Tag 231: Faktencheck Allerberger bei „Frühstück bei mir“

Ich habe einige Stunden damit verbracht, das Interview mit Allerberger im Hitradio Ö3 vom 25. Oktober 2020 zu transkribieren, mit Ausnahme der Passagen zu seinem Privatleben. Die Passage zum Mundschutz hat Al Wacker auf seinem Blog transkribiert, die hab ich in mein PDF-Dokument übernommen. Es würde einen eigenen Blogeintrag füllen, wie die Fragen von Claudia Stöckl gestellt wurden, aber über die äußere Form haben sich andere schon treffend geäußert:

2 Gründe warum Interviews mit Experten so oft schiefgehen:

1. Experten sind oft gewohnt vor jungen StudentInnen kurzweilige pointierte Vorlesungen zu halten. Der gleiche Kommunikationsstil ist aber im den Medien verheerend wenn danach einzelne Sätze isoliert betrachtet werden.

2. Experten sollten ausschließlich von WissenschaftsjournalistInnen interviewt werden. Ein Society JournalistIn hat einfach nicht das Wissen um den Experten konkret zu hinterfragen wenn ihm ein flapsiger Satz rausrutscht.

(Marton Széll, Arzt für Infektionskrankheiten, Tropenmedizin und Notfallmedizin)

Der folgende Faktencheck behandelt die fatalsten Falschaussagen, im Anschluss verlinke ich das vollständige Skript zum Download. Ö3 hatte 2019 einen Marktanteil von 32% in Österreich, bei den 14-49jährigen 41%. Die Berichterstattung hat große Wellen geschlagen, ein ausführlicher Faktencheck hat leider nicht stattgefunden.

30.10.20: Satzbau-Korrekturen

Fakt: Von gestern, 27.10., 08:00 bis heute, 28.10., 08:00 gibt es 3859 neue positiv getestete Fälle, um 10:00 sind es sogar 3978 Fälle innerhalb von 24 Stunden. Quelle: Sozialministerium

Allerberger würde nicht ausschließen, dass wir 4000, 4500, 5000 Neuinfektionen am Tag am Höhepunkt des Winters erleben. Der eigentliche Gipfel würde uns erst im Dezember, Jänner bevorstehen.

Die Grafik vom 27. Oktober 2020 zeigt einen steilen Anstieg bei den täglichen Neuinfektionen.

Quelle: Erich Neuwirth

Die Zahl der Neuinfektionen ist ein Blick in die Vergangenheit, sie zeigt das Infektionsgeschehen vor 5-10 Tagen. Die verschärften Maßnahmen seit letztem Montag ändern nichts daran, dass sich im privaten Bereich, in der Gastronomie und in den Schulen nichts geändert hat bzw. ändert. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Zahlen plötzlich zurückgehen. Damit werden die kolportierten 5000 Neuinfektionen pro Tag schon in den kommenden 7-14 Tagen überschritten. Vom Jänner sind wir noch weit entfernt.

Fakt: Keiner der öffentlich auftretenden Experten hat im März mit einer hohen Sterblichkeit in der jungen Bevölkerung gerechnet.

Allerberger behauptet, dass 30% Sterblichkeit für möglich gehalten worden wären, und dass auch möglichkeit gehalten worden wäre, dass viele junge Menschen sterben könnten wie bei der Spanischen Grippe.

Das, was Allerberger hier betreibt, ist Framing. Er behauptet, man („wir“, ohne anzuführen, wer zum „wir“ gehört) hätte mit extrem hohen Sterblichkeitsraten gerechnet – vergleichbar mit Pest oder Pocken – , und relativiert damit die Gefährlichkeit des Coronavirus. Tatsächlich war selbst bei den Schreckensbildern aus Italien klar, dass es mehrheitlich ältere Menschen betraf. In Italien waren im Jahr 2019 23% der Bevölkerung älter als 65 Jahre.

Fakt: Kinder können schwer erkranken und Schwangere haben ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf.

Allerberger spricht von keinem relevanten Krankheitsrisiko bei Kindern und behauptet, Schwangere hätten kein erhöhtes Risiko, „im Gegenteil“.

