Regierung im Faktencheck

Hintergrund:

Wegen der Ignoranz von frühen wissenschaftlichen Erkenntnissen versuchen Regierungspolitiker wiederholt, eigene Versäumnisse zu verschleiern, indem sie entweder vortäuschen, es würde sich um neuartige Erkenntnisse handeln, oder so tun, als ob sie schon lange Vorreiter dabei wären, diese Erkenntnisse umzusetzen.

LongCOVID

Behauptung: “Das ständige Behaupten, dass Österreich die Herausforderung Long Covid nicht ernst nehmen würde, ist absurd. Österreich hat als eines der ersten Länder einen Diagnosepfad für Allgemeinmediziner:innen bekommen.” (Quelle: Presseaussendung der Grünen, 08.04.22)

Wahr ist: Zahlreiche Hausärzte kennen die angesprochenen LongCOVID-Leitlinie nicht einmal. Etliche Betroffene haben Schwierigkeiten, mit ihren Beschwerden ernstgenommen zu werden, darunter sind vor allem junge Frauen, denen von Natur aus angedichtet wird, ihre Beschwerden wären rein psychisch oder psychosomatisch bedingt. Betroffene müssen darum kämpfen, dass ihre Krankheit anerkannt wird.

Bei LongCOVID gibt es fließende Übergänge zu MECFS, nämlich dann, wenn die Beschwerden mindestens sechs Monate andauern. Typisch für beide Krankheitsbilder ist, dass eine Zustandsverschlechterung nach körperlicher und geistiger Aktivität eintritt (PEM). Eine parlamentarische Anfrage zur besseren Finanzierung von Behandlungs- und Anlaufstellen für MECFS-Betroffene in Österreich wurde vom Gesundheitsministerium unter dem damaligen Gesundheitsminister Mückstein abgelehnt (21.02.22):

“Derzeit ist der Aufbau spezifischer medizinischer Behandlungs- und Versorgungsstrukturen inklusive Finanzierung von öffentlichen Anlaufstellen zur Diagnosestellung des CFS nicht vorgesehen und erscheint auch nicht als primär zielführend.”

Mehr Abstand und FFP2-Masken

Behauptung: „Die deutlich infektiösere britische Mutation des Corona-Virus erfordere auch eine Anpassung, also Erweiterung, der bisherigen Abstandsregeln.” (Quelle: Oswald Wagner, Berater des Kanzleramts, 16.01.21)

“Die Virusmutation B.1.1.7 verbreitet sich dynamisch in Europa und dem Rest der Welt. …. Die FFP2-Maskenpflicht sei ebenso wie der höhere Mindestabstand “zielorientiert” auf die Risiken der neuen Variante – ein stark erhöhtes Ansteckungsrisiko – zugeschnitten.” (Quelle: ehemaliger Gesundheitsminister Rudi Anschober, 23.01.21)

Wahr ist: International vernetzte Experten und Aerolwissenschaftler wissen schon seit längerem, dass das Virus nicht über Tröpfchen übertragen wird, die nach ein oder zwei Meter zu Boden fallen, sondern über Aerosole, die wesentlich größere Strecken zurücklegen können, wenn sie stundenlang in einem schlecht belüfteten Raum schweben. Epidemiologe Zangerle hat die unsinnige Diskussion zu ein oder zwei Meter Abstand im September 2020 zusammengefasst, Erklärvideos zu N95 (FFP2)-Masken gab es in den USA schon im Juni 2020. In Österreich hält sich hartnäckig das Narrativ, dass Aerosolübertragung nur in Spitälern stattfindet, wenn etwa Patienten intubiert werden müssen. Dieser Kenntnisstand ist veraltet, selbst bei Influenza wurde 2018 schon nachgewiesen, dass Aerosole nicht nur durch Husten und Niesen entstehen. Die Feststellung, dass SARS-CoV2 über Aerosole übertragen wird, hatten bereits 239 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Juli 2020.

Die Einführung der allgemeinen FFP2-Maskenpflicht hätte also schon beim Wildtyp effektiv geholfen, die Infektionszahlen zu drücken. Zwei Meter Mindestabstand statt einem Meter hatte rein wirtschaftliche Implikationen – weniger Personen pro Quadratmeter und damit weniger Umsatz für Handel und Gastronomie. In der Realität war es nie scharf messbar, ob eine Person ein oder zwei Meter Abstand gehalten hat, außer jemand ist mit dem Meterstab herumgelaufen und hat ständig nachgemessen.

