Tag 764: Faktencheck Epidemiologe Gartlehner, zib2 (14.04.22)

Quelle: Josh Trebach, @jtrebach (Notarzt)

Das ZiB2-Interview von Margit Laufer mit Epidemiologe Gerald Gartlehner von der Donau-Uni Krems am 14. April 2022 (ORF-Transkript) markiert einen weiteren traurigen Höhepunkt in der Pandemieberichterstattung in Österreich. Ein Paradebeispiel für PLURV (Desinformation) und zudem ein weiterer Rückschritt in der Aufklärung über Grundlagen zu SARS-CoV2. Wie wird es übertragen, wie gefährlich ist es für Kinder, welche Langzeitfolgen drohen und wie geht es weiter? Gartlehner ist auch ein gutes Beispiel für “Mixed Messages”: Fakten werden gemischt mit Desinformation, sodass für Laien nicht mehr erkennbar ist, was Tatsachen sind und was Behauptungen. In meiner Zitatsammlung zieht sich diese Verwirrungsmethode durch die ganze Pandemie.

Epidemiologe Gartlehner

Gartlehner wurde in Steyr, Oberösterreich, geboren und zählte weltweit zu den meistzitierten Forschern und Forscherinnen in den Jahren 2020 und 2021. Diesen Titel teilt er mit Gesundheitswissenschaftler John Ioannidis von der Stanford University, der im ersten Pandemiejahr umstrittene Aussagen zu Lockdowns getroffen hat und mit Ex-AGES-Public-Hell-Chef Allerberger mehrere Artikel verfasst hat. Gartlehner besitzt wie Sprenger eine lange Liste an wissenschaftlichen Arbeiten, die er als Autor oder Co-Autor mitverfasst hat. Wie man sieht, ist das noch keine Garantie für Expertise. Er studierte Public Health in den USA, seit 2008 ist er Professor für Evidenzbasierte Medizin an der Uni Krems, dort gründete er das Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation, das 2017 in “WHO Collaborating Centre for Evidence-based Medicine” umbenannt wurde. Seit 2010 ist er Direktor von Cochrane Österreich, das auch die Faktencheck-Seite Medizin-Transparent betreibt.

Evidenzbasiert klingt ehrenwert, aber auch das ist kein Garant für seriöse Wissenschaft, wie das “Netzwerk für evidenzbasierte Medizin” im ersten Pandemiejahr zeigte, deren Stellungnahme von Virologe Drosten und Kollegen heftig kritisiert wurde (Podcast Nr. 56, 16.09.20).

Interessenskonflikte

Gartlehner ist regelmäßiger Gast in der ZiB2. Die Cochrane Collaboration stand schon vor Jahren in der Kritik wegen der hohen Anzahl an Interessenskonflikten bei einem Fachartikel. Die Wissenschaftler-Vereinigung gilt als Hort der Unabhängigkeit. Das Cochrane-Institut in Krems und der NÖGUS (Niederösterreichische Gesundheits- und Sozialfonds) richten gemeinsam das jährliche Europäische Forum für evidenzbasierte Gesundheitsförderung und Prävention (EUFEP) aus. Vorsitzender des NÖGUS ist ÖVP-Landeshauptfrau für Niederösterreich, Mikl-Leitner, davor war es der amtierende Nationalratpräsident Wolfgang Sobotka (ebenfalls ÖVP). Im Internet gibt es zahlreiche Bilder von Feierlichkeiten, die Gartlehner gemeinsam mit Mikl-Leitner und Sobotka zeigen. Ob das ein Naheverhältnis bedeutet, stelle ich in den Raum. Es gilt die Unschuldvermutung.

Das Interview

Interessant sind nicht nur die Antworten, sondern auch die Fragen.

Margit Laufer: “Maskenlos bei Konzerten, während MitarbeiterInnen im handel, wenn es keine anderen Schutzvorrichtungen gibt, weiter Maske tragen müssen. Ist das nachvollziehbar?”

Neben dem Wiener Grünen-Politiker, der gleich nach dem Heldenplatzkonzert sinngemäß getweetet hat, dass die Pandemie für den Großteil der (jungen) Leute vorbei wäre, der GPA-Vorsitzenden, die genau diese Frage oben gestellt hat, und nun die Einstiegsfrage für das Interview in der wichtigsten Nachrichtensendung des Landes – das alles bestätigt leider die Befürchtungen, dass dieses Konzert und das davor im Stadion zum Anlass genommen werden, um die Maskenpflicht generell in Frage zu stellen.

