Tag 407: Warum ich das FALTER-Abo gekündigt habe

Der Zeitungsmarkt in Österreich ist von Inseraten abhängig. Der Boulevard sowieso ÖVP-nahe Tageszeitungen in den Bundesländern werden besonders stark gefördert. Seit Kurz Bundeskanzler ist, wurde der KURIER-Chefredakteur Brandstätter abgesetzt und durch die neoliberale Salomon ausgetauscht. Bei der WIENER ZEITUNG wurde Walter Hämmerle Chefredakteur, er ist gleichzeitig Mitglied im Präsidium des Friedrich-Funder-Instituts, der ÖVP-Medienschule. Bei der KRONE wurde der SPÖ-nahe Innenpolitik-Journalist Claus Pandi nach Salzburg versetzt. Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid hörte nach 27 Jahren Zugehörigkeit beim STANDARD im August 2017 auf.

Für mich war der FALTER immer sowas wie das letzte Bollwerk gegen eine rechtslastige politische Übermacht. Gute Recherchen gegen Rechtsextremismus und Korruption. Einen Kratzer bekamen sie für mich bereits 2019, als der FALTER eine türkisgrüne Koalition bewarb. Nur falls es in Vergessenheit geraten sollte: Kurz koalierte vorher mit der rechtsextremen FPÖ. Dann kam Ibiza und der Korruptionsverdacht gegen die FPÖ. Das Video schadete vor allem der FPÖ. Kurz wurde durch einen Misstrauensantrag gegen die gesamte Regierung abgewählt, inszenierte sich danach als außerparlamentarisches Opfer und witterte die große Chance, seine Stimmenmehrheit auszubauen bzw. liebäugelte mit der absoluten Mehrheit. Die rechtsextremen Aussagen und Gesetzesreformen des Koalitionspartners waren und wären nie ein Grund gewesen, die Koalition aufzukündigen. Deswegen stand ich einer türkisgrünen Koalition von Beginn an kritisch gegenüber.

Ähnlich wie jetzt habe ich damals rund 60 Maßnahmen unter ÖVP-FPÖ gesichtet, die für einen gesellschaftlichen Rückschritt in Österreich stehen, teils klar diskriminierend und fremdenfeindlich sind, teils zynisch und menschenverachtend. In Summe erscheint es undenkbar, und das wurde durch den Kurs der Grünen in der Regierung eindrucksvoll bestätigt, dass man Kurz dazu bewegen könnte, von seinem Orbanisierungskurs abzuweichen.

Erratum: Am 24. März schrieb ich auf Twitter, dass es mein letzter Tag mit FALTER-Abo sei. Leider falsch erinnert. Mein 2-Jahres-Abo schloss ich erst im Juni ab, entsprechend erhalte ich noch bis Anfang Juni die wöchentliche Ausgabe. An meiner Kündigung ändert das allerdings nichts.

Schwedischer Weg im FALTER

Als am 1. Februar 2021 in der Pressekonferenz die Lockerungen verkündet wurden und der Handel und die Schulen ab 8. Februar erneut aufgesperrt werden sollten, reagierte die FALTER-Journalistin und Historikerin Barbara Tóth begeistert:

Willkommen in der Eigenverantwortung! Appelle, im privaten leben endlich aufzupassen, dafür sinnvolle Lockerungen für Schulen, Handel und Dienstleistungen. #schwedischerweg #gutertagfürschulen

(Tweet vom 01. Februar 2021, 18.32)

Am 16. Februar 2021 schrieb sie im FALTER-Newsletter „(falter.morgen“):

„Im zwölften Monat der Pandemie sollten wir damit aufhören, das Virus als Schicksal und Schande zu sehen – und stattdessen es als bewältigbares Risiko zu begreifen, mit dem wir zu leben lernen.“

Tóth argumentiert so nicht erst seit Februar, bereits am 12. Mai 2020 drückte sie in einer FALTER-Reportage über die Beraterprotokolle der Regierung ihre Sympathie für den „Schwedischen Weg“ aus.

