Tag 207: Die Rolle von Politik und Medien in der Coronakrise in Österreich

Meine vergangenen Beiträge über irreführende Aussagen in meinen (ehemaligen) Lieblingsnachrichtenquellen Ö1 und FALTER haben meinen wachsenden Unmut schon zum Ausdruck gebracht. Seit März haben mich vor allem Grüne, Ö1 und FALTER schwer enttäuscht, die verbleibenden drei Institutionen in Österreich, von denen man Anständigkeit und Seriösität in Entscheidungsfindungen und Informationsverbreitung erwarten konnte. Es erschüttert mich vor allem deswegen, weil es kaum Alternativen gibt. In den Tageszeitungen finden sich manchmal einzelne, gut recherchierte Artikel – positiv hervorheben möchte ich hier die WienerZeitung, aber kein durchgehend hohes Niveau. Ich hab Ö1 immer gleichwertig mit dem bundesdeutschen Deutschlandradio gesehen. Die Grünen waren für mich die einzige Wahlalternative, wenn auch meine Wahlmöglichkeiten als deutscher Staatsbürger beschränkt sind auf Bezirks- und EU-Wahlen. Die für mich wichtigsten Entscheidungen werden aber auf Gemeinde-, Nationalrats- und Staatsoberhauptebene getroffen. Ich konsumiere nicht ohne Grund am liebsten ausländische Presse zum Virus. Eine 90 Sekunden Video-Wortspende von Allerberger auf der AGES-Webseite kann niemals so gehaltvoll sein wie 90 Minuten NDR-Podcast mit Virologe Drosten. Ein Absatz im “FALTER” erreicht nie den Grad der Differenziertheit wie ein 12-Seiten-Artikel in “The Atlantic”. Es gibt in Österreich kaum Medien, bei denen über mehrere Seiten hinweg in epischer Breite in die Tiefe recherchiert wurde, idealerweise noch mit Angaben der Quellen. Beliebt sind dagegen Angaben wie “Viele Virologen” oder “Epidemiologen halten das für” und “manche Experten sehen das anders”, wobei die Experten nie namentlich genannt und deren zugrundeliegenden Annahmen überprüft werden können.

Die Grünen

Ich will meine Kritik hier auch differenziert verstanden wissen. In der Anfangszeit der Pandemie haben sie vieles richtig gemacht. Es ist den Grünen zu verdanken, dass BK Kurz keine strenge Ausgangssperre durchgesetzt hat, sondern von den Grünen noch rechtzeitig die Phrase

wenn öffentliche Orte im Freien alleine, mit Personen, die im gemeinsamen Haushalt leben, oder mit Haustieren betreten werden sollen, gegenüber anderen Personen ist dabei ein Abstand von mindestens einem Meter einzuhalten.

Quelle: https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/BgblAuth/BGBLA_2020_II_98/BGBLA_2020_II_98.html

hineinreklamiert worden ist, sodass man sich zur körperlichen und psychischen Erholung nach draußen begeben konnte. Heute wissen wir, dass alle Verordnungen verfassungswidrig waren und man keine Begründung gebraucht hätte, warum man sich draußen aufhält. Die Regierung, auch die Grünen, haben das Gesetz nach ihrem Gutdünken ausgelegt, etwa Kogler, der von “mehrstündigen Einzelfahrten” als Radfahrer abriet, ebenso längere Aufenthalte im Freien (Wanderungen). Das stand da aber nicht im Gesetzestext und Immunologen wie Christine Falk halten Maßnahmen, die die Bewegung an der frischen Luft unterbinden, überhaupt als kontraproduktiv. Keine Einzelmeinung.

Ausgewogene Ernährung, frische Luft, Bewegung und kein Übergewicht quälen [das Immunsystem] nicht. Viel Alkohol und Rauchen mag es hingegen ebenso wenig wie einen Mangel an frischer Luft. Deswegen finde ich Corona-Maßnahmen, bei denen die Leute kaum raus dürfen, eher kontraproduktiv, Abstand und Hygiene dagegen ganz wichtig. Sie nerven, aber das Virus nervt noch viel mehr.

