Tag 744: Die Pandemie ist nicht vorbei die x.te

Hospitalisierung pro Million Einwohner in Österreich und Britische Inseln

In UK wurde der Immunisierungsgrad durch Infektion oder Impfung zuletzt mit über 99% angegeben. Die lang ersehnte Herdenimmunität wurde also erreicht, trotzdem beginnt mit BA.2 erneut eine Welle, auch die Hospitalisierung steigt. Wie kann das sein? Auch in Österreich wurde der Immunisierungsgrad neben 53% Boosterquote auf über 85% geschätzt. Nur Immunisierung gegen was? Gegen ALPHA? Gegen DELTA? Gegen BA.1? Wir haben jetzt BA.2 und in vielen Spitälern herrschen Höchststände seit Beginn der Pandemie. Im Gegensatz zur zweiten Welle haben *einige* vom Gesundheitspersonal gekündigt oder sind langzeiterkrankt (LongCOVID), von den verbleibenden Arbeitskräften sind viele in Krankenstand wegen COVID oder betreuen ihre kranken Kinder. Die Normalstationen sind besonders belastet (siehe Faktencheck zu Rauch).

Vergesst das mit der Herdenimmunität! Das war Wunschdenken, ebenso wie die Hoffnung, dass OMICRON nur ein Schnupfen für Geimpfte wäre. Viele Betroffene mit „milden“ Verläufen fragen sich zurecht, was daran mild sein soll, wenn man noch sechs Wochen nach der Infektion beim Stiegen steigen außer Atem ist. Reinfektionen treten bereits vier bis sechs Wochen nach der letzten Infektion aus, bei Ungeimpften sind sie wahrscheinlicher als bei Geimpften, aber die schiere Menge an Neuinfektionen derzeit sorgt dafür, dass es nennenswert viele sind, die das Märtyrium zum zweiten Mal durchmachen.

Ich sags frei heraus: Mich beunruhigt, wie viele in meinem Umfeld mit den „milden“ Verläufen zu kämpfen haben. Stacheldrahtzaun im Hals, Kurzatmigkeit und anhaltende Rückenschmerzen über viele Wochen. An Sport ist nicht zu denken. „Jeder wird es kriegen“ halte ich nicht für erstrebenswert. Man sollte vermeiden, dass man es bekommt – stattdessen gehen die aktuellen Verordnungen dahin, die Infektionsrate weiter zu erhöhen, wenn sich hochinfektiöse Personen ab Tag fünf frei bewegen können, weil sie angeblich oder vorgeblich abklingende Symptome haben. Nicht vergessen darf man, dass dreifach geimpfte Personen weiterhin nicht als Kontaktpersonen zählen, das Virus aber übertragen können. I wü aba ned! Warum werden Menschen angegangen, die sich nicht infizieren wollen oder dürfen?

Warum gibt es derzeit keinen lauten Protest gegen die Pandemiepolitik? Die drohende Abschaffung regelmäßiger Gratis-PCR-Tests gefährdet vor allem immunschwache Personen, die rechtzeitig wissen müssen, ob sie Kontakt zu Infizierten hatten oder selbst infiziert sind. Monoklonale Antikörper wirken beugen nur dann effektiv vor schweren Verläufen, wenn sie frühzeitig verabreicht werden (Stadler et al., 22.03.22), ebenso Paxlovid (siehe Medikamentenbrief).

Influenzawelle und Gefahr von Doppelinfektionen

Jetzt droht zur BA.2-Pandemie noch eine zusätzliche Influenza-Welle (Influenza A, H3N2), gegen die aktuelle Influenzaimpfung nicht wirkt. Das zeigt die aktuellen Zahlen aus Dänemark, das mit einigen Wochen Vorsprung alle Maßnahmen aufgehoben hat.

Aktuelle und frühere Influenzawellen in Dänemark

Das ist auch deswegen brisant, weil erst vor zwei Tagen eine Studie (Swets et al., 2022) erschien, wonach eine gleichzeitige Infektion mit SARS-CoV2 und Influenza das Risiko für schwere Verläufe und Tod um vierfache bzw. zweifache erhöht.

