Tag 767: Neue Varianten und weshalb ZeroCOVID nicht gescheitert ist

„I do not comply!“

Es fällt mir schwer, mit der aktuellen Infektionslage so zu leben wie mit der Grippe. Die Grippe ist weit weniger ansteckend und verursacht weniger Langzeitfolgen als SARS-CoV2, zudem ist die Inkubationszeit deutlich kürzer – es fällt leichter, sich von infizierten Personen mit Symptomen fernzuhalten. Jemand mit hohem Fieber und Halsweh würde wahrscheinlich auch eher zuhause bleiben statt eine Feier zu besuchen. Bei SARS-CoV2 beträgt die Inkubationszeit aber weiterhin drei bis vier Tage und vor allem Ungeimpfte, das sind über ein Viertel der Gesamtbevölkerung und mehr Dreiviertel aller Kinder und Jugendlichen, sind ansteckend, bevor sie Symptome zeigen.

So nahm die Pandemie ihren Lauf und so köchelt sie weiter dahin. Jede Woche erwischt es wieder jemanden, jede Woche stecken sich Menschen im Krankenhaus an, wohin sie gingen, um gesund zu werden. So absurd scheint diese relativierende Argumentation, zu glauben, es wäre besser, zufällig positiv getestet werden als wegen Covid im Spital zu landen. Denn Covid19 kann bestehende Grunderkrankungen verschlechtern, zur Absage von Operationen führen. Besser gar nicht erst infizieren. Absurd ist zudem so zu tun, als ob die Pandemie gerade Pause machen würde und erst im Herbst wieder Thema sein würde. Trotz fallender Inzidenzen sind sie immer noch um ein Vielfaches höher als im Vorjahr, dazu kommt der angekurbelte Reiseverkehr. Umso genervter bin ich, wenn ich mich ständig rechtfertigen muss, nicht alle Lockerungen mitzumachen.

„Wenn Du vier Mal geimpft bist, brauchst keine Maske mehr tragen.“

„Warum kommst Du nicht auf die Feier? Willst Du jetzt zwei Jahre lang daheim bleiben?“

Ich hoffe immer noch auf einen angepassten Impfstoff und die neue Generation an Impfstoffen, die besseren Schleimhautschutz bietet, denn ich weiß genug über das Virus, um es trotz Impfung nicht zu unterschätzen. Da zählen auch die Folgen einer hohen Virusdosis in geschlossenen Räumen über mehrere Stunden mit vielen Personen und hoher Lautstärke. Das ist mir noch zu riskant unter den jetzigen Bedingungen. Lieber verzichte ich weiter – man kann übrigens im Sommer auch wunderbar Aktivitäten und Veranstaltungen ins Freie verlegen – und investiere zwei weitere Jahre in den Verzicht als mir durch eine unbemerkte Herzmuskelentzündung oder andere Sekundärerkrankungen eine chronische Verschlechterung der Lebensqualität über Jahrzehnte zuzuziehen. Ich begebe mich nicht absichtlich in ein erhöhtes Risiko, wenn es Alternativen gibt. Das betrifft nicht nur Covid. Die Maske stört mich übrigens nicht.

Entwicklung weiterer Varianten

Zusammenfassung eines Threads von Virologe Trevor Bedford (@trvrb) vom 18.04.22:

Derzeit entwickeln sich zunehmend potentiell einflussreiche Subvarianten von OMICRON mit besonderem Fokus auf Mutationen im Spike-Rest 452. OMICRON entstand als drei Abstammungslinien BA.1, BA.2 und BA.3, und obwohl BA.1 am Anfang vorne lag, überholte BA.2 weltweit BA.1 im Laufe des Jänners bis April. Die „Fitness“ der Variante hängt von der intrinsischen Übertragbarkeit und Flucht von bestehender Bevölkerungsimmunität ab. Die ersten Varianten (ALPHA, DELTA, etc.) breiteten sich großteils wegen erhöhter intrinsischer Übertragbarkeit aus, während sich OMICRON vorwiegend durch Immunflucht ausbreitet. Der Vorteil von BA.2 gegenüber BA.1 scheint durch intrinsische Übertragbarkeit zustande zu kommen. Die antigenisch wichtige S1-Region des Spike-Proteins ist bei BA.1 und BA.2 sehr ähnlich und die Impfwirksamkeit ist ebenfalls ähnlich.

