Tag 747: LongCOVID – auch ein schwerer Verlauf

Absurdistan: Eine Selbstdiagnose ist erlaubt, um keine (oder abschwächende) Symptome festzustellen (rechts), eine Selbstdiagnose ist aber nicht erlaubt, um Symptome festzustellen, damit man einen PCR-Test zuhause machen kann. Das ist einfach nur irre!

Ungeachtet des Umstands, dass die Regierung alles falsch macht und die Pandemie für beendet erklärt hat, ist es weiterhin sinnvoll, sich regelmäßig zu testen. Ab 1. April darf man in Österreich nicht mehr als 5 PCR-Tests im Monat abgeben, also einen Test pro Woche pro Bundesland. Da es keinen Abgleich der persönlichen Daten gibt, kann man sich aber auch in einem anderen Bundesland gleichzeitig anmelden und nochmal 5 PCR-Tests abholen und abgeben. Hier kann man etwa die Adresse der Eltern oder des Dienstgebers angeben. Klingt wie Beschiss? Laut Gesetz ist es mit 3 Jahren Freiheitsstrafe zu bestrafen, wenn man infiziert zur Arbeit geht. Eine „Empfehlung“ des Gesundheitsministers kann nicht die StGB außer Kraft setzen. Das trifft auf die vorzeitige Beendigung der Isolation nach fünf Tagen zu, nach der man ohne Freitesten in die Arbeit gehen darf. Ebenso verstößt es gegen alle möglichen Rechte, wenn vulnerable Personen nicht wissen dürfen, ob ihr Umfeld infiziert ist, oder sie selbst infiziert sind, denn sie müssen das rechtzeitig wissen, damit antiviralen Medikamente am besten wirken. Mit 5 PCR-Tests im Monat lässt sich das weder für vulnerable Personen noch ihr Umfeld feststellen. Und auch asymptomatische Infektionen bleiben unter Umständen unentdeckt, wenn die PCR-Tests schon aufgebraucht wurden und Antigentests nicht anspringen. Das kann durchaus schwerwiegende gesundheitliche Folgen nach sich ziehen, wenn eine Infektion übersehen wird und weiter seinen Alltagsaktivitäten nachgegangen wird. Das gilt auch für vermeintlichen Allergieschnupfen.

Also testet bitte ruhig weiter, nutzt jedes Schlupfloch, das mehr Tests bringt. Die Regierung lügt uns seit zwei Jahren an, was das wahre Ausmaß der Pandemie betrifft, unterschlägt die Gefährdung durch LongCOVID und behauptet ohne Skrupel, dass vulnerable Personen nur im Alten- und Pflegeheim leben würden. Schlechtes Gewissen muss man da wahrlich keines haben, wenn man regelmäßig testet, Maske auch dann trägt, wenn nicht vorgeschrieben, und nicht alles ausnutzt, was erlaubt ist – speziell in Innenräumen.

Über LongCOVID wird immer noch zu wenig gesprochen. Die Studien, die auch nach milden Verläufen schwere Organschäden zeigen, finden kaum in den Medien Platz. Dort, wo sie besonders viele Menschen erreichen könnten, in den TV-Nachrichten, schon gar nicht. Aber auch sonst fehlt es an Informationsfluss, wie man LongCOVID vermeiden kann und was man checken sollte, wenn man eine Infektion überstanden hat. Generell zu kurz kommen die langfristigen Auswirkungen für die Wirtschaft und Gesellschaft, wenn 20% aller Infektionen zu Dauerleiden führen.

Charlie McCone: We need answers to these four long COVID questions (30.03.22)

Das Virus bleibt länger als viele glauben

Der Durchschnittsbürger denkt bei einer Coronainfektion meist an einen grippalen Infekt: Das Virus randaliert ein wenig in den Atemwegen mit den typischen Symptomen Husten, Schnupfen, Halsweh, schmerzende Lunge und verschwindet wieder. Die Abgeschlagenheit und fehlende Kondition nach der Infektion würden vom Schnupfen und Resthusten kommen.

Tatsächlich sind die Atemwege aufgrund der Aerosolübertragung zwar die Eintrittspforte in den Körper, aber das Virus randaliert nicht nur in den Atemwegen, sondern gelangt auch in die Gefäße, Organe, ins Gehirn, sogar in die Knochen. Die Atemwege sind längst wieder frei, doch das Virus ist noch da. Und die typische Mattheit bis hin zur Fatique, die auch nach langem Schlafen nicht besser wird. Das macht Covid19 so gefährlich, denn die Folgeschäden treten viel häufiger auf als bei einer Influenzagrippe, und selbst nach leichten Verläufen, die einem grippalen Infekt ähneln, kann sich LongCOVID entwickeln.

