Tag 227: Eskalation

Die Infektionszahlen explodieren bei den schulpflichtigen Kindern und bei älteren Personen, Quelle: Erich Neuwirth, 24. Oktober 2020

Das Infektionsgeschehen in Europa spitzt sich jetzt sehr schnell zu. Mit Stand, 24. Oktober, gibt es Lockdown-Zustände in Tschechien, Irland, Slowenien, Slowakei, Wales, Griechenland, Nordportugal. Neben vieler Faktoren wie Nachlässigkeit, private Feiern und Gottesdienste sind der Haupttreiber der Pandemie aktuell die offenen Schulen mit Präsenzunterricht. Dieser Thread behandelt gut die Rolle der Schulen bei den explodierenden Fallzahlen. Das kommt natürlich nicht überraschend. Seit dem Sommer dominierte Wunschdenken, dass Kinder nicht so infektiös wären und das Virus seltener verbreiten würden als Erwachsene. Virologen wie Drosten wollten sich nie auf eine ja/nein-Aussage festnageln lassen, während österreichische Experten in den Medien kategorisch einen Einfluss verneinten. Nur Michael Wagner, Mikrobiologe an der Uni Wien, äußerte noch im August, dass Kinder keine Bremsklötze seien.

„If schools were to re-open fully without necessary precautions, it is likely that children will play a larger role in this pandemic“

(Dr. John Campbell, 21.08.)

Die deutsche Gesellschaft für Virologie warnte in einer Stellungnahme am 06. August 2020 vor der Vorstellung, „dass Kinder keine Rolle in der Pandemie und in der Übertragung spielen. Solche Vorstellungen stehen nicht im Einklang mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Fehlende Präventions- und Kontrollmaßnahmen könnten in kurzer Zeit zu Ausbrüchen führen, die dann erneute Schulschließungen erzwingen.“

Ende Juli fand eine Studie heraus, dass Kinder hochinfektiös sein können, Mitte August sah man, dass auch asymptomatische Kinder sehr infektiös sein können. Die große indische Studie Ende September sah keinen Unterschied bei der Übertragung von Kindern jeden Alters.

Indische Lebensverhältnisse lassen sich doch nicht mit unseren vergleichen“ (Franz Allerberger, 14.10.)

Der Bericht vom israelischen Gesundheitsministerium Mitte Oktober bewies: Kinder sind ansteckender als Erwachsene und können Superspreading Events auslösen.

Österreichs Experten und Regierung avancieren zur Pandemie(ver)leugnung, sie negieren weiterhin die Fakten, dass Kinder eine wesentliche Rolle spielen.

„Die meisten Neuinfektionen in Österreich passieren im Haushalt, zeigen die Clusteranalysen der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Wie der Erreger in die Haushalte kommt, kann in der überwiegenden Zahl der Fälle allerdings nicht ermittelt werden. Aus diesem Grund rückt der Freizeitbereich in den Fokus von Fachleuten und Politik. Private Feiern, Hochzeiten, Chorproben und Gottesdienste haben sich in Österreich und international als Pandemietreiber erwiesen.“

(orf.at, 24.10.2020)

Das hohe Infektionsrisiko bei Chorproben und Gottesdiensten weiß man seit der ersten Welle (siehe Cluster in Perg), warum hat man daraus nicht gelernt? Warum basieren die Präventivmaßnahmen immer noch auf dem Stand der Wissenschaft der 30er und 40er Jahre?

Faktencheck zur aktuellen Situation

Fakt 1: Der Anteil positiver Tests steigt trotz zunehmender Tests

Anteil positive Tests zu Tests pro Tag

Mythos: Je mehr getestet würde, desto mehr positive Fälle würde man finden.

Es steigt aber nicht nur die Zahl positiver Fälle, sondern auch der Anteil positiver Fälle an den Tests. Das bedeutet, aktuell ist jeder zehnte positiv bei steigenden Testkapazitäten, vorher war es nur jeder zwanzigste und im Juni war die positive Testwahrscheinlichkeit noch geringer. In anderen Worten ausgedrückt: Das Infektionsgeschehen nimmt real zu.

Fakt 2: Durch die Ausbreitung des Virus in alle Altersgruppen nimmt die Zahl der hospitalisierten Covid19-Patienten deutlich zu. Ältere und Vorerkrankte sind erneut stark mit einem schweren Verlauf betroffen.

Zahl der Hospitalisierten, Intensivpflichtigen und Todesfälle

Mythos: „„Circa 95 Prozent der Infektionen verlaufen asymptomatisch – also ohne Symptome – oder maximal mit Schnupfen, Husten und nur gelegentlich mit Fieber“ (Wolfgang Ziegler, Allgemeinmediziner, Stv. der niedergelassenen Ärzte der Ärztekammer für Oberösterreich, 18.09.)

Tatsächlich haben wir mit Stand 24. Oktober das Maximum der Hospitalisierten der ersten Welle bereits übertroffen. Ins Spital müssen aber nur Menschen mit Symptomen. Mit Verzögerung wie bei der ersten Welle steigt auch die Zahl der Intensivbettenbelegung deutlich an. Wegen einem Schnupfen oder Husten muss niemand dauerbeatmet werden. Von allen Infektionen sind ~ 20% asymptomatisch und ~ 80% präsymptomatisch (Buitrago-Garcial et al.). Der Anteil schwerer Akutläufe liegt bei rund 20 %, nicht 5 %.

Der Anteil der Fälle mit Langzeitbeschwerden (> 1 Monat) liegt je nach den Angaben mancher Staaten bei 30-90%. Longcovid als covid-bezogenes Krankheitsbild wird in Österreich nicht standardmäßig erfasst. In Großbritannien wird die teils langwierige Genesung inzwischen von öffentlicher Seite begleitet. Selbst die WHO hat die Tragweite der Spätfolgen langsam anerkannt.