Quelle: Das Coronavirus stiftet Chaos im Immunsystem, 30.09.2020

Im Lauf des Sommers wurden die Maßnahmen vorschnell gelockert, die Maskenpflicht wurde entgegen den wachsenden Hinweisen auf die Wirksamkeit der Masken in beiden Richtungen (Träger- und Empfängerschutz) weitgehend abgeschafft. Federführend dahinter, könnte man vermuten, war die ÖVP, welche Erleichterungen für Handel und Dienstleistung wollte. Wer keine Maske tragen muss, konsumiert lieber – da gehen die Meinungen aber bereits auseinander. Ich fühle mich z.b. wohler, wenn Masken getragen werden als nutzlose Face Shields oder Virusspuckschanzen. Gut, nehmen wir an, die Grünen haben sich da nicht durchgesetzt. Bis heute sind Face Shields & CO leider nicht verboten, sondern das Gesundheitsministerium rät lediglich davon ab, sie zu tragen.

Es ist halt schwer an Eigenverantwortung zu appellieren, wenn man in einem Land lebt, in dem die Untertanenmentalität traditionell und seit jeher belohnt wird.

Barbara Kaufmann am 04.10.2020, 10:32 Uhr, auf Twitter

Leider wurde der Pfad der faktenbasierten Maßnahmen mit der Schulöffnung verlassen. Nicht nur hat man es offenbar den schulfreien Sommer über versäumt, rechtzeitig an Vorsorgemaßnahmen zu denken, sondern postuliert im Gegensatz dazu auch noch die kühne Behauptung “Kinder spielen bei Covid19 keine Rolle, also müssen wir sie auch nicht testen”, so wie von Prof. Apfalter, der Ärztekammer Oberösterreich und Prof. Allerberger (AGES) medienwirksam verlautbart.

Influenza-Impfung im kostenlosen Kinderimfprogramm ist ein Meilenstein. Dient dem Individualschutz und schützt Risikogruppen, weil Kinder im Gegensatz zu COVID-19, bei Influenza wesentliche Rolle in der Verbreitung spielen.

Gesundheitsminister Anschober, 21.09.2020, 16:19 Uhr auf Twitter

Tatsächlich waren am 01. Oktober 16,6% aller aktiven Fälle in Österreich entweder Schüler oder Lehrer, in absoluten Zahlen 1218 Schüler und 178 Lehrer.

Die Epidemiologin Dr. Zoë Hyde hat erst kürzlich den neuesten Wissensstand zur Rolle der Kinder im Infektionsgeschehen in einem Thread zusammengefasst. Kinder und Erwachsene haben die gleiche Viruslast im Rachen, sind gleich infektiös, egal ob mit oder ohne Symptome, was eine wichtige Rolle spielt, da Kinder mehrheitlich keine Symptome zeigen. Auch, wenn Superspreader Events bei Kindern seltener vorkommen, sind Schulen kein Ort mit geringem Übertragungsrisiko. Das Übertragungsrisiko innerhalb der Schulen kann wesentlich vermindert werden durch häufiges Lüften, Masken tragen im Unterricht und eine Verringerung der Klassenstärke.

Quelle: http://just-the-covid-facts.neuwirth.priv.at/2020/10/04/covid-19-oesterreich-aktuelle-daten/

Wie die aktuellen Zahlen zeigen, nimmt die Zahl der infizierten Kinder unter 15 deutlich zu, ebenso die der Älteren. Wo bleibt das Vorsorgeprinzip der Regierung? Wollte man nicht Vorerkrankte und ältere Menschen schützen? Selbstverständlich befinden sich auch unter den Eltern von (Klein-) Kindern Vorerkrankte oder lebt eine Oma oder Opa im gemeinsamen Haushalt. In Österreich sind 44% aller Lehrer über 50 Jahre alt (Stand 2019). Warum geht man hier ein unnötiges Risiko ein, dass infizierte Kinder Lehrpersonal oder Erwachsene infizieren, die ein höheres Risiko haben, einen schweren Verlauf zu bekommen?