Mit der verbreiteteten Dominanz von BA.2 haben sich derzeit 21 Subvarianten gebildet, die meisten sind aber durch Mutationen gekennzeichnet, die wenig Einfluss haben sollten. Eine Ausnahme bildet BA.2.12.1 mit den Spike-Mutationen S704L und L452Q. L452R schien eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von DELTA zu haben und tauchte auch bei EPSILON und LAMBDA auf. Geographisch am häufigsten ist BA.2.12.1 derzeit im Staat New York (NY) mit rund 1% Häufigkeit Anfang März und rund 18% Anfang April. In Massachusetts (MA) ging es im gleichen Zeitraum von unter 1% auf rund 7% Häufigkeit. Wir beobachten eine logistische Wachstumsrate von 0.06 pro Tag in NY und 0.11 pro Tag in MA. Das ist eine ähnliche Größenordnung wie der beobachtete Vorteil von BA.2 über BA.1.

In Südafrika ist die Situation ähnlich, aber etwas komplizierter mit den Linien BA.4 und BA.5, die die Spike-Mutationen L452R, F486V und die Umkehrung Q493R teilen. Es ist nicht vollkommen klar, ob BA.4 und BA.5 Schwesterlinien oder Unterlinien von BA.2 sind, doch sollte das für die Einschätzung ihres Einflusses auf die virale Zirkulation nichts ausmachen. Der Schwerpunkt von BA.4 liegt derzeit in Gauteng mit 60% Häufigkeit Anfang April und für BA.5 in KwaZulu-Natal mit 55% Häufigkeit. Die Wachstumsraten von BA.4 und BA.5 sind ebenfalls in der Größenordnung von BA.2 über BA.1.

Aufgrund serologischer Experimente erwartet man zusätzliche Immunfluchteigenschaften durch 486V verglichen mit BA.2, während 452R/Q keine antigenische Schlüsselmutation zu sein scheint. Hier ist die Hypothese eher, dass 452R/Q erhöhte intrinsische Übertragbarkeit bedeutet. Bedford erwartet, dass die 452R/Q-Sublinien weiter zunehmen und dabei zusätzliche Mutationen aufsammeln, wobei die dominante Sublinie die beste Konstellation an Mutationen anhäuft. Es könnte aber genauso eine andere Mutation auftauchen, die die 452R/Q-Linien überholt. Diese Art der Mutationsanhäufung, die zu einer besseren Wirtsanpassung und antigenic drift führt, wird auch für die kommende Monate erwartet. Es ist zwar möglich, dass wir weitere „OMICRON-ähnliche“ Ereignisse erleben, doch geht er von einem stetigen „Influenza-ähnlichem“ Szenario aus.

Laienhaft zusammengefasst heißt das also, dass BA.2.12.1 ansteckender ist, während BA.4 und BA.5 das Immunsystem besser umgehen können. Damit bedrohen BA.4 und BA.5 auch den Immunschutz von geimpften Personen und solchen, die eine Infektion überstanden haben (aber nicht notwendigerweise genesen sind, mir widerstrebt es, diesen Begriff zu verwenden bei über 10% LongCOVID-Betroffenen). Und wir haben erst April – bis zum Herbst 2022 ist es noch lange hin.

Und die herbeigeredete Pandemiemüdigkeit in der Bevölkerung?

Zustimmung zur Maskenpflicht in Geschäften und Öffis in Österreich, sie lag Mitte März bei 72%

Wenn die Paternalisierung durch den Gesundheitsminister „Die Bevölkerung hat die Nase“ voll nicht der Realität der mehrheitlichen Zustimmung zu den Maßnahmen entspricht, sollte er sich schleunigst neue Berater suchen oder gleich einen neuen Job.

