Tag 225: Krisenkommunikation statt Desinformation

Ungewohntes Bild: Interviewpartner Gerry Foitik mit Maske

Je nach Interpretation der Journalisten kann man aus einem internen Briefingpapier des Regierungsberaters und Rotes-Kreuz-Bundesrettungskommandants sinnvolle Vorschläge oder einen Skandal herauslesen. Mich hat sehr verärgert, wie viele auf den Maskenauftritt von Foitik reagiert haben. Die meisten Interviews im Studio mit Armin Wolf fanden ohne Masken statt. Tatsächlich weiß Foitik als einer der wenigen Experten in Österreich, dass das Virus auch über Aerosole übertragen wird und bei längerer Redezeit in geschlossenen Räumen mit schlechter Durchlüftung reicht der Meter Abstand eben nicht aus. Ich fand es gut, dass er konsequent beim Masken tragen im Studio blieb, auch wenn das höchst unpopulär ist – aber vernünftig.

Wie hätte man die zweite Welle verhindern oder zumindest abmildern können?

Von Ländern lernen, die es besser gemacht haben

Statt alle Augen auf Schweden zu richten, wo der längst unverhohlene Versuch, über Durchseuchung der jüngeren Bevölkerung die natürliche Herdenimmunität zu erreichen, oder sich an Israel zu halten, wo ebenso wie in zahlreichen weiteren europäischen Ländern die Öffnung der Schulen bei zu hohen Infektionszahlen zur Explosion der Fallzahlen geführt hat, vor allem, weil man lange Zeit mangels aussagekräftiger Daten die Rolle von Kindern im Infektionsgeschehen negiert hat, sollten unsere Augen auf die Länder auf der anderen Seite der Erdkugel gerichtet sein.

Südkorea

In Südkorea wurde die Fallzahlenkurve rasch heruntergebracht, ohne Geschäfte zu schließen oder Ausgangssperren zu verhängen. Das Land zeigte sich frühzeitig erfolgreich in der Vorbereitung auf die Pandemie: Fallerkennung, Eingrenzung und Behandlung. Südkorea baute hunderte innovative Kliniken zur frühzeitigen Erkennung und arbeite eng mit dem privaten Sektor zusammen, um Nachschub an geeigneten Tests sicherzustellen. Rund 600 Testzentren wurden am Höhepunkt der Epidemie eingesetzt, um die Leute effektiv testen zu können, damit konnten 15000 bis 20000 Tests am Tag verwirklicht werden. Weiters wurden Kontaktpersonen in Quaräntäne unterstützt, um die Mitarbeit zu verstärken und Kontakte wurden sehr gewissenhaft nachverfolgt. Zusätzliche 2400 Gesundheitsmitarbeiter wurden rekrutiert und vorübergehende Spitäler gebaut, um die Kapazitäten zu erhöhen.

Vietnam

In Vietnam hat man in öffentliche Gesundheitsinfrastruktur investiert (Notfall-OP-Zentren und Überwachungssysteme), Grenzen wurden geschlossen, frühzeitige Reaktion durch Testen und Lockdowns, intensives Kontakte nachverfolgen. Quaränte aufgrund möglicher Ansteckung und weniger nur aufgrund von Symptomen, damit konnte die präsymptomatische und asymptomatische Übertragung verringert werden. Klare Kommunikation ist wesentlich: Eine klare, konsistente und ernsthafte Erzählung während der gesamten Krise. Beim Entscheidungsprozess zu den Maßnahmen ist die Gesamtheit der Gesellschaft beteiligt und damit eher geneigt, aktiv mitzuwirken bei entsprechenden Maßnahmen.