Der zweite große Kritikpunkt ist natürlich die Flüchtlingskatastrophe von Moria. Die österreichische Regierung weigert sich bis heute, Flüchtlinge aufzunehmen. Selbst 100 Kinder werden kategorisch abgelehnt. Die Grünen stimmten im Parlament gemeinsam mit dem Koalitionspartner gegen eine Aufnahme, weil sonst die ÖVP mit der FPÖ eine Aufnahme kategorisch ausgeschlossen hätte. Das ist die Hauptbegründung der Grünen für die Quadratur des Kreises, mit denen sie viele eingefleischte Grünen-Wähler vor den Kopf stießen, so blieben sie mit der ÖVP in Verhandlung und könnten sie noch zum Umdenken zu bewegen. Bisher lässt das Umdenken auf sich warten. Die komplexen Argumentsverrenkungen, die Grünen-Politiker aufführen, um ihr Wahlverhalten zu rechtfertigen, kann ich zwar irgendwo nachvollziehen, aber wo ist die rote Linie? Einer der wenigen Grünen-Politiker, die ich derzeit respektieren kann, ist Michel Reimon, der sein Missfallen über die ÖVP offen zum Ausdruck bringt. Kogler hingegen, der offen im Einklang mit der ÖVP für ein degressives Arbeitslosengeld eintrat – ein katastrophales Signal für den sozialen Frieden in der Krise -, vertritt offenbar keine grüne Grundhaltung mehr. Die Grünen befinden sich natürlich in einer ideologischen Zwickmühle, aber das muss ihnen von Anfang an klar gewesen sein, als mit einer Partei eine Koalition eingehen, dessen Parteichef und Ex-Kanzler durch einen Misstrauensantrag des Parlaments abgewählt wurde. Welche Wahl hätte Kurz damals gehabt? Die durch Ibiza personell und moralisch geschwächte FPÖ zum Schaden des internationalen Ansehens? Es wäre auf eine große Koalition oder erstmals Minderheitsregierung hinausgelaufen. Auch jetzt in der Krise würde eine Aufkündigung der Koalition nur dazu führen, dass der Dilettantismus der unfähigen türkisen Minister nur offenkundiger zu Tage gebracht werden würde und das Versagen nicht mehr an den Grünen abgeputzt werden könnte. Wenn die ÖVP in Menschenrechtsfragen und beim Thema Arbeit und Soziales sowieso mit der FPÖ mitstimmen und damit eine parlamentische Mehrheit haben, handelt es sich nicht bereits jetzt um eine Minderheitsregierung? Ja, es ist ganz nett für das grüne Gewissen, beim Thema Umwelt- und Klimaschutz voranzukommen, aber wird das die bald halbe Million Arbeitslose interessieren und all jene, die von der großen Pleitewelle betroffen sein werden? Leider Gottes hält der Ausbau der Infrastruktur nicht mit der Nachfrage nach kostengünstigen Öffis mit und überfüllte Öffis sind zu Zeiten der Pandemie offenbar eher abschreckend. Ich glaube, die Bereitschaft, aktiv etwas für den Klimaschutz zu tun, wächst mit der sozialen Absicherung im Fall von Arbeitslosigkeit und finanziellen Einbußen. Gerade diesen Punkt müssen die Grünen aber der ÖVP überlassen, die gegenteiliger Ansicht ist und nach deutschem Vorbild einen riesigen Niedriglohnsektor schaffen will. Anschober hat sich vor der Koalition für Flüchtlinge als Lehrlinge eingesetzt, in der Regierung wanderte das Arbeitsministerium nicht ohne Grund zur ÖVP. Ich hätte mir die Grünen weiterhin in der Opposition gewünscht, mit deutlich zweistelligem Ergebnis hätten sie in Umfragen wahrscheinlich noch gewonnen. Der strahlende türkise Stern wäre in einer Minderheitsregierung rascher erloschen, da man Fehler nicht mehr dem kleinen Koalitionspartner in die Schuhe hätte schieben können. Jetzt ist es anders gekommen. Mein Appell für die Zukunft wäre, Haltung zu zeigen, auf seinen Positionen beharren und der Öffentlichkeit besser kommunizieren, dass man sich nicht durchgesetzt hat, statt zu schweigen oder gar die türkise Haltung noch zu rechtfertigen.