In Österreich meldet das Zentrum für Virologie der MedUni Wien deutlich steigende Influenzafälle, in Summe gelten sie noch nicht als Grippewelle. Ohne Maskenpflicht im Unterricht und die laschen Quarantäneregeln in allen Berufen ist zu befürchten, dass die Influenzafälle noch weiter zunehmen und sich dann auch die Belastung der Spitäler auswirken.

Wer jetzt auf den saisonalen Effekt hofft, wird leider enttäuscht werden:

GFS-Ensemble-Modellläufe für Wien, Niederschlag und 850 hPa (ca. 1500m Seehöhe)-Temperatur, rot das Temperatur-Mittel 1981-2010, weiß Ensemble-Mittel, grün Hauptlauf.

Das Ensemblemittel des amerikanischen Wettermodells zeigt noch einschließlich Mittwoch überdurchschnittliche Temperaturwerte und keinen Niederschlag, also eine Fortsetzung des viel zu trockenen Frühlingswetters. Das hat nebenbei durch die erhöhte Pollen- und Feinstaubbelastung nicht nur Vorteile für die Atemwege. Ab Donnerstag, 31. März, stürzen die Temperaturwerte deutlich ab, die erste Aprilwoche fällt wahrscheinlich für die Jahreszeit deutlich zu kühl aus, dazu fällt zumindest zeitweise auch Niederschlag, teils bis in die Niederungen als Schnee. Die Vorzüge des saisonalen Effekts habe ich hier beschrieben. Bei Schneeregen und lebhaftem Nordwind dürfte sich das Aufkommen auf den Grillplätzen in Grenzen halten. Die Fenster in den Schulen und Wartezimmern bleiben geschlossen, in der Straßenbahn wird man schief angesehen, wenn man das Fenster kippen will.

Nein, der saisonale Effekt hilft uns erst mal nicht. Wie es in der zweiten Aprildekade weitergeht, ist noch völlig unsicher. Politik sollte nicht auf Wunschdenken aufbauen, bedauerlich, dass die Pandemie hier einen Paradigmenwechsel in die falsche Richtung darstellt.

Am 23. März 2022 fiel eine nach zwei Jahren Pandemie unglaubliche Aussage durch Diplom-Krankenpfleger und Hygienefachkraft Hans Hirschmann, fälschlicherweise vom
ORF als Epidemiologe bezeichnet (LKH Feldkirch):

„Wenn jemand krank ist und hustet und niest, der überträgt, der verbreitet viele Viren. Wenn ich jetzt keine Symptome habe und nicht am Husten, am Niesen bin, bei normalen Gesprächen untereinander, wenn ich asymptomatisch bin, die Wahrscheinlichkeit, jemanden anzustecken, die ist sehr gering.“

Dass Aerosol-Produktion auch bei normalen Gesprächen stattfindet, hat Asadi et al. (2019) bereits VOR der Pandemie publiziert, gültig auch für Influenza! Bei Influenza helfen natürlich die gleichen Maßnahmen, ebenso bei RSV und anderen Atemwegsinfekten. Und das führt in Summe dazu, dass man sich – wofür es NIE zu spät ist – Gedanken darüber machen sollte, wie man in Innenräumen saubere Luft erzeugen kann, was vor allem in den Kindergärten und Schulen dringlich ist, letzendlich aber überall da, wo Menschen zusammenkommen. Eine Italienische Studie zeigt, dass Lüftungsmaßnahmen die Infektionszahlen um 82% gesenkt werden können. Far-UVC reduziert Pathogene in der Luft innerhalb von Minuten um 98% (Eadie et al., 2022). Und das beste an all den Lüftungsmaßnahmen ist, dass sie die FrEiHeIt nicht einschränken!

Großveranstaltungen: Superspreading für den guten Zweck?

Benefizkonzert am Wiener Heldenplatz, 27. März 2022 – zum Masken tragen wurde aufgerufen, gehalten haben sich daran leider zu wenige.

