Tag 567: Und wenn es wieder kälter wird …?

Ensemble-Prognose von GFS (Global Forecast System), 30. September, 00 UTC-Lauf

Das Wettermodell wird alle 6 Stunden gerechnet, der 00 UTC-Lauf erscheint mit 6 Stunden Verzögerung gegen ca. 8 Uhr Lokalzeit. Es werden 29 Läufe mit geringfügig geänderten Ausgangsbedingungen und geringerer Gitterpunktsauflösung gerechnet, der Kontrolllauf hat die beste Auflösung neben dem Hauptlauf (Oper). Das Mittel der 29 Läufe ist die weiße Linie – hier für 850 hPa Temperatur (Temperatur in ca. 1500m Meereshöhe) und Niederschlag (in mm).

Mitte nächster Woche wird es um 5-7°C kühler als noch zu Wochenbeginn, dazu mehren sich die Signale für nennenswerten Niederschlag – hier gerechnet für Wien.

Die Pandemie hat bisher eines gelehrt, nämlich, dass der saisonale Einfluss eher überschätzt wurde. Der Wiederanstieg der Infektionszahlen begann jeweils im Frühsommer 2020 und 2021. In den USA gab es nach einer Plateauphase der ersten Welle im Sommer 2020 einen neuerlich starken Anstieg der Infektionszahlen. Iran, Indien und Brasilien zählen jetzt nicht zu den kältesten Regionen der Erde – dort wütete die Pandemie 2020 und 2021 besonders schlimm. Im Juni bezifferte eine (bis heute nicht peer reviewte) Studie, dass der Einfluss der Saisonalität bei etwa 40% liegt. Die bezog sich auf die zweite Welle, noch ohne ALPHA und DELTA.

„The underlying mechanisms that drive seasonality of respiratory viral infections are not yet well understood. A combination of direct impacts on virus survival, impacts on human resistance to infection, and indirect influence of weather and season via changes in human behavior may be at work.“

Die WMO kam zu keiner eindeutigen Schlussfolgerung zu meteorologischen Einflüssen, 18.03.21

Mein persönlicher Zugang war immer der indirekte Einfluss, denn wenn man berücksichtigt, dass im Freien kaum Ansteckungen stattfinden, weil das Virus durch Sonneneinstrahlung, Windböen und starke Verdünnung rasch inaktiviert wird, dann kommen vorwiegend geschlossene Räume als Übertragungsorte in Frage. Das zeigen auch sämtliche Studien (siehe Menüpunkt Übertragung). In geschlossenen Räumen ist es aber egal, ob es draußen stürmt, schneit, regnet oder heiß ist. In meinem Blogartikel am Tag 330 ging ich ausführlicher auf mögliche Wettereinflüsse ein und analysierte eine Studie kritisch, die saisonale Effekte feststellte und daraus suggerierten, dass Lockdownmaßnahmen unnötig sein würden.

Mein Fazit damals u.a.:

Äußere Wetterbedingungen beeinflussen, wie oft und lange wir uns in geschlossenen Räumen aufhalten. Der saisonale Effekt bei Atemwegserkrankungen kommt vor allem dadurch zustande, dass wir im Sommer öfter draußen sind und häufiger lüften, während wir im Winter häufiger drinnen sind und weniger oder gar nicht lüften. (Beispiel: Indoor vs. Outdoor-Gastronomie)

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Marco Binder, Molekularvirologe, erklärte in diesem Thread auf Twitter, wie die Witterungsverhältnisse Erkältungsviren beeinflussen. Hauptfaktoren sind demnach Wetter, Raumklima und unser Sozialverhalten. Bei trockener Luft ist die Selbstreinigung der Atemwege („mukociliäre Clearance“) beeinträchtigt. Die Oberfläche der Atemwege ist der Atemluft ausgesetzt und bei niedrigen Außentemperaturen immer kälter als die Körperkerntemperatur. Das verzögert die zelleigene Immunantwort. Nasen daher immer feucht und warm halten, und bei großer Kälte z.B. durch den Schal atmen.

