Tag 581: Aerosol-Übertragung und LongCOVID müssen bekannter werden

“Droplets on surfaces is very convenient for people in power – all of the responsibility is on the individual. On the other hand, if you admit it is airborne, institutions, governments and companies have to do something.” (Jose-Luis Jimenez, Chemieprofessor, Aerosol-Experte)

Die Wissenschaft hat ihre Pflicht erfüllt. Wir kennen die effektiven Werkzeuge, um die Virusausbreitung einzudämmen, und wissen um die Gefährlichkeit des Virus, dass ein Durchlaufenlassen der Infektion bei den jüngeren Altersgruppen fatale Folgen haben kann – selbst wenn die Infektion zunächst kaum spürbar ist. Dennoch sind erst 61,5% der Bevölkerung in Österreich vollimmunisiert – und nicht einmal diese Bezeichnung ist streng genommen zutreffend. Die Innenpolitik ist momentan leider zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, als sich darum zu kümmern, die Impfquote dramatisch zu steigern, geschweige denn die Bevölkerung aufzurufen, sich mit Beginn der kälteren Jahreszeit risikobewusst und zurückhaltend zu verhalten. Man könnte zudem den Eindruck gewinnen, dass den meisten Eltern derzeit egal wäre, dass ihre Kinder nun durchseucht würden, obwohl die rettende Impfung nur noch wenige Wochen entfernt ist (und offlabel bereits praktiziert wird). Diese Auffassung wäre aber überaus zynisch, denn die meisten Eltern wurden nicht über die mögliche Gefahren einer Infektion aufgeklärt – selbst wenn sie zuerst harmlos verläuft.

Wie geht es die nächsten Jahre weiter? Geben wir uns dauerhaft mit unter 70% Impfquote zufrieden? Wollen wir dauerhaft ein überbelastetes Gesundheitssystem, das in den ruhigeren Phasen Operationen und wichtige Untersuchungen nachholen muss, und wo die Haus- und Fachärzte durch LongCOVID-Patienten in den Burnout getrieben werden? Derzeit gibt es in ganz Österreich zwei FachärztInnen für MECFS/LongCOVID. Wir werden die Masken übrigens so lange weitertragen müssen, solange das Virus mit signifikanten Inzidenzen zirkuliert – insbesondere wenn mit dennoch florierendem Tourismus auch Influenzaviren und andere Infektionskrankheiten eingeschleppt werden, was zu einer Doppelt- und Mehrfachbelastung der Spitäler führt – wie aktuell durch die RSV-Welle bei den Kindern. Und wir leben auf Monate und Jahre mit der Gefahr von Fluchtvarianten, die den Immunschutz noch besser umgehen können als derzeit die bei uns dominante Virusvariante DELTA.

Ich weiß, es sind alle im Umfeld schon so genervt. Sie sind genervt vom Masken tragen, genervt vom zusätzlichen Testen trotz Impfung, genervt von abgesagten Veranstaltungen, genervt von der Quarantäne ihrer Kinder, und jetzt nervt man sie schon wieder, weil zwei Teilimpfungen eine dritte nach sich ziehen. Das hört ja nie auf! Ja, selbst schuld… und das meint eher das königliche Selbst, genauer gesagt das Regierungsselbst. Long COVID wird bis heute unter den Teppich gekehrt, wenn das Prognosekonsortium die Überlastung der Spitäler berechnen soll. Dabei hat Long COVID neben den gesundheitlichen Folgen auch dramatische Auswirkungen auf wirtschaftliche Kosten, wie hier am Beispiel Australien gezeigt wird. Und bis heute fehlt die Anerkennung der Aerosol-Übertragung als dominante Route für SARS-CoV-2 (und andere Infektionskrankheiten inklusive Influenza!). Damit laufen wir diesen Winter Gefahr, die gleichen Fehler wie im Vorjahr zu machen – mit einer Virusvariante, die 1000x mehr Viruslast erzeugt als der Wildtyp.

