Tag 685: Endemie, aber zu welchem Preis?

Nachwehen pandemischer Wellen (Grafik vom Beginn der Pandemie) – inzwischen sind wir in der fünften Covid19-Welle. Was hier gänzlich fehlt, ist LongCOVID.
Wovor hat man als Geimpfter derzeit Angst? Valide Gründe, weiterhin vorsichtig zu sein.

Derzeit mehren sich Expertenmeinungen, dass nach der OMICRON-Welle alles vorbei ist. OMICRON wird als Beweis für eine deutliche Abschwächung der Krankheitslast („mild“) und den Übergang zu einem „harmlosen Schnupfen“ angeführt, der in saisonalen Wellen wiederkehrt und aufgrund der breiten Bevölkerungsimmunität durch Impfung oder Infektion gut beherrschbar sein wird. Ich sehe eine gewisse Skepsis aber weiterhin angebracht, denn es gibt auch anderslautende Meinungen und vor allem Beobachtungsdaten, die Anlass zur Sorge geben. Es wird nämlich so getan, als ob die OMICRON-Durchseuchung alternativlos ist und man sich nur zurücklehnen müsste, und die Pandemie würde ganz von selbst zu Ende gehen. Es gibt neben vielen Zwischentönen wissenschaftlich begründete Skepsis und ideologisch bedingtem Fatalismus. Weiterhin ein harter Kampf zwischen John Snow-Anhängern und Great-Barrington-Ideologen. Wie könnten die kommenden Monate und Jahre aussehen? Wie geht es nach der OMICRON (BA.1)-Welle weiter?

Optimistisch gestimmt bin ich erst, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:

  • Globale Impfstoffgerechtigkeit: Verteilung und Wirksamkeit (vgl. Sputnik/Sinovac in Russland/China, Teilen Osteuropas, AZ/JJ-Restbestände für Afrika)
  • Long COVID als Grund für Strategiewechsel (Inzidenzen dauerhaft niedrig halten, reduziert nebenbei Potential und Ausbreitung von Varianten)
  • Aerosol-Übertragung als Grundlage für angepasste Maßnahmen (weg von der Eigenverantwortung)
  • Wirksame Medikamente im Frühstadium einer Infektion in großer Zahl vorhanden
  • Nasale Impfstoffe, die sterile Immunität erzeugen
  • Impfstoffe für jede Altersgruppe (auch unter 5 Jahren)

Normales Leben, aber für wen?

Stellvertretend für moderaten Optimismus drei Aussagen vom 25.01.22

Virologin von Laer: Die zahlreichen Ansteckungen derzeit und die Impfpflicht stimmen die Virologin Dorothee von Laer optimistisch. Neue Varianten des Coronavirus werde es zwar weiterhin geben, Auffrischimpfungen mit angepassten Impfstoffen werden aber deutlich seltener notwendig sein, so die Virologin der Uni Innsbruck. Ein „normales Leben“ könne bereits im Herbst möglich sein.

Virologe Krammer: Ich bin aus den gleichen Gründen auch recht zuversichtlich, aber man weiss nie welche ‚Überraschungen‘ a la Delta und Omikron in der Zukunft auftauchen werden.

Molekularbiologe Martin Moder: Ich halte das auch für nicht unrealistisch. Eine so verbreitete Immunität wie wir sie Ende des Winters haben werden bedeutet schon eine andere Situation als die, die wir mit den bisherigen Immunitätslücken hatten.

Versuch einer differenzierten Antwort aus Laiensicht, aber gewürzt mit aktuellen Beobachtungen:

Grundsätzlich stimmen mich viele Ansteckungen nicht optimistisch, sondern betrüblich, wie viele Familien mit teilweise ungeimpften Kindern oder immunkranken Angehörigen sich jetzt zwei Jahre erfolgreich schützen konnten, aber nun über Kindergarten und Schule sozusagen durch die Hintertür angesteckt haben. Genauso wird vergessen, dass viele Ungeimpfte, darunter auch einige Kinder, mit LongCOVID rechnen müssen. Und es gibt jetzt schon viel zu wenig Ärzte, die sich damit auskennen – Wartezeiten von einem halben Jahr und länger für Facharzttermine. OMICRON ist nicht mild.

