Tag 215: Was macht Experten zu Experten?

Neuinfektionen nach Altersgruppe von Mai bis Oktober, Quelle: Erich Neuwirth, 12.10.20

Die kürzlich mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hat am 8. Oktober einen wichtigen Youtube-Beitrag zum Thema Wissenskommunikation geliefert. Obwohl ich ein visueller Denker bin, tue ich mir mit bewegten Bildern immer schwer und zum nachträglich zitieren sind Videos eher ungünstig. Daher habe ich mir die Mühe gemacht, weite Teile des Beitrags zu transkribieren. Die Erkenntnisse daraus lassen sich grundsätzlich im Alltag anwenden, gelten aber gerade auch während der Pandemie in Österreich. Sie gelten nicht nur für Bhakdi und Wodarg, sondern auch für Haditsch und Eifler. Mehr noch: Selbst bei renommierten, bestens vernetzten Experten wie Allerberger, Apfalter und Sprenger lassen sich die Grundregeln seriöser Wissenschaft anwenden.

Anmerkungen und Ergänzungen von mir sind blau gekennzeichnet, das andere sind direkte und sinngemäße Zitate aus dem Youtube-Beitrag.

Qualitätskontrolle der Wissenschaftskommunikation notwendig

Der entscheidende Knackpunkt: Es gibt Wissenschaft und Wissenschaftler. Wissenschaftler sind Menschen, die nie zu 100% sachlich sein können, denn sie haben Meinungen, politische Haltungen, Ideologien und Emotionen. Ein Wissenschaftler äußert sich nicht zwangsläufig sachlich korrekt. In der Wissenschaft gibt es verschiedene Vorkehrungen, damit Wissenschaft trotz all ihrer menschlichen Fehler so sachlich und verlässlich wie möglich ist.

1. Wissenschaftliche Methoden

Wissenschaftliches Arbeiten besteht aus mehr als nur Daten sammeln. Wichtig sind auch Kontrollprozesse wie Kontrollexperimente, Verblindung, die Angabe von Fehlerbalken, Schätzung statistischer Signifikanz. Die Methode entscheidet darüber, wie gut eine Studie ist.

Bestes Beispiel dafür sind Heilmittel gegen COVID-19, die angeblich in Studien wirksam gewesen wären.

Studiendesign ungefähr so: Wir haben 20 Infizierte, sonst alles junge, gesunde Erwachsene, täglich eine Stunde lang mit Lauch abgeklopft, sie wurden alle wieder gesund. Das sagt halt gar nichts aus, weil die meisten gesundenen Erwachsenen nach COVID-19 auch wieder gesund werden, abgesehen von potenziellen Langzeitschäden. Wenn aber jemand eine Studie vorlegen kann, bei der nicht 20, sondern 2000 Covid19-Infizierte untersucht wurden, darunter auch Menschen aus Risikogruppen, plus 2000 Infizierte aus einer Kontrollgruppe mit derselben Demografie, und die Testgruppe mit Lauch abgeklopft wurde, die Kontrollgruppe aber nur mit Placebo-Lauch, und die Testgruppe dann statistisch signifikant schneller oder öfter gesund wurde als die Kontrollgruppe, ja dann…. kauft Lauch!

Mai Thi Nguyen-Kim

Als Laie sollte man immer versuchen, wissenschaftliche Methoden so gut es geht nachzuvollziehen, um Wissenschaft einordnen zu können. Wissenschaftliche Ergebnisse alleine sagen meist wenig aus, solange man die wissenschaftlichen Methoden nicht kennt.

Seriöse Studien verwenden ….

  • eine randomisierte Auswahl der Studienteilnehmer, also zufällig ausgewählt und etwa nicht ausschließlich Krankenhauspersonal, um etwa den Nutzen von Speicheltests festzustellen (geschultes Personal wird wesentlich weniger fehlerbehaftete Testergebnisse erzeugen als Laien in der Bevölkerung)
  • eine mit Placebo kontrollierte Durchführung: Zu jeder Testgruppe gibt es eine Kontrollgruppe, die ein Scheinmedikament erhält, welches nachweislich keinen Effekt hat.
  • doppelblindes Studiendesign: Weder der Versuchsleiter noch der Studienteilnehmer wissen, wer das Arzneimittel und wer das Placebo erhält. Damit schließt man sowohl den Rosenthal-Effekt beim Versuchsleiter (“Das Medikament ist sowieso besser”) als auch den Hawthorne-Effekt beim Studienteilnehmer (Verhaltensänderung während der Studienteilnahme) aus.