Das amerikanische Center for Disease Control and Prevention (CDC) schreibt am 23. Oktober:

Based on what we know at this time, pregnant people might be at an increased risk for severe illness from COVID-19 compared to non-pregnant people. Additionally, pregnant people with COVID-19 may be at increased risk for other adverse outcomes, such as preterm birth.

Die Gesellschaft für Virologie (GfV) in Heidelberg schreibt in einer Stellungnahme, u.a.

„Ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf ergibt sich beispielsweise bei Übergewicht, Diabetes, Krebserkrankungen, einer Niereninsuffizienz, chronischen Lungenerkrankungen, Lebererkrankungen, Schlaganfall, nach Transplantationen und während einer Schwangerschaft.

Quelle: GfV, 19. Oktober 2020

Ergänzung, 31.10., 12.00:

„Vor dem Hintergrund der oben genannten neuen Literatur und aus Vorsichtsgründen sind schwangere Frauen und ihre Feten im Falle einer Coronavirus-Epidemie durch SARS-CoV-2 als vulnerabel einzustufen.“

Quelle: Schweizer Gesellschaft für Geburtshilfe, 05.08.20

Kinder sind zwar insgesamt seltener von schweren Verläufen betroffen, die meisten Infektionen verlaufen asymptomatisch, doch sind auch dabei Folgeerkrankungen wie multisystemische Entzündungen möglich.

Allerberger bezieht sich bei erhöhten Risiken ausschließlich auf die Sterblichkeit, nicht aber auf schwere Verläufe mit anhaltenden Symptomen.

Fakt: Der Hauptübertragungsweg sind winzige Tröpfchen (Aerosole), die über Stunden hinweg in der Luft schweben können. Je kleiner die Tröpfchen, desto höher das Risiko, dass diese bis in die Lungen inhaliert werden können. Größere „ballistische“ Tröpfchen haben eine viel geringere Wahrscheinlichkeit, dass sie zufällig auf die Schleimhäute im Gesicht treffen. Es braucht eine bestimmte Viruslast, um sich zu infizieren.

Allerberger behauptet, Aerosole würde es auch geben, aber das ändere nichts daran, dass enge soziale Kontakte der Hauptgrund für Ansteckungen wären und bezieht sich dabei auf unter einem Meter Abstand und 15 Minuten miteinander reden.

In der Natur funktionieren Schwellenwerte selten, weder für den Meter Abstand noch für 15 Minuten. Enge soziale Kontakte sind kein Widerspruch zur Aerosolübertragung. Man muss sich das vorstellen wie bei Zigarettenrauch. Die Rauchwolke ist beim Raucher am stärksten konzentriert, dort atmet man als Passivraucher am meisten schädliche Substanzen ein. Je weiter entfernt von der Quelle, desto schwächer die Konzentration und desto geringer das Risiko.

Fakt: Wir haben jetzt schon akute Engpässe in den Spitälern, nicht lebensnotwendige Operationen müssen verschoben werden wie im März, weil zu den belegten Intensivbetten mit Covid-Patienten auch der normale Spitalsbetrieb hinzukommt.

Allerberger: „wir sind ja jetzt noch in der glücklichen Situation, dass wir ja nur ganz wenig Erkrankungsfälle haben und ganz wenig Todesfälle.“

In Oberösterreich müssen nicht nötige Eingriffe bereits verschoben werden, in Wien, Salzburg, Tirol und in der Steiermark gibt es konkrete Überlegungen, das demnächst zu tun. Im AGES-Dashboard, und Allerberger leitet bei der AGES die Abteilung für Öffentliche Gesundheit, wurden die verfügbaren Normalbetten am Dienstag (27.10.) mit 10110 angegeben, doch gibt es keine 10000 freien Betten.

Fakt: Das Reisen mit dem Flugzeug bedeutet ein erhöhtes Infektionsrisiko für Passagiere.

Allerberger suggeriert, dass in Flugzeugen mit diesen Lüftungsanlagen das Infektionsrisiko erstaunlich gering wäre.

Flugzeuge sind nur dann vergleichsweise sicher, wenn alle Passagiere durchgehend eine Maske tragen. Das Reisen mit dem Flugzeug beinhaltet aber auch die Anreise zum Flughafen, das Warten in Wartehallen und an Sicherheitschecks sowie das längere Sitzen in geringerem Abstand zu anderen Passagieren. Daher bedeutet das Reisen mit dem Flugzeug ein erhöhtes Ansteckungsrisiko.

