Tag 686: Lasst uns reden – über Herdenimmunität!

Dieser Text ist eine Übersetzung von Epidemiologe David Steadson (26.01.22) – angepasst auf Österreich [Bilder von mir]

Doch lasst uns zuerst über Herden reden. Hier ist eine Kuhherde.

Schneealpenhaus auf der Schneealpe, Alpenostrand – Sommer 2015,
als uns bis auf Adorno die Welt noch in Ordnung schien.

Doch, wenn man genau hinschaut, ist es nicht eine Kuhherde. Es sind mindestens zwei Kuhherden:

Was führt dazu, dass wir es mit unterschiedlichen Herden zu tun haben? Dieses Ding da: ein Zaun.

Herden sind eine Gruppe von Tieren, die zusammenbleiben. Die Kühe auf einer Weide vermischen sich nicht mit den Kühen auf der anderen Weide. Der Zaun hält sie getrennt. Es sind verschiedene Herden.

Wie funktioniert Herdenimmunität?

Stell Dir vor, die hier markierte Kuh ist nicht sehr gesund. Lasst sie uns Tante Gretl nennen. Tante Gretl war oft krank, seit sie klein war. Doch sie hat es überlebt und Du magst sie weiterhin sehr, und sie ist ein geschätztes Mitglied der Herde.

Stell Dir eine bösartige Krankheit vor, die bei der Kuhherde jenseits des Zauns ausgebrochen ist. Nennen wir sie Cowsick-19. Nun sind die meisten unserer Herde jung und gesund. Sie werden wahrscheinlich wieder gesund, wenn sie Cowsick-19 bekommen. Doch Gretl? Sie wird sterben. Du willst nicht, dass Tante Gretl Cowsick-19 bekommt. Wie kannst Du Tante Gretl schützen? Zunächst einmal solltest Du sie offensichtlich von all den kranken Kühen auf der anderen Seite des Zauns fernhalten. Dann können diese sie nicht anstecken.

Doch was passiert, wenn einer von ihrer Herde zum Zaun wandert und das Virus von der kranken Herde einatmet? Diese Kuh, nennen wir sie Kuh Hanna, geht zurück zur Herde und jetzt hast Du zwei kranke Herden. Und Tante Gretl wird krank…und stirbt.

Doch was wäre, wenn Kuh Hanna immun ist? Sie bekam Cowsick-19 als Kind. Sie wandert zu den kranken Kühen und wird nicht infiziert! Wenn sie zurück zu Gretl und zur restlichen Herde geht, kommt das Virus nicht mit ihr mit. Gretl wird nicht infiziert! Tante Gretl ist eine glückliche Kuh.

Doch was passiert, wenn Helga, eine Kuh der anderen Herde, durch den Zaun schlüft und zu Gretls Herde wandert? Kuh Hanna könnte immun sein? Doch die anderen sind es nicht.

Helga infiziert nun die Kuh neben ihr, die es an die nächste weitergibt, bis es eine Kuh an Gretl weitergibt.

Tante Gretl wird krank … und stirbt ….

Stell Dir nun stattdessen vor, dass die anderen Kühe wie Hanna wären, und dass sie auch immun wären. Wenn Helga nun zu ihnen wandert, werden sie nicht infiziert. Sie können es niemals an Tante Gretl weitergeben.

Die Herdenimmunität schützt Gretl. Wie erhält man Herdenimmunität? Man braucht eine Mauer an immunen Kühen rund um Gretl. Sie können so immun sein wie Hanna, beispielsweise, die jung infiziert wurde und deren Immunsystem gelernt hat, die Krankheit zu bekämpfen. Oder man könnte die Kühe impfen: Im wesentlichen dem Immunsystem vortäuschen, dass man infiziert wurde, sodass es trainiert, wie es das Virus besiegt. Die arme Tante Gretl jedoch – sie kann nicht geimpft werden wegen ihrer „Vorerkrankung“, doch wird sie von der Herde geschützt!

Es könnte natürlich passieren, dass Helga herkommt und Tante Gretl direkt infiziert, doch wissen wir, dass wir bei genug Kühen in der Herde, die gegen Infektion immun sind, die Ausbreitung hier stoppen und verhindern, dass es auf andere Tiere überspringt, die anfällig sein könnten. Sobald man die „Herdenimmunitätsschwelle“ erreicht hat, wird das Virus aussterben statt alle zu infizieren, und die große Mehrheit (hoffentlich alle!) in Deiner Herde, die nicht immun sind, werden sicher sein. Die Immunitätsmauer wird sie schützen.

Doch was macht man ohne Zaun? Was ist, wenn alle Kühe sich frei bewegen und umherwandern können? Nun dann wird Tante Gretl wahrscheinlich infiziert werden. Sie trifft früher oder später auf eine infizierte Kuh.

Wir haben keinen Zaun!

In Wirklichkeit hast Du keine zwei Herden – Du hast eine Herde und das Virus wird sich ausbreiten.

Derzeit reden Länder auf der ganzen Welt davon, „Herdenimmunität“ zu erreichen, indem man OMICRON durchrauschen lässt. Hier ist eine Karte vom Alpenraum: Eine österreichische Herde, eine tschechische Herde, eine slowakische Herde, eine deutsche Herde, eine slowenische Herde, eine ungarische Herde, eine italienische Herde, usw.