„Vulnerable gehören geschützt, Allerberger hält Schließung von Schulen/Kindergärten für problematisch, Ivo Steinmetz: „wichtig Kinder von Großeltern fernhalten“, Schutz älterer Personen wichtiger als Absage von Veranstaltungen mit jungen Menschen. Benka: Telearbeit, Onlinekurse, normale Hygienemaßnahmen. Toth: „Sie alle argumentieren mehr oder weniger für das, was später als schwedischer Weg bekannt wird. Kein radikaler Lockdown, sondern kluges Risiko- und Ressourcenmanagement.“

Im Mai 2020 lag bezeichnenderweise eine Beilage vom Addendum-Magazin im FALTER, mit Beiträgen von Fleischhacker, der bei Servus-TV seit einem Jahr Coronaleugnern eine Bühne bietet, und Public-Health-Mann Sprenger, der ebenfalls mit dem schwedischen Weg sympathisiert.

PLURV im FALTER – Desinformation

In der FALTER-Sonderausgabe Nr. 40a/20, Corona und wir, wurde Sönnichsen vom „Netzwerk für evidenzbasierter Medizin“ zitiert, der dort unkritisch PLURV verbreiten konnte. FALTER-Journalist Kurt Langbein (Wissenschaftsjournalist) outete sich ebenfalls als Anhänger von Verschwörungsmythen, hier etwa zu dem von Covidleugnern häufig gebrachten Mythos, PCR-Tests wären zu ungenau und würden viele falschpositive Ergebnisse bringen (Faktencheck).

„Die breiten Tests ohne konkrete Verdachtsmomente dagegen werden von Epidemiologen heftig kritisiert. Wenn ohne Anfangsverdacht getestet wird, führen selbst relativ genaue PCR-Tests zu etwa einem Prozent falsch positive Befunde. Derzeit werden in Österreich pro Tag etwa 10000 Tests durchgeführt, demnach sind täglich 100 falsch positive Befunde zu erwarten. Statt mehr Sicherheit führten solche Teststrategien zu Ängsten und Unsicherheiten. Dass die Zahl der Covid-19-Patienten im Krankenhaus auch bei leicht steigenden positiven Testergebnissen stabil niedrig bleibt, stützt seine These.“

In einem Leserbrief an den FALTER beklagte ich, dass Aerosole als wichtige Übertragungsroute negiert wurden. Mein Leserbrief wurde leider nicht – auch nicht gekürzt – veröffentlicht, und obwohl ich zahlreiche Quellen anführte, argumentierte der Redakteur in seiner E-Mail-Antwort damit, dass man u.a. „angesehenen Experten auf ihrem Gebiet“, wie Streeck und Allerberger befragt hätte, und es daher keinen Grund gegeben hätte, an ihren Aussagen zu zweifeln.

Der traurige Höhepunkt der Desinformation war am 16. Februar 2021 – das Interview von Barbara Tóth mit der Chef-Epidemiologin der AGES und Sprecherin der Coronakommission, Daniela Schmid, die behauptete, dass Volksschulen nie geschlossen hätten werden müssen. (Faktencheck) Tóth, die auf Twitter mehrmals durchklingen ließ, dass sie Exklusivdaten von der AGES erhielt und aus ihrer Favorisierung des Schwedischen Wegs keinen Hehl macht, unterliegt hier einem klaren INTERESSENSKONFLIKT. Erschwerend kommt hinzu, dass Schmid bereits am 20. Jänner 2021 als Co-Autorin bei einem Policy-Brief der AGES genannt wird, wo sehr wohl zugegeben wird, dass Infektionsgeschehen in den Volksschulen stattfindet. War dieser Policy-Brief der FALTER-Journalistin nicht bekannt, bevor sie die Interview-Fragen aufsetzte?

NoCovid „totalitäres Denken“?

Chefredakteur Florian Klenk in zwei Tweets am 21. April 2021:

„Ein „Lockdown“ dient dazu, die Kapazitäten in den Spitälern nicht zu sprengen. Aber er dient natürlich nicht dazu, die Ansteckungen komplett zu verhindern. Das wäre komplett totalitäres Denken. Es gibt schon auch noch andere
Interessen in einer Gesellschaft .“


„Aber in vorarlberg liegen derzeit 14 personen auf der intensivstation. Da muss man keine panik verbreiten.“

Was soll man dazu noch sagen? In vielen Ländern, nicht nur in Diktaturen, konnte man eine NoCovid-Strategie erfolgreich fahren, mit einem kurzen harten Lockdown, mit klarer Kommunikation, wissenschaftsbasiert, transparent, empathisch, solidarisch und mit kluger finanzieller Unterstützung. Auswege aus dem Dauerhalblockdown hab ich am Tag 372 beschrieben. Aber darauf muss man sich eben auch einlassen wollen, seine Vorurteile mal kurz vergessen und sich wirklich EINLESEN, was man so alles hätte machen können, was dann auch Hand und Fuß hat.