Fakt: Masken bieten einen wirksamen Schutz gegen Ansteckungen durch infizierte Personen und verringern außerdem das Risiko, selbst schwer zu erkranken.

Allerberger behauptet, das Einfordern der Maskenpflicht hätte keine messbaren Auswirkungen gehabt und bezieht sich dabei auf die Aufhebung und Wiedereinführung der MNS-Pflicht für Supermärkte und Apotheken im Sommer.

Nur, weil unsere dünne und intransparente Datenlage das nicht hergibt, bedeutet das nicht, dass es keinen Effekt gibt. Wenn Allerberger über den österreichischen Tellerrand ins Ausland schauen würde, fände er zahlreiche Belege für die Wirksamkeit der Maskenpflicht, sei es in Flugzeugen (s.o.), in Kanada (25-40% Reduktion der Infektionen) oder in dieser Studie. Der Nutzen von Masken wurde erst unlängst vom DLR belegt. Zuletzt wurde auch ein Paper des österreichischen Gesundheitsökonoms Thomas Czyprionka veröffentlicht, wonach Masken die Ausbreitung des Coronavirus signifikant verringern können. Darüber hinaus verringert das Maskentragen das Risiko eines schweren Verlaufs, weil die auf einmal aufgenommene Virusmenge geringer ist. Dafür gibt es immer mehr Studien, die darauf hindeuten.

Im Juni, als die Maskenpflicht weitgehend gelockert wurde, waren die Fallzahlen insgesamt gering und die Wahrscheinlichkeit, einer infizierten Person zu begegnen, niedrig. Das hat sich aber im Spätsommer mit den Reiserückkehrern und dem zunehmend sorglosen Verhalten in der Bevölkerung geändert. Mit dem Öffnen der Schulen ist die Wahrscheinlichkeit nochmal gestiegen. Solange die Infizierten in ihren „Haushaltsclustern“ bleiben, ließe sich das noch gut kontrollieren, doch sobald sich die Cluster über den öffentlichen Raum verbinden (Perkolationseffekt), gerät das Infektionsgeschehen außer Kontrolle.

Allerberger argumentiert zudem unseriös, wenn er behauptet, es gäbe viele Arbeiten gegen und für den Nutzen von Masken.

Ohne konkrete Arbeiten zu zitieren und wie man zum Ergebnis pro und contra gekommen ist, kann sich nämlich niemand ein Bild davon machen, ob die Arbeiten alle Kriterien für seriöses wissenschaftliches Arbeiten erfüllt haben.

Fakt: Homöopathie und Bachblütentherapie haben keine wissenschaftlich nachgewiesene Wirkung, die über den Placeboeffekt hinausgeht.

Allerberger vergleicht den Nutzen von Masken mit dem Nutzen von Homöopathie und Bachblütentherapie, und dass man nicht damit anfangen solle, „nur mehr das zu machen, was man medizinisch belegen kann“, das solle nicht alles plötzlich in Frage gestellt werden.

Weder für Homöopathie noch für Bachblütentherapie gibt es seriöse Studien mit einem doppelblinden, placebo-kontrollierten, randomisierten Studiendesign, die deren Wirksamkeit belegen.

Fakt: Der Lockdown im Frühjahr war notwendig, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und um Zeit zu gewinnen, damit eine wirksame Behandlung schwerer Verläufe gefunden werden kann.

Allerberger behauptet, der Lockdown wäre nicht notwendig gewesen, weil die effektive Reproduktionszahl schon davor gesunken wäre und die Bevölkerung schon vorher die Basis-Regeln (Hände waschen, Abstand halten und Nieshygiene) eingehalten habe.