Neuseeland

Obwohl Neuseeland geografisch isoliert ist, war die Einführung von SARS-CoV-2 nur eine Frage der Zeit – aufgrund der hohen Zahl an Touristen und Studenten, die jeden Sommer vor allem aus Europa und China ankommen. Die epidemischen Modelle zeigten eine starke Verbreitung, welche das Gesundheitssystem überlasten und unverhältnismäßig viele Opfer bei Maori und Pazifikbewohnern fordern würde. Neuseeland begann bereits im Februar mit dem pandemischen Influezaplan, bei dem sich die Spitäler auf vermehrt ankommende Patienten vorbereiteten. Ebenso wurden Grenzkontrollen eingeführt, um die Ankunft der Pandemie zu verzögern. Bis Mitte März war klar, dass sich das Virus regional verbreitet hatte und sowohl Tests als auch Nachverfolgung nicht ausreichten, um das Virus einzudämmen. Die nationale Führung änderte auf wissenschaftlicher Grundlage ihre Abschwächungsstrategie auf eine Eliminierungsstrategie. Ein landesweiter Lockdown wurde eingeführt – nach fünf Wochen ging die Zahl der Fälle deutlich zurück. Neuseeland blieb zwei weitere Wochen auf erhöhter Warnstufe mit Ausgangsbeschränkungen. Dank strikter Grenzkontrollen wird das erneute Einschleppen weitgehend verhindert. Das öffentliche Leben ist wieder nahezu normal. Um die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen des Lockdowns abzufedern, investierte Neuseeland in öffentliche Ausgaben für Geschäfte und unterstützte die Einkommen der Arbeitslosen bzw. solcher, deren Jobs bedroht waren. Die Premierministerin Jacinda Ardern zeigte sich als empathische Führerin kommunizierte Schlüsselbotschaften effektiv an die Öffentlichkeit. Der Kampf gegen die Pandemieg geschah im Kontext einer Arbeit eines geeinten „Teams von fünf Millionen“. Das erzeugte ein großes Vertrauen der Öffentlichkeit und Mitwirkung an teilweise recht harter Maßnahmen.

Die drei größten Fehler in Österreich

Auf Englisch hab ich mich bereits darüber ausgelassen, was in Österreich alles verbockt wurde und leider auch weiterhin verbockt wird. Für manche vielleicht erstaunlich, aber in der Bevölkerung suche ich die Schuld am allerwenigsten und schon gar nicht bei den Kindern, aber auch nicht bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die weiter feiern und sich nicht an die grundlegenden Regeln halten.

Kurz gefasst (pun intended): An der gesundheitlichen und letztlich auch ökonomischen Katastrophe, die sich da am Horizont abzeichnet, haben drei einflussreiche Gruppen Schuld:

  1. Mediziner, die völlig entgegen des wissenschaftlichen Konsens argumentieren und medienwirksam die Zweifler und Skeptiker befeuern

In Richtung Politik richtet Apfalter aus: Nur die Fallzahl als Kennzahl herzunehmen greife zu kurz, und die Fallzahl sei auch die ungeeignetste Kennzahl – „die zweite Welle ist der Teststrategie geschuldet, aber nicht den Erkrankungszahlen.“ „Wir behandeln nicht Laborwerte, sondern Patienten“, so auch Niedermoser.

„Ärztekammer OÖ warnt vor Corona-Panik“, 18. September 2020
Labortsunami“ in den Krankenhäusern? Stand 22. Oktober 2020

Die Laborwelle zeigt sich einen Monat später in einem sprunghaften Anstieg der Hospitalisierten. Die Intensivbettenkapazitäten sind bereits am Anschlag und zwar deswegen, weil der Normalbetrieb weitergeht! Zwar sind nur 15-20% von Covid-Patienten belegt, aber ein signifikanter Teil von Normalpatienten. Jede Station, die zusätzlich wegen Covid-Patient errichtet werden muss, zieht Ärzt*Innen und Pfleger*Innen vom Routinebetrieb ab. Den Normalbetrieb einzustellen, erzeugt gerade jene Kollateralschäden, die oft infolge der angeblich überzogenen Maßnahmen kritisiert wurden.

Bis heute weigern sich die prominenten Ärzte, die jetzt mit ihren Fehlaussagen plötzlich öffentlich sehr still geworden sind, die Aerosolübertragung als wichtigen Übertragungsweg bei SARS-CoV-2 anzuerkennen. Bis heute werden Zweifel am Nutzen von Masken gesät und zu wenig über die Wichtigkeit von Lüftungskonzepten geredet. Bis heute schreiben und reden nur wenige der interviewten Ärzte über Langzeitfolgen, die eben auch junge Menschen betreffen können.

Am schlimmsten ist aber, dass bis heute die schwedische Strategie zur Durchseuchung der jüngeren Bevölkerung als Ziel zum Erreichen der Herdenimmunität priorisiert wird. Allerberger lud Tegnell im Jänner 2021 auf eine Tagung in Wien ein. Die Teststrategie wird laufend so angepasst, dass Kinder unter 10 nicht mehr getestet werden sollen, ebenso wenig ihren Kontaktpersonen und positiv getestete Lehrer mit Maske eben weiterarbeiten sollen. Das alles nur, weil die eigenen Daten angeblich zeigen, dass Kinder keine Rolle im Infektionsgeschehen spielen.