Schon beim Konzert vor einer Woche im Ernst-Happel-Stadion mit 40000 Zuschauern wurde kaum Maske getragen. Enttäuschend, dass auch der Vorsitzende der Bierpartei, Marco Pogo, die Gelegenheit nicht genutzt hat, ein paar Worte ans Publikum zu richten. Ein paar Leute haben auf Twitter gewarnt, nachweislich sind auch Infektionen passiert. Dieses Mal sollte es anders laufen. Die Veranstalter haben zur Maskenpflicht aufgerufen, aber anders als beim stillen Kerzenlicht halten für wenige Minuten im Dezember am Ring kamen die Zuschauer offenbar größtenteils wegen der Musik, und es ist logisch, dass sie nicht stundenlang still am Platz sitzen oder stehen, sondern essen und trinken, sich laut unterhalten. Während das größte Krankenhaus Österreichs auf Notbetrieb läuft, findet also ein riesiges Konzert statt und zehntausende Menschen stehen beieinander größtenteils ohne Maske. OMICRON ist ein eigener Serotyp, BA.2 ist nicht mehr vergleichbar mit dem Wildtyp, was Infektiösität betrifft. Es ist fast so ansteckend wie Masern und verbreitet sich über die Luft. Und auch wenn es im Freien verdünnt wird, konnte doch nachgewiesen werden, dass im zeitlichen Umfeld zu Fußballspielen, Konzerten und Covidleugner-Demonstrationen die Infektionsraten angestiegen sind. Das macht keine Ausnahme, nur weil das Konzert für einen guten Zweck gedacht wurde. Es tut mir leid, hier den Spielverderber spielen zu müssen. Ich finde das Signal, durch hohe Teilnahmerzahlen die ukrainische Bevölkerung aufzubauen, grundsätzlich wichtig, aber nicht in der schweren pandemischen Welle, in der wir uns derzeit befinden. Wir haben Pandemie und Krieg gleichzeitig. Das ist unendlich scheiße, das verkompliziert die Hilfe vor Ort, das in Sicherheit bringen der Geflüchteten, die medizinische Versorgung selbst in den Ländern, die aktuell Zuflucht und Sicherheit bieten wollen, aber gleichzeitig die Maßnahmen weitgehend fallen lassen.

Es steht zu befürchten, dass durch solche Superspreaderereignisse neben den 6000er Inzidenzen in den Schulen so ein Abflachen der aktuellen BA.2-Welle weiter verzögern, weitere Anstiege in den Spitälern erzeugen und weitere langwierige Heilungsverläufe selbst bei Geimpften.

Covid19 ist kein harmloser Schnupfen und wird das auch nicht so schnell werden. SARS-CoV2 greift die Gefäße und Organe im ganzen Körper an, alle Bereiche mit Epithelialgewebe, das ACE2 produziert, welches von SARS-CoV2 als Eintrittspforte genutzt wird.

Wenn Dein Körper eine Stadt ist, dann ist Covid19 eine Krankheit, die all den Beton und Asphalt in der Stadt angreift:

Es gibt also gute Gründe, eine Infektion zu vermeiden, und es nicht darauf anzulegen, eine nur vorübergehende Immunität zu erzeugen, aber viel eher die Gefahr, dass das Virus sich im Körper festsetzt und längere Zeit für Beschwerden sorgt. Hinzu kommt das Problem, dass man nach einer Infektion für mindestens sieben Wochen auf elektive Eingriffe verzichten sollte, weil es die Gefahr von Lungenentzündungen erhöht. Das trifft vor allem Personen, die einen Eingriff geplant hatten (wenn er nicht ohnehin wiederholt verschoben werden musste), sich jetzt aber durch die hohen Infektionszahlen vorher angesteckt haben.

Auf LongCOVID für den guten Zweck kann ich verzichten. Ich kann auch ohne Konzert spenden, weil es in dieser Phase der Pandemie das Vernünftigere ist. Wenn die Infektionszahlen einmal unten sind, ist das eine andere Sache, aber nicht jetzt. Nicht jetzt. Mit welchem Argument soll man jetzt noch Infektionsvermeidung in den Schulen fordern? Wer kann künftig noch glaubwürdig gegen maskenlose Covidleugnerdemonstrationen auftreten?

AKH ist auf Notbetrieb. Ist allen klar, was das heißt? Für Personen, der lebensnotwendigen Eingriffe monatelang verschoben werden müssen, kann es irgendwann zu spät sein. Es betrifft eben auch NichtCOVID-Patienten. Es betrifft uns alle.

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