Der Benefit einer Strategie, die darauf abziehlt, möglichst wenig Infektionen zuzulassen, ist gesamtgesellschaftlich gesehen, einschließlich der „anderen Interessen in einer Gesellschaft“:

In einer Umgebung mit wenig Infektionen und entsprechend geringem Ansteckungsrisiko kann man …

  • Schulen mit Sicherheitsmaßnahmen, aber gutem Gewissen öffnen
  • Handel und Dienstleistungen erlauben, Kunden werden nicht abgeschreckt, sich zu infizieren
  • Freizeit und Kultur, und einfach alles läuft relativ „normal“ weiter.
  • Spitäler werden nicht überlastet, damit können auch Regelpatienten normal und bestmöglich behandelt werden, dadurch keine Kollateralschäden durch verzögerte Behandlung oder gar Triage
  • weniger LongCOVID-Fälle, die im Laufe ihrer chronischen Erkrankung ärztliche Behandlungen in und außerhalb des Spitals brauchen
  • weniger Reha-Fälle nach schwerem Verlauf, wodurch auch Regelpatienten längere Wartezeiten für Rehamaßnahmen haben
  • keine Reisewarnungen, Tourismus zumindest im Inland möglich

Ist das komplett totalitäres Denken, wenn man so etwas möchte?

Den Lockdown erst einzusetzen, wenn die Spitäler und vor allem das Personal darin überlastet wird, wie es jetzt seit dem Herbst wiederholt geschieht, führt dazu, dass …

  • maximaler wirtschaftlicher Schaden durch lange Schließungsphasen und ohne langfristige Perspektive
  • Kollateralschäden für Regelpatienten
  • hohe Zahl an LongCOVID-Betroffenen (geschätzte hohe fünfstellige Zahl)
  • hohe Zahl an PostCovid-Fällen (schwerere Verlauf), die gezeichnet sind fürs Leben
  • hohe Zahl an psychischen Erkrankungen in der Gesamtbevölkerung, für Kinder schwerer verkraftbar, weil sie noch keine Resilienz entwickeln konnten wie Erwachsene
  • Störung der Entwicklung und Sozialkontakte bei allen, v.a. auch bei Kindern
  • abgeschreckte (ungeimpfte) Kundschaft im Handel und in der Gastronomie
  • mittelfristig kündigt 1/3 des Gesundheits/Pflegepersonals, das ausgebrannt wird und nicht mehr kann und will
  • Reisewarnungen, erschwerte Ein- und Durchreise

Ist das demokratisch, wenn man so etwas (weiterhin) möchte? Niemand.will.Lockdowns! Lockdowns sind das letzte Mittel, wenn man die Infektionszahlen offenbar nicht mehr kontrollieren kann. Für Kontrolle braucht es Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung und Maßnahmen dort, wo Aufklärung nicht ausreicht. Dann braucht man auch keine oder höchstens kurze, verkraftbare Lockdowns mit dauerhafter Perspektive.

Wenn man das nicht einmal versucht und mit anderen Interessen argumentiert, dann hat man leider nicht verstanden, wie gefährlich Covid19 wirklich ist. Im Gegensatz zur Influenzagrippe besitzt die Bevölkerung keine Grundimmunität. Das Virus verschont auch Kinder und Jugendliche nicht. Sie scheinen von LongCOVID stärker betroffen als Erwachsene. Ebenso sind Frauen stärker betroffen als Männer, während Männer eher an COVID19 sterben. Aber was heißt das später? Die Toten werden betrauert, aber die Überlebenden sind chronisch kranke Frauen und Mütter, die ohnehin schon wegen dem Gendergap im Lohn benachteiligt werden, aber vielfach als Systemerhalter arbeiten, in prekären Jobs, die außer Balkongeklatsche keine Anerkennung erfahren haben. #LongCovid führt zur Invalidität, zumindest aber zu mehr Teilzeit. Die Masse an infizierten Kindern leidet ebenfalls unter Langzeitfolgen, chronischen Symptomen, reduzierte Leistungsfähigkeit. Sind Kinder nicht unsere Zukunft? In Summe kommen da schwerwiegende gesellschaftliche Verwerfungen auf uns zu.