Die Rolle der AGES ist keine rühmliche. 60% der identifizierten Cluster werden dem Bereich Haushalt zugeordnet, aber:

Wie das Virus in die Haushalte kommt, wissen wir nicht“, sagt AGES-Chefepidemiologin Daniela Schmid gegenüber ORF.at. „Jeder Haushaltscluster hat einen Quellenfall, dessen Quelle wiederum ungeklärt ist.“

orf.at, 22. Oktober 2020

Gleichzeitig wird ausgeschlossen, dass Öffis, Gastronomie und andere Bereiche mit geringen registrierten Fällen eine wesentliche Rolle spielen. Tatsächlich sind die Schulen hier die Treiber der Pandemie, und je größer das Hintergrund-Infektionsgeschehen , desto stärker wächst die Wahrscheinlichkeit, sich an bisher weniger gefährdeten Orten anzustecken.

2. Politiker, die nur auf Umfragewerte, Parteipolitik und Lobbyagenden schauen und nicht fakten- und wissenschaftsbasiert Entscheidungen treffen.

In Österreich herrschte bis Oktober Wien-Wahlkampf. Unpopuläre harte Maßnahmen wurden in meinen Augen bewusst verzögert, um potentielle Wähler nicht zu verschrecken. Es herrschte von Beginn an eine Inszenierungspolitik mit täglichen Pressekonferenzen. Das Narrativ, dass Österreich gut durch die Krise gekommen wäre, blendete konsequent das Kanzler-Versagen um Ischgl aus. Der Sommer wurde verschlafen, die flankierenden Wirtschaftsmaßnahmen waren von Beginn an auf Almosen und Abhängigkeit von der ÖVP (WKO) und Preisgabe von sensiblen Daten gemünzt. Entgegen wissenschaftlicher Evidenz wurde die Maskenpflicht im Sommer weitgehend gelockert, damit einher ging die Botschaft „die Krise ist überstanden“ und die Bevölkerung ließ den Schlendrian einkehren. In UK ist ein Grund für den Kontrollverlust, dass sich eine große Zahl an Leuten (ca. 80%) nicht isolierte, obwohl sie sollte. Das spiegelt die wachsende Zahl an prekären Einkommen, Arbeit und Wohnsituation wieder, und die unzureichende Unterstützung für Arbeitslose. Trotz wiederholtem Drängen der Gewerkschaften und Arbeiterkammer weigert sich die Regierung, darunter auch die Grünen, das Arbeitslosengeld von 55 auf 70% zu erhöhen. Solange die Krise andauert, werden keine neuen Jobs geschaffen. Ein niedriges Arbeitslosengeld ist kein Druckmittel, sondern eine Armutsfalle und zudem tödlich für die Kaufkraft und damit Wirtschaft.

Nach dem ersten Lockdown gab es etliche Monate mit ausreichend Vorbereitungszeit für den Sommer und Herbst. Man hätte in dieser Zeit über den österreichischen Tellerrand hinaussehen können und sich überlegen, was Länder richtig gemacht haben, die jetzt ihre Fallzahlen nahe Null haben, oder die sehr lange Zeit sehr geringe Fallzahlen hatten und entsprechend öffnen konnten, beginnend bei einem effektiven Grenzkontrollenmanagement und Lüftungs- und E-Learningskonzepte für Schulen.

3. Medien und Journalisten, die nur auf die Quote schauen und umstrittene Persönlichkeiten einladen, die Verschwörungsmythen absondern, und viele Regierungsmaßnahmen weder rechtlich noch wissenschaftlich hinterfragen.

Skurrilerweise machen hier die Boulevardzeitungen noch eine bessere Figur als vermeintliche Qualitätszeitungen. Ausdrücklich positiv hervorzuheben ist hier Isabelle Daniel von oe24 – einer „Zeitung“, um die ich normalerweise einen weiten Bogen mache, aber ihre Wortmeldungen auf Twitter sind fundiert und durchdacht. Medien geben politischen und medizinischen Bullshit häufig unreflektiert und ungefiltert an die Bevölkerung weiter. Wie soll Eigenverantwortung und Hausverstand funktionieren, wenn einem dauernd Blödsinn erzählt wird und man nicht mehr weiß, was man glauben soll? Ein vergleichbares Format wie der NDR-Podcast mit Drosten, Ciesek und anderen Experten gibt es in Österreich nicht, dabei wäre ein Sender wie Ö1 dafür geradezu prädestiniert. Stattdessen werden mit eindeutig tendenziösen Fragestellungen Mythen und Falschaussagen verbreitet. Über Langzeitfolgen wird kaum berichtet und spielt vor allem bei zahlreichen Interviews mit Experten und Politikern keine Rolle – ganz im Gegensatz etwa zum deutschen Epidemiologen und SPD-Politiker Karl Lauterbach. Dabei wäre das ein geeignetes Narrativ, um gerade bei der jüngeren Bevölkerung, die sich offenbar unverwundbar fühlt, für mehr Fremdverantwortung und Disziplin sorgen.

