Tag 220: Wissenschaftlicher Konsens zur COVID-19-Pandemie: wir müssen jetzt handeln

„Ich dachte, es könnte Spaß machen, Herdenimmunität auszuprobieren“,
Quelle: ECONOMIST

Am Donnerstag, 15. Oktober, 2020 erschien im ehrwürdigen MedJournal The Lancet das John Snow Memorandum, das inzwischen mehrere tausend Wissenschaftler weltweit unterzeichnet haben. Es ist eine Reaktion auf die „Great Barrington Declaration“, die am 4. Oktober auf einer Webseite publiziert wurde. In deren FAQ wird ein „American Institute for Economic Research“ erwähnt, dass Hilfe angeboten hat. Dabei handelt es sich um eine libertäre Organisation des ultrarechten Milliardärs Charles Koch. Einen Tag nach dem Erscheinen der Deklaration kamen die Autoren einer überraschenden Einladung des Weißen Hauses nach. Die Deklaration enthält unhaltbare Annahmen zur Herdenimmunität und Schutzmaßnahmen. Als Reaktion wurde das John Snow Memo veröffentlicht. Der englische Arzt John Snow revolutionierte im 19. Jahrhundert die Medizin, indem er zeigte, dass die Cholera nicht nur Miasmen (Ausdünstungen), sondern durch Bakterien entsteht. Im Gegensatz zur Great Barrington Declaration weist das Memorandum zahlreiche Referenzen zu Fachartikeln in Topjournals auf und kommt ohne Finanziers wie einen dubiosen „Think Tank“ im Hintergrund aus (Danke an @docjosiahboone für die Hintergründe!)

Im nachfolgenden meine deutsche Übersetzung des Konsenspapiers:

Das „Schwere Akute Atemwegssyndrom 2“ (SARS-CoV-2) hat weltweit mehr als 35 Millionen Menschen infiziert, davon sind mehr als eine Millionen gestorben, wie die WHO am 12. Oktober 2020 berichtete. Da eine zweite Welle an COVID-19 auf Europa trifft und der Winter naht, brauchen wir eine klare Kommunikation zu den COVID-19-Risiken und wirksame Strategien, um sie zu bekämpfen. Hier präsentieren wir nach dem aktuellen evidenzbasierten Konsens unsere Sicht auf COVID-19.

SARS-CoV-2 verbreitet sich über Kontakt (durch große Tröpfchen und Aerosole) und über größere Distanzen über Aerosole, vor allem in Situationen mit schlechter Durchlüftung. Neben einer infektanfälligen Bevölkerung, die nie mit einem neuen Virus in Kontakt kam, schafft seine hohe Infektiösität Voraussetzungen für eine rasche regionale Ausbreitung. Die Infektionssterblichkeitsrate von COVID-19 ist vielfach höher als bei der saisonalen Influenza, und die Infektion kann auch bei jungen, vorher gesunden Menschen zu anhaltender Erkrankung führen (d.h. „long COVID“). Wie lange die schützende Immunität anhält, ist unklar, und wie bei anderen saisonalen Coronaviren auch, können sich Menschen erneut mit SARS-CoV-2 anstecken, nachdem sie die Erkrankung bereits durchgemacht haben. Die Häufigkeit erneuter Ansteckungen ist jedoch unbekannt. Die Übertragung des Virus kann durch Abstand halten, den Gebrauch von Masken, Hand- und Atemwegshygiene, durch die Vermeidung von Menschenansammlungen und schlecht belüfteter Räume verringert werden. Schnelltests, Contact Tracing und Isolierung sind ebenso entscheidend, um die Übertragung zu kontrollieren. Die WHO hat diese Maßnahmen schon früh in der Pandemie empfohlen.

In der Anfangsphase der Pandemie haben viele Länder einen Lockdown eingeführt (Beschränkungen für die Allgemeinbevölkerung, einschließlich Verordnungen, zuhause zu bleiben und von zuhause zu arbeiten), um die rasche Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Dies trug wesentlich zu einer Verringerung der Sterblichkeit bei und verhinderte den Zusammenbruch der Gesundheitssysteme. Außerdem gewann man Zeit, um Pandemie-Aktionspläne aufzubauen, die die Übertragungen nach dem Lockdown unterdrücken sollten.

Obwohl sich die Lockdowns als zerstörerisch erwiesen, die psychische und körperliche Gesundheit erheblich beeinflussten und der Wirtschaft schadeten, waren diese Auswirkungen häufig in jenen Ländern schlimmer, die die Zeit während und nach dem Lockdown nicht nutzen konnten, um effektive Pandemie-Aktionspläne zu entwickeln. In Abwesenheit entsprechender Vorkehrungen, um die Pandemie und seine gesellschaftlichen Auswirkungen zu bewältigen, sahen sich diese Länder mit anhaltenden Beschränkungen konfrontiert. Das führte verständlicherweise zu verbreiteter Demoralisierung und Vertrauensverlust.

Die Ankunft einer zweiten Welle und die Wahrnehmung der vor uns liegenden Herausforderungen ließen das Interesse an der sogenannten Herdenimmunität wiedererstarken. Demnach könnte man einen großen unkontrollierten Ausbruch in der wenig gefährdeten Bevölkerung erlauben, während man die Risikogruppen schützt. Die Befürworter erwecken die Illusion, dass man dadurch innerhalb der wenig gefährdeten Bevölkerung eine natürliche Durchseuchung erreichen könnte, die schließlich auch die Risikogruppen schützen würde.

Dies ist ein gefährlicher Trugschluss, der wissenschaftlich nicht untermauert ist. Jede pandemische Bewältigungsstrategie, die auf Immunität über natürliche Covid-19-Infektionen basiert, ist fehlerhaft. Die unkontrollierte Ausbreitung bei jüngeren Menschen birgt die Gefahr signifikanter Erkrankungs- und Sterblichkeitsraten in der Gesamtbevölkerung. Zusätzlich zu den menschlichen Verlusten würde das die Arbeitskräfte in der Gesamtheit treffen und die Gesundheitssysteme überwältigen, welche nicht mehr in der Lage wären, die Akut- und Routineversorgung zu gewährleisten. Darüber hinaus gibt es keine Beweise für eine dauerhaft schützende Immunität durch eine natürliche Infektion, und die endemische Übertragung als Folge schwindender Immunität würde auf unabsehbare Zeit für Risikogruppen eine Gefahr darstellen.

Solch eine Strategie würde die COVID-19-Pandemie nicht beenden, sondern in wiederkehrende Epidemien resultieren, so wie es bei zahlreichen Infektionskrankheiten der Fall war, bevor Impfstoffe entwickelt wurden. Es würde außerdem eine inakzeptable Last für die Wirtschaft und Gesundheitspersonal darstellen, von denen viele an COVID-19 starben oder traumatische Erfahrungen gemacht haben, nachdem sie Katastrophenmedizin praktizieren mussten. Zudem verstehen wir immer noch nicht, wer an Langzeitbeschwerden (long COVID) leiden könnte. Gefährdete Personen zu definieren ist vielschichtig, doch selbst wenn wir jene betrachten, die schwer erkranken können, würde der Anteil gefährdeter Personen in manchen Regionen um 30% betragen. Die anhaltende Isolierung großer Teile der Bevölkerung ist praktisch unmöglich und im hohen Maße unethisch. Die empirische Evidenz vieler Länder zeigt, dass es nicht durchführbar ist, unkontrollierbare Ausbrüche auf bestimmte Bereiche der Gesellschaft zu beschränken. So eine Herangehensweise riskiert auch eine weitere Verschlimmerung sozioökonomischer Ungleichheiten und struktureller Diskriminierung, die durch die Pandemie bereits freigelegt wurden. Die meistgefährdetsten zu schützen bedarf besonderer Anstrengungen, die aber Hand in Hand mit mehrgleisigen Strategien auf Bevölkerungsebene gehen müssen.

Wir sehen uns erneut mit einer beschleunigten Zunahme an COVID-19-Fällen in weiten Teilen von Europa, der USA und vielen anderen Ländern in der Welt konfrontiert. Es ist entscheidend, entschlossen und dringend zu handeln. Wirksame, umfassende Maßnahmen müssen gesetzt werden, um die Übertragung zu unterdrücken und zu kontrollieren. Sie müssen von finanziellen und sozialen Programmen begleitet werden, die die Bevölkerung zur Mitwirkung ermutigen und Ungleichheiten ansprechen, die durch die Pandemie verstärkt wurden. Wahrscheinlich wird man kurzfristig nicht ohne anhaltende Beschränkungen auskommen, die die Übertragung verringern, und um ineffiziente Pandemie-Aktionspläne zu korrigieren, damit künftige Lockdowns verhindert werden können.

Der Zweck dieser Beschränkungen ist die wirksame Unterdrückung von SARS-Co-V2-Infektionen auf ein niedriges Niveau, um rasch lokale Ausbrüche einzugrenzen und rasch zu reagieren, inden man effizient und umfassend findet, testet, nachverfolgt und isoliert. So kann das Leben wieder nahezu normal werden, ohne dass allgemeine Beschränkungen benötigt werden. Unsere Wirtschaft zu schützen ist untrennbar verbunden mit der Kontrolle von COVID-19. Wir müssen unsere Arbeitskräfte schützen und langfristige Unsicherheiten vermeiden. Japan, Vietnam und Neuseeland, um ein paar Länder zu nennen, haben gezeigt, dass harte Reaktionen im öffentlichen Gesundheitsbereich die Übertragung kontrollieren können, sodass das Leben wieder annähernd normal wird. Es gibt viele solcher Erfolgsgeschichten.

Die Beweise sind eindeutig: Die Ausbreitung von COVID-19 auf regionaler Ebene zu kontrollieren, ist der beste Weg, um unsere Gesellschaft und Wirtschaft zu schützen, bis sichere und wirksame Impfstoffe und Medikamente in den kommenden Monaten eingesetzt werden können. Wir können uns keine Ablenkungen erlauben, die eine wirksame Reaktion untergraben. Es ist unerlässlich, dass wir dringend evidenzbasiert handeln.

(Übersetzung ohne Gewähr, Übersetzungsfehler nicht ausgeschlossen)

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