Dazu muss man wissen, wie die Reproduktionszahl R zustande kommt, nämlich durch eine Echtzeitprognose auf Grundlage aktueller Meldezahlen über Infizierte, dabei wird der Diagnose- und Meldeverzug eingerechnet und eine Prognose erstellt, wie viele Personen bereits erkrankt sind, obwohl sie erst noch getestet, diagnostiziert und gemeldet werden. Zuverlässig bestimmbar ist R erst im Nachhinein. Schon vor dem Lockdown gab es Absagen an Großveranstaltungen und Verhaltensänderungen in der Bevölkerung. Erst die Ausgangsbeschränkungen haben dazu geführt, dass R auch niedrig bleibt und die Spitäler die erste Welle gut bewältigen konnten. Mit der Verzögerung des Infektionsgeschehens („flatten the curve“) konnte man Zeit gewinnen, um wirksame Behandlungsmethoden zu finden, die jetzt dafür sorgen, dass auch die 80jährige Oma bessere Überlebensschancen hat (Cortison, Blutverdünnungsmittel, Bauchlage bei Beatmung). Man brauchte auch die Zeit, um genug Schutzmaterial zu ordern und die Testkapazitäten hochzufahren, da anfangs nur symptomatische Personen getestet wurden.

Fakt: Je früher und härter der Lockdown, desto rascher kann man zu einer annähernden Normalität zurückfinden mit besseren Perspektiven auch auf wirtschaftlicher Seite.

Allerberger argumentiert gegen einen Lockdown, weil der Lockdown viele Kollateralschäden, gerade in Form von Arbeitslosigkeit, gebracht hätte.

Tatsächlich sind jene Länder wie Neuseeland mit raschen, strikten Lockdowns wirtschaftlich besser ausgestiegen:

Quelle: Financial Times

In Neuseeland ist das Leben nach einem fünfwöchigen Lockdown fast wieder normal, die Sportstadien sind gefüllt ohne allgemeine Maskenpflicht. Was Allerberger nicht dazu sagt: Lässt man das Infektionsgeschehen einfach laufen, dann geschieht, was jetzt geschieht, das Gesundheitssystem wird überlastet, es gibt Kollateralschäden auf allen Ebenen:

  • Reisewarnungen und defakto -verbote wegen strenger Quarantäneregeln, damit gehen Tourismus und Zuliefererbetriebe in die Knie
  • Überlastung der Spitäler, Notfälle und Krankheiten ohne Covidbezug können nicht mehr rechtzeitig und bestmöglich behandelt werden
  • Zehntausende Menschen fallen wegen Quarantäne und Erkrankung auf ihren Arbeitsplätzen aus, kritische Infrastruktur ist von der Stilllegung bedroht

Auch ein Mediziner sollte in der Lage sein, über Landesgrenzen zu blicken, wenn er schon als medizinischer Fachmann eine Privatmeinung zu Arbeitslosigkeit äußern muss. Arbeitslose bestmöglich zu unterstützen ist Aufgabe der Politik und sie hat dabei versagt. Man hätte ein zeitlich befristetes bedingungsloses Grundeinkommen oder eine zeitlich befristete Erhöhung des Arbeitslosengelds (statt Einmalzahlungen unter bestimmten Kriterien) beschließen können und hätte zahlreiche kleine und mittlere Unternehmen unbürokratisch unterstützen müssen.

Es ist nicht Covid-Prävention oder Schutz der Wirtschaft – sondern Covid-Prävention für den Schutz der Wirtschaft

Dina D. Pomeranz, „Wirtschaftliche Folgen von Covid-19“, 15.10.20

Fakt: Auch junge Menschen können schwer erkranken, sowohl vorerkrankte Menschen als auch kerngesunde Menschen mit einem starken Immunsystem.

Allerberger behauptet, dass die Krankheit für den einzelnen, jedenfalls für junge Menschen kein Problem wäre.

Ich bin müde, mich ständig zu wiederholen und verweise auf meine umfangreiche Literaturliste mit Einzelfällen, Überblicksreportagen und wissenschaftlichen Studien aus aller Welt.

Fakt: Im Unterricht besteht eine erhöhte Ansteckungsgefahr mit infizierten Lehrern, mit infizierten Schülern, da über längere Zeit in schlecht belüfteten Klassenräumen mit zu großen Klassenstärken unterrichtet wird.

Allerberger: Und die Probleme, die wir ja sehen, sind ja nicht in der Schule, ob der mit Maske drinnen sitzt oder ohne Maske. Das Problem ist, dass nach der Schule oder vor der Schule, Mädchen sich zusammenrotten, die Buben zusammenrotten, und das muss man auch in Kauf nehmen.