Nguyen-Kim berichtet daher nicht nur von wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern versucht auch nachzuvollziehen, wie die Wissenschaftler darauf gekommen sind.

2. Die kritischen Kollegen: Peer Review & Wissenschaftlicher Diskurs

Wissenschaftlich anerkannt ist eine Studie erst, wenn sie ordentlich veröffentlicht wurde. Sie muss das “Peer Review” bestehen, eine Überprüfung durch andere Fachleute, die in aller Regel Korrekturen und Überarbeitungen fordern. Was nicht überzeugen kann, wird abgelehnt. Das Peer-Review ist kein perfekter Kontrollprozess, da auch schlechtere Studien veröffentlicht werden. Doch nach der Veröffentlichung geht der wissenschaftliche, kritische Diskurs noch weiter, etwa mit Antwortartikeln von Fachkollegen, die einer Veröffentlichung sachlich widersprechen und im selben Journal veröffentlicht werden. Mit einem harten, aber sachlichen Diskurs wird in der Wissenschaft viel offener umgegangen als anderswo, was zur Qualitätssicherung beiträgt.

Nguyen-Kim versucht sich daher möglichst auf Original-Literatur zu beziehen, die den “Peer Review”-Prozess durchlaufen hat. [An dieser Stelle ein Hinweis von mir, dass aufgrund des hohen Zeitdrucks in der Pandemie, wichtige Erkenntnisse zum Coronavirus zu liefern, viele Studien als “Preprint” erscheinen. Diese Studien liegen zwar in Manuskriptform vor, jedoch noch ohne Peer Review. Sie sollten daher mit besonders viel Vorsicht interpretiert werden.]

3. Das Puzzleprinzip: Eine Studie ist keine Studie.

Wissenschaftliche Erkenntnisse setzen sich aus vielen kleinen Puzzleteilen zusammen. Wenn man sich nicht gerade in einer Pandemie befindet, dauert es viele Jahre und noch mehr Studien und Forschungsgruppen, bis sich ein konsistentes Bild ergibt. Das ist zwar mühsam für einzelne Wissenschaftler, verhindert aber, dass einzelne Autoritäten ihre Meinung durchsetzen können. Die Gesamtdatenlage überzeugt. Zudem müssen verschiedene Ergebnisse stimmig sein, damit ein wissenschaftlicher Konsens entsteht.

Es ist daher ratsam, möglichst viele Studien zu lesen und zusätzlich …

  • Literature Reviews, die einen Überblick über verschiedene Studien zum selben Thema geben
  • Meta-Analysen: Mehrere Studien werden zu einer großen Auswertung zusammen verarbeitet.
  • Stellungnahmen von Forschungsgemeinschaften oder Fachgesellschaften, wo sich mehrere Expert*Innen auf einen Konsens geeinigt haben und diesen geschlossen kommunizieren

Wenn Wissenschaftler im Fernsehen auftreten oder Zeitungsinterviews geben, sind meistens keine Quellen angegeben, weil der/die ExpertIn selbst die Quelle ist. Konsequent wissenschaftlich gedacht: Warum sollten wir ExpertInnen in der Zeitung, im Fernsehen einfach so vertrauen? Sachlichkeit ist oft nicht das Problem, eher die Verständlichkeit. Großen Schaden kann es jedoch anrichten, wenn die ExpertInnen es mit der Sachlichkeit nicht so genau nehmen.

Wenn man die Leute fragen würde, warum sie den Wissenschaftlern vertrauen, wenn es um Wissenschaft geht, würden die meisten sagen: “Weil das die Experten sind, die sich auskennen!”

Dabei hat keiner der vorher genannten Punkte etwas mit Expertise zu tun, sondern mit Kontrolle und Überprüfung. Die Expertise macht den Experten zum Experten, doch ist das kein Garant für Vertrauenswürdigkeit und Verlässlichkeit.