Berichte aus Dänemark zeigen, dass man sich nach einer Infektion mit BA.1 innerhalb weniger Wochen mit BA.2 anstecken kann, weil sich beide Subvarianten an 28 Stellen im Spike-Protein unterscheiden. Weitere Subvarianten wie BA.3 oder BA 1.1. verdrängen regional ebenfalls die sonst dominante BA.1-Hauptvariante. OMICRON ist keine Weiterentwicklung von DELTA, sondern ging aus der ALPHA-Linie hervor, die immer noch schwerere Verläufe als der Wildtyp macht. SARS-CoV2 wurde damit nicht harmloser, sondern hat lediglich DELTA zumindest vorübergehend zurückgedrängt. OMICRON entstand wahrscheinlich in einem chronisch kranken Menschen (HIV-Patient), dessen Immunabwehr das Virus über längere Zeit nicht zurückdrängen konnte. Viele Menschen sind chronisch krank, viele nicht geimpft, in Afrika, aber unglücklicherweise auch unter den sogenannten Impfgegnern und Covidleugnern. Das Reservoir für weitere Varianten, die wie DELTA und OMICRON den Immunschutz signifikant unterlaufen können, ist also gegeben.

Hohes Niveau an COVID-Patienten gefährdet Regelbetrieb

Denn dann stellt sich die Frage, was das Ziel langfristig sein soll? Ich seh das als Grundsatzdiskussion, die einfach nicht geführt wird, weil sie nicht ins bisherige Narrativ der Bundesregierung passt. Die hat gesagt, mit der Impfung ist die Pandemie vorbei und möchte möglichst wieder dieselbe Bewegungsfreiheit für Dreifachgeimpfte wie vor der Pandemie. Aufgrund der Abhängigkeit vom Gesundheitssystem sehen wir, dass das zu vereinfacht gedacht ist, denn sobald mehr als rund 10% Covid-Patienten im Krankenhaus behandelt werden müssen, wird der Regelbetrieb eingeschränkt und es kommt zu Kollateralschäden bei Nichtcovidpatienten. Das wird insbesondere derzeit vergessen, wenn aufgrund der niedrigen Covid-Belegung nach Lockerungen gerufen wird.

Ein zweiter Punkt, der gerade durch OMICRON sichtbar wird, welches auch Dreifachgeimpfte für einige Tage oder wenige Wochen in den Krankenstand zwingen kann, ist die in die Knie gezwungene kritische Infrastruktur. Darum bleibt Infektiologe Greil in Salzburg ein Fels in der Brandung, indem er weiterhin einen „harten Kurs“ fordert. Die verfügbare Kapazität für Covid- und Nichtcovid-Patienten wird nämlich jetzt nicht nur durch die Anzahl der Patienten bestimmt, sondern auch die Krankenstände der Mitarbeiter – was übrigens alle Firmen betrifft, nicht nur das Gesundheitswesen. Es gefährdet z.B. auch schwerbehinderte Menschen, die auf fremde Hilfe (Assistenz) angewiesen sind, wenn ihre Helferinnen und Helfer selbst erkranken oder ansteckend sind. Im übrigen ist es unverständlich, dass es im Gesundheitswesen nicht schon seit letztem Jahr eine Impfpflicht gibt.

Ein dritter Punkt ist, dass Covid-Patienten von Nichtcovid-Patienten isoliert werden müssen, was auch wieder Ressourcen bzw. Räume in Anspruch nimmt. Und der vierte Punkt ist: Es gibt nicht nur Covid19! Schon bisher kamen die Spitäler vor allem im Winter durch Influenzawellen unter Druck. Es muss uns klar sein, dass mit dem Ende aller infektionseinschränkenden Maßnahmen auch die Influenza wieder epidemische Ausmaße erreicht. In der kalten Jahreszeit sind wir dann mit Influenza und Covid19 gut bedient, und die Überlastung im Normalbetrieb ist absehbar.

Wofür war die Herdenimmunität alias Impfung gedacht?