Nein, das muss man nicht in Kauf nehmen. Lösungsvorschläge: Klassen ausdünnen durch Umstellung von Altersstufen auf Distance Learning, durch die zusätzliche Nutzung von Veranstaltungshallen, leerstehende Hotels mit Seminarräumen, etc. Unterricht im Freien, wenn es die Witterung erlaubt, Luftfilter in Klassenräume, warme Decken, Tee und Kakao, wenn länger gelüftet wurde, Bewegungseinheiten im Gebäude, während Räume zwischen den Unterrichtsstunden gelüftet werden.

Fakt: Die Studie von John Ioannidis mit einer Fallsterblichkeit (IFR) von 0,26% basiert auf unseriösen wissenschaftlichen Methoden.

Society Journalistin Stöckl übernimmt hier unkritisch Ioannidis Ergebnisse und führt sie als Bestätigung von Allerbergers Vermutungen an, dass das Coronavirus viel harmloser wäre als angenommen.

Die zitierte Stanford-Studie schätzt die IFR (Infection Mortality Rate), die Gesamtmortalität inklusive Dunkelziffer. Sie wird über Antikörperstudien geschätzt. Hier wird erklärt, weshalb die Stanford-Studie zahlreiche Fehler hat.

Allerberger begeht dabei den gleichen Fehler wie Journalisten, dass er die Glaubwürdigkeit von Ioannidis erhöhen will, indem er ihn als „einer der meistzitierten Wissenschaftler“ tituliert.

Lieber Evidenz vor Eminenz. Nebenbei erhöht er damit auch seine eigene Glaubwürdigkeit, wie praktisch.

Fakt: Ziel muss weiterhin eine ZeroCovid-Strategie sein, um die Fallzahlen möglichst niedrig zu halten. Ländern wie Japan, Vietnam, Südkorea oder Neuseeland und selbst Australien ist es gelungen, die Fallzahlen trotz des Winters auf der Südhalbkugel einzudämmen.

Stattdessen spricht Allerberger die folgenden verhängnisvollen Sätze, welche die Pandemiemüdigkeit in der Bevölkerung und die resultierende Verweigerung, neue Maßnahmen mitzutragen, verstärken kann:

Denn mehr können wir eh nicht, zu glauben, das Virus auszurotten. Ich glaube, das kann man abhaken. Ich glaube, das glaubt heute niemand mehr ernsthaft, und die WHO wäre gut beraten, irgendwann einmal, diese Darstellung fallen zu lassen, und zu akzeptieren, dass das Virus bei uns bleibt. Jeder von uns wird es früher oder später kriegen, außer er stirbt vorher, aber jeder sonst wirds kriegen […]

Viel Glauben, wenig Fakten. Glauben darf man in der Kirche und es hilft sicherlich, zu glauben, wieder gesund zu werden, aber sonst hoffe ich doch, dass sich Wissenschaftler an Daten und Belegen halten. Allerberger negiert hier völlig die Gefahr für Menschen aller Altersgruppen mit Vorerkrankungen, ebenso die Gefahr für alle Altersgruppen von Langzeitfolgen – und die Auswirkungen einer Überlastung des Gesundheitssystems und der Menschen darin auf die Sterblichkeitsraten.

Das lassen nämlich die Befürworter natürlicher Durchseuchung gerne unter den Tisch fallen: „Wir werden damit leben müssen“ heißt „Wir werden in viel größerem Ausmaß daran sterben müssen.“

@et0sha

Im Gegensatz zu anderen Medizinern sprach Puchhammer-Stöckl in der zib2 vom 27.10. von 80% harmlosem Verlauf, nicht von 90 oder 95%. Das heißt 2 von 10 hätten einen schweren Verlauf, das klingt wenig, aber bei 1 000 000 Infizierten sind das bereits 200 000 mit einem schweren Verlauf, das ist viel. 2 von 10 heißt auf einer Medikamentenschachtel übrigens schon „häufige Nebenwirkungen“. Wollen wir mit der hohen Sterblichkeit bei 65+ und dem Wissen um Langzeitfolgen wirklich in Kauf nehmen, dass es jeder bekommt? Widerspricht das nicht allen Grundsätzen der Ethik und Grundlagen der Prävention?