PS: Für etwaige Kommentare, weswegen ich hier nicht die ÖVP genauso breit und lang kritisiere: Das tue ich erstens oft genug auf meinem Blog und zweitens habe ich von der ÖVP nie eine humane, faire und ethische Grundhaltung erwartet und konnte daher nie enttäuscht werden.

Ö1

Der Nachrichtensender Ö1 ist seit über 14 Jahren mein Lieblingssender in Österreich. Der einzige Sender ohne Werbung. Ich hasse Werbung abgrundtief, sie reißt mich beim Arbeiten oder Schreiben aus der Konzentration. Ö1 bietet dagegen die richtige Mischung aus Klassik-Musik, informativen Interview-Sendungen und sonstigen Informationen aus Kultur und Wissenschaft. Bisher. Seit Corona hat sich auch das geändert.

In Österreich müssen Experten ihre Aussagen nie belegen. Der Doktortitel beweist ihre Unfehlbarkeit und Allwissenheit. So können Sprenger und Apfalter beide die Gefährlichkeit von Covid19 rein an der Sterblichkeit festmachen und dabei Langzeitbeschwerden wie durch Long Covid gänzlich ignorieren. Der Wiener Neurologe Michael Stingl, der u.a. ME/CFS-Betroffene behandelt, weist aktiv auf Twitter auf Artikel über Langzeitbeschwerden hin. Es gibt also auch innerhalb Österreichs Ärzte, die Covid19 nicht nur an der Anzahl der Todesopfer festmachen. In Deutschland gibt es nicht nur fast zehn Mal so viel Einwohner, sondern auch wesentlich mehr Institute und Ärzte, die international gut vernetzt sind. Im Zweifelsfall halte ich mich an die Expertenmeinung, die von anderen Experten häufig zitiert wird, selbst oft zitiert und sich dabei auf ein Geflecht von Fakten stützt. Die Fakten-Studienlage wird gestützt durch anekdotische Erzählungen hunderter bis tausender Betroffener von Long Covid, deren Erlebnisse in Zeitungen, auf Blogs, auf Facebook und auf Twitter nachlesen kann. In Summe ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild, in dem Minderheitenmeinungen, dass derlei Berichte übertrieben wären, nicht glaubwürdig erscheinen.

Idealerweise nimmt der Moderator im Radio also gar keine Haltung ein, sondern zitiert lediglich gut recherchierte Studien und Fakten.