Man kann also schon sagen, dass äußere Wettereinflüsse das Immunsystem schwächen, sowie die oft zu trockene Raumluft. Inwiefern das Lüftungsverhalten einen größeren Einfluss hat, lässt sich schwer festmachen. Im Zweifel dominieren immer die gerade geltenden Maßnahmen, z.B. FFP2-Maske tragen.

Kanzler Kurz verbreitete im Frühsommer Desinformation, indem er behauptete, die Wellen der Pandemie würden stark saisonal abhängig sein und nichts mit dem Sozialverhalten zu tun haben.

Es wird sicherlich eine weitere Welle von steigenden Ansteckungszahlen geben, weil das Virus stark saisonal ist, aber wer geimpft ist, ist auch vor der Delta-Variante geschützt.“ (17. Juni 2021, Instagram-Interview für HEUTE)

Kritik, dass Österreich mit seinem Öffnungskurs gerade Fehler des vergangenenSommers wiederhole und im Herbst die Zahlen wieder steigen werden, weist Kurz zurück. Die Pandemie finde in Wellen mit saisonalen Höhepunkten statt, die steigenden Zahlen im Herbst hätten nichts mit dem Sozialverhalten der Menschen im Juli zu tun. ( 20. Juni 2021, ÖSTERREICH)

Das ist natürlich falsch. Im Sommer nimmt die Reisetätigkeit stark zu. Reisetätigkeit hat überhaupt erst die erste Welle in Österreich ausgelöst. Ohne Wintersporttouristen aus ganz Europa hätte sich das Virus nicht wie mit dem Schneeballeffekt so rasch verbreitet.

Wie auch im vergangenen Jahr gibt es derzeit eine stagnierende Phase bei den Infektionszahlen – man vermutet, dass jetzt die Reiserückkehrerwelle abgeschlossen ist und noch die Quarantänemaßnahmen der ersten Schulwochen wirken, um Infektionsketten zu unterbrechen. Jetzt wurde die Quarantäne allerdings gelockert und es werden nur unmittelbare Sitznachbarn getestet und nicht mehr wegen einem Fall in der Klasse die ganze Klasse quarantiniert/getestet.

Eskalation der zweiten Welle im Herbst 2020

Ich hatte im vergangenen Jahr vermutet, dass die Explosion der Fallzahlen neben den Schulen auch mit dem Kaltlufteinbruch – vor allem dem zweiten – zusammenhing, der die Höchstwerte für mehrere Tage österreichweit unter die 10-Grad-Marke drückte. Damit war klar, dass Outdoor-Aktivitäten ins Innere verlegt wurden. Prinzipiell richtig fand ich den Ansatz, die Gast- und Schanigartensaison über den Winter zu verlängern. Zahlreiche Wirte investierten damals in Heizpilze und Decken/Polster, um draußen länger offen zu halten. Es war sicher richtig, mit dem Lockdown keine Ausnahmen zuzulassen, aber von der Idee her hätte man schon von Beginn an auf Outdoor-Aktivitäten setzen sollen. Das war auch meine größte Kritik an den Maßnahmen und Kontrollen, wenn es harte Sanktionen dafür gab, weil sich im Freien zwei Freunde trafen und den Abstand nicht einhielten, oder die Punschstände in der Inneren Stadt als Treffpunkt für junge Erwachsene im Winter dichtzumachen, oder auch die berühmten FFP2-Masken am Donaukanal – populistische Maßnahmen ohne größeren Effekt auf die Infektionszahlen.

Ich kann natürlich nicht beweisen, dass die Witterung einen Einfluss hat, aber sehr wohl stellt man in Österreich (und Deutschland) eine große Furcht vor der berüchtigten Zugluft fest. Lüften ist böse, weil man könnte sich ja erkälten. Solange FFP2-Masken getragen werden, hat das wenig Einfluss – daher lässt sich das schwer quantifizieren. Das geänderte Freizeitverhalten, bei unter 15 Grad Außentemperatur eher im Gasthaus zu sitzen und nicht im Gastgarten, spielt aber schon eine Rolle – solange Antigentests zugelassen werden, solange selten – aber nicht nie – Geimpfte das Virus weitergeben können, oder solange Kontrollen umgangen werden.

DELTA und Impfunwillige

Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Ausgangsbedingungen geändert:

DELTA ist hochansteckend und die Inkubationszeit hat sich auf fünf Tage verkürzt. Bereits einen Tag nach einem negativen PCR-Test kann man bereits ansteckend sein (Li et al. 07/21, Viral infection and transmission in a large well-traced outbreak caused by the Delta SARS-CoV-2 variant ). Virusvarianten produzieren mehr Aerosole, sodass herkömmliche (einfache) Masken schlechter schützen. (Adenaiye et al. 09/21, Infectious SARS-CoV-2 in Exhaled Aerosols and Efficacy of Masks During Early Mild Infection). Anekdotisch aus Australiens Contact Tracing reichen bereits flüchtige Begegnungen, etwa beim Einkaufen [ohne Maske], um sich anzustecken.

Gleichzeitig gibt es die Impfunwilligen, die eine sehr heterogene Gruppe aus Menschen sind, die unter schlechtem Einfluss von Dritten stehen, spricht, es mangelt an Aufklärung, an Vorurteilen und es gibt viel Desinformation, die jetzt mit der MFG in Oberösterreich auch noch in den Landtag eingezogen ist und dadurch finanzielle Unterstützung erhält, um weitere Falschinformationen zu verbreiten. Eine Katastrophe.

Was auch immer dazu führt, dass sie die Impfung ablehnen – die Inzidenzen bei den Ungeimpften sind weit höher als bei Geimpften. Das hat zum Einen mit den laschen Maßnahmen in den Kindergärten und Schulen zu tun, wodurch sich viele anstecken, egal ob sie die Infektion fürchten oder nicht. Zum Anderen verhalten sich ungeimpfte Impfunwillige (was für ein Wort….) tendenziell risikobereiter. Sie fälschen eher den 3-G-Nachweis, treffen sich in Gruppen drinnen oder gehen ohne Risikobewusstsein in Nachtclubs oder auf Volksfeste.

Jetzt könnte man natürlich als Bundesregierung sagen – wir warten nicht darauf, dass nach dem ersten Kaltlufteinbruch sich die Freizeitaktivitäten dauerhaft ins Innere verlagern und die Infektionszahlen damit in die Höhe schießen. Jetzt könnte man z.B. sagen, wir machen einen Unterschied zwischen indoor und outdoor. Ungeimpfte müssen leider draußen bleiben, brauchen dann einen PCR-Test. Geimpfte dürfen rein, Genesene sollten wenigstens einmal geimpft sein, damit sie einheitlich hohe Antikörper haben wie Geimpfte auch. Die Impfunwilligen hält man – strenge Kontrollen vorausgesetzt – damit auch von Indoor fern, und bringt vielleicht den ein oder anderen, der nicht ewig draußen bleiben will, zur Impfung.

Bei der Frage, wie man bei Kindern verfährt, für die Impfung noch nicht zugelassen ist und leider auch die Offlabel-Impfung, die bereits praktiziert wird, weiterhin nicht empfohlen wird, ist das natürlich schwieriger. Im Idealfall hätte man natürlich ein Lolli/Gurgel-PCR-Angebot im ganzen Land, sodass man sie wenigstens regelmäßig vernünftig testen kann statt mit den weniger sensitiven Antigentests.