Dafür gibt es verschiedene Gründe:

  • Eitelkeit und Rivalitäten unter Wissenschaftlern (Edison tötete Hunde mit Wechselstrom im Stromkrieg mit Tesla)
  • politische Ideologien, die die Sachlichkeit trüben (Medizinnobelpreisträger Watson begründete sexistische und rassistische Aussagen teilweise wissenschaftlich)
  • fehlerhafte Thesen (Chemienobelpreisträger Mullis entwickelte die PCR-Technik, auf der Coronatests basieren, war aber gleichzeitig ein knallharter AIDS-Leugner)

Selbst wenn solche Fälle selten sind, können auch wenige verquere Experten viel Schaden anrichten. Ein Verschwörungsmythos erhält durch einen Nobelpreisträger eine vermeintliche wissenschaftliche Basis. In der Wissenschaft setzen sich absurde Ideen nur schwer durch, in den Medien ist es eine andere Geschichte. Medien lieben alles, was aus der Reihe tanzt, sie leben von Gegensätzen und vom Widerspruch.

Große Bühne für schwarze Schafe: Sucharit Bhakdi

Bhakdi schrieb gemeinsam mit seiner Frau, einer Dermatologin an der Uni Kiel, schon Ende Juni das Buch “Corona-Fehlalarm” (alleine der Veröffentlichungszeitpunkt sollte zu denken geben, bis dahin war vieles über das Virus und seine Dynamik noch gar nicht bekannt). Nach einem Interview der beiden Autoren in den “Kieler Nachrichten” reagierte die Uni Kiel mit zwei Stellungnahmen, in denen sie sich von ihrer eigenen Professorin distanzierten:

Sie widersprechen entschieden den unbelegten und im Gegensatz zu seriösen internationalen wissenschaftlichen Erkenntnissen stehenden Behauptungen von Frau Professor Reiß und Herrn Professor Bhakdi zur Corona-Pandemie.

Kieler Mediziner

Die Kieler Mediziner tun das, was man auch innerhalb der wissenschaftlichen Community tun würde: Fehlerhafte Veröffentlichungen werden zurückgezogen oder richtig gestellt. Außerhalb der wissenschaftlichen Community gilt jedoch Meinungsfreiheit und wenn Professoren an die breite Öffentlichkeit treten, wird nicht mehr überprüft.

Die Uni Mainz, wo Bhakdi vor seinem Ruhestand Professor für Mikrobiologie war, distanzierte sich nur schwach und zog sich auf die Schutzbehauptung zurück, dass die Unileitung die wissenschaftlichen Aussagen ihrer WissenschaftlerInnen grundsätzlich nicht kommentiere. Nguyen-Kim ist allerdings der Überzeugung, dass wissenschaftliche Institutionen die Verantwortung haben, Stellung zu beziehen, wenn Falschinformationen ein Massenpublikum erreichen. Ohne seinen Expertenstatus als Ex-Professor hätte Bhakdi überhaupt nicht den Einfluss, den er jetzt hat.

Journalisten müssen besser darin werden, vernünftigen Stimmen mehr Aufmerksamkeit zu geben. Wenn eine Uni eine Stellungnahme herausbringt, es aber keiner liest, dann sitzen Experten in Fernsehshows oder mit Spiegel-Beststellern am längeren Hebel.

Ergänzung: Beispiel Sönnichsen von der MedUni Wien, der am 07. Oktober 2020 in der #zib2 bei Armin Wolf zu Gast war und einige widersprüchliche Aussagen traf.

Quelle: Facebook-Account der MedUni Wien, 03. April 2020

Sönnichsen und auch Prof. Apfalter berufen sich immer wieder auf die Stellugnahme des “Netzwerks für evidenzbasierte Medizin“, die allerdings von Virologe Drosten und Kollegen heftig kritisiert wird.