FALTER

Die Wochenzeitung FALTER habe ich ebenfalls jahrelang gerne gelesen. Auch in zwei Jahren Salzburg habe ich sie mir fast jede Woche gekauft. Schon alleine aus Protest gegen die Kurz-geführte Regierung. Seit April 2019 bin ich wieder FALTER-Abonnent. Das ABO läuft erst im April 2021 aus. Im Lockdown machte der FALTER noch eine gute Figur, angeführt durch den Juristen und Chefredakteur Klenk, kritisierten sie vor allem die rechtlich unhaltbaren Freiheitsbeschränkungen und die damit verbundenen drakonischen Kontrollen und Strafen der Polizei. Neben vielen Einzelschicksalen erinnere ich mich noch gut an das Beispiel einer Ärztin, die nach der Arbeit mit der U-Bahn auf die Donauinsel fahren wollte, um sich zu erholen, und der dafür 500 Euro abgeknöpft wurden, weil Öffi-Fahren zu Erholungszwecken laut Verordnung verboten war. Arbeiten ja, erholen nein. Bald aber erschienen verstörende Texte im FALTER, dessen Redakteure am schwedischen Weg Gefallen fanden, aus ihrer Sicht der bessere Weg mit möglichst wenig Freiheitsbeschränkungen, weiter geöffneten Schulen und vermeintlich besser durch die erste Welle gekommen, ohne die Wirtschaft übermäßig zu belasten. Beide Länder haben ähnlich viel Einwohner (Schweden 10,2 Mio, Österreich 8,6 Mio), aber Schweden mit 5600 Toten deutlich mehr Todesopfer als Österreich (800). Der schwedische Chef-Epidemiologe, der die Strategie des Landes vorgab, hätte 10% Todesrate akzeptiert, um die Schulen offen zu halten. Unter den Toten befanden sich mehrheitlich alte Menschen in Pflege- und Altersheimen. Schüler wurden gar nicht getestet, trotzdem beriefen sich viele Journalisten wiederholt auf die niedrigen Infektionszahlen aus Schweden als Beleg dafür, dass Kinder keine Rolle spielen. Wollen wir eine sozialdarwinistische Auslese von Alten und Kranken wirklich in Kauf nehmen, um die gesunde Bevölkerung zu retten? Sollten wir uns von Mein-Kampf-Weltanschauungen nicht endgültig verabschiedet haben?

Ich nehm dem FALTER nicht übel, dass sie meinen Leserbrief nicht veröffentlicht haben, wohl aber die Begründung, weshalb meine Argumentation nichts zählt. “Beide Herren [ Streeck und Allerberger] sind angesehen und auf dem neuesten Stand, sie verfolgen die Pandemie aus der Nähe und erfolgreich auf ihren Gebieten. ich habe keinen Grund, ihren unabhängig voneinander mitgeteilten Erkenntnissen nicht zu glauben

Wie bereits oben erwähnt, wird die Glaubwürdigkeit von Experten alleine an ihrem Renommé und Erfolg festgemacht, und nicht an der Datenlage, auf die sie sich stützen. Ich führte meine Argumente gemeinsam mit zehn Literaturhinweisen an, darunter den Artikel über 239 Experten weltweit, die die WHO eindringlich aufforderten, Aerosole als wichtigen Übertragungsweg anzuerkennen. Damit steht es 239 gegen 2. Ich nannte auch die Aerosol-FAQ von Jose-Luis Jimenez, der mit deutschen Aerosol-Forschern zusammenarbeitet und der Drosten zitiert. Umgekehrt zitieren immer mehr Virologen Jimenez, und sie stützen sich gegenseitig in ihren Aussagen.

Trisha Greenhalgh (UK) bringt es auf den Punkt:

Assess my claims on their merits, not on the basis of reputation of the organisation that hires me.

FALTER-Virologe Peter Michael Lingens, eigentlich für wirtschaftliche Betrachtungen zuständig, fiel mehrfach durch Aussagen auf, die wissenschaftlich unbegründet waren.

Obwohl die Maskenpflicht im August und September wieder verschärft wurde und absehbar war, dass wir erst am Beginn der Pandemie stehen, behauptete Lingens ….

Das Rote Kreuz sitzt auf einer Million Masken. Seit dieser Woche braucht man sie fast nur mehr in Öffis, und bald dürfte man keine mehr brauchen.

FALTER-Ausgabe vom 17. Juni 2020

Obwohl die Zahl der Intensivpflichtigen von Mitte Juni bis Mitte September von 70 auf 300 stark anstieg, behauptet Lingens …

Um die Gefahr abzuschätzen, muss man die Infektionszahlen aber vor allem mit den Zahlen derer vergleichen, die schwer erkranken oder versterben. Daher meldet der ORF zu Recht meist die Zahl der in Intensivstationen aufgenommen und verstorbenen Covid-19-Erkrankten – und beide Zahlen steigen nicht entfernt mit der Zahl der Infizierten.

FALTER-Ausgabe vom 16.09.2020

Wie trügerisch es ist, den Erfolg rein an den Sterbefällen zu bemessen, zeigt die rasant wachsende Zahl an Longcovid-Patienten.