Bitte um Klartext: Wenn es nur um den Schutz gesunder Menschen geht, die nach einer (dreifachen) Impfung eine ausreichende Grundimmunität gegen schwere Verläufe und LongCOVID aufbauen können, dann soll man das offen sagen. Dann ist unser Kurs aber auch klar sozialdarwinistisch bis eugenisch angehaucht. Dann opfern wir für eine gesunde Mehrheit eine kranke Minderheit, die sich trotz Impfung nicht ausreichend schützen kann. Mehr als das: Da die bisherigen Impfstoffe keine sterile Immunität erzeugen und sich wegen der global unzureichenden Impfquote, zusätzlich erschwert durch minderqualitative Impfstoffe mit dem Reise- und Warenverkehr immer wieder größere Ausbrüche ereignen können, opfern wir auch mittelfristig die Perspektive dieser Minderheit, die immerhin mehrere zehntausend Menschen umfasst. Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wird verwehrt. Sie war wahrscheinlich vorher schon eingeschränkt, da natürlich auch andere Viren zirkulieren. Covid19 bringt eine weitere, potentiell lebensgefährliche Komponente ins Spiel. Mit einer Niedriginzidenzstrategie würde man die Lebensqualität dieser großen Minderheit bedeutend verbessern.

Davon abgesehen beginnt die Diskussion um Normalisierung zu früh:

  • 25% der Bevölkerung ist noch ungeimpft
  • Erst 48% hat die dritte Impfdosis erhalten
  • Weniger als 20% der unter 15jährigen hat zwei Impfdosen erhalten
  • Die unter 5 jährigen haben noch keine zugelassene Impfung

Ohne ansteckendere Varianten hätte die Durchimpfungsrate womöglich ausgereicht, mit den Varianten ist es zu wenig.

In der öffentlichen Diskussion sind „Risikogruppen“ und „ungeimpfte Kinder“ aber kein Thema mehr. Zugespitzt geht es nur darum: „Uns geht es so schlecht wegen den Einschränkungen„, dabei geht es uns wegen der Pandemie schlecht und weil wir seit anderthalb Jahren Maßnahmen aufrechterhalten, die entweder unwissenschaftlich begründet sind oder dort, wo sie sinnvoll sind, umgangen werden:

  • Testpflicht wurde durch die Sozialpartner immer wieder aufgeweicht statt größere Kapazitäten zu fordern
  • Vermeintliche Arbeitnehmerinteressen werden vertreten, indem man nach Impfung oder Test die Maskenpflicht fallen lässt. Weil es für sie dann „leichter“ alias bequemer wird. Bei Reinigungskräften oder Handwerkern, die körperlich stundenlang arbeiten, hat man Verständnis, wenn sie es mit der Maskenpflicht nicht so genau nehmen, bei Pflegern und Ärzten erwartet man, dass sie 12 Stunden lang nichts essen oder trinken, immer wieder stark übergewichtige Patienten im Bett drehen müssen und jederzeit für Überstunden auf Abruf stehen.
  • Selbst abgenommene Tests lassen sich leicht fälschen, Impfpässe werden im großen Stil und teils recht unverfroren in Impfstraßen gefälscht. Masken werden falsch, unter der Nase oder wochenlang getragen, auch von Menschen, die gut verdienen und sich einen regelmäßigen Maskenwechsel locker leisten könnten
  • In der sogenannten Risikogruppe befinden sich aber nicht nur alte und bettlägerige Menschen, sondern alle Altersgruppen, die „mitten im Leben stehen“, zur Schule gehen, unterrichten oder vor der Pandemie beruflich aktiv waren. Diese kann man nicht schützen, indem man sie zuhause wegschließt. Dauerhaft viele Fälle heißt, Familien bekommen es über die Kinder wie jetzt mit OMICRON, und auf Assistenz oder Pflege angewiesene sind ebenfalls ständiger Ansteckungsgefahr ausgesetzt. Wer kein Homeoffice machen kann, und keine Kinder hat, ist durch berufliche Kontakte gefährdet.
  • Dazu kommt die „neue“ Risikogruppe durch Spätfolgen einer Covid19-Infektion. Wie wirkt sich das künftig auf die Krankheitslast aus, wenn die hunderttausenden alleine in Österreich durch schwere Verläufe und LongCOVID geschädigten Betroffenen nun auf Influenza oder andere Infektionskrankheiten treffen? Wie gut verkraften LongCOVID-Patienten Reinfektionen? Wann kommt eine breite Impfkampagne für Influenza, die mindestens eine ähnliche Impfquote wie bei Covid19 erzeugt? Umgekehrt besteht die Gefahr, dass der harte und verlorene Kern an Covidleugnern, Impfgegnern und Esoterikern auch andere notwendige Impfungen ablehnt. Kommen die Masern zurück?