Ich habe bis heute im FALTER noch keinen Artikel über Long COVID gelesen, keine Recherche zu erfolgreichen Ländern, keine Zusammenstellung wie auf meinem Blog zu realistischen Maßnahmen, die auch bei uns umgesetzt hätten werden können, und die – wenn nicht NoCovid – zumindest zu einer konsequenteren und dauerhaften Reduktion der Fallzahlen geführt hätten. Ebenso habe ich kein kritisches Wort über die AGES vernommen, über deren verbreitete Desinformation (Faktencheck) oder über Allerberger himself mit haarsträubenden Falschaussagen (großer Faktencheck). Gerade ein ehemals linksliberales Blatt wie der FALTER hätte sich auch der Frage annehmen können, ob die AGES-Kommunikation von den beiden rechtsextremen Burschenschaftlern im Aufsichtsratvorsitz und in der Geschäftsführung der AGES beeinflusst wird, und viele andere dubiose Einflussnahmen und Interessenskonflikte, die ich im Laufe der letzten Monate selbständig, in meiner Freizeit, unbezahlt und ohne Nähe zu einer politischen Organisation recherchiert habe.

Generelle Krise

Meinem Unmut über den Zustand des Journalismus habe ich schon mehrfach Luft gemacht, zuletzt am Tag 345 und an Tag 403. Das betrifft selbstverständlich nicht nur den FALTER, sondern auch andere Medien. Ich denke da an zahlreiche Interviews im „Studio 2“ des ORF, der wiederholt den Veterinärvirologen Norbert Nowotny einläd, obwohl er mit haarsträubenden Aussagen kein gutes Bild abliefert. Aber auch Armin Wolf insinuierte wiederholt in Interviewfragen, dass das Virus für die jüngere Bevölkerung eh harmlos wäre, so z.B. im zib2-Interview mit Infektiologe Kollaritsch am 15. Dezember 2020:

„Wenn sich jetzt ein gesunder 30jähriger denkt, sollte ich Corona bekommen, dann überstehe ich
das wahrscheinlich als gesunder, junger Mensch relativ problemlos. Bei der Impfung kriege ich jetzt mit 90%iger Wahrscheinlichkeit, sagen Sie, eine unangenehme Reaktion. Was würden Sie dem raten?

Dabei sind es gerade die unter 30jährigen gesunden Leistungssportler, bei denen sich Long COVID besonders schwerwiegend bemerkbar macht, mit einem deutlichen Leistungsabfall und verringerter Lebensqualität für Monate.

Beim Interview mit Landeshauptmann Wallner (ÖVP Vorarlberg) hätte Wolf sofort nachhaken müssen, als Wallner sagte:

„Der starre Blick auf die Inzidenz ist aus meiner Sicht eigentlich zu wenig, das ist mittlerweile Stand der Wissenschaft“

Kein seriöser Wissenschaftler tritt dafür ein, nur auf die Intensivbetten zu schauen, weil man damit erst regiert, wenn die Infektionszahlen so hoch sind, dass die Intensivbettenbelegungen noch wochenlang steigen werden. Das ist seit letztem Herbst bekannt – streng genommen bereits aus der ersten Welle, wo der Lockdown rechtzeitig erfolgt ist.

Auseinandergelebt

Der FALTER hielt sich zu lange an Scheinexperten wie Streeck oder Allerberger – der eine HIV-Experte, aber kein Corona-Experte, der andere Experte für Durchfallbakterien, aber nicht für Corona – wie er selbst am 12. Februar 2020 in einem Vortrag auf der Uni Salzburg zugab. Sie haben bis zuletzt Long COVID nur als Einzelfälle gesehen, obwohl es in schwer betroffenen Ländern der ersten Welle zahlreiche Studien und Medienberichte mit großen Zahlen an Betroffenen gegeben hat. Jeder Laie mit Twitter-Account oder Medienaffinität wusste besser Bescheid.