Am 24. September bemaß Lingens erneut den Erfolg der Bewältigung der Pandemie rein an den Sterberaten, am 30. September stützte sich Lingens bei der Zuverlässigkeit der Schnelltests rein auf die PR-Kommunikation eines Pharmakonzerns (ein Fehler, den ich anfangs bei den Antikörpertests und Schnelltests von Abbott auch gemacht habe, aber ich bin kein Journalist und veröffentliche nicht, um Geld zu verdienen).

Entgegen der aktuellen Studienlage, die ich oben schon benannt habe, behauptet FALTER-Redakteurin Barbara Toth auf Twitter:

Schülerinnen stecken nur selten Schülerinnen an. Warum freuen wir uns nicht über diese gute Nachricht? Warum halten wir am Mythos Schule als virenschleudern fest? […]

03. Oktober 2020, 22.15 Uhr, Twitter

In der FALTER-Sonderbeilage 40a/20 wird ein Text von Kurt Langbein abgedruckt. Ich hab mir seinen Twitter-Account angesehen. Von ausgewogener Recherche kann hier keine Rede sein. Er zweifelt die Wirksamkeit von Masken an und führt dazu eine Publikation einer Autorin an, die wiederholt von Maskenkritikern zitiert wird, es scheint aber nur diese eine zu geben (Dem gegenüber stehen über 70 Publikationen pro Wirksamkeit.).

In Summe … ich bin Wissenschaftler und kein Journalist, aber wenn ich den Pressekodex für seriöse Medien miteinbeziehe, dann verfolgen wir ähnliche Ziele: Wir treffen auf der Grundlage von recherchierten Daten Aussagen. Check, check, recheck, doublecheck zählt zu den wichtigsten Grundregeln bei der Recherche. Meine Vorgehensweise habe ich schon einmal ausführlich erläutert – hier die Kurzfassung:

  1. Seriöse Recherche heißt, immer Literaturangaben zu machen. Die Quelle benennen, eine Fußnote mit vollständiger Quellenangabe.
  2. Wissenschaft basiert auf einem Geflecht von Fakten und nicht auf der Berühmtheit des Autors. Auch ein angesehener Wissenschaftler muss seine Aussagen begründen und auf Fakten stützen.
  3. Objektiv an ein Thema herangehen, zwei gegensätzliche Positionen gegenüberstellen, statt “den schwedischen Weg” verteidigen, indem man nur Experten abdruckt, die den schwedischen Weg stützen.
  4. Interdisziplinärer und internationaler Ansatz: Es ist ein globales Virus, kein österreichisches Virus. Es bricht kein Zacken aus der Krone, wenn man ausländische Experten unterschiedlicher Fachbereiche (Aerosolforscher!) befragt.
  5. Interessenskonflikte der Forscher prüfen! Ist die Quelle wirklich unabhängig? Veröffentlicht sie auf zweifelhaften Plattformen, die Verschwörungsmythikern nahesteht? Was ist deren Agenda?

Das sind relativ hohe Ansprüche, aber man darf nicht vergessen, dass unbedachte Aussagen in einer Pandemie viele Opfer fordern können. Die monatelange Weigerung der WHO, die Wirksamkeit von Masken anzuerkennen, die Weigerung der AGES, die wesentliche Rolle von Aerosolen zuzugeben, was eben vor allem auf Präventivmaßnahmen Auswirkung hat (Face Shield vs. Maske). Die fahrlässige Unbeschwertheit der Bevölkerung im Umgang mit dem Virus, die nicht nur Vorerkrankte und Ältere gefährdet, sondern auch eine wahrscheinlich signifikante Zahl an Patienten mit Langzeitbeschwerden erzeugt, die Wochen bis Monate einen Verlust an Lebensqualität bis zum Jobverlust erleiden. Daher lasse ich hier nicht locker und lege immer wieder meinen Finger in die Wunde schlechter Recherche.

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.