Wenn das grundlegende Ziel mit intaktem ethischen Kompass der Schutz der Schwächeren, der chronisch Kranken, der Immunschwachen sein soll, dann ist der momentan vorgeschlagene Ansatz, Covid19 auf diesem Infektionslevel endemisch werden zu lassen, ein Widerspruch in sich. Wer bewegt sich als Erster und kritisiert das offen?

Kann SARS-CoV2 überhaupt endemisch werden?

Es herrscht unter Experten keinewegs Einigkeit, dass SARS-CoV2 überhaupt einen endemischen Zustand erreichen kann. Endemisch heißt zudem, nicht, dass es vorbei ist, dass man auf Covid19 nicht mehr achten muss, sondern das Gegenteil: Das Virus wird immer präsent sein und man wird dauerhaft ein Monitoring brauchen und bei größeren Ausbrüchen auch wieder Einschränkungen.

Wer sich ein Abo gönnen mag oder anderwertig Zugriff hat, kann diesen Artikel von Raina MacIntyre, Professorin für Biosecurity an der Universität NWS, Australien, lesen. Sie bezweifelt, dass SARS-CoV2 endemisch werden kann. Greg Ip widmet sich hingegen der Frage, was endemisch für uns langfristig heißt: Vergangene Prognosen über ein Pandemieende erwiesen sich als falsch, weder haben Impfungen die Herdenimmunität gebracht, infektiösere Varianten waren nicht weniger tödlich und DELTA war nicht die letzte Welle. Langfristig erzeugt SARS-CoV2 immer mehr Langzeitkrankenstände und schädigt damit auch die Wirtschaft. Das verbleibende Personal wird zusammengespart und ist schneller überlastet. Dazu kommen die akuten Personalmängel im Gesundheitswesen. Aris Katzourakis warnt, dass endemisch nicht harmlos bedeutet. Auch Malaria und Polio sind endemisch. Pocken waren es, bis sie durch Impfungen ausgelöscht wurden. Derzeit wird „endemisch“ vor allem als Ausrede gebraucht, nichts mehr zu tun. Dabei heißt das nicht, dass der Zustand künftig stabil ist. Es kann immer noch schwere Ausbrüche geben. Selbst wenn eine Region ein Gleichgewicht erreicht (niedrige oder hohe Fallzahlen), könnte das gestört werden, wenn eine neue Virusvariante das Feld betritt.

Er plädiert dafür, dass 1. faulen Optimismus abzustellen, 2. realistisch darüber zu sein, wie hoch das Niveau von Tod, Behinderung und Krankheit künftig sein wird. Infektionsreduktion geht auch mit verringerter Gefahr neuer Varianten einher. 3. Global braucht man effektive Impfstoffe, antivirale Medikamente, Tests und ein besseres Verständnis darüber, wie man Aerosol-Übertragung stoppen kann. Das kommt uns nicht nur gegen Covid, sondern auch RSV, Influenza, etc. zugute, wie etwa ein Paradigmenwechsel, was gute Raumluftqualität betrifft (Schulen, Bürogebäude). Viertens brauchen wir Impfstoffe, die breitflächig gegen Varianten wirken.

Statt sich in Fatalismus zu üben, sich zurückzulehnen und dem Virus weiterhin Gelegenheit zu geben, uns auszutricksen, sollte man mehr dafür tun, sicherzustellen, dass das nicht passiert. Czypionka et al. (2022) hat darauf eine Antwort gegeben, wie man das am besten tun kann.

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