Die Rolle der Kinder wurde selbst dann noch verharmlost – Mitte Februar! – als die Virusvarianten längst da waren und die Zahlen bei den Kindern und Jugendlichen explodiert sind, zuerst in den Ländern mit schnellwachsendem B.1.1.7-Anteil (UK, Irland, Portugal, Israel). Es wurde zwar mehrfach über die seelischen Folgen für Kinder und ihre Eltern berichtet, nicht aber über Kinder und Eltern mit erhöhtem Erkrankungsrisiko. Kinder, die innerlich zerrissen sind, einerseits Freude über Schulalltag (seriously? Österreich EU-weit Spitzenreiter bei Schulmobbing – so heil ist die Schulwelt auch wieder nicht), andererseits Angst, sich zu infizieren oder ihre Eltern. Tóth hat die Schuld ausschließlich bei den Pädagogen gesucht, die das Virus in die Schule tragen würden. Dass auch PädagogInnen sich in der Schule infizierten und schwer erkranken, dass schwangere Lehrerinnen ihr Kind verloren, wurde ausgeblendet.

Auch dem Falter gelang es nicht, den Widerspruch der AGES Statistiken und Analysen mit zahlreichen Studien und Beobachtungen im (teilweise nahen) Ausland aufzulösen. Es fehlt ihnen wie vielen Zeitungen hierzulande die wissenschaftsjournalistische Kompetenz und Distanz.

Wenig verwunderlich daher die unkritische Haltung gegenüber Institutionen wie der AGES oder auch das Gesundheitsministerium. Gegen Grüne darf man nicht zu kritisch sein, weil sie ja der Gegenpol in der türkisgrünen Regierung sind – nach Meinung mancher FALTER-Journalisten. Kritik darf aber keine Tabus kennen, vor allem nicht nach 10000 Toten und als EU-Schlusslicht beim Wirtschaftseinbruch. Expertenaussagen wurden zu wenig hinterfragt – bis heute. Öfter Mai Thi Ngyuen-Kim schauen hätte geholfen. Oder auch Florian Aigner oder Martin Moder. Ein paar Wissenschaftsjournalisten haben wir ja auch noch mit Bodenhaftung.

Zuletzt gab es endlich einen Artikel über das erhöhte Infektionsrisiko bei Migranten. Das wurde vor allem auf die Verschwörungsmythen in den Herkunftsländern zurückgeführt. Nur: Die AGES unterscheidet keinen Migrationshintergrund, sondern nur mit oder ohne österreichische Staatsbürgerschaft. Tatsächlich sind die Hospitalisierten mehrheitlich Österreicher und nur zu einem geringeren Teil Ausländer. Wenn man sich anschaut, was die AGES, allen voran Allerberger, über das Virus schreibt (bzw. nicht schreibt), dann unterscheidet sich die Verharmlosung in Österreich nur wenig von der in den genannten Herkunftsländern, etwa Afghanistan oder auch Polen. Es ist scheinheilig, das Problem auf das mangelnde wissenschaftliche Verständnis in den Herkunftsländern abzuwälzen, während es bei uns in Österreich dank AGES selbst ein großes Problem ist – was der FALTER mangels Recherche aber bisher nicht so gesehen hat. Beengte Wohnverhältnisse, prekäre Jobs, Probleme, wenn man in Quarantäne geht, Arztbesuche vermeiden, bis es zu spät ist, das betrifft nun mal eher jene mit Migrationshintergrund, die Systemerhalter (was im Artikel auch erwähnt wurde).

Gut war auch der Artikel von Nina Horaczek zu fehlenden Maßnahmen in Schulen am 24. März, auch am 31. März zu den anonymen Berichten aus den Wiener Spitälern, wo man gesundheitliches Personal zu Wort kommen ließ.

Pandemie als Politikum

Der FALTER hat aus der Pandemie ein Politikum gemacht – das ist zugleich auch ein Kernproblem der Linken. Feindbild Regierung heißt Feindbild (Lockdown-) Maßnahmen und nicht das Virus als gemeiner Feind. Dabei hätte das doch genug Stoff für Klassenkampf gegeben. Die reichen Skiurlauber und Globetrotter haben das Virus damals eingeschleppt – ausbaden dürfen es jetzt die Armen und Systemerhalter, die sich schlechter schützen können.

Wir – das sind aufgeklärte und engagierte Aktivisten und Wissenschaftler – sind mit den Maßnahmen unzufrieden, weil sie nicht weit genug gehen, doch für ein Teil der Linken gehen sie bereits viel zu weit – und sie begeben sich damit ins Fahrwasser der Leerdenker und Covidioten. Einschränkung der Grundrechte – wofür? Damit wir eine langfristige Perspektive und einen möglichst langen Zeitraum mit wenigen Einschränkungen haben.

