Tag 770: Die vergessenen Toten

Am 20. April 2022 nachgemeldete Todesfälle aus den Pandemiejahren 2020 und 2021, Grafikquelle: @zeitferne (Twitter)

Ich schreibe hier oft über die Lebenden und Überlebenden, aber selten über die Toten. Colette M. Schmidt hat kürzlich erneut die vulnerablen Menschen in Österreich thematisiert, die von der aktuellen Pandemiepolitik ausgegrenzt werden. LongCOVID wird nach weltweit übereinstimmenden Erkenntnissen die neue Volkskrankheit, als Berufskrankheit gleichermaßen für Erwachsene und Schüler, aber auch für die Kleinsten, die sich mangels Schutzmaßnahmen im Kindergarten infizieren. Leider sind unter LongCOVID-Betroffene auch Geimpfte. Die weltweit, bis auf wenige Ausnahmen, zugelassenen hohen Fallzahlen sorgen für die Entwicklung weiterer Fluchtvarianten, aktuell BA.4/BA.5 in Südafrika, die Zukunft ist ungewiss, die Schwere künftiger Varianten bleibt unberechenbar. Covid19-Infektionen bei Kindern können Folgeuntersuchungen beim Kardiologen nach sich ziehen, etwas, das nach regelmäßigen Erkältungen normal nicht der Fall ist. Veränderte QT-Intervalle kennt man sonst vor allem nach der Einnahme von Psychopharmaka, sie können gefährliche Herzrhythmusstörungen und plötzliches Herzversagen verursachen. Eine andere Folgeerscheinung, bei der ein Zusammenhang mit Covid19 naheliegend ist, ist die aktuelle Häufung von Hepatitisfällen bei Kindern. Und so weiter und so fort. Die Liste der möglichen Spätfolgen bei den Covid19-Überlebenden ist lang und schauderhaft. Doch was ist mit den Toten? Und wie vertrauenswürdig ist eigentlich die Statistik in Österreich?

Der schwedische Weg

In der Vergangenheit habe ich wiederholt die Pandemiepolitik in Österreich mit Schweden verglichen, man kann in vielen Bereichen sogar gleichsetzen sagen, denn die Ähnlichkeiten sind frappierend. Meine Recherche zusammengetragen hab ich in diesem Kapitel, nur ausformulieren müsste ich es einmal. Im sehr wichtigen Aufarbeitungspaper von Brusselaers et al. (2022) wird auch die Verschleierung der wahren Anzahl an Todesfällen genannt:

„Some municipalities refused to declare the number of deaths in the care homes and there was an attempt to keep the death rates “covered up” at a regional level (Sörensen, 2020). Even an outbreak of COVID-19 on a maternity ward in the Uppsala University hospital was initially kept secret (Sörensen, 2020).“

Wiederholt von Experten beklagt wurden die stark zeitverzögert stattfindenden Nachmeldungen in Schweden, was immer wieder zu einem flacheren Anstieg bei den Todeszahlen führte. Einzelne JournalistInnen und PolitikerInnen, aber auch verantwortliche Wissenschaftler verwiesen immer wieder auf Schweden als Vorbild, das mit weniger Maßnahmen und mehr Eigenverantwortung „gut durch die Pandemie gekommen“ sei.

Ein Covid19-Todesfall wird von der ECDC so definiert:

Wenn man innerhalb von vier Wochen nach dem positiven Testergebnis verstirbt, ohne dass man vorher als genesen erklärt wird, gilt man als Covid19-Toter.

Klingt in der Theorie eindeutig – man erkrankt, und bleibt positiv bis zum Tod.

Tatsächlich treten bestimmte Automatismen in Kraft, die den Zusammenhang zwischen Erkrankung und Tod verschleiern können:

  • Laut AGES-Dashboard gilt man bei Heimpflege automatisch 10 Tage nach der Labordiagnose oder Symptombeginn als genesen.
  • Bei schwerem Verlauf frühestens 10 Tage nach Symptombeginn, mindestens 2 Tage symptomfrei und ein negativer Test oder ein Ct-Wert über 30.
  • Stand März 2021 war es noch so, dass Covid-Intensivpatienten nur dann als solche aufscheinen, wenn sie positiv getestet werden. Viele, die wegen Corona wochen- oder monatelang im Spital liegen, sind längst negativ und werden nicht mehr als Covid-Patienten gezählt. Der Todesfall scheint dann bei der Statistik Austria auf, nicht aber im Epidemiologischen Meldesystem EMS.
  • Dazu kommen etliche unbekannte Todesfälle als Sekundärfolge einer Covid19-Erkrankung, etwa durch LongCOVID oder allgemein durch Organ-, Gefäß- und Nervensystemschäden, etwa Herzversagen, Schlaganfälle, Thrombosen oder oben genannte Hepatitis.

Nun wurden also auf einen Schlag 3412 Todesfälle aus den Jahren 2020 und 2021 nachgemeldet. In allen Bundesländern erhöhen sich vor allem die Todeszahlen in der zweiten Welle (Herbst 2020) deutlich, auch in der Zeit um und nach Weihnachten sowie in der DELTA-Welle im Herbst 2021.

Blindflug Sommer 2020

Noch dramatischer wird es aber, wenn man sich die Todeszahlen im ersten Pandemiejahr anschaut, und zwar in der Zeit nach dem ersten Lockdown bis zur zweiten Welle.

„Wir haben keine zweite Welle, wir haben einen LaborTsunami“ – tönte die Ärztekammer Oberösterreich am 18. September 2020 samt den bekannten Great-Barrington-Vertretern Infektiologin Apfalter, Public-Health-Vertreter Sprenger, Infektiologe Weiss und Infektiologe Allerberger. Die Zahlen haben zuvor schon gezeigt und der Zuwachs von 20% mehr Todesfällen unterstreicht es: Die Welle war echt!

Nachgemeldete Todeszahlen in den einzelnen Bundesländern im Frühling und Sommer 2020

Besonders auffällig sind die Abweichungen in Tirol, Salzburg, Vorarlberg sowie Burgenland und Kärnten, wo nach dem ersten Lockdown lange Zeit gar keine neuen Todesfälle verzeichnet wurden. Am stärksten sind die Abweichungen in Tirol und in der Steiermark, hier gab es im Hochsommer deutlich mehr Todesfälle als bisher berichtet. Nachdem in den AGES-Daten nur (zu Lebzeiten erfasste) Coronafälle mit Tod als Ausgang erfasst werden und keine Toten, denen kein Fall zugeordnet werden konnte, war die Infektionssterblichkeit offenbar höher als angenommen – außer sie ist im Sommer plötzlich sprunghaft gestiegen, dann wäre es ein Hinweis auf eine höhere Dunkelziffer.

Mit logarithmischer Achse sieht man für Gesamtösterreich, in welchem Zeitraum die meisten Nachmeldungen (blau) stattfanden. So scheinen bestimmte Minima vorher (grau) deutlich geglättet auf, etwa im Juli und August 2020 oder Anfang August 2021. Beide Zeiträume fallen mit der maximalen Aufhebung von Schutzmaßnahmen zusammen (weitgehende Aufhebung der Maskenpflicht, Zulassung von Großveranstaltungen, offene Gastronomie, etc.), Grafikquelle: @statymath (Twitter)

Insbesondere 2020 wurde auch noch deutlich weniger getestet, meist nur im Anlassfall mit Symptomen, wodurch mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer größeren Dunkelziffer auszugehen ist.

Update 24.04.22, Altersverteilung bei den Nachmeldungen:

Nachmeldungen zwischen April 2020 und April 2022, vor allem bei der zweiten und vierten Welle sind deutlich mehr ältere Personen gestorben, aber auch im „Eltern-Alter“ (45+).
In Summe dominieren klar die höheren Altersgruppen in allen Wellen, wobei in der zweiten Welle und in der vierten Welle auch jüngere Patienten aus der Elterngeneration (55-64) gehäuft verstorben sind. [Kinder wurden zu Waisenkindern].

Vermutet wird, dass der Großteil der Nachmeldungen aus Alten- und Pflegeheimen stammt sowie von Personen, die zuhause gestorben sind, bevor sie ins Spital gebracht wurden.

„An“ oder „mit“ Covid verstorben – wie will man das auseinanderhalten?

Der zufällig positiv getestete Motorradfahrer, der tödlich verunfallt ist, bildet eher die Ausnahme. Grundsätzlich kommen kranke Menschen ins Spital, um gesund zu werden. Sei es ein Unfall, eine Grunderkrankung oder eine erworbene Erkrankung. Wenn kranke Menschen, die ohnehin aufgrund ihrer Grunderkrankung ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben, nun im Spital positiv getestet werden, was passiert dann? Eine Patientin, der wegen schwerer Durchblutungsstörungen, etwa unbehandeltes Diabetes, ein Bein abgenommen werden muss, steckt sich im Spital an oder kurz vor der Stationsaufnahme an. Wird die Infektion die Grunderkrankung beeinflussen? Von dem, was über SARS-CoV2 bekannt ist, nämlich Gefäße im ganzen Körper schädigend, erhöhtes Thromboserisiko, besteht diese Gefahr definitiv, selbst wenn sie kurz nach der Labordiagnose noch symptomfrei war. Zudem sollte man einer Infektion mindestens zwei Monate mit Operationen warten, sonst besteht ein erhöhtes Risiko für Lungenentzündungen, also ist so eine akute Infektion wahrscheinlich eher schlecht, wenn man wegen etwas anderem operiert werden sollte. Ob vorher oder erst im Spital infiziert, diese Patienten müssen isoliert werden, denn sie können andere anstecken. Das bedeutet wieder extra Aufwand und nimmt Personal weg für Nichtcovid-Patienten. Und was passiert nach dem Spitalsaufenthalt? Ob „wegen“ oder „mit“ Covid eingeliefert – die infizierten Personen haben das gleiche Risiko für LongCOVID und Spätfolgen induziertes Todesrisiko wie außerhalb des Spitals auch.

Stillfried et al., (17.02.22) stellen im ersten Bericht des deutschen Autopsieregisters fest, dass 86% aller Todesfälle direkt auf COVID-19 zurückzuführen sind und nur 14% auf COVID-19 als Begleiterkrankung.. Die häufigste Ursache war eine Schädigung der Lungenbläschen, gefolgt von Multiorganversagen.

Wie steht Österreich jetzt im europäischen Vergleich da?

Quelle: Our World in Data, 20. April 2022, noch ohne Aktualisierung (siehe grüner Stern)

Die kumulierten Todeszahlen zeigen, dass Österreich mit den Nachmeldungen auch an Vorbild Schweden vorbeigezogen ist und nun annähernd gleichauf mit Portugal liegt, die eine katastrophale zweite Welle hatten. Mit der Aktualisierung werden sich die Kurven in der zweiten Welle deutlich angleichen.

Allgemein erschreckend ist, wie gleichgültig das die Bevölkerung zur Kenntnis nimmt. Außerhalb von Twitter scheint es niemand zu registrieren, oder es ist ihnen egal, oder sie glauben es nicht und klammern sich krampfhaft an das „mit COVID“ verstorben statt „wegen Covid“ verstorben. Überhaupt klammern sich viele an die Vorerkrankungen, obwohl diese Denkweise sozialdarwinistisch ist und ins letzte Jahrhundert verbannt gehört. Jahrzehntelanger medizinischer Fortschritt hat bis vor der Pandemie zu einer generell steigenden Lebenserwartung geführt, denn je älter man wird, desto mehr „erworbene“ Grunderkrankungen kommen hinzu, aber auch jüngere mit schweren erblich bedingten Grunderkrankungen haben eine deutlich höhere Lebenserwartung. Weil man aber die neue Realität in der Pandemie nicht anerkennen will und lieber so leben möchte wie 2019, müssen andere „vulnerable“ Gruppen dafür zurückstecken, sollen meinetwegen an Covid19 sterben, aber mich als gesunden Menschen interessiert das alles nicht. Ich will mein Leben in Freiheit genießen wie vor der Pandemie. Dabei geht es so schnell, dass man wegen eines Unfalls oder einer schweren Erkrankung plötzlich selbst zu diesen vulnerablen Personengruppen zählt, die nicht nur auf Hilfe oder Pflege angewiesen sind, sondern auch auf die Solidarität der Mehrheitsgesellschaft, nämlich sich nicht anzustecken und das Virus achtlos (ohne Symptome) oder fahrlässig (mit Symptomen) an jene weiterzugeben, die auch mit der Impfung noch schwer erkranken können.

Auch LongCOVID kann tödlich enden

LongCOVID hab ich hier nicht eingerechnet in die Gleichung – die eben „mich als gesunden Menschen“ genauso betreffen kann.

Kumulierte positive Testergebnisse relativ zur Bevölkerung, wegen Wegfall der Testpflicht und Kontaktpersonenregelungen herrscht in allen Ländern eine hohe Dunkelziffer, augenscheinlich in Schweden, aber auch aus UK und Deutschland bekannt.

Für LongCOVID (Postcovid) gibt es nach heutigem Erkenntnisstand einen ICD-10-Code (U09.9; wenn bei einer anderorts klassifizierten Störung angegen werden soll, dass sie in Zusammenhang mit einer vorausgegangenen Coronavirus-Krankheit steht), allerdings gibt es in Österreich keine ambulante Diagnosedokumentation, d.h. niedergelassene FachärztInnen kodieren nicht und bei Hausärztinnen nur die neuen Primärversorgungseinrichtungen, aber mit anderem Kodierungssystem ICPC2. In diesem gibt es keinen Code für Long/PostCOVID und auch keinen für ME/CFS, sprich im ambulanten Bereich wird nichts erfasst.

Die globale Prävalenz von LongCOVID schwankt stark je nach Definition. In einer Meta-Analyse von Chen et al. (16.04.22) von 50 Studien und 41 meta-analysierten lag die Prävalenz 28 Tage nach der Infektion bei 43%. Sie sinkt vom 30. bis zum 60. Tag von 37 auf 25%, steigt aber nach 90 Tagen wieder an von 32% auf 49% nach 120 Tagen. Das wird damit erklärt, dass Symptome anfangs abnehmen, später aber wieder zunehmen. Nach Xiang et al. (2022) ist die Gesamtsterblichkeit nach einem milden Verlauf um 24% höher, bei Geimpften gegenüber Ungeimpften aber etwas verringert. Dies galt vor OMICRON.

Derzeit rechnet man eher konservativ mit 10% LongCOVID-Betroffenen, bei Geimpften etwas weniger. Unklar ist weiterhin, wie lange LongCOVID-Symptome bei Geimpften anhalten, und ob sich an der Symptomschwere auch etwas ändert, insbesondere jetzt mit OMICRON. Geforscht wird dazu jede Menge.

Wenn man jetzt die positiven Tests heranzieht, ist Österreich in der Vergleichsgruppe der Todeszahlen Spitzenreiter bei den Infektionszahlen, wenngleich man wie angesprochen von einer hohen Dunkelziffer ausgehen muss. Bei ORF.at sind derzeit 4,4 Millionen positive Tests vermerkt, wobei hier Reinfektionen dabei sein können. Abzüglich der Todesfälle bleiben rund eine halbe Million LongCOVID-Fälle übrig, die ein erhöhtes Sterberisiko durch die Spätfolgen aufweisen, je nach Vorgeschichte sogar deutlich höher, wenn sie zuvor im Spital lagen.

In der offiziellen Statistik sind bisher nur die rund 20 000 Langzeitkrankenstände der ÖGK-Versicherten aufgeschlagen. Es fehlen Kinder, noch dazu oft ungetestet, PensionistInnen, Selbstständige, Personen in Karenz oder arbeitssuchend, die sich nicht immer sofort krankmelden. Genauso wie Menschen, die es trotz chronischer Beschwerden schaffen, dank Homeoffice oder Teilzeit zu arbeiten, oder ihre Beschwerden lange überspielen, etwa als Arzt oder Pfleger, weil sie glauben, dass ihr Team es ohne sie sonst nicht schaffen würde. Letzendlich werden dann nur die gezählt, bei denen auf der ÖGK-Krankmeldung tatsächlich LongCOVID steht. Viele Ärzte werden stattdessen schreiben „prolongierte Bronchitis mit Dyspnoe“, „Burnout“, „chronische Nerven- und Muskelschmerzen“ – die werden alle nicht gezählt.

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