Gartlehner bezeichnet die Öffnungsschritte als “sicher gerechtfertigt” und begründet es mit der sehr steilen Bewegung der Infektionszahlen nach unten in allen Altersgruppen.

Fakt: Die Zahlen sinken, aber die Zahl der Neuinfektionen pro Tag ist immer noch hoch!

Quelle: ORF, Laborbestätigte Fälle pro Tag, R(eff), seit Mitte Dezember 2022

Pro Tag sind es immer noch um 10 000 Neuinfektionen. Im Herbst 2021 galt dieser Wert als Schwellenkriterium für einen vierten Lockdown, ohnehin zu hoch angesetzt, weil die Pandemie dann erneut außer Kontrolle geriet. Die Bevölkerung sieht die sinkenden Zahlen und interpretiert sie, als ob die Gefahr vorbei wäre. Tatsächlich stecken sich in der abflachenden Welle weiterhin viele Menschen an, während die Maßnahmen allgemein aufgehoben wurden und Contact Tracing de fakto nicht mehr funktioniert. Das Risiko ist jetzt in der abflachenden Welle sogar größer als im Anstieg der Welle MIT Maßnahmen. Risiko für wen? Die gesamte Bevölkerung ist empfänglich für LongCOVID, Geimpfte etwas weniger, aber nicht wenig genug, um das Risiko einer Infektion einzugehen. Ungeimpfte Kinder und immungeschwächte Personen, dazu zählen chronisch Kranke aller Altersgruppen und ältere Personen.

Im Klartext: Es ist zu früh, die Maskenpflicht aufzuheben. Hier geht es auch um Gesundheitsschutz für die Mitarbeiter, die sich sowohl durch Schulkinder als auch im Sozialraum in der Mittagspause anstecken können.

Gartlehner:In den Volksschulen gibt es eine Studie aus Spanien, dass der Mund-Nasenschutz eigentlich kaum etwas bringt. FFP2-Masken bei den älteren Schülern und Jugendlichen bringen schon etwas, aber das Sozialleben der älteren Kinder und der Jugendlichen ist natürlich so, dass die sich außerhalb der Schulen dann ohnehin privat ohne Masken treffen oder in den Club ohne Masken gehen, d.h., der Zusatznutzen, den man in den Schulen erzielen wird, ist wahrscheinlich relativ gering.

Fakt: Die Spanische Studie (Coma et al., 07.03.22) ist sehr umstritten und besitzt zahlreiche Einschränkungen zur Aussagekraft, u.a.

“Während der Studienperiode wurde jedes Mal, wenn ein positiver Fall detektiert wure, die gesamte Gruppe für 10 Tage in Quarantäne geschickt.”

Die Studie zeigt, dass Quarantäne wirksam ist, sie zeigt nicht, dass Masken nicht wirken würden. Selbst Virologe Drosten kommentierte das Paper kritisch: “Tatsächlich werden aber Schulen mit Masken gegen Kitas ohne Masken verglichen. Man kann aus diesem Ansatz keine Aussage ableiten.” (Tweet, 18.03.22) Ein fast zeitgleich publiziertes Paper beweist das Gegenteil. Drosten kritisiert, dass Einzelpersonen ohne diese Studien ohne kritische Einordnung zitieren und verbreiten. Am Ende landen sie dann durch den meistzitierten Forscher der Pandemie in der ZiB2. Dieser hatte sich schon am 21. Februar 2021 in der Diskussionssendung “Im Zentrum” auf eine dänische Masken-Studie bezogen, die Aussagen zur Unwirksamkeit von Masken aber nicht hergab.

Davon abgesehen geht es auch um Schattenfamilien mit Kindern und Erwachsenen, die der Risikogruppe angehören, und um Lehrerinnen und Lehrer, die LongCOVID und schwere Verläufe nach Möglichkeit vermeiden wollen. Zusatznutzen also für wen? Für alle, die sich weiterhin schützen wollen oder müssen, auf jeden Fall. Von den Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren haben erst knapp 22% die zweite Impfung bekommen. Nachweislich kommt es durch OMICRON vermehrt zu Reinfektionen, anekdotisch trifft es manche Kinder schon das dritte oder gar vierte Mal. Nicht immer werden die Verläufe dabei harmloser. Kinder bleiben der Schlüssel, die Pandemie deutlich und nachhaltig einzudämmen.