Als der FALTER im ersten Lockdown die harten Strafen für Vergehen im Freien anprangerte, fand ich den FALTER noch gut. Doch sie haben nicht verstanden, worum es virologisch eigentlich ging: Kontakte vermeiden, Infektionen vermeiden. Sie haben nicht begriffen, dass der frühe Lockdown im März defakto zu ZERO COVID in Österreich geführt hat – ebenso in anderen europäischen Ländern. Dadurch haben wir einen ruhigen Sommer gehabt, aber auch das niedrige exponentielle Wachstum ab Mitte Juni verschlafen, bis die Zahlen im Herbst nach den Schulöffnungen ohne Begleitmaßnahmen explodiert sind.

Die Infektionsverteiler sind Orte, wo viele Haushalte zusammenkommen, also vor allem Kindergarten, Schule und Arbeitsplatz. Je nach Lockerungen auch Kirche und Gastronomie. Man hätte sich für mehr Schutzmaßnahmen wie Testpflicht, CO2-Monitore und verpflichtende FFP2-Masken, die vom Arbeitgeber bereitgestellt werden, einsetzen können, um mit Wertschätzung zu zeigen, dass einem die Gesundheit der Mitarbeiter und der Kinder am Herzen liegt. Das hätte auch die Bereitschaft erhöht, unpopuläre Maßnahmen mitzutragen – aus Solidarität mit allen, die sich nicht gut schützen können – unabhängig davon, ob man Vorerkrankungen hat oder nicht.

Auch dem FALTER sollte auffallen, dass privaten Bereich maximal einschränken, Outdoor-Treffen kriminalisieren und gleichzeitig hohe Infektionszahlen am Arbeitsplatz und bei Kindern tolerieren zur Pandemüdigkeit beiträgt. Die ÖVP trampelt seit Beginn der Pandemie auf der Bevölkerung herum, einerseits durch ihre durchgesetzten Wirtschaftsinteressen, andererseits durch die Korruptionskandale. Doch auch die Grünen sind nicht unschuldig. Anschober hat sich haarsträubende Fehler geleistet und hat die Wissenschaftsleugnung durch die AGES nicht korrigiert. Die AGES arbeitet in allen Aspekten gegen das Gesundheitsministerium. Mückstein scheint den Weg von Anschober fortzusetzen und den Kurs von Kurz mitzutragen. Die Verbindung zwischen Esoterik und Rechts haben andere Journalisten schon aufgezeigt. Es ist kein Zufall, weshalb ausgerechnet die Grünen anfällig für PLURV sind.

Warum lese ich in einem Drosten-Podcast mehr kluge Kritik an den politischen Vorgängen als im FALTER?

…mein Wunsch ….

Es ist wohl in einem Land, das keine Fehlerkultur hat, zu viel verlangt, dass der FALTER eines Tages ein persönliches ERRATUM abdruckt und eingesteht, sich geirrt zu haben, indem sie sich auf den schwedischen Weg begaben und zu Great-Barrington-Befürwortern wurden. Dieselbe Ideologie, die apolalyptische Zustände in Brasilien und Indien zumindest mitverursacht hat, weil zum falschen Zeitpunkt auf große Lockerungen gesetzt wurde – indem man behauptet hatte, es wäre schon Herdenimmunität erreicht worden.

Vielleicht entschuldigen sie sich auch eines Tages wenigstens im Stillen bei den Angehörigen der Toten und den LongCOVID-Betroffenen, die sich dank der Schulöffnungen mit mangelnden Schutzmaßnahmen angesteckt haben, obwohl sie immer vorsichtig waren, die sich kurz vor der Impfung angesteckt haben.

Das betrifft nicht nur FALTER-Journalisten, sondern eine große Zahl an Journalisten, Ärzten, Wissenschaftlern, Politiker, aber auch quer durch die breite Bevölkerung, die plötzlich Fragen aufwirft, warum man 80+ noch impfen soll, wenn sie sowieso bald sterben würden. Warum die Jungen so ein großes Opfer für Alten bringen sollen und dabei negieren, dass auch viele junge, vorher gesunde Menschen auf der Intensivstation landen und lange brauchen, wieder gesund zu werden.

Schwere Schuld. Es wird lange dauern, anderen mit diesem Gedankengut zu verzeihen.

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