ZeroCOVID ist nicht gescheitert

Akkumulierte Todesfälle pro Million Einwohner in „ZeroCovid“-Staaten und „Let it rip through“-Staaten, Uruguay öffnete im Frühjahr 2021 zu früh nach zweifacher Impfung, Hong Kong hatte mit niedriger Durchimpfungsrate bei den Ältesten und BA.2 die Katastrophe herbeigeführt. Österreich wird nach der heutigen Statistik-Austria-Nachmeldung von 3412 Corona-Toten (+21%) deutlich vor Schweden liegen.

„Mit den bedrückenden Berichten aus Shanghai sollte nun allen klar sein, dass eine ZeroCovid Strategie tatsächlich im Totalitären endet. Ich kann mich an die Diskussionen hier noch lebhaft erinnern.“

NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger, 13. April 2022 (Twitter)

Shanghai versuchte den westlichen „Wirtschaft zuerst“-Ansatz statt schon bei den ersten 100 Fällen in den Lockdown zu gehen und hat damit zu lang gewartet. Jetzt wendet China übermäßige Härte an, um den Kontrollverlust zu vertuschen. Die Ausgangsbedingungen wären an sich besser als in Hong Kong, da die Impfquote bei Älteren erheblich höher ist. Ihr eigener Impfstoff sollte auch die Übertragung verhindern, was jedoch gescheitert ist. Die Impfwirksamkeit von CoronaVac gegen schwere Verläufe und Tod ist etwas niedriger als bei Pfizer (74 vs. 88%).

Was man sich lieber nicht ausmalen möchte ist, was passiert, wenn sie keine Lockdowns mehr machen und Millionen Menschen sterben und zig Millionen gleichzeitig krank sind, sodass nicht nur die Gesundheitsversorgung zusammenbricht, die am Land schlechter ist als in den Megastädten, sondern auch die Wirtschaft, was natürlich unmittelbare weltwirtschaftliche Konsequenzen hätte.

China hält an ZeroCovid jedoch grundsätzlich weiterhin fest und zwar wegen LongCOVID:

„Als Teil der Kampagne, warum sie das in Wuhan machen, haben sie Anfang 2020 das Paper zur Begleitstudie für die jüngeren SARS-Erkrankten von 2003 auf einen Preprint-Server hochgeladen. Und da waren nach 15 Jahren immer noch 30% mit LongSARS betroffen. Letztendlich muss man das Konzept des chinesischen Gesundheitssystems verstehen: Das besteht hauptsächlich aus Vorsorge, und soll die Leute gesund halten. D.h. der Name „Gesundheitssystem“ ist zutreffend. Deshalb ist es auch sehr schnell überlastet.

@forthy42, Bernd Paysan

Zero COVID wurde bei uns nie versucht

Virologe Bergthaler vereinfacht auch sehr, wenn er sagt:

„Zero COVID war vermutlich gut gemeint. Angesichts der Kollateralschäden und v.a. der Unrealisierbarkeit spätestens seit den infektiöseren Varianten kann und wird diese Strategie aber nicht der Weg aus der Pandemie sein.“ (Tweet, 19.04.22)

Hierzulande wurde das nie bewusst versucht und nur *zufällig* mit dem ersten Lockdown erreicht. Zwischen ZeroCovid und Durchseuchung gibt es noch viele Käsescheiben, mit denen man zumindest die Zahl der Infektionen niedrig halten kann, um größtmögliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Freiheit zu erreichen, und gleichzeitig die akute und chronische Krankheitslast möglichst niedrig ist.

„Covid19-Infektionen sind die mit Abstand häufigste Berufskrankheit,“ alarmiert ein Arbeitsmediziner in Deutschland (23.03.22)

Das wird leider bei uns gar nicht berücksichtigt. Die Reparaturmedizin kommt nicht zum Tragen, weil das Ausmaß von LongCOVID beschönigt wird, und Präventivmedizin hat in Österreich keine Tradition.