Laufer: Gerade dazu sagt heute die Wiener Patientenanwältin Pilz, wenn wir überall indoor über den Sommer FFP2-Maskenpflicht beibehalten würden, dann könnten sich auch vulnerable Gruppen und Kleinkinder bei sinkenden Zahlen sicher fühlen. So sind sie schutzlos wie eh und je. Sehen Sie das auch so?

Gartlehner: “Na ja, das ist natürlich schon ein Abwägen, vulnerable Gruppen müssen ohnehin immer vorsichtiger sein, das ist nicht nur bei Covid, sondern das ist auch bei anderen Infektionserkrankungen. Die gesamte Gesellschaft deswegen sozusagen zum Mund-Nasenschutz, zur Maske über den Sommer verpflichten, ist wahrscheinlich schwer argumentierbar.”

Manche Zitate muss man in ihrer ganzen Härte als direkte Zitate stehen lassen, so stark, wie der Egoismus aus ihnen trieft. Die gesundheitlich vermeintlich bevorteilte Mehrheitsgesellschaft, vorausgesetzt man ignoriert LongCOVID, das jeden treffen kann, soll nicht Rücksicht auf die Schwächeren nehmen. Covid ist eben nicht vergleichbar mit anderen Infektionskrankheiten. Bei Masern und Influenza gibt es zudem klare Pandemiepläne mit Schulschließungen im Krankheitsfall, sonst ist kein Virus so ansteckend und hat so viele Langzeitfolgen wie SARS-CoV2.

Zum Thema Maskenpflicht ändert Gartlehner seine Meinung relativ häufig, wie der Verlauf der Pandemie zeigt:

“Im Bereich der Masken hat Gartlehner seine Meinung um 180 Grad gedreht: „Masken schützen, davon bin ich jetzt überzeugt.“ Das sagen auch die wenigen Studien, die es zu diesem Thema gibt.” (14.10.20, NÖN)

“Auch Gartlehner plädierte dafür, die Maskenpflicht in Innenräumen “als Basismaßnahme” zu erhalten. Das gelte für Schulen wie für alle anderen Innenräume.” (16.2.22, OÖN)

Personen, die Masken nach eigenen Angaben immer in Innenräumen tragen, hatten eine umso geringere Wahrscheinlichkeit, positiv getestet zu werden, desto höher die Schutzwirkung der Maske ist.

Laufer: “Auch nicht in Innenräumen, wo das ja trotzdem noch das gelindeste Mittel wäre, die FFP2-Maske?”

Gartlehner: “Also in Bereichen, wo vermehrt vulnerable Gruppen vorhanden sind, zum Beispiel in den Spitälern, in den Pflegeheimen, in Behindertenwirkstätten, da ist es natürlich wichtig, dass man das macht, aber generell glaube ich, können wir jetzt schon auch einen Weg der Öffnungen gehen.”

Offenbar zählen Vorträge auf der Uni Krems auch dazu, denn für den Vortrag in Präsenz der Cochrane-Co-Direktiorin am 20.04.2022 galt zum Zeitpunkt des Abrufs noch eine FFP2-Maskenpflicht für Zuhörer:

“Ihre Gesundheit ist unser Anliegen. Daher haben wir uns bei unseren Vor-Ort-Vorträgen für eine Maskenpflicht entschieden. Wir bitten um Ihr Verständnis. Eine große Gruppe an Personen an einem Ort zu versammeln, das ist seit Beginn der Coronavirus-Pandemie leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Umso mehr freut sich das MeinMed-Team, die beliebten Vorträge an den Standorten in allen Bundesländern durchführen zu können.”

Wie oben geschrieben – vulnerable Gruppen sind oder waren selbstverständlicher Teil der Gesellschaft, nicht nur Bittsteller und Almosenempfänger. Die Behindertenaktivistin Luisa L’Audace schrieb neulich “Wir werden nicht zufällig vergessen.” (10.04.22)

Ich hatte Gartlehner nach einem ZiB2-Interview am 18. Februar 2021 bereits ein E-Mail geschrieben, wo er behauptet hatte, dass nach der Durchimpfung der vulnerablen Gruppen eine etwas höhere Infektionsrate bei jüngeren Menschen toleriert werden könne.