Zib2-Journalist Armin Wolf hat mit 450 000 Followern eine entsprechend große Reichweite auf Twitter. Positiv ist daher, dass er sich seiner Verantwortung bewusst ist und am 10. Oktober eine Klarstellung zur Interpretation der aktuellen Infektions- und Todeszahlen schrieb.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Letzendlich richten Medien zufälligen Fokus auf einzelne Experten. Die große Mehrheit der Wissenschaftler, z.b. der Virologen, traut sich ja gar nicht in die Öffentlichkeit, sind gar nicht sichtbar. Dadurch haben einzelne Experten sehr viel Einfluss. Viele gehen damit verantwortungsvoll um, aber wer garantiert uns, dass nicht irgendein Experte seine einzelne Meinung als anerkannte Expertise verkauft? Deshalb ist es so wichtig, dass dieses kritische Qualitätsmanagement, das innerhalb der wissenschaftlichen Community betrieben wird, auch in der Wissenschaftskommunikation an die breite Bevölkerung greift.

Wissenschaft beruht nicht auf Vertrauen, sondern auf Hinterfragen, Kontrolle und Überprüfung. Das macht Wissenschaft so verlässlich.

Solange in der Wissenschaftskommunikation nicht dieselben Standards an Sachlichkeit und Verlässlichkeit gelten wie in der Wissenschaft selbst, bringen mehr Wissenschaftler in den Medien nicht mehr Aufklärung, sondern mehr Verwirrung. Die Herausforderung ist, wie die Qualitätskontrolle sinnvoll geregelt werden kann.

Mein Fazit:

Mein Faktencheck zeigte leider auf, dass auch Wissenschaftsjournalisten wie z.b. Kurt Langbein vom FALTER es mit der Sachlichkeit nicht so genau nehmen. Wenn man sich seinen Twitter-Account anschaut, wird rasch klar, warum. Er bezieht sich überwiegend auf umstrittene Wissenschaftler, die fordern, gelassener mit dem Virus umzugehen, oder den Nutzen von Masken abstreiten. Mein Vorschlag wäre sonst, dass Wissenschaftsjournalisten mit naturwissenschaftlichem Studium Journalisten darin schulen, die Glaubwürdigkeit sogenannter ExpertInnen besser einschätzen zu können.

Das Totschlagargument auf fachfremde Kritiker lautet nämlich meist: Das ist ein angesehener Experte einer renommierten Uni mit einem Professorentitel. Es gibt überhaupt keinen Grund, seine Aussagen anzuzweifeln. Mit den von Nguyen-Kim ausgeführten Erläuterungen gibt es selbstverständlich immer Gründe, Aussagen anzuzweifeln – insbesondere dann, wenn selbst ernannte Experten klare ja/nein Aussagen treffen, während sich zahlreiche Wissenschaftler eher zurückhaltend äußern, indem sie Unsicherheiten angeben oder im Zweifelsfall auf Kollegen verweisen (was z.b. Virologe Drosten relativ oft macht, wenn es seinen Fachbereich verlässt).

Ich bin studierter Meteorologe und kein Mediziner – trotzdem traue ich mir offene Kritik an den Allerbergers, Apfalters und Sprengers zu, indem ich mir die Datengrundlage anschaue – und zwar nicht nur die Datengrundlage in Österreich, sondern weltweit, da es mit geringfügigen, unbedeutenden Mutationen überall das gleiche Virus ist. Da ist die Interpretation eindeutig: Deutlich höhere Sterberate bei der älteren Bevölkerung als bei der Influenza und vor allem beinahe dramatisch häufiger Langzeitfolgen. Die steigenden Zahlen der Hospitalisierungen und Intensivpflichtigen geben daher überhaupt keinen Anlass dafür, jetzt auf mehr Gelassenheit im Umgang mit dem Virus zu setzen. Sie führt im Gegenteil zu einer schrittweisen Überlastung des Gesundheitssystem, wie sie in Spanien, Frankreich und Großbritannien bereits eingetreten ist – selbst Deutschland bereitet sich darauf vor, elektive Operationen wieder zu verschieben. Letzendlich zeigt es in meinen Augen auch von einer hochgradigen Respektlosigkeit vor dem Gesundheitspersonal, das über Monate hinweg einer hohen Arbeitsbelastung ausgesetzt wird, ohne Wertschätzung, ohne Aufstockung des Personals und mit erhöhtem Risiko, selbst zu erkranken. Das gilt gleichermaßen für Lehrpersonal in den Schulen und Eltern aus der Risikogruppe, die durch das Kleinreden der Rolle der Kinder im Infektionsgeschehen gefährdet sind.

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