Impfung und LongCOVID

Behauptung: “Menschen, die zweifach geimpft sind und sich mit dem Coronavirus infizieren, haben möglicherweise ein nur halb so großes Risiko, an „Long Covid“ zu erkranken, wie nicht geimpfte Menschen. Das berichtete Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) gestern vor den Gesundheitssprecherinnen und -sprechern der Parlamentsparteien unter Berufung auf eine aktuelle Meldung von Medizin Transparent/Cochrane Österreich an der Donau-Universität Krems.” (Quelle: ORF, 08.04.22)

Wahr ist: Die “aktuelle” Meldung zum halbierten Risiko ist ein halbes Jahr alt, wenn man sich auf Antonelli et al. (01.09.21) bezieht. Doch selbst die neueste Studie von Ayoubkhani et al. (24.02.22), die ebenfalls von einem halbierten Risiko schreibt, ist schon mehr als sechs Wochen alt. Das Problem: Beide Studien beziehen sich auf Varianten vor OMICRON – bei letzterer ist der Bezugszeitraum für die Auswahl der Studienteilnehmer April 2020 bis November 2021. Von OMICRON ist bekannt, dass auch dreifach Geimpfte deutlich symptomatische Verläufe erleiden, und von LongCOVID ist bekannt, dass es nach milden Verläufen auftritt und auftreten kann. Für OMICRON fehlen noch Daten, was Geimpfte betrifft. In jedem Fall bedeutet auch eine Halbierung des LongCOVID-Risikos immer noch eine enorme absolute Zahl an Betroffenen. Unter der Annahme, dass 10% aller Infizierten LongCOVID entwickeln, wären selbst 5% noch in der Größenordnung von mehreren hunderttausend, wenn sich alle Einwohner Österreichs infizieren würden. Keine Lizenz also für Durchseuchung.

Masken

Behauptung: Österreich hätte zu Beginn als eines der ersten Länder außerhalb Asiens die Maskenpflicht eingeführt und andere Länder hätten sich angeschlossen. (Quelle: Oswald Wagner, 15.02.21, Pressekonferenz).

Wahr ist: Tschechien führte am 19. März als erstes europäisches Land die Maskenpflicht ein, Österreich zog am 6. April 2020 nach. Am 15. Juni 2020 fiel die Maskenpflicht aber großteils wieder und wurde am 24. Juli 2020 erneut eingeführt, um im Sommer 2021 erneut weitgehend zu fallen bzw. auf einfache OP-Masken reduziert zu werden.

OMICRON

Behauptung: OMICRON wäre milder, daher das “Ticket” aus der Pandemie in den endemischen Zustand, SARS-CoV2 wäre kein gesamtgesellschaftliches Problem mehr, sondern ein individuelles Problem. Damit könne man das Virus durchrauschen lassen, denn es würde nicht mehr zu einer Überlastung der Intensivstationen kommen.

Wahr ist: OMICRON ist NICHT milder als frühere Varianten. Wenn man Impfungen, Alter und Vorerkrankungen berücksichtigt, ist Risiko für schwere Verläufe und Tod bei OMICRON nahezu identischen verglichen mit früheren Wellen. Die intrinsische Schwere von OMICRON ist daher nicht geringer. (Strasser et al., 02.05.22) Bei ersten Analysen hatte man die intrinsische Schwere von OMICRON gegenüber DELTA um 25% reduziert gesehen, sie wäre damit zwischen ALPHA und DELTA gelegen (Davies et al., 12.01.22), aber: Bei Kindern verglichen mit früheren Varianten traten drei mal häufiger Hospitalisierung wegen Erkrankungen der oberen Atemwege (Pseudokrupp) auf (Martin et al., 30.01.22). Die Behauptung, dass SARS-CoV2 mit OMICRON zu einem milderem Virus geworden sei, wurde schon im Jänner in Frage gestellt, z.B. von Alex Sigal (19.01.22) oder Dr. David Glassman (24.0.1.22).

Dazu kommt die allgemeine Binsenweisheit, dass ein ähnlich infektiöses Virus wie DELTA bei größerem Immun Escape in Summe wesentlich mehr Menschen infiziert als vorherige Varianten, und rein statistisch gesehen die Zahl schwerer Verläufe ansteigen muss, auch durch Reinfektionen, LongCOVID, schwere Verläufe bei immungeschwächten und älteren Menschen.