Weiters unterstellt Allerberger, damit leben zu müssen, dass infiziertes Personal trotz Masken ältere Menschen in Altersheimen ansteckt, weil man ältere Menschen ja nicht wegsperren könnte.

Ein weiterer Grund, die Fallzahlen möglichst niedrig zu halten und die Testkapazitäten, die übrigens im gesamten Gespräch keine Rolle spielen, gezielt dafür einzusetzen, Altersheime so sicher wie möglich zu machen.

Fakt: Covid19 verursacht in einem weitaus größeren Maß schwere Langzeitschäden und bleibende Spätfolgen, die alle Organe und vor allem auch kognitive Leistungsfähigkeit betreffen können.

Allerberger bezieht sich, angesprochen auf Langzeitfolgen, zunächst nur auf Lungenschäden, wo es tatsächlich positive Aussichten gibt, dass sich die meisten Betroffenen davon wieder erholen können. Auch Stöckl erwähnt bis auf fehlenden Geruchs- und Geschmackssinn nur nur Beschwerden, die durch mangelnde Lungenkapazität zustande kommen. Allerberger erwähnt dann sogar CFS als mögliche Spätfolge, betont aber, dass diese Anzahl der Betroffenen deutlich geringer wäre als sie geglaubt hätten – wieder ein rhetorischer Kniff, um eine größere Gefahr als Grundannahme zu suggerieren, die relativiert werden kann. Tatsächlich wusste man bis Mai sehr wenig über mögliche Spätfolgen, da die Pandemie noch jung war.

Korrektur, 30.10., 15.55: Die von Lauterbach interpretierte Preprint-Studie von Hampshire et al. mit n = 85000 untersuchten Personen beinhaltet nur n = 362 Personen, die positiv getestet wurden – damit ist die Interpretation mit Vorsicht zu genießen!

Diese Studie vom Imperial College London, 85.000 Pat, zum IQ-Verlust durch Covid, sollte jedem eine Warnung sein, der die Erkrankung noch falsch einschätzt. Bei schwerem Verlauf verliert man im Durchschnitt 8,5 IQ Punkte. Das Gehirn altert um 10 Jahre. Besonders relevant und überraschend ist: selbst mit leichten Symptome ohne Atembeschwerden wurde Denkfähigkeit deutlich eingeschränkt! SarsCoV-2 erreicht über Riechnerven und Blutgefässe das Gehirn und führt dort zu Schäden. Diese sind wahrscheinlich bleibend. Das will keiner.

Karl Lauterbach, 28. Oktober 2020

Es gibt aber mehrere Studien und anekdotische Berichte, die auf kognitive Schwierigkeiten (Kurzzeitgedächtnis, logisches Denken, Rechnen, etc.) hinweisen, z.b. hier im Guardian: „Brain fog“. , New York Times oder hier.

Fakt: Es wird auf der ganzen Welt an Impfstoffen gearbeitet. Viele befinden sich bereits in klinischen Studien, wenige in Phase drei. Möglicherweise braucht es zwei Impfdosen, um gegen das Coronavirus geschützt zu sein. Dass ein Impfstoff kommen wird, ist sicher, aber ein sicherer Impfstoff braucht Zeit.

Allerberger verwettet sein letztes Hemd, dass kein Medikament kommen würde, weil er wirksame Medikamente gegen Viren an einer Hand abzählen könnte und bei Impfstoffen würde es nicht viel besser aussehen.

Virologe Florian Krammer, der den ersten Antikörpertest entwickelt hat, ist da deutlich optimistischer und nicht der Einzige. Die derzeitige weltweite Zusammenarbeit, um einen gemeinsamen Impfstoff zu entwickeln, ist einzigartig.

Ja, bei den Medikamenten schaut es eher mager aus, bis auf Cortison scheint wenig zu wirken, wobei auch bei der Vorbeugung vor schweren Verläufen gegenwärtig Fortschritte erzielt werden, seien es Antidepressiva, Aspirin oder Vitamin D, siehe auch diese kleine klinische Studie in Spanien zu Vitamin D.