Meine Empfehlung als Privatperson:

Da stellt sich grundsätzlich die Frage: Geht es nur um mich oder muss ich andere schützen? Virologe Drosten hat in der 99. NDR-Podcastfolge (28.09.21) noch einmal klargestellt, dass DELTA die Spielregeln geändert hat. Wir bräuchten über 80% Impfquote im Land, um die Pandemie einzudämmen, die 80% setzen aber voraus, dass Geimpfte das Virus nicht mehr übertragen können. Jetzt werden aber die IgA-Antikörper bzw. die überraschend gefundenen IgG-Antikörper auf der Schleimhaut meist nach wenigen Wochen oder 1-2 Monaten wieder abgebaut und Geimpfte können damit auch wieder übertragen. Langfristig kann es also nur noch darum gehen, möglichst viele zu impfen und schwere Verläufe zu verhindern, aber nicht mehr, die Infektion zu verhindern – [Anmerkung: Zumindest in einer Pandemiestrategie, die stark von Great-Barrington geprägt ist und auf Mitigation statt auf Containment abzielt]. Ich halte diese Sichtweise für problematisch, denn Menschen mit angeborenen Immundefekten und auch Menschen mit schweren chronischen Erkrankungen, wo die Impfung nicht anschlägt oder nicht geimpft werden kann, müssten sich demnach dauerhaft isolieren, wenn man zulässt, dass das Virus endemisch wird und zirkulieren kann. Nur, weil der politische Wille fehlt.

Sowohl Fauci als auch Drosten raten aber unbedingt zur dritten Impfung – künftig wird man sie nicht als Booster betrachten, sondern einfach als notwendige dritte Impfung für eine vollständige Grundimmunisierung. Erst nach der dritten Impfung stellt sich die Frage, ob man weiter auffrischt, etwa für Risikogruppen, oder sagt – ich kann auf Dauer eine Infektion nicht verhindern, aber habe eine hohe Chance, dass mein Risiko für LongCOVID oder schwere Verläufe gering sein wird.

Daher ist mein derzeitiger Standpunkt so, dass ich mich weiterhin defensiv verhalte, Massenveranstaltungen meide und darauf achte, die FFP2-Maske zu tragen, wenn ich mich in geschlossenen Räumen aufhalte. Ich teste etwa einmal die Woche PCR mithilfe von Allesgurgelt. Unabhängig von meinen Antikörperwerten werde ich früher oder später nochmal auffrischen. Unabhängig von der Auffrischimpfung bleibt es dabei, sich stark nach den Inzidenzen zu richten, Risiken abzuschätzen. Orte mit hohen Inzidenzen meiden, also eher kein Urlaub dort, wo die Covidleugnerpartei besonders stark ist. Ich meide Gasthäuser und gehe bevorzugt auf die Terrasse, in den Schani- oder Gastgarten, und ziehe mich halt warm dafür an. Da geht es letzendlich auch darum, die Viruslast zu reduzieren. Indoor wäre für mich vertretbar, wenn ich der einzige Gast bin oder der zweite Gast ganz woanders sitzt. Oder ich am Fensterplatz sitzen kann und das Fenster offen bleibt.

Solang ich alleine bin und niemanden treffe, der ungeimpft ist, trotz Impfung keine Antikörper hat oder zur Risikogruppe zählt, kann ich für mich sagen – ich hätte es VOR der dritten Impfung lieber vermieden, mich zu infizieren, aber ich hab gute Chancen, dass es kein Drama für mich selbst wird, wenn es doch passiert.

Hab ich jedoch Angehörige oder Kinder, die in eine der oben genannten Gruppen fallen, bin ich selbst gefährdet, muss ich noch länger aufpassen, mich zu infizieren und mich vor allem regelmäßig PCR testen, denn gerade bei Ungeimpften steigt das Risiko, bzw. die Chance darauf, eher einen symptomfreien Verlauf zu haben. Unklar ist momentan für mich, inwiefern die Second Attack Rates von Geimpften sich von Ungeimpften unterscheiden – gefühlsmäßig sowohl bei symptomfreien als auch bei symptomatischen Verläufen geringere/kürzere Infektiösität bei den Geimpften, selbst wenn die Ct-Werte ähnlich niedrig sind.

Ich weiß, das ist keine befriedigende Antwort – wie so oft in der Wissenschaft gibt es keine klaren ja/nein-Aussagen. Nature never draws a line without smudging it – Winston Churchill

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