Tag 231: Faktencheck Allerberger bei „Frühstück bei mir“

Ich habe einige Stunden damit verbracht, das Interview mit Allerberger im Hitradio Ö3 vom 25. Oktober 2020 zu transkribieren, mit Ausnahme der Passagen zu seinem Privatleben. Die Passage zum Mundschutz hat Al Wacker auf seinem Blog transkribiert, die hab ich in mein PDF-Dokument übernommen. Es würde einen eigenen Blogeintrag füllen, wie die Fragen von Claudia Stöckl gestellt wurden, aber über die äußere Form haben sich andere schon treffend geäußert:

2 Gründe warum Interviews mit Experten so oft schiefgehen:

1. Experten sind oft gewohnt vor jungen StudentInnen kurzweilige pointierte Vorlesungen zu halten. Der gleiche Kommunikationsstil ist aber im den Medien verheerend wenn danach einzelne Sätze isoliert betrachtet werden.

2. Experten sollten ausschließlich von WissenschaftsjournalistInnen interviewt werden. Ein Society JournalistIn hat einfach nicht das Wissen um den Experten konkret zu hinterfragen wenn ihm ein flapsiger Satz rausrutscht.

(Marton Széll, Arzt für Infektionskrankheiten, Tropenmedizin und Notfallmedizin)

Der folgende Faktencheck behandelt die fatalsten Falschaussagen, im Anschluss verlinke ich das vollständige Skript zum Download. Ö3 hatte 2019 einen Marktanteil von 32% in Österreich, bei den 14-49jährigen 41%. Die Berichterstattung hat große Wellen geschlagen, ein ausführlicher Faktencheck hat leider nicht stattgefunden.

30.10.20: Satzbau-Korrekturen

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Tag 227: Eskalation

Die Infektionszahlen explodieren bei den schulpflichtigen Kindern und bei älteren Personen, Quelle: Erich Neuwirth, 24. Oktober 2020

Das Infektionsgeschehen in Europa spitzt sich jetzt sehr schnell zu. Mit Stand, 24. Oktober, gibt es Lockdown-Zustände in Tschechien, Irland, Slowenien, Slowakei, Wales, Griechenland, Nordportugal. Neben vieler Faktoren wie Nachlässigkeit, private Feiern und Gottesdienste sind der Haupttreiber der Pandemie aktuell die offenen Schulen mit Präsenzunterricht. Dieser Thread behandelt gut die Rolle der Schulen bei den explodierenden Fallzahlen. Das kommt natürlich nicht überraschend. Seit dem Sommer dominierte Wunschdenken, dass Kinder nicht so infektiös wären und das Virus seltener verbreiten würden als Erwachsene. Virologen wie Drosten wollten sich nie auf eine ja/nein-Aussage festnageln lassen, während österreichische Experten in den Medien kategorisch einen Einfluss verneinten. Nur Michael Wagner, Mikrobiologe an der Uni Wien, äußerte noch im August, dass Kinder keine Bremsklötze seien.

„If schools were to re-open fully without necessary precautions, it is likely that children will play a larger role in this pandemic“

(Dr. John Campbell, 21.08.)

Die deutsche Gesellschaft für Virologie warnte in einer Stellungnahme am 06. August 2020 vor der Vorstellung, „dass Kinder keine Rolle in der Pandemie und in der Übertragung spielen. Solche Vorstellungen stehen nicht im Einklang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Fehlende Präventions- und Kontrollmaßnahmen könnten in kurzer Zeit zu Ausbrüchen führen, die dann erneute Schulschließungen erzwingen.“

Ende Juli fand eine Studie heraus, dass Kinder hochinfektiös sein können, Mitte August sah man, dass auch asymptomatische Kinder sehr infektiös sein können. Die große indische Studie Ende September sah keinen Unterschied bei der Übertragung von Kindern jeden Alters.

Indische Lebensverhältnisse lassen sich doch nicht mit unseren vergleichen“ (Franz Allerberger, 14.10.)

Der Bericht vom israelischen Gesundheitsministerium Mitte Oktober bewies: Kinder sind ansteckender als Erwachsene und können Superspreading Events auslösen.

Österreichs Experten und Regierung avancieren zur Pandemie(ver)leugnung, sie negieren weiterhin die Fakten, dass Kinder eine wesentliche Rolle spielen.

„Die meisten Neuinfektionen in Österreich passieren im Haushalt, zeigen die Clusteranalysen der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Wie der Erreger in die Haushalte kommt, kann in der überwiegenden Zahl der Fälle allerdings nicht ermittelt werden. Aus diesem Grund rückt der Freizeitbereich in den Fokus von Fachleuten und Politik. Private Feiern, Hochzeiten, Chorproben und Gottesdienste haben sich in Österreich und international als Pandemietreiber erwiesen.“

(orf.at, 24.10.2020)

Das hohe Infektionsrisiko bei Chorproben und Gottesdiensten weiß man seit der ersten Welle (siehe Cluster in Perg), warum hat man daraus nicht gelernt? Warum basieren die Präventivmaßnahmen immer noch auf dem Stand der Wissenschaft der 30er und 40er Jahre?

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Tag 225: Krisenkommunikation statt Desinformation

Ungewohntes Bild: Interviewpartner Gerry Foitik mit Maske

Je nach Interpretation der Journalisten kann man aus einem internen Briefingpapier des Regierungsberaters und Rotes-Kreuz-Bundesrettungskommandants sinnvolle Vorschläge oder einen Skandal herauslesen. Mich hat sehr verärgert, wie viele auf den Maskenauftritt von Foitik reagiert haben. Die meisten Interviews im Studio mit Armin Wolf fanden ohne Masken statt. Tatsächlich weiß Foitik als einer der wenigen Experten in Österreich, dass das Virus auch über Aerosole übertragen wird und bei längerer Redezeit in geschlossenen Räumen mit schlechter Durchlüftung reicht der Meter Abstand eben nicht aus. Ich fand es gut, dass er konsequent beim Masken tragen im Studio blieb, auch wenn das höchst unpopulär ist – aber vernünftig.

Wie hätte man die zweite Welle verhindern oder zumindest abmildern können?

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Tag 222: Offene Fragen von Tag 41 großteils beantwortet

Welche Dosis macht das Gift?

In meinem Tagebucheintrag vom 21. April 2020 (Tag 41) habe ich zehn Fragen aufgestellt, deren Beantwortung bislang ausstand.

  1. Welche Viruslast ist notwendig, um überhaupt infiziert zu werden?
  2. Wie hoch ist der Prozentsatz durchwegs symptomfrei und präsymptomatisch?
  3. Wie wird symptomfrei definiert? Wie werden Symptome definiert?
  4. Was haben durchwegs symptomfreie Infizierte gemeinsam?
  5. Was haben Menschen mit schweren Verläufe ohne Vorerkrankungen gemeinsam?
  6. Ist das Ausmaß von Folgeschäden an der Lunge abhängig von der Viruslast bei der Infektion?
  7. Was sind die Hauptübertragungswege abseits Gesundheitspersonal im Lockdown-Zustand?
  8. Warum stecken sich im gemeinsamen Haushalt mit einer infizierten Person nur 12-17% neu an?
  9. Gibt es eine Grundimmunität durch die gewöhnlichen Coronaviren?
  10. Wenn Übertragung über die Luft nach diversen (Modell-)Studien möglich ist, warum lässt sich das Virus trotzdem so rasch eindämmen durch Lockdown-Maßnahmen? (Annahme: Übertragungen im Freien bei zu geringem Abstand wären gehäuft zu erwarten) Ist es vielleicht doch nicht so ansteckend wie befürchtet?
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Tag 220: Wissenschaftlicher Konsens zur COVID-19-Pandemie: wir müssen jetzt handeln

„Ich dachte, es könnte Spaß machen, Herdenimmunität auszuprobieren“,
Quelle: ECONOMIST

Am Donnerstag, 15. Oktober, 2020 erschien im ehrwürdigen MedJournal The Lancet das John Snow Memorandum, das inzwischen mehrere tausend Wissenschaftler weltweit unterzeichnet haben. Es ist eine Reaktion auf die „Great Barrington Declaration“, die am 4. Oktober auf einer Webseite publiziert wurde. In deren FAQ wird ein „American Institute for Economic Research“ erwähnt, dass Hilfe angeboten hat. Dabei handelt es sich um eine libertäre Organisation des ultrarechten Milliardärs Charles Koch. Einen Tag nach dem Erscheinen der Deklaration kamen die Autoren einer überraschenden Einladung des Weißen Hauses nach. Die Deklaration enthält unhaltbare Annahmen zur Herdenimmunität und Schutzmaßnahmen. Als Reaktion wurde das John Snow Memo veröffentlicht. Der englische Arzt John Snow revolutionierte im 19. Jahrhundert die Medizin, indem er zeigte, dass die Cholera nicht nur Miasmen (Ausdünstungen), sondern durch Bakterien entsteht. Im Gegensatz zur Great Barrington Declaration weist das Memorandum zahlreiche Referenzen zu Fachartikeln in Topjournals auf und kommt ohne Finanziers wie einen dubiosen „Think Tank“ im Hintergrund aus (Danke an @docjosiahboone für die Hintergründe!)

Im nachfolgenden meine deutsche Übersetzung des Konsenspapiers:

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Tag 219: Wie kommen wir durch den Winter?

Risikomatrix für Infektionsrisiko abhängig von verschiedenen Umgebungsfaktoren

In den letzten Beiträgen ging ich darauf ein, was Experten zu Experten macht und weshalb Österreich die gute Ausgangsposition nach der ersten Welle komplett verschissen hat – diesen Beitrag schrieb ich auf Englisch, da mir das manchmal leichter fällt, meine Gedanken auszuformulieren, und weil der Rest der Welt ruhig erfahren darf, was die Ischgl-Virenschleuder aus dem Versagen gelernt hat (nichts). Die aktuellen Zahlen geben keinen Grund zur Hoffnung. Die Corona-Ampel zeigt ein buntes Farbenspiel, bleibt aber ohne echte Konsequenzen. Politische Interventionen sorgen dafür, dass von Experten empfohlene Hochstufungen nicht umgesetzt werden. Die Schulampel bleibt absurderweise entkoppelt, dabei bringt eine starke Verbreitung innerhalb der Bevölkerung auch viele Infektionen in die Schulen.

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Day 216: Why did Austria fuck up the second wave?

Bucklige Welt, 10. Oktober 2020

The best connoisseur of a society is a non-native staying.

Georg Friedrich Simmel

Being autistic I feel like a stranger my whole life. It’s a different way of being and thinking. I can’t remember being ever happy about just following rules. I always wanted to know the reasons behind. Needless to say you will always have problems with authorities and hierarchy with such an attitude. Feel free to criticize but we decide whether it’s justified or not. Don’t ask, just carry out orders! I simply can’t live like that. Well before the lockdown I refused to built up stocks at home. I live alone and nobody told me what to buy. The situation has been very scary for me. I’m too young to feed upon 14 days of tinned food, not to mention baking bread which I never did. Actually I bought some meal but never used it. In contrast to all these recommendations supermarkets remained open throughout the lockdown and it has been completely nonsense to buy the shop out for toilet paper. I also remember painstakingly keeping distance to other people outside, rather changing the sidewalk at all instead of just passing by. In the first weeks of the lockdown, the government rose the impression the Coronavirus was like measles, black death or smallpox, instantly jumping from host to host. In this article, I try to sum up the biggest mistakes dealing with SARS-CoV-2 and to a lesser extent the economic mistakes.

As an outsider (german) and being autistic I do not suffer neither from a monarchistic heritage nor obedience to authority. It is therefore possible for me to think outside the box and look behind the reasoning of rules.

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Tag 215: Was macht Experten zu Experten?

Neuinfektionen nach Altersgruppe von Mai bis Oktober, Quelle: Erich Neuwirth, 12.10.20

Die kürzlich mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hat am 8. Oktober einen wichtigen Youtube-Beitrag zum Thema Wissenskommunikation geliefert. Obwohl ich ein visueller Denker bin, tue ich mir mit bewegten Bildern immer schwer und zum nachträglich zitieren sind Videos eher ungünstig. Daher habe ich mir die Mühe gemacht, weite Teile des Beitrags zu transkribieren. Die Erkenntnisse daraus lassen sich grundsätzlich im Alltag anwenden, gelten aber gerade auch während der Pandemie in Österreich. Sie gelten nicht nur für Bhakdi und Wodarg, sondern auch für Haditsch und Eifler. Mehr noch: Selbst bei renommierten, bestens vernetzten Experten wie Allerberger, Apfalter und Sprenger lassen sich die Grundregeln seriöser Wissenschaft anwenden.

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Tag 212: Wien-Wahl

„Wiener Blick“, Lainzer Tiergarten

In Wien finden in zwei Tagen Gemeinderats- und Bezirkswahlen statt, rotgrün wird danach fortgesetzt. Wenn ich eine Prioritätenliste für die Bürger aufstellen müsste, stünde an erster Stelle genug zu Essen und zu trinken für sich und Familie, um zu überleben, dann Dach über den Kopf, Gesundheit, ein Job, Mobilität und weit abgeschlagen der Klimaschutz. Kann man diese Priorisierung verurteilen? Österreich befindet sich in der schwersten Rezession mit der höchsten Arbeitslosigkeit seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Das wird die meisten Länder der Erde betreffen.

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Tag 207: Die Rolle von Politik und Medien in der Coronakrise in Österreich

Meine vergangenen Beiträge über irreführende Aussagen in meinen (ehemaligen) Lieblingsnachrichtenquellen Ö1 und FALTER haben meinen wachsenden Unmut schon zum Ausdruck gebracht. Seit März haben mich vor allem Grüne, Ö1 und FALTER schwer enttäuscht, die verbleibenden drei Institutionen in Österreich, von denen man Anständigkeit und Seriösität in Entscheidungsfindungen und Informationsverbreitung erwarten konnte. Es erschüttert mich vor allem deswegen, weil es kaum Alternativen gibt. In den Tageszeitungen finden sich manchmal einzelne, gut recherchierte Artikel – positiv hervorheben möchte ich hier die WienerZeitung, aber kein durchgehend hohes Niveau. Ich hab Ö1 immer gleichwertig mit dem bundesdeutschen Deutschlandradio gesehen. Die Grünen waren für mich die einzige Wahlalternative, wenn auch meine Wahlmöglichkeiten als deutscher Staatsbürger beschränkt sind auf Bezirks- und EU-Wahlen. Die für mich wichtigsten Entscheidungen werden aber auf Gemeinde-, Nationalrats- und Staatsoberhauptebene getroffen. Ich konsumiere nicht ohne Grund am liebsten ausländische Presse zum Virus. Eine 90 Sekunden Video-Wortspende von Allerberger auf der AGES-Webseite kann niemals so gehaltvoll sein wie 90 Minuten NDR-Podcast mit Virologe Drosten. Ein Absatz im „FALTER“ erreicht nie den Grad der Differenziertheit wie ein 12-Seiten-Artikel in „The Atlantic“. Es gibt in Österreich kaum Medien, bei denen über mehrere Seiten hinweg in epischer Breite in die Tiefe recherchiert wurde, idealerweise noch mit Angaben der Quellen. Beliebt sind dagegen Angaben wie „Viele Virologen“ oder „Epidemiologen halten das für“ und „manche Experten sehen das anders“, wobei die Experten nie namentlich genannt und deren zugrundeliegenden Annahmen überprüft werden können.

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