Höhere Impfquote bei älteren Menschen in Neuseeland, dadurch erheblich weniger Todesfälle nach OMICRON als in Hong Kong.

Eine ZeroCovid-Strategie macht nur dann Sinn, wenn A) alle Länder mitmachen (das wäre 2020 noch möglich gewesen und auch noch bis ins erste Halbjahr 2021) oder B) eine hohe Durchimpfungsrate über alle Altersgruppen das Laufenlassen tolerierbarer macht – nicht ohne die bekannten Schutzmaßnahmen wie FFP2-Maske, Lüften, TTIQ aufrechtzuerhalten, um auch die Zahl der LongCOVID-Fälle gering zu halten. Nur unterdrücken, aber nichts weiter tun, führt zurück an den Start. Wir kennen das aus Österreich nur zu gut. Zwei Sommer wurden verschlafen und die OMICRON-Welle zur Durchseuchung verwendet. Jetzt fabuliert man von Vorbereitung auf den Herbst, aber wer jetzt stirbt oder langzeitkrank wird, der stirbt im Herbst kein zweites Mal und bleibt im Herbst mit Pech grauslich chronisch krank.

Man braucht also ein Ziel: Infektionen vermeiden ist wichtigste Ziel. Das hat selbst der scheidende Gesundheitsminister Anschober in seiner Rücktrittsrede am 13. April 2021 erkannt:

„Es geht um jeden einzelnen Fall.“

Wer sich mehr über Public Health im Sinne der Präventivmedizin informieren möchte, der findet unter „Prävention“ zahlreiche informative Artikel und Studien – sowie bei Tag 747, wo ich beschrieben habe, wie man das Risiko für LongCOVID nach einer Infektion verringern kann.

Verhältnismäßigkeit versus Zynismus

„Die einen schimpfen mich „fahrlässigen Durchseucher“, die anderen „Zwangsvollstrecker sinnloser Maßnahmen“. Fakt ist: Ich bewege mich auf dem Fundament von Expertise (Wissenschaftlichkeit) und Verhältnismäßigkeit (Verfassungskonformität). Das wird den einen zu wenig, den anderen zu viel sein. Die Verantwortung dafür trage ich.“

Gesundheitsminister Rauch, 19.04.22 (Tweet)

Rauch auf die Frage Susanne Schnabls im ORF-Report vom 05. April 2022, ob man niedergelassene Ärzte und vulnerable Personen, die zuhause gepflegt werden, bei der Teststrategie vergessen habe:

„Wissen Sie, die Situation ist so, dass wir jetzt eine Gott sei Dank sinkende Anzahl an Neuinfektionen haben. Wir gehen in eine ruhigere Phase der Pandemiebekämpfung hinein. Und das gehört schon auch zum ruhigen Handwerk dazu, nicht sofort an jeder Schraube zu drehen, dass sich die Leute dann
überhaupt nicht mehr auskennen.“

Am 10. März im STANDARD auf die Frage, was er als (damaliger) Krebspatient gedacht hätte, wenn alle Maßnahmen gefallen wären:

„In so einer lebensbedrohlichen Situation, wo sich alles auf das eigene Überleben verengt, hast du null Verständnis für alles, was außerhalb stattfindet. Trotzdem kann ich die Maßnahmenplanung nicht ausschließlich daran ausrichten, was für die am meisten gefährdete Gruppe gerade notwendig ist. Ich bin schon jemand, der darauf schaut, auch Vorsicht walten zu lassen. Aber Gesundheit in meiner Welt ist nicht nur die Abwesenheit von Covid.“

Während Impfgegner und Covidleugner auf der Straße stehen, können das Longcovid-Betroffene und Schattenfamilien nicht oder nicht mehr. False Balance ist natürlich auch, zu glauben, man würde sich am Boden der Verhältnismäßigkeit bewegen, wenn die unter „keinen Schutzmaßnahmen“ und LongCOVID- Leidenden nicht laut aufmucken.

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