LongCOVID ist ein chronischer Verlauf, den man ruhig als „schweren Verlauf“ bezeichnen kann. Er schränkt die Lebensqualität massiv ein. Alleine ein einziges Symptom wie „Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn“ oder noch schlimmer „Parosmie“ (Riechstörung), wenn das Essen plötzlich ekelhaft riecht oder schmeckt (nach Verfaultem oder Kotze), bedeutet eine schwerwiegende Einschränkung des Alltagsleben und stürzt Betroffene häufig auch in schwere Depressionen bzw. führt meist zu bedenklichem Gewichtsverlust. Für einen Koch bedeutet es Berufsunfähigkeit.

Wie kann man LongCOVID vorbeugen?

Die effektivste Vorbeugung eines chronischen Verlaufs ist die Vermeidung der Infektion selbst. Dazu zählt das Tragen dicht sitzender FFP2/3-Masken in schlecht belüfteten Räumen, und zwar auch dann, wenn man nach Anwesenheit anderer alleine den Raum betritt, ein regelmäßig getestetes Umfeld, wo man sich nun künftig leider auf die Zuverlässigkeit von Antigentests verlassen muss, technische Maßnahmen, die für saubere Raumluft sorgen bzw. zumindest anzeigen, ob die Luftqualität schlecht ist (CO2-Ampeln), und die Impfung.

Jede Impfung verringert das Infektionsrisiko, aber auch bei einer Durchbruchsinfektion das LongCOVID-Risiko. Die Hoffnung, dass die Impfung einen sehr guten Schutz vor LongCOVID bietet, hat sich leider nicht erfüllt (Taquet et al., 10/2021, Al-Aly, 11/2021, Ayoubkhani et al., 01/2022, 02/2022), aber: Sie schützt weiterhin vor Hospitalisierung – bei BA.2 nach 70 Tagen noch 70% Schutz. Akute schwere Verläufe gehen mit erhöhtem LongCOVID-Risiko einher, und meist mit langer Rehabilitation. Manche Lungen- und allgemein Organschäden können dann irreparabel sein. Auch wenn es die hohe Rate an symptomatischen Durchbruchsinfektionen nicht vermuten lässt, bringt die Impfung individuell und auf Bevölkerungsebene immer noch einen signifikanten Mehrwert (Zangerle, 30.03.22). Ein Kreuz-Schema erweist sich dabei selbst bei mRNA günstiger als ein homologes Impfschema, d.h., wer zweimal Pfizer hatte, sollte Moderna nehmen und umgekehrt (Kaplonek et al., 29.03.22)

Eine weitere Vorbeugemöglichkeit steht derzeit nur Personen mit Vorerkrankungen oder Immunsuppression mit einer Infektion zur Verfügung: Das antivirale Medikament Paxlovid hilft auch gegen OMICRON ohne Wirksamkeitsverringerung. Paxlovid reduziert die Viruslast nach Infektion deutlich, nach Symptombeginn wird man rund fünf Tage später negativ. Bei einem Einzelfall mit LongCOVID nach symptomatischer Durchbruchsinfektion (2x Pfizer, 47jährige Frau ohne Vorerkrankungen) und 7 Monate LongCOVID-Beschwerden besserten sich die Symptome nach Paxlovid-Einnahme innerhalb weniger Tage und sie wurde vollständig geheilt (Geng et al.,15.03.22), zwei klinische Studien laufen derzeit dazu. Allzu große Hoffnungen auf einen breiten Einsatz auch in der gesunden Bevölkerung sollte man sich derzeit aber nicht machen, da sonst die Gefahr besteht, dass sich Resistenzen entwickeln. Jedoch sucht man schon nach Wegen, gezielt vorbeugende Medikamente zu entwickeln (Shapira et al., 28.03.22).

Nach der Infektion ist Schonung angesagt

Aus dem Positionspapier „Return to Sport“ von Nieß et al. (05/2020)
weiterhin gültige Empfehlungen (Pneumonie: Lungenentzündung, Myokarditis: Herzmuskelentzündung)

Wenn man die Infektion einmal hat, ist die beste Vorbeugung Ruhe und schonen!

Die Empfehlungen richten sich an Profisportler, gelten aber generell für alle, die sich körperlich wieder betätigen wollen (Hobbysportler) oder müssen (Haushalt, Job, Kinder). Grundsätzlich sollte man bei symptomfreien Verläufen 2 Wochen auf intensive Belastung verzichten, bei symptomatischen Verlauf mindestens 2-4 Wochen. Wenn zusätzlich eine Lungenentzündung aufgetreten ist, mindestens 4 Wochen und bei Herzmuskelentzündung mindestens 3 Monate lang keine sportliche Belastung.