Was hätte Österreich tun können (müssen)?

Als informierter Laie lässt es sich leicht daher reden, aber für jede Aussage wird man ein Land finden, wo das umgesetzt wurde. Manche Vorschläge sind niedrigschwellig und ohne großen Aufwand umzusetzen. Für andere braucht es eben internationale Zusammenarbeit. Ich glaube, wenn Österreich nur einen Bruchteil der folgenden Liste umgesetzt hätte, stünden wir jetzt wesentlich besser da.

Aufzählung nicht chronologisch und unvollständig

  • Krisenstab den Wissenschaftlern überlassen statt politisch reinzupfuschen, science-fact based decision process (siehe Neuseeland), Pferdefuß: setzt kompetente Wissenschaftler voraus
  • bei einer Erzählung bleiben (wozu machen wir das?) statt ständig die Richtung zu wechseln (gesundheitliche Krise überstanden, Licht am Ende des Tunnels, Versprechungen eines Impfstoffs), damit für Sicherheit und Vertrauen sorgen
  • transparent für alle offen legen, wo Ansteckungen passieren, welche Bezirke betroffen sind, welche Altersgruppen (in Österreich erst seit Mai verfügbar), damit Wissenschaftler forschen können
  • transparent erklären, wie man zu den Maßnahmen kommt, statt nur bei Nichtbefolgung mit Strafen zu drohen, wissenschaftlichen Hintergrund erläutern (siehe NDR-Podcast, siehe RKI, der sich mit Quellen absichert)
  • Erst Verordnungen schaffen, dann Maßnahmen verkünden, nicht umgekehrt. Rechtssicherheit schaffen!
  • sich an wissenschaftliche Erkenntnisse halten, die international schon länger existieren. Deutschland weiß seit Mai, dass Aerosole und entsprechend Lüftungskonzepte eine wesentliche Rolle spielen. Österreich wartet eine eigene (!) Studie im Oktober ab, bis Gesichtsvisiere endlich verboten werden (mit Ausnahmen und Übergangsfristen)
  • Mit den Aerosolen lässt sich auch gut erklären, warum überhaupt gelüftet werden muss, mit Tröpfchen, die sofort zu Boden fallen, ist Lüften nämlich sinnlos, CO2-Messgeräte und Luftfilter o.ä. besorgen
  • an Risikogruppen gratis FFP2-Masken verteilen stattdessen sieht man gerade gehäuft ältere Personen mit Gesichtsvisieren
  • an den Schulen eine Maskenpflicht für Schüler und Lehrer einführen , es gibt zertifizierte FFP2-Masken, die einen geringeren Atemwiderstand haben und stundenlang getragen werden können (selbst getestet), auch unter den Lehrern gibts Risikogruppen
  • Schulen nicht öffnen mit der starken regionalen Verbreitung Anfang September, oder zumindest die älteren Jahrgänge zuhause lassen, und den privaten Bereich massiv einschränken, damit die Schulen offen bleiben können
  • Gottesdienste und Chorproben nur mit Masken
  • Bars, Discos, Fitnesstudios sind großes Problem, all das weiß man seit dem Sommer!
  • klare Regeln zu Homeoffice
  • telefonische Krankmeldung weiterlaufen lassen
  • digitales Contact Tracing statt Absonderungsbescheide per Post und Überlastung der Telefone
  • evtl. Einsatz ausgebildeter Hunde, die anhand Urin/Körpergeruch anschlagen (auch eine Art von Schnelltest, sehr sensitiv), was ist mit den Abwasser-Frühwarnsystemen?
  • Warum wird nicht häufiger und nachdrücklicher auf Clustertagebuch u.ä. hingewiesen? Das würde die Nachverfolgung der Quellcluster erheblich erleichtern.
  • Unbürokratische Auszahlung der Finanzhilfen übers Finanzamt statt WKO, ungerechtfertige Förderungen später einfordern (in Österreich nicht üblich: Hier macht man Hilfen lieber so bürokratisch wie möglich, damit sich möglichst wenig Leute auskennen und vorher aufgeben, die Mehrheit der Bevölkerung weiß gar nicht, was ihnen zusteht!)
  • Erhöhung des Arbeitslosengelds, um Betroffene sozial und finanziell abzusichern, bewirkt auch höhere Bereitschaft, harte Maßnahmen mitzutragen, wenn „Fall“ nicht so tief ist (siehe Kurzarbeit).

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