Dritte Impfung Teil der Grundimmunisierung

Die Kommunikation der Impfung ist miserabel, sonst wüsste die Bevölkerung, dass nach aktuellem Stand die dritte Impfung mehr als nur eine Auffrisch- oder Boosterimpfung ist, sondern vielmehr für die meisten Altersgruppen die dritte Teilimpfung, um die Grundimmunisierung gegen Covid19 abzuschließen. Ob und wie häufig die Covid-Impfung aufgefrischt werden muss, werden die kommenden Monate und Jahre zeigen.

Da sprechen die Zahlen aus Israel für sich:

(Infektionen und schwere Verläufe in Israel pro 100000 Einwohner, ca. 2 Monate nach Auffrischimpfung, Quelle: Israel MoH Dashboard)

Daraus geht hervor, dass insbesondere für die über 40jährigen der Schutz vor schweren Verläufen nochmal deutlich ansteigt. Wenn man das Risko für Long COVID verringern will, also per se eine Infektion (mit symptomatischem Verlauf), dann ist die dritte Teilimpfung bereits ab 12 Jahren sinnvoll. Noch komplizierter wird alles dadurch, dass vier Impfstoffe zugelassen wurden, die aber unterschiedlich gegen DELTA wirken – wie von Epidemiologe Robert Zangerle in der Seuchenkolumne ausgeführt.

Aber machen wir’s nicht zu kompliziert – wann brauch ich eine weitere Impfung? (Grafik wird durch eine schönere Grafik ersetzt, sobald eine existiert)

Dieses Impfschema gilt vorläufig unabhängig vom Antikörperstatus. Antikörpermessungen werden derzeit nur Personen der Hochrisikogruppe empfohlen, die aufgrund der Erkrankung oder Medikamente kaum oder keine Antikörper bilden können, dazu zählen Personen nach Organtransplantation, Immunsupprimierte und Personen mit primären Immundefekt. Da aber noch kein Schutzkorrelat (= Antikörpertiter, ab dem man geschützt ist) existiert, bzw. ein Endpunkt für ein Schutzkorrelat festgelegt wurde (wovor soll die Impfung schützen? Symptomatische Infektion (mit Gefahr von LongCOVID), schwere Verläufe oder Übertragungsschutz?), und die Antikörpertests je nach Anbieter (Abbott, Roche) unterschiedliche Werte ergeben, wird der Allgemeinbevölkerung momentan davon abgeraten.

Es steht natürlich jedem frei, trotzdem (regelmäßig) seine Antikörper bestimmen zu lassen. Dabei gilt grob gesagt (qualitativ): Wenig schließt einen Schutz nicht aus, aber je mehr, desto besser. Zudem steigt mit höheren Werten die Wahrscheinlichkeit für einen besseren Übertragungsschutz. Was im Umkehrschluss heißt, dass mit zunehmendem Abstand zur Impfung der Übertragungsschutz nachlässt, nicht zwingend aber der Schutz vor schweren Verläufen. Für mich gilt: Ich hab immer noch einen Heidenrespekt vor LongCOVID – auch trotz Impfung, und daher werde ich mich lieber früher als später das dritte Mal impfen lassen.

Aerosol-Übertragung Schlüssel zur Pandemiebekämpfung

Die Impfung ist aber nicht der einzige Zugang zur Risikominimierung. In einer Bevölkerung, wo erst 61,5% Impfquote erreicht wurde, und zu dieser Vollimmunisierung zählen auch Personen mit Johnson & Johnson, die dringend eine weitere Impfung erhalten sollten, und wo der Übertragungsschutz wenige Monate nach der Impfung schon wieder nachlässt, wird auf unabsehbare Zeit weiter Virus durch die Bevölkerung zirkulieren. Wenn ich mein Risiko reduzieren will, sollte ich Risikosituationen erkennen, vermeiden oder durch NPIs (Masken, Lüften) abmildern. Risiko heißt hier in erster Linie Virusdosis.

Aerosol-Übertragung ist im Nahbereich effizient, ähnlich wie bei Zigarettenrauch, der beim Raucher am Konzentriertesten ist. Kleine Aerosole können leichter bis in die Lunge eingeatmet werden. Große Tropfen entstehen seltener und treffen höchstens zufällig die Schleimhäute (Augen, Mund, Nase).