Ich kann Mediziner nicht mehr ernstnehmen, die Langzeitfolgen von Covid19 komplett ignorieren, wenn sie von 95% harmlosen Verläufen sprechen. Ein Teil der Betroffenen entwickelt ME/CFS-ähnliche Symptome, eine häufige postvirale Erkrankung, deren genaue Ursachen unerforscht sind und deren Patienten eine extrem niedrige Lebensqualität aufweisen. Betroffenen ihr Leiden abzusprechen, gehört zum Schlimmsten, was in dieser Situation vorstellbar ist.

Fakt 3: Die Infektionszahlen steigen stark bei der gefährdetsten Altersgruppe an. Damit wird mit Verzögerung auch die Zahl der Todesfälle wieder zunehmen.

Zahl der Hospitalisierten ab 65+ Jahre

Mythos: Es erkranken vor allem junge Menschen, die nicht daran versterben.

Tatsächlich nimmt die Zahl der hospitalisierten 65+ Altersgruppe stark zu. Das ist gerade jene Altersgruppe mit der höchsten Sterblichkeit, mit 2,2% bei den 65-74jährigen, 7,3% bei 76-84 und knapp 30% bei den über 85jährigen (Levin et al., 27.08.).

Zwei peer-reviewte Studien zeigten zwar, dass die Stebrlichkeit bei allen hospitalisierten Covid19-Patienten den Sommer über stark zurückgegangen ist, doch lag das u.a daran, dass es vermehrt jüngere Patienten mit weniger Vorerkrankungen waren. Die Behandlung hat sich ebenfalls verbessert (v.a. Bauchlage bei Lungenschäden), vorbeugende Medikamente gegen Blutgerinnsel oder schwächende zytokinetische Stürme. Vermutungen gibt es weiterhin darüber, dass Maskentragen die Viruslast reduziert und damit die Schwere des Verlaufs (z.b. Guallar et al., Little et al., Ryan et al., Bielecki et al., Ghandi and Rutherford, ).

Die positiven Effekte werden jedoch nivelliert, wenn die Kapazitätsgrenzen überschritten werden.

„keeping hospitals below their maximum capacity also helps to increase survival rates. When cases surge and hospitals fill up, „staff are stretched, mistakes are made, it’s no one’s fault — it’s that the system isn’t built to operate near 100%,“ (Bilal Mateen, 20.10.)

Das geschieht gerade vor unseren Augen. Gestern in der zib2 warnte Infektiologe Burgmann von der MedUni Wien nachdrücklich vor einer Überlastung der Spitäler in Österreich (Interview noch abrufbar bis 30.10.), dazu auch die gemeinsame Stellungnahme von MedizinerInnen aus Österreich (22.10.), vergleichbar auch die Schilderungen des deutschen Intensivmediziners Kluge (61. Folge des NDR-Podcasts am 20.10.).

Wenn die Intensivkapazitäten erschöpft sind, müssen Ärzte täglich entscheiden, wer die höheren Überlebensschancen hat. Dann konkurrieren Patienten mit und ohne Covid gegeneinander. Dann spielt es keine Rolle, ob die Behandlung von Covid19 besser wurde, wenn weder Anzahl der Intensivbetten noch das notwendige Personal ausreichen, um die bestmögliche Behandlung garantieren zu können.

Wenig berichtet wird über Vorerkrankungen selbst. In Österreich ist rund ein Drittel der Bevölkerung übergewichtig, ein bedeutender Risikofaktor für einen schweren Verlauf. Selbstverständlich befinden sich auch unter den Eltern von (Klein-) Kindern Vorerkrankte oder lebt eine Oma oder Opa im gemeinsamen Haushalt.

Was bleibt als Erkenntnis zum Schluss übrig?

Kinder spielen eine wesentliche Rolle in der Übertragung des Virus. Wenn man keine adäquaten Vorsorgemaßnahmen betreibt, sind sie genauso ansteckend wie Erwachsene und tragen das Virus aus den Schulen zurück in die Familien. Dort können dann Angehörige schwer erkranken oder gar versterben. Für die Kinderpsyche ist das mit Sicherheit schlimmer als ein vergeudetes Schuljahr mit weniger Lerninhalten und Kontakt zu Gleichaltrigen. Schulen offen halten zu müssen ist der Zwang der Betreuungspflichten. Eine Regierung für die Gesamtbevölkerung sollte durch wirtschaftliche Maßnahmen möglichst umfassend den Druck herausnehmen. Homeoffice, Distance Learning, ältere Kinder zuhause, Volksschüler mit mehr Platz in den Schulen und kleineren Klassen. Schule darf nicht um jeden Preis offen bleiben, wenn dadurch Kinder, Lehrer und Angehörige gefährdet werden.

Für sich selbst kann man derzeit nur die Entscheidung treffen, ausschließlich FFP2-Masken zu tragen, Innenräume kategorisch zu meiden, sich nicht länger als nötig darin aufhalten (Büro, öffentliche Verkehrsmittel), die Corona-App benutzen und ein Cluster-Tagebuch anlegen. Mein Ein-Personen-Haushalt wird nicht wesentlich zur Virusverbreitung beitragen – weder Kinder, Partner noch Verwandte sind als potentielle Virusempfänger vorhanden. Ausgewählte persönliche Kontakte treffe ich fast ausschließlich draußen.

Sonst kann man – auch im Eigeninteresse – nur hoffen, dass der Lockdown bald kommt, damit die Anzahl der Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln weiter zurückgeht und Risikosituationen seltener auftreten. Bei Positivraten von 10% und mehr bei den hohen Testzahlen rechne ich für mich eine zunehmend geringe Chance aus, verschont zu bleiben.

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