Die Empfehlungen unterscheiden sich vor allem in der Länge der Schonungsphase. Der Physiotherapeut und Neurobiologe Prof. David F. Putrino rät nach leichten bis mittelschwerden Symptomen zu mindestens 6 Wochen Pause, und sich auch nicht zu schnell wieder gesund für die Arbeit melden. Wer zu früh beginnt, riskiert anhaltende Lungen- und Herzprobleme und PEM (Post Exertion Malaise), die in einen chronischen LongCOVID-Verlauf übergehen kann. Im hochrangigen British Journal of Sports Medicine veröffentlicht, raten Elliott et al. (22.06.20) bei einem Verlauf, der zu Hause auskuriert werden kann, zu 10 Tage Ruhe ab Symptombeginn und danach mindestens sieben Tage Symptomfreiheit sowie keine Medikamenten-Einnahme mehr.

Erst dann darf man zurück ins Training einsteigen, im ersten Stadium (10 Tage Minimum) sind Gehen, Alltagsaktivitäten erlaubt, im zweiten Stadium (2 Tage Minimum) Gehen, leichtes Joggen, kein Widerstandstraining (Kraftraining), danach schrittweise Trainingssteigerung. Übertragen auf Hobbysport heißt das wohl, erst Gehen, dann Spazieren und leichte (kurze) Wanderungen in der Ebene, ehe man schrittweise Länge, Höhenmeter und Tempo steigert.

Am wichtigsten ist: Auf keinen Fall gegen den Körper arbeiten!

Auf Überlastungssymptome achten (PEM)

Bevor man schrittweise das Training oder seinen Hobbysport wieder aufnimmt, sollte man tägliche Aktivitäten und 500 Meter Strecke in der Ebene gehen überstehen, ohne danach ausgeprägte Erschöpfung (Fatique) oder Kurzatmigkeit zu empfinden. Fitness-Uhren helfen bei der Überwachung, zu hoher Puls ist ein Warnzeichen, ebenso Schlafqualität und Auftreten von Muskelkater. Sobald eine Aktivität Symptome nach sich zieht, sollte man wenigstens 24 Stunden lang symptomfrei sein, bevor man erneut beginnt. Bei länger anhaltender Erschöpfung muss man darauf achten, die persönlichen Belastungs- und Energiegrenzen strikt einzuhalten, um PEM zu mildern – siehe dazu diesen Vortrag von Dr. Michael Stingl, Neurologe und LongCOVID/MECFS-Experte.

Bei Vorerkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Nierenerkrankungen sollte man eine medizinische Untersuchung und Beratung zu Rate ziehen. Bei langwierigen Verläufen braucht es weitere Untersuchungen, wie Entzündungsmarker im Blut, u.a. auch C-reaktives Protein, Troponin (Herzmuskel), D-Dimer (Gerinnungsfaktor, Thrombose), Herz- und Lungenfunktionstest, Überwachung der Nierenfunktion. Manche Ärzte raten aber auch nach milden Symptomen zu einem Gesundheitscheck, um etwa eine verschleppte Lungen- oder Herzmuskelentzündung auszuschließen. Verbinden ließe sich das zu.B. mit einer Gesundenuntersuchung, falls der Hausarzt sich weigert, die Sporttauglichkeit nach einer Covidinfektion zu überprüfen. Sonst kann man auch einen Sportmediziner aufsuchen oder den Betriebsarzt ansprechen.

Ich schreib das deswegen so explizit, weil die Folgen des jahrelangen Herunterspielens der Auswirkungen der Pandemie auf Anzahl der LongCOVID-Betroffenen (mehrere Hunderttausend), Anlaufstellen (viel zu wenige, kaum Spezialisten, extrem lange Wartezeiten) nun alle zahlen dürfen – jene, die selbst betroffen sind und keinen Arzt finden, und jene, die diesen Arzt wegen eines anderen Leidens brauchen, aber auch keine (zeitnahen) Termine mehr bekommen. Am besten ist also, man hilft sich selbst und beugt vor, bevor man in den Abwärtsstrudel mangelnder Hilfen und chronischer Verschlechterung des Gesundheitszustands gerät.

Hinzu kommt das Problem, dass man nach einer Infektion für mindestens 8 Wochen auf elektive Eingriffe verzichten sollte, weil es die Gefahr von Lungenentzündungen erhöht. Das trifft vor allem Personen, die einen Eingriff geplant hatten (wenn er nicht ohnehin wiederholt verschoben werden musste), sich jetzt aber durch die hohen Infektionszahlen vorher angesteckt haben. Daran sieht man übrigens auch das Problem von Menschen, die im Spital zufällig covid19-positiv getestet werden („mit“ und nicht „wegen“), aber operiert werden müssten.

Wie wirkt sich LongCOVID aus?

Es heißt immer wieder in den Medien, dass die Datenlage noch sehr dünn wäre, meist wird das als Ausrede genommen, LongCOVID gar nicht erst zu thematisieren, um anzudeuten, dass es gar nicht so viele betreffen würde. Tatsächlich ist die Datenlage nach zwei Jahren Pandemie ziemlich umfangreich – nur tut man sich schwer, mit Ursachensuche, Risikofaktoren und Heilungsmethoden zu finden. Wie im vorletzten Beitrag erwähnt, gefällt mir diese Metapher recht gut, die ich ins Deutsche übersetzt habe:

Wenn Dein Körper eine Stadt ist, dann ist Covid19 eine Krankheit, die all den Beton und Asphalt in der Stadt angreift:

Raman et al., Long COVID: post-acute sequelae of COVID-19 with a cardiovascular focus (18.02.22, Grafik zur Vergrößerung in neuem Tab öffnen)
Verlauf von LongCOVID/Post-acute-COVID nach Nalbandian et al. (22.03.21)

LongCOVID nach Hospitalisierung ist noch ein anderes Thema, da schauen die Langzeitstudien eher pessimistisch aus. Betroffene kommen nach überstandener Covid19-Erkrankung häufiger erneut ins Krankenhaus, vor allem wegen Diabetes, Nieren- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und haben ein erhöhtes Sterberisiko (Ayoubkhani et al., 31.03.21).

Auch bei milden Verläufen ohne klassische LongCOVID-Symptome treten 6-9 Monate nach der Infektion noch verringerte Konzentration sowie Gedächtnisstörungen auf (Zhao et al., 19.01.22). Anekdotisch hört man das derzeit immer wieder von Lehrern im schulischen Bereich, die nach einer Infektion „verändert“ erscheinen und verlangsamt sind. Die neuesten Horrorerkenntnisse waren periphere Nervenschäden 3 Monate nach der Infektion (Odozor et al., 24.03.22), Schäden an der Leber (Wanner et al., 28.03.22) gehäuftes Auftreten von Diabetes (Xie et al., 21.03.22, Müller et al., 2021), häufiger Thrombose und reduziertes Lungenvolumen (Petersen et al., 14.03.22), erhöhtes Demenzrisiko (Wenzel et al., 2021, Douaud et al., 2021). Wiederholt wird von einer Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus durch Covid19 geschrieben, das Autoimmunerkrankungen verursachen kann (z.B. Multiple Sklerose). Covid19 betrifft die Hoden und kann Unfruchtbarkeit wie bei Mumps verursachen (Li et al., 18.02.22, Kresch et al., 2021, Ma et al., 2020), dazu kommen noch eine Reihe weiterer Erkrankungen der Organe und des zentralen Nervensystems (z.B. Transversale Myelitis, Advani et al., 18.12.21).

In Summe ist das also etwas, was sehr weitreichende Konsequenzen hat und das häufig viele Spezialisten braucht, um auf die Ursache für bestimmte Symptome zu kommen. Spezialisten sind teuer und jetzt kommen sehr viele Patienten auf sehr wenige Spezialisten. Das verzögert eine effektive Behandlung um Monate und kann in der Konsequenz nach sechs Monaten zu unheilbarem MECFS führen. MECFS ist leider noch unbekannter als LongCOVID. Betroffene, darunter auch LongCOVID-Patienten, sind oft bettlägerig und entsprechend nicht im Rampenlicht oder auf der Straße demonstrieren.

Wer mehr wissen möchte zur LongCOVID-Initiative in Österreich, dem empfehle ich den Verein Long COVID Austria – Selbsthilfegruppen gibt es derzeit auf Facebook für Erwachsene und Kinder, sowie den Selbsthilfe-Youtube-Kanal von Karla Küken.

Ein Gedanke zu “Tag 747: LongCOVID – auch ein schwerer Verlauf

  1. Wieder eine Menge mühsam gesammelter und kommentierter nützlicher Informationen, für die ich mich bedanke. Kleiner Hinweis: die Grafik „Wenn Dein Körper eine Stadt ist“ hat nur 300×200 Pixel Auflösung. Falls man die Übersetzung braucht, hilft das nicht viel 😉

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