Manchmal wird unscharf von Aerosoltröpfchen gesprochen, aber die Unterscheidung in Aerosole und Tröpfchen hat fundamentale Auswirkungen auf die zutreffenden Maßnahmen:

Wenn man von Tröpfcheninfektion ausgeht, also Tröpfchen innerhalb geringer Distanz zu Boden fallen, dann würden einfache Stoff- oder OP-Masken ausreichen, ebenso die (willkürlich!) definierten Meter- oder Zweimeterabstände. Masken müsste man nur tragen, wenn sich andere Personen im gleichen Raum befinden. Sobald man alleine ist, könnte man die Maske absetzen. Alternativ könnte man auch Face Shields tragen, da die Tröpfchen mit der Schwerkraft ohnehin zu Boden fallen würden.

Bei Aerosolen verhält es sich anders: Die Aerosole breiten sich unendlich im Raum aus, sind aber wie bei Tröpfchen am stärksten beim Emitter konzentriert. Aufgrund ihrer geringen Größe braucht man zwingend filternde Masken, die zudem dicht sitzen müssen, damit nicht seitlich Aerosole inhaliert werden. Meterabstände verhindern Ansteckungen nicht, sondern reduzieren höchstens die Viruslast. Bei einem Superspreader oder mehreren infizierten Personen im Raum kann die Viruslast aber hoch genug sein, um auch weiter entfernt stehende oder sitzende Personen zu infizieren (vgl. Ou et al., 10/21 – Übertragung in Bussen). Infektionen sind selbst dann möglich, wenn man alleine im Raum ist, etwa im Aufzug oder auf öffentlichen Toiletten. Darum sollte man selbst dann eine Maske tragen, wenn man alleine in gemeinsam genutzten Räumen ist, um keine langlebigen Aerosole zu produzieren.

Widersprüche bei öffentlichen Maßnahmen:

MaßnahmeAnwendungWiderspruch
Maske in Bewegung, nicht am Sitzplatz tragenBüro, Unterricht, Nationalrat, PressekonferenzenIm Sitzen wird auch gesprochen und Aerosole verteilt.
Maske zum Sprechen abnehmen, wenn man den Sitzplatz erreicht hatBüro, Nationalrat, Pressekonferenzen Genau das Gegenteil ist der Fall: Beim Sprechen werden deutlich mehr Aerosole produziert als beim Atmen.
PlexiglasscheibenHandel, Büro, NationalratKein geschlossenes System, Aerosole steigen nach oben bzw. werden abgetrieben und bleiben in der Raumluft
Face Shields Sommer 2020Aerosole gelangen seitlich und nach unten in die Umgebungsluft bzw. aus ihr zum Mund
Meterabstände Handel, Gastronomie, SchulenAerosole bewegen sich deutlich weiter als wenige Meter, vor allem indoor

Die wichtigste Maßnahme bei Aerosol-Übertragung ist der Filter! Vereinfacht gesagt muss entweder Virus raus aus der Raumluft oder möglichst saubere Luft in die Lunge. Letzteres gelingt mit den FFP2-Masken, die leicht zu beschaffen und einfach zu handhaben sind. Zudem sind sie für den Normalverbraucher wiederverwendbar. Das gilt für alle geschlossene Räume! In den Situationen, wo es nicht verhinderbar ist, Masken abzusetzen oder sich trotz Masken infektiöse Aerosole akkumulieren können, muss man schaun, die Dosis zu verringern. Als Messgröße dient hier Kohlendioxid und leicht erhältliche CO2-Messgeräte. Dafür gibt es fest installierte HEPA-Filter, mobile Luftfilter, Durchzug mit offenen Fenstern (unterstützt durch Ventilatoren, geht bis zu einer bestimmten Raumgröße), Einbau zusätzlicher oder größerer Fenster (Langfristziel: Welches Raumklima wollen wir haben, um gut arbeiten zu können [siehe Sick Building Syndrome] bzw. nicht anzustecken mit Infektionserregern?), Verringerung der Personenanzahl im Raum oder generell Verlagerung von Aktivitäten ins Freie (Veranstaltungen, Unterricht) bzw. Vereinzelung der Arbeit (zurück zum Einzelbüro statt Großraumbüro, Teleworking statt Büro).

Es gibt inzwischen eine Reihe von detallierten Übersichtsartikeln, die sich mit den Mythen und Fakten um Aerosole auseinandersetzen – eine Auswahl:

Historisch betrachtet geht das Konzept der Tröpfchenfektion bei engem Kontakt auf den amerikanischen Epidemiologen Charles Chapin zurück, der Aerosol-Übertragung bei kurzer Distanz ausschloss. Dieser Fehler wird bis heute von der WHO und zahlreichen Infektiologen gemacht. Der Kardinalsfehler war zu postulieren, dass Infektion im Nahbereich auf Tröpfchen hinweist, weil infektiöse Aerosole damals technisch unmöglich nachzuweisen wären. Manche fragen sich, warum ein Epidemiologe, der 1910 ein Buch darüber schrieb, bis heute so einflussreich werden konnte. Chapins Paradigma wurde verbreitet akzeptiert und wurde zum Dogma bei der Übertragung Infektionskrankheiten. Heute wissen wir, dass Masern und Lungentuberkulose ausschließlich über die Luft übertragen werden. Von William Wells wissen wir, dass Tröpfchen unter 5µm Größe die Lunge erreichen können. Diese Minimalgröße wird für Tuberkulose benötigt, da die Lungenbläschen erreicht werden müssen. Irgendjemand verwechselte die Größe, um die tiefe Lunge zu erreichen (< 5µm), mit der Größe, ab der die Tröpfchen innerhalb 1-2m Entfernung zu Boden fallen (> 100µm). Tatsächlich gibt es nirgends in der wissenschaftlichen Literatur den Schwellenwert 5µm für große Tröpfchen! Doch die WHO zitiert diesen wiederholt ohne Quellenangabe!

Das falsche Verständnis der Übertragungswege führt zu sonderbaren Situationen, etwa, wenn Fahrgäste ohne Maske durch den Zug gehen und sich exzessiv die Hände desinfizieren. Oder wenn Reinigungspersonal mit Maske unter der Nase exzessiv die Arbeitsplätze im Büro desinfiziert. Oder wenn im Wartezimmer der Arztpraxis zwar überall Handdesinfektionsmittel verfügbar ist, aber die Fenster geschlossen bleiben, weil man sich sonst noch einen Zug holt. Die Angst vor der Zugluft scheint außerhalb des englischen Sprachraums (v.a. im dt.-sprachigen Raum, aber auch in Russland oder am Balkan) ein größeres Problem zu sein, in England oder in den USA kennt man es nicht.

Die Bedeutung der Aerosol-Übertragung wächst, nicht zuletzt deshalb, weil die DELTA-Variante eine 1000x höhere Viruslast produziert (Li et al., 07/21), sondern auch, weil die Varianten mehr Aerosole produzieren. Die ALPHA-Variante erzeugte 43x mehr kleine Aerosole (< 5µm) als der Wildtyp. Für DELTA müssen noch höhere Wachstumsraten angenommen werden, bei denen einfache bzw. schlecht sitzende Masken schlechter filtern als beim Ursprungsvirus (Adenaiye et al., 09/21).

Viruslast reduzieren, um Schwere der Erkrankung zu reduzieren

Das gilt für Ungeimpfte und all jene, deren Antikörperbildung auf die Impfung mau ausfällt, aber genauso für all jene, die – solange die Inzidenz hoch ist und man von maskenlosen Ungeimpften umgeben sein könnte – auch eine symptomatische Infektion verhindern wollen – im Hinblick auf Long COVID (siehe unten).

Ich bin virologischer Laie, habe aber schon früh in der Pandemie einen Zusammenhang zwischen Virusexposition und Schwere der Erkrankung vermutet. Da waren etwa die Berichte aus Bergamo in der ersten Welle, wo viele Hausärzte, die Covid-Patienten behandelten, schwer erkrankten oder verstarben. Vor kurzem sah ich eine spanische Fach-Studie mit zwei jungen Infektiologinnen als Autoren aus einem spanischen Krankenhaus, die offenbar während der zweiten Welle verstarben. Spitalsmitarbeiter waren lange sehr hohen Virusdosen ausgesetzt, bis Filtermasken (FFP2 und höher) eingeführt wurden – bis heute allerdings nur in wenigen Ländern verfügbar (oder als notwendig erachtet). Es gab da diesen Artikel von Gandhi and Rutherford (10/20), wo auf die Viruslastreduktion durch Masken hingewiesen wurde, wodurch eher asymptomatische oder leichte Verläufe entstehen können.

„This possibility is consistent with a long-standing theory of viral pathogenesis, which holds that the severity of disease is proportionate to the viral inoculum received.“ („Die Dosis macht das Gift!“)

Dafür gibt es mehrere Indizien.

  1. In einem Experiment mit syrischen Hamstern konnte gezeigt werden, dass mit simuliertem Maskieren der Hamster die Symptome milder ausfielen als ohne Masken.
  2. In einem weiteren Experiment mit syrischen Hamstern fielen die Verläufe milder auf, wenn die Infektion über Schmierinfektion stattfand als bei Infektion über die Nasenschleimhaut oder Inhalation (Port et al, 12/20)
  3. Gandhi and Rutherford nennen das Beispiel eines argentinischen Kreuzfahrtschiffs, wo die Rate der asymptomatischen Infektionen bei 81% lag, nachdem die Passagiere mit einfachen Masken und die Besatzung mit N95-Masken ausgestattet wurde. Bei Ausbrüchen in Lebensmittelbetrieben, wo alle Arbeiter Masken tragen mussten, lag die Rate bei 95% asymptomatischen Verläufen.
  4. Eine Studie von Dabisch et al. (08/21) zeigte bei Affen die Dosisabhängigkeit von Symptomen und Antikörpern. Je größer die Virusdosis, desto eher gab es Symptome wie Fieber.

Zusammengefasst kann man spekulieren, dass mit einer Verringerung der Virusdosis auch ein milderer Krankheitsverlauf einhergeht. Gleich zu Beginn sollte man aber betonen, dass die symptomfreie Infektion keine Alternative zur Impfung ist, denn LongCOVID kann sich unabhängig der Schwere erster Symptome entwickeln. Wer jetzt noch nicht geimpft ist, sollte sich impfen lassen. Wer nicht geimpft werden kann, der kann aber versuchen, die Virusdosis zu reduzieren, um zumindest die Zeit bis zur Impfung zu überbrücken. Und wer schon geimpft ist, aber einen schlechten Immunschutz aufweist oder beruflich exponiert ist (Lehrerin, Erzieherin, Pflege- und Spitalswesen), der kann zumindest eine potentielle Durchbruchsinfektion versuchen abzumildern.

Die Schmierinfektion scheint keine nennenswerte Rolle zu spielen, wie die Untersuchung von 418 Proben in Barreiras, Brasilien, zeigt. (Rocha et al., 08/21). Dafür gab es schon früh Hinweise (z.B. Goldman, 08/20). Die Versuche der WHO, Beweise für Tröpfcheninfektion zu finden, schlugen fehl und unterstützten die Aerosol-Übertragung als Haupübertragungsweg (Thread, 10/20). Ein Mitglied der „Great Barrington Declaration“ erhielt finanzielle Unterstützung von der WHO, um die Aerosol-Übertragung zu widerlegen (Nafeez Ahmed, 04/21). Das Paper fiel durch den Peer Review. In einem chinesischen Restaurant konnte Infektion über engen Kontakt und Schmierinfektion völlig ausgeschlossen werden (Zhang et al., 05/21).

Das heißt…Masken tragen ist und bleibt sinnvoll, geimpft wie ungeimpft – solange das Virus zirkuliert. Selbst, wenn die Maskenpflicht entfällt, kann man sie trotzdem tragen, auch im Hinblick auf eine mögliche Influenzawelle im kommenden Winter.

Aufklärung über Long COVID könnte Impfquote steigern

Wir wissen längst, dass SARS-CoV2 viel mehr ist als nur eine Lungenerkrankung, sondern eine systemische Gefäßentzündung. Vieles von dem, was jetzt als überraschende, erschreckende Erkenntnis über die Folgen der Covid19-Infektion tituliert wird, ist seit spätestens dem Jahr 1979 bekannt (Fraenkel-Conrat et al., Comprehensive Virology (1979), Chapter 3, Robb and Bond: Coronaviridae). Covid19 verursacht Blutgerinnsel und Embolien und kann das endokrine System über ACE2 stören. Das Virus kann Autoimmunerkrankungen wie Parkinson oder Typ-1-Diabetes auslösen – auch nach einem anfänglich asymptomatischen Verlauf. Ärzte befürchten, dass der Anstieg von Typ-I-Diabetes bei Kindern auf Covid19 zurückzuführen ist, und nicht auf Lockdowns. Alle Organe können beschädigt werden und ganz besonders heimtückisch ist der Weg über den Riechnerv ins Gehirn. Wer trotz Impfung den Geruchssinn verliert, muss hoffen, keine Gehirnschäden davonzutragen. Multiple Organschäden können auch bei jungen Patienten auftreten, die Wahrscheinlichkeit steigt mit dem Alter an.

Inzwischen gibt es von der WHO eine erste offizielle klinische Beschreibung von Long COVID:

„Post COVID-19 condition occurs in individuals with a history of probable or confirmed SARS-CoV-2 infection, usually 3 months from the onset of COVID-19 with symptoms that last at least 2 months, that cannot be explained by an alternative diagnosis. Common symptoms include fatique, shortness of breath, cognitive dysfunction but also others with generally have an impact on everyday function. Symptoms may be new onset following initial recovery from an acute COVID-19 episode or persist from the initial illness. Symptoms may also fluctuate or relapse over time. A separate definition may be applicable for children.“ (06.Oktober 2021).

Lopez-Leon et al. (08/21), More than 50 long-term effects of COVID-19: a systematic review and meta-analysis

Zu den häufigsten anhaltenden Symptomen zählen Fatique, Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme, Haarausfall, Geschmacks- und Geruchsverlust, Kurzatmigkeit, Hyperventilieren, Husten und Gelenkschmerzen, Gedächtnisverlust, Schwitzen, Übelkeit und Engegefühl in der Brust. Man stelle sich alleine vor, den Geschmackssinn dauerhaft zu verlieren oder über Monate mit einem fauligen Geschmack leben zu müssen, sobald man etwas isst oder trinkt – ein erheblicher Verlust an Lebensqualität! Für einen Koch hieße das Berufsunfähigkeit.

Die monumentale Menge an Studien zu LongCOVID lassen bei mir jegliche Relativierung wie „man weiß darüber noch zu wenig“ abprallen. Man weiß genug, um betroffene Patienten endlich ernstzunehmen. Langsam mehren sich auch Hinweise auf effektive Behandlungsmöglichkeiten, z.B. mit Antihistaminika, von denen 70% aller Betroffenen protifieren können (Glynne et al., 10/21). Pacing ist ein zentraler Bestandteil der LongCOVID-und MECFS-Therapie – viele Betroffene haben POTS (Posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom) oder Orthostatische Hypotension (Schwindel beim Stehen), manche auch MCAS (Mastzellenaktivierungssyndrom) Wiederholt wird vermutet, dass SARS-CoV2 im Körper schlafende Viren wie das Epstein-Barr-Virus reaktiviert, was einen Teil der LongCOVID-Symptome erklären kann (Gold et al., 06/21). Was es bisher nicht gibt und wahrscheinlich nie geben wird, ist eine allgemeine Therapie, die für alle eine Verbesserung bringt. Für junge Sportler relevant: Auch Profifußballer sind an LongCOVID erkrankt – die Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit ist direkt messbar.

Essentieller Hinweis: Eine symptomfreie oder mild verlaufende Erkrankung schützt nicht vor schweren Spätfolgen. Das betrifft praktisch alle Organe, vor allem aber Herz und Gehirn, das Epizentrum unserer Leistungsfähigkeit.

Credits: Steve Daugherty (@stepd0c), „Es ist Zeit, dass die Kinder zurück ins Wasser gehen. Nur 1% von ihnen werden gefressen.“

Der Immunologe und T-Zellen-Spezialist Anthony Leonardi warnt vor den Langzeitfolgen von SARS-CoV2. Neue Erkenntnisse zeigen, dass die Infektion strukturelle Veränderungen im Gehirn verursacht, die Alzheimer auslösen können – sowohl Kinder als auch Erwachsene weisen eine unteraktive (hypometabolische) Gehirnaktivität auf. Die Infektion verursacht T-Zellen-Wanderung ins Gehirn, was nicht einmal bei tödlichen Fällen der Grippe passiert. Nierenversagen ist häufig, selbst bei milden Verläufen können bleibende Nierenschäden auftreten. Leonardi ist daher entschieden gegen die Durchseuchung der Kinder, um auf diesem Weg Immunität zu erreichen. Neben den direkten Folgen gibt es auch zahlreiche Berichte von Reinfektionen, die schwerer sind als die Erstinfektion. Kinder sollten im Distance Learning bleiben können und Klassenräume gut belüftet und mit Masken betreten werden, bis sie geimpft werden können.

Ausgewählte Artikel und Interviews:

Ich verschließe gar nicht die Augen davor, dass Aufklärung nicht jeden erreichen kann. Ich lese Schilderungen von Intensivmedizinern, deren Patienten selbst am Sterbebett noch die Existenz von Covid leugnen, und deren Angehörige sich nicht impfen passen wollen. Selbst Überlebende eines schweren Verlaufs fürchten sich manchmal immer noch mehr vor theoretischen Langzeitfolgen der Impfung. Doch denke und hoffe ich, dass die Mehrheit der Unentschlossenen und Skeptiker anders darüber denken würden, wenn man die Folgen einer Covid19-Infektion den Folgen der Impfung gegenüberstellt statt einer Hintergrundmorbidität, die für ein Zeitalter vor SARS-CoV2 gegolten hat. Nachdem die Regierungen in zahlreichen Ländern von NoCovid nichts wissen wollen und die Impfquoten zu niedrig bleiben, um R unter 1 zu drücken, müssen wir, ohne je gefragt worden zu sein, mit einer länger anhaltend hohen Hintergrundinzidenz leben. Die Infektion stellt ein bleibendes Risiko dar. Die Impfung reduziert die Wahrscheinlichkeit für schwere Verläufe und LongCOVID dramatisch. Die Gefahr eines Impfdurchbruchs mit moderatem oder schweren Verlauf reduziert sich, wenn man hochexponierte Situationen weiterhin meidet, bzw. Maßnahmen dagegen ergreift. Mit einer hohen Impfquote und niedriger Inzidenz gäbe es, no na, weniger Impfdurchbrüche – die wieder Wasser auf den Mühlen der Impfgegner sind. So gesehen ein Teufelskreislauf.

Wir brauchen also zusammenfassend mehr Aufklärung …

  • über die Vorteile der Impfung gegenüber einer Infektion oder möglichen Impfnebenwirkungen
  • über den Hauptübertragungsweg Aerosole, um Behörden und Arbeitgeber in die Pflicht zu nehmen und jedem die nötige Information in die Hand zu geben, um eigenverantwortlich Risiken erkennen und vermeiden zu können
  • über Long COVID, zum Einen auf politischer Ebene, um nochmals zu sensibilieren, dass man sich nicht xxxx Infektionen erlauben kann, nur weil jüngere Altersgruppen seltener schwerkrank werden und im Spital behandelt werden müssen – dafür erzeugt es eine wachsende Zahl an Langzeitkranken, für die das Gesundheitssystem schlicht keine Ressourcen hat. Je länger aber die Wartezeit für Patienten, desto größer die Gefahr, dass LongCOVID zu MECFS wird, zum Anderen auch bei Haus- und Fachärzten selbst, damit nicht wenige Spezialisten gezwungen sind, am Wochenende zu arbeiten, um den Ansturm an Patienten bewältigen zu können, sondern sich der Bedarf auf viele Schultern verteilt. Außerdem kann das Bewusstsein darüber, dass LongCOVID bei jungen, gesunden Menschen erhebliche Einbußen an Lebensqualität und Leistungsfähigkeit erzeugen kann, auch dazu ermuntern, lieber die Impfung zu nehmen und dieses Risiko erheblich zu minimieren. Viertens erzeugen Langzeitkrankenstände auch einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden – für Freunde neoliberaler Argumente GEGEN ein Durchlaufenlassen der Pandemie.

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