Wo sind die Zäune? Werden die Herdenmitglieder ferngehalten oder können sie sich frei bewegen?

Hier ist ein Bild von einem startenden Linienflugzeug:

Hier noch eins …

Kurz vor Pandemiebeginn wurden noch neue Passagierrekorde aufgestellt. In den ersten Tagen vom Lockdown sanken die Flugbewegungen auf Nahe Null ab.
Terminal 1 am Flughafen Wien, 18. April 2020

Erst im Sommer 2020 stieg das Flugaufkommen wieder deutlich, bis vor dem zweiten Lockdown im Herbst 2020 erreichte man rund 50-60% des Vorkrisenniveaus. Seitdem sind die Flugbewegungen nicht mehr so stark abgesunken wie vorher – trotz Lockdown.

Auch wenn das Passagieraufkommen im Vergleich zum Vorkrisenniveau immer noch um 60% geringer ist, landen und starten monatlich wieder rund eine Million Menschen am Flughafen Wien. Ein Teil sind Transitpassagiere, ein Teil bleibt hier. In Österreich läuft der Charterverkehr im Winter weiter, um den wichtigen Wintersporttourismus aufrechtzuhalten, das betrifft speziell Salzburg und Innsbruck.

Dazu kommen die Grenzübertritte von Deutschland her, vor allem Touristen und einiger Pendler aus Bayern, und zum Balkan bzw. Osteuropa, wo es sich überwiegend um Pendler handelt.

„Österreich ist keine Herde.“ Es spielt keine Rolle, ob 90% der Österreicher „immun“ werden, wenn ständig Millionen von Menschen das Land betreten und verlassen. Es wird keine „Mauer der Immunität“ geben, um die Schwachen zu schützen. Um eine Herde zu besitzen, braucht man einen Zaun.

Ironischerweise kritisieren viele derer, die eine „Herdenimmunität“-Strategie bewerben, um Covid zu besiegen, Länder wie Neuseeland, die eine der nötigen Dinge getan haben – sie haben einen Zaun gebaut. Neuseeland könnte also Herdenimmunität erreichen. Jedes Land mit offenen Grenzen und viel Bewegung innerhalb der Bevölkerung kann das nicht. Es ist einfach unmöglich. Es ist *ebenso* unmöglich, wenn Mitglieder der Herde weiterhin infiziert werden können und es an Schwächere weitergeben. Es gibt keine Mauer der Immunität.

Was meinen jetzt alle, wenn sie sagen, dass „Land x“ bald Herdenimmunität erreichen wird? Sie haben es umdefiniert – auf zwei Wegen….

  1. Sie haben den Teil gekübelt, dass es eine Strategie wäre, um vulnerable Menschen zu schützen
  2. Sie ignorieren die Tatsache, dass viele geimpfte Menschen und die meisten Menschen 6-12 Monate nach durchgemachter Infektion (mit OMICRON womöglich weniger) weiterhin infiziert werden und das Virus auf andere übertragen können.

Das Virus wird *immer* eine Menge Menschen haben, die es infizieren kann. Unter diesen Umständen wird das Virus nie aussterben. Derzeit ist die Strategie nicht, die Vulnerablen zu schützen, noch ein Immunitätslevel zu erreichen, sodass das Virus ausstirbt. Das ist nicht Herdenimmunität.

Die aktuelle Strategie im Westen ist, dass jeder infiziert wird. Die Vulnerablen? Solche, die nicht geimpft werden können (oder konnten)? Man lässt zu, dass sie infiziert werden, und falls unumgänglich, sterben.

Letzendlich ist die „Hoffnung“, dass jeder mit erhöhtem Risiko für schwere Verläufe oder Tod infiziert wird, und viele sterben werden. Alle anderen bekommen lediglich eine „milde“ Version von COVID, wobei sie das durch Impfung und/oder Infektion angekurbelte Immunsystem davor bewahrt, ernsthaft krank zu werden. Nochmals: Jeder mit erhöhtem Risiko für schwere Verläufe oder Tod wird sich anstecken, und überlebt das entweder oder stirbt. Es gibt wenig Bemühen, das zu beenden. Der Ball liegt einzig und alleine beim Gesundheitspersonal. Das ist der Plan in Europa, in Australien und in den USA.

Wenn ich „Hoffnung“ sage, meinte ich das wirklich so. Dieser „Plan“ hängt von Hoffnung ab. Die Hoffnung ist, dass das Virus nicht so mutiert, dass es tödlicher wird. Es ist wichtig zu betonen, dass es keine wissenschaftliche Grundlage dafür gibt zu glauben, dass dies wahrscheinlich ist. Sicherlich ist es möglich, aber das ist letztendlich Zufall. Und jede Infektion, die wir erlauben, ist eine weitere Gelegenheit (tatsächlich sind es tausende), ermöglicht es dem Virus zu mutieren – im guten wie im schlechten Sinn.

Herdenimmunität wird sich nicht einstellen. Das ist eine Lüge. Wie ich im November sagte, was wir diesen Winter sehen, werden wir jeden Winter erleben (und an vielen Orten auch zu anderen Zeiten), bis wir entweder unsere Strategien ändern oder bessere Impfstoffe bekommen.

Fall nicht auf Hopium herein.

Es ist ein riesiger Haufen von Scheiße.

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