Tag 219: Wie kommen wir durch den Winter?

Risikomatrix für Infektionsrisiko abhängig von verschiedenen Umgebungsfaktoren

In den letzten Beiträgen ging ich darauf ein, was Experten zu Experten macht und weshalb Österreich die gute Ausgangsposition nach der ersten Welle komplett verschissen hat – diesen Beitrag schrieb ich auf Englisch, da mir das manchmal leichter fällt, meine Gedanken auszuformulieren, und weil der Rest der Welt ruhig erfahren darf, was die Ischgl-Virenschleuder aus dem Versagen gelernt hat (nichts). Die aktuellen Zahlen geben keinen Grund zur Hoffnung. Die Corona-Ampel zeigt ein buntes Farbenspiel, bleibt aber ohne echte Konsequenzen. Politische Interventionen sorgen dafür, dass von Experten empfohlene Hochstufungen nicht umgesetzt werden. Die Schulampel bleibt absurderweise entkoppelt, dabei bringt eine starke Verbreitung innerhalb der Bevölkerung auch viele Infektionen in die Schulen.

Regionale Maßnahmen wenig sinnvoll

Im vergangenen Podcast forderte Drosten vielmehr allgemeine Maßnahmen, die überall gelten, also die gleichen Beschränkungen in der Freizeit, Homeoffice, strenge Maskenpflicht, etc. Gegen den “schwedischen Weg”, der mit “laissez-faire” die Herdenimmunität erreichen will, spricht der Umstand, dass ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe auch in jüngeren Altersgruppen existiert.

“Wir sind immunologisch nicht geschützt gegen dieses Virus. Und dann sind die Anteile von Risikopatienten in diesen jüngeren Altersgruppen so hoch, dass wir auch da wieder an die Belastungsgrenze der Medizin kämen. Wir hätten hier auch einen anderen Typ von Patienten, der gesellschaftlich noch mal ganz anders wahrgenommen werden würde. Da würden junge Familien auch den Familienvater verlieren oder auch die Mutter. Das ist einfach noch mal eine ganz andere Konsequenz. Und das kann man einfach so nicht durchlaufen lassen.”

Virologe Drosten am 13.10.20

Chefvirologe Fauci in den USA bezeichnet die Herdenimmunität durch unkontrollierte Verbreitung schlichtweg als “lächerlich” und kein erfahrener Epidemiologe oder Virologe würde dem zustimmen. Über 2000 Wissenschaftler weltweit unterzeichneten eine Stellungnahme gegen Herdenimmunität auf diesem Wege und riefen dazu auf, jetzt zu reagieren, um die Pandemie einzudämmen.

In Deutschland wie in Österreich wird derzeit rund die Hälfte aller Neuinfektionen nicht auf eine klar identifizierbare Quelle zurückgeführt. Die Aussage, dass die meisten Infektionen im Haushalt bzw. innerhalb von Familienclustern passieren würden, ist damit nicht haltbar. Drosten empfiehlt daher wärmstens, ein Clustertagebuch zu führen, in der man all jene Situationen notiert, bei denen man sich unwohl gefühlt hat (zu geringe Abstände, keine Masken oder nur Face Shields, unbelüftet, hoher Lärmpegel, lange Dauer).

Ich tue mir relativ leicht damit. Meine Arbeitstage und die anwesenden Kollegen stehen im Dienstplan, meine (gemeinsamen) Wanderungen und etwaige Einkehr in meinen Wanderberichten. Sonstige Kontakte kann ich an einer Hand abzählen. Einkäufe seh ich am Kassenzettel.

Verhaltenstipps

Die folgenden Empfehlungen stammen großteils von der Schweizer Virologin Isabella Eckerle.

Grundregel: So viel draußen machen wie möglich und sich nicht davon abschrecken lassen, dass es kalt, windig oder feucht ist. Hände gründlich waschen, Abstand halten, gut abdichtende Masken tragen, Masken regelmäßig erneuern oder erhitzen/sterilisieren/auslüften.

Freunde treffen

Vorher überlegen: Wer hat ein besonderes Risiko in meinem Umfeld und muss besonders geschützt werden?

  • Spaziergang oder Wanderung statt im Café
  • In der Stadt Kaffee und Kuchen beim Bäcker und sich in den Park setzen statt ins Kaffeehaus
  • Zuhause nur bei gutem Wetter auf dem Balkon oder Terrasse
  • Statt Restaurantbesuch am Abend lieber am Mittag treffen und draußen sitzen, abends Essen bestellen für Zuhause
  • Kleine Gruppen bilden (z.b. nur 1 weiterer “fremder Haushalt”), ruhige Umgebung schaffen (keine zu laute Musik), Abstand halten und regelmäßig Fenster auf und durchlüften
  • Familienbesuche auf enge Mitglieder beschränken, nicht mehrere Besuche von Familie und Freunde in kurzer Zeit
  • Als Mitfahrer im Auto Maske auf und Fenster einen Spalt öffnen (reicht für effektive Lüftung bereits aus)

Sport und Hobbys

  • Statt Fitnessstudio draußen Joggen oder Radfahren, Yoga daheim, Sportgeräte zuhause nutzen (falls vorhanden)
  • Outdooraktivitäten bei jedem Wetter, so oft in die Natur wie möglich
  • Singen statt in der Kirche/Innenräumen lieber im Freien
  • Statt Bus und Bahn lieber Rad oder laufen, falls möglich
  • Sich immer über Lüftungs/Schutzmaßnahmen bei Veranstaltungen informieren, nicht zu viele Veranstaltungen infolge, sondern zwischendurch immer wieder mal aussetzen und beobachten, ob Symptome auftreten

Einkäufe

  • Stoßzeiten in der Stadt vermeiden, ebenso volle Geschäfte und Supermärkte, auch in vollen Fußgängerzonen nur mit Maske!
  • Einkäufe vorbestellen oder unter der Woche erledigen
  • Artikel, die man nicht zwingend im Geschäft anprobieren muss, lieber bestellen
  • Geschäfte und Lokale meiden, in denen Verkäufer ein Gesichts/Kinnvisier tragen

Erkrankungssymptome ernstnehmen:

  • Halskratzen, Fieber, Husten, Geschmacks-/Geruchsverlust, Kopfschmerzen, Erkältung, aber auch Durchfall, Gliederschmerzen, starke Müdigkeit können COVID19-Symptome sein. Geplante Treffen absagen, isolieren & schnellstmöglich testen lassen. 
  • Auch Freunde, Familienmitglieder und Arbeitskollegen bitten, Symptome ernst zu nehmen, darüber sprechen. Vor einem Treffen darauf hinweisen, dass man Covid19 ernst nimmt und bestimmte Maßnahmen gerne einhalten möchte (Gegenüber ist oft auch froh, wenn man es aktiv anspricht!)
  • Bei nicht vermeidbaren Treffen oder Aktivitäten (Geschäftsessen, Familienfeier, Hochzeiten) vorher nachfragen, welche Schutzmaßnahmen geplant sind, ggf. Modifikationen/Alternativen vorschlagen. Kein schlechtes Gewissen haben, wenn man aus Vorsicht absagt.

Über Aerosolübertragung und wie man das Risiko verringern kann:

Zu den Aerosolen schreib ich noch einen eigenen Beitrag. Was kann man selbst tun? Lüften, lüften, lüften! Geschäfts- und Lokalbesitzer sollten für stetige Frischluftzufuhr sorgen. Regelmäßiges effektives Durchlüften geht am besten mit zwei Standventilatoren, die an zwei Öffnungen (Türen, Fenster) im Raum platziert werden, sodass an einer Öffnung Frischluft in den Raum gesaugt wird und an der zweiten Öffnung die verbrauchte Luft nach draußen befördert wird. Das erzeugt einen viel effektiveren Durchzug als Türen und Fenster nur so zu öffnen oder gar zu kippen.

Wann immer ich derzeit geschlossene Räume betrete, fällt mein erster Blick auf den Zustand der Lüftungsmaßnahmen. Sind die Fenster geöffnet? Gibt es eine Klimaanlage? Wie groß ist der Raum? Wieviel Menschen befinden sich darin? Trägt das Personal Masken oder nur nutzlose Faceshields? Wie lange werde ich mich wahrscheinlich im Raum aufhalten?

Je nach Anzahl potentiell infektiöser Menschen im Raum dauert es eine gewisse Zeit, bis sich eine kritische Aerosolkonzentration aufgebaut hat. Mit Masken dauert es wesentlich länger, aber auch da wird über längere Zeit eine Konzentration aufgebaut.

  • Im Freien verdünnt sich die Aerosolwolke rasch, bei windigen Verhältnissen geht es noch schneller. Einer der sichersten Outdoorplätze für Veranstaltungen in Wien wäre daher derzeit die Donauinsel.
  • Abstand halten hilft nichts in schlecht belüfteten Räumen, die Aerosole breiten sich deutlich über den Meter Abstand hinaus aus. Das ist wichtig für Präsenzunterricht in Schulklassen und an der Universität.
  • Falls man Räume nicht durchlüften kann, sollten Treffen kurz (unter 15 min) gehalten werden, dabei gleichzeitig Abstand halten (mehr als 2m) und Masken tragen. Günstig ist auch eine Durchlüftung zwischen zwei Meetings.
  • Wer bei häufigem Lüften schnell friert, könnte z.b. ein Heizkissen benutzen, lange Unterhose tragen, warme Decken, heißer Tee, etc. Es gibt keine günstigere Alternative zum Lüften als die Fenster auf Durchzug zu stellen.

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