Es war und ist immer klar gewesen, dass hohe Inzidenzen wie infolge der Durchseuchung mit OMICRON weitere Mutationen fördern. Der Nachfolger von BA.1 hatte 30% mehr Übertragbarkeit (BA.2), die jetzt (04.05.22) in den USA dominante BA.2.12.1 ist nochmal 25% ansteckender. BA.4 und BA.5 wurden in Südafrika dominant, sie sind nicht viel infektiöser, aber weisen stärkeren Immun Escape auf und verringern auch die Wirksamkeit therapeutischer monoklonaler Antikörper weiter (Yamasoba et al., 03.05.22).

Mit der beschleunigten Entwicklung neuer Virusvarianten hinkt die Impfstoffentwicklung immer hinterher. Hat gegen DELTA noch eine dritte Impfung gereicht, brauchte es gegen OMICRON, einem neuen Serotyp, einen angepassten Booster. Dieser auf das BA.1-Spike spezifizierte Booster wirkt aber nicht mehr so gut gegen BA.2.12.1, BA.4/5. Bis man den Impfstoff erneut angepasst hat, werden wieder neue Varianten entstanden sein. Operation Warp Speed bei der Impfstoffentwicklung ist leider vorbei (Eric Topol, 04.05.22). Leidtragende sind alle Menschen, denn ob man ein erhöhtes LongCOVID-Risiko in sich trägt, weiß man erst nach der Infektion.

Isolation und Quarantäne

Nicht nur, dass die Regierung bewusst oder unbewusst beide ständig durcheinander wirft… Eselsbrücke: Isolation bei Infektion, Quarantäne bei Kontakt zu einer infizierten Person – in Österreich unter Absonderung zusammengefasst.

Behauptung: Die meisten Länder hätten die Quarantäne bereits abgeschafft – als Vorwand, die Isolationspflicht (!) abzuschaffen.

Wahr ist: 23 von 28 Länder haben weiterhin verpflichtende Isolation für Infizierte.

Pikant: Gartlehner selbst behauptete, dass die Quarantäne bei den hohen Fallzahlen keinen Sinn mehr hätte. Auch Gartlehner als Co-Autor mit Nussbaumer-Streit et al. (2020):

“Modelling studies consistently reported a benefit of .. quarantine of people exposed to confirmed or suspected cases may have averted 44% to 96% of incident cases and 31% to 76% of deaths compared to no measures based on different scenarios.”

Wien im Faktencheck

Die rotpinke Stadtregierung, insbesondere Bürgermeister Ludwig inszeniert sich gerne als White Knight in der Pandemie.

Ludwig: Ich habe Corona nie unterschätzt, da ich gesehen habe wie es den Menschen geht, die im Spital liegen. Wir wissen auch noch immer nicht, wie sich LongCovid genau auswirkt. (16.07.22, Twitter)

Erinnerungshilfe:

  1. Im Wien-Wahlkampf 2020 sprachen sich Ludwig und Wiederkehr gegen einen zweiten Lockdown aus, nur die Kandidatin der Grünen, Birgit Hebein war dafür. Der Ausgang ist bekannt: Ludwig und Wiederkehr gingen zusammen, Hebein wurde von den Grünen rausgemobbt. Wenige Wochen später kam der zweite Lockdown.
  2. Im Februar 2021 ging er gemeinsam mit Kanzler Kurz “ins Risiko”.

“Mit den heutigen Entscheidungen nehmen wir Risiko: wir haben uns die Einschätzungen der ExpertInnen angehört -und sind gleichzeitig sehr nah an den Bedürfnissen der Bevölkerung.Zwischen diesen beiden Polen haben wir ein gutes Mittelmaß gefunden.” (Quelle: Facebook-Account, 01.02.21)

Zu Ostern 2021 kam der dritte Lockdown, nachdem die Intensivstationen bereits überlastet waren und Anschober auf Maßnahmen drängte. Ludwig betrieb damals dasselbe False Balance wie heute Rauch und die restliche Bundesregierung: Als ob Diagnose und Empfehlung der Experten im Widerspruch zu einer fiktiven Mehrheitsbevölkerung stehen würden – von denen viele zur Risikogruppe gehören und alle vulnerabel für LongCOVID sein können. In Wien finden seit dem “Freedoom Day” am 5.3.22 wieder Großveranstaltungen aller Art statt, gestern trotz einer Inzidenz von 1152 ein großes Mick-Jagger-Konzert. Verantwortung und Konsequenz gehen anders.

Ischgl

Die zivilrechtlichen Ansprüche in der Causa Ischgl müssen neu verhandelt werden. Das Oberlandesgericht Wien hob das Urteil auf, das die Klage eines deutschen Touristen abgewiesen hatte. Die Begründung des OLG ist bemerkenswert:

Stand, 28.07.22