    Noch eine Anmerkung, weil es mich jedesmal körperlich schmerzt, es zu lesen: es heißt Immun(o)seneszenz, nicht Immuneszenz.

    Gefällt 1 Person

  2. Bei den Leuten die (noch) nicht bereit sind, sich impfen zu lassen, lese ich oft auch das Argument, dass sie sich nicht einen Impfstoff durch den Körper jagen lassen wollen, der eine „Notfallzulassung“ erhalten hat.
    Herrje!

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