Allerberger beruft sich bei seiner Skepsis zu einem wirksamen Impfstoff auf die erlebten „Nichterfolge“ seiner letzten 40 Berufsjahre. Wenn ich das als Laie so einfach widersprechen darf: Es gab die letzten 40 Jahre keine Pandemie dieser Tragweite, die eine gemeinsame Anstrengung weltweiter Wissenschaftler mit nahezu unbegrenzten finanziellen Mitteln benötigt hätte.

Fakt: Natürliche Herdenimmunität ist nur mit beträchtlichen Kollateralschäden und einer beträchtlichen Zahl schwerer Erkrankungen, Langzeitfolgen und Todesfällen zu erreichen.

Allerberger behauptet, dass bereits bei der Hälfte der infizierten Bevölkerung Herdenimmunität erreicht wäre. Dabei zitiert er die Ausbrüche u.a. in Bergamo, wo 44% der Bevölkerung Antikörper gegen SARS-CoV2 gebildet hätten.

Tatsächlich kommt es seit Anfang Oktober in Bergamo erneut zu bis zu 100 Ansteckungen täglich, obwohl die Bevölkerung dort aufgrund des erlittenen Traumas extrem vorsichtig geworden ist. Allerberger befindet sich hier auf einer Linie mit der umstrittenen Great Barrington Declaration, gegen die weltweit über 4000 Wissenschaftler eine Gegendarstellung, das John Snow Memo, unterzeichneten.

Fakt: Es ist unklar und aufwändig nachweisbar, wie lange die Immunität nach einer überstandenen Covid19-Infektion anhält.

Allerberger suggeriert, dass die Immunität nach Covid19 wie bei anderen Coronaviren etwa ein Jahr anhalten würde und man in den Folgejahren höchstens einen Schnupfen bekäme.

Es mehren sich die Berichte von Zweitinfektionen, die durchaus schwerer verlaufen können als die erste Infektion, die Gründe dafür sind noch unklar. Die Antikörper scheinen hingegen rasch zu verschwinden. Unklar ist auch imho, ob erneut angesteckte Personen selbst ansteckend sind. Will man diese Risiken eingehen?

Allerberger glaubt, dass die Krankheit mehr Immunität noch mit alten Coronaviren hätte als bisher angenommen.

Die angesprochene Kreuzimmunität durch gewöhnliche Coronaviren kann vor einem schweren Verlauf schützen, nicht aber vor der Infektion selbst. Das beseitigt das Problem der Ausbreitung des SARS-CoV-2 nicht. Zudem ist es sehr aufwändig, T-Zellen-Immunität im Körper nachzuweisen, überhaupt auf Bevölkerungsebene.

Zwei, drei Hinweise noch:

  1. Ich bin medizinischer Laie, Naturwissenschaftler, aber kein Fachexperte. Für alle meine Aussagen gilt das, was für wissenschaftliche Methoden und journalistische Recherche auch gilt: check, check, recheck, doublecheck.
  2. Ich hätte mich gerne kürzer und prägnanter gefasst, aber weil ich eben nur ein informierter Laie bin, habe ich keinen pädagogisch-didaktischen Erfahrungsschatz aufgebaut, um Fakten mit wenigen Sätzen zu verdeutlichen (und um ehrlich zu sein, ich schrieb auch vor Corona schon gerne ausführlich). Es ist in meinen Augen die Aufgabe von Virologen, Epidemiologen, Ärzten, etc., diese Faktenchecks in aller Kürze und Klarheit zu betreiben und die Öffentlichkeit aufzuklären, und nicht meine.
  3. Die Realität holt die Falschaussagen längst ein. Ihr wollt nicht warten, bis Freunde und Angehörige sterben, mit und ohne Covid, weil keine Betten mehr frei und kein Personal mehr verfügbar ist.

3 Gedanken zu “Tag 231: Faktencheck Allerberger bei „Frühstück bei mir“

  1. Ok, mitzählen:
    HPV, Gelbfieber, Polio, Herpes zoster, Rotaviren
    (wir wechseln auf die Finger der zweiten Hand)
    Masern, Mumps, Röteln, Tollwut, FSME…
    „… weil er wirksame Medikamente gegen Viren an einer Hand abzählen könnte und bei Impfstoffen würde es nicht viel besser aussehen.“
    Was für ein Mediziner ist das eigentlich? Oder hat er mehr Finger als der Durchschnitt?

    Großartiger Faktencheck, war dringend nötig, danke!

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