“Ich habe Ihnen nachfolgend nur einen Bruchteil der Literatur angehängt, die ich zu Covid19 gelesen habe. Wenn ich richtig recherchiert habe, sind Sie der Direktor von Cochrane Austria und damit u.a. auch verantwortlich für Medizin-Transparent, einem Service, den ich selbst schon häufiger in Anspruch nahm, um medizinische Irrtümer auszufindig zu machen. Wie passt dieser Anspruch an seriöse medizinische Fakten dazu, schwerwiegende und häufige Spätfolgen wie Long COVID, die zur vorübergehenden oder dauerhaften Invalidität führen, komplett auszublenden?”

Im Anschluss zitierte ich rund 30 Artikel über Long COVID. Seine Antwort war sinngemäß, dass ich natürlich völlig Recht hätte, dass Sterblichkeit nur ein Parameter wäre, aber auch Lockdownmaßnahmen sehr viel Leid verursachen würden, weil Arbeitslose ein höheres Risiko für Krankheiten und Suizid hätten. Danach kam, dass man mit Covid leben lernen werden müsse, nicht alle negativen Folgen der Erkrankung vermeiden könnte, und das wichtigste wäre, dass das Gesundheitssystem nicht zusammenbrechen würde.

Sein “vulnerable Gruppen schützen”-GreatBarrington-Narrativ zieht sich also schon lange durch die Pandemie. Das Beispiel mit der Arbeitslosigkeit brachte interessanterweise auch Allerberger ein paar Monate vorher in seinem berüchtigten Ö3-Interview (siehe mein damaliger Faktencheck).

Die kommende Frage von Laufer bezieht sich auf den Herbst, das geflügelte Wort für “wir müssen damit leben, Covid zu ignorieren.”, und ob man heuer verhindern könnte, im Herbst überrascht zu werden wie in den Jahren 2020, 2021.

Gartlehner: […] “Ist Omicron dannn überhaupt noch eine meldepflichtige Erkrankung oder gehen wir den Weg, den andere Länder schon gegangen sind und wir behandeln Omicron so wie Grippe?”

Gesundheitsminister und Epidemiologe Lauterbach, SPD, sagte schon am 13. Februar 2022:

„Es wird nicht so sein, dass es jetzt nochmal durchläuft und dann sind wir wieder, wo wir waren, sondern die Welt ist etwas schlechter geworden, weltweit übrigens, wir sind noch am besten geschützt. Wir haben einen Virus, was ansteckender und gefährlicher als die Grippe ist, und die Idee, dass das jetzt immer harmloser wird, demnächst eine Erkältungskrankheit, das ist eine ganz gefährliche Legende, das mag in dreißig, vierzig Jahren so sein, aber nicht für die nächsten zehn Jahre.“

Fakt: Wenn wir OMICRON wie eine Grippe behandeln würden, hätte man längst zahlreiche Schulen und Kindergärten geschlossen.

Kinderarzt und Mitglied im Nationalen Impfgremium, Karl Zwiauer:

„Keine der herkömmlichen und derzeit durch Impfungen bekämpfbaren Kindererkrankungen hat eine so große Krankheitslast wie sie SARS-CoV2-Infektion“.
„Wir können nicht Kinder mit Erwachsenen vergleichen und sagen, Kinder haben eh kein Problem. Wir müssen die Erkrankungen der Kinder mit anderen Kinderkrankheiten vergleichen.“

Hinzu kommt derzeit noch eine auffällige Häufung von Hepatitis-Fällen unbekannter Ursache bei Kindern – nachgewiesen wurden eine Covid19 und/oder Adenoviren-Infektion. Ein Zusammenhang mit SARS-CoV2 gilt als sehr wahrscheinlich.

Seriöse Wissenschaft würde auch darin bestehen, sich die unspezifisch genannten “anderen Länder” anzuschauen, was dort die Folgen der Lockerungen sind, wie hoch die Übersterblichkeit ist, wie viele LongCOVID-Fälle auftreten, ob es zu einer Häufung an sekundären Krankheitsbildern wie Schlaganfällen, Herzinfarkten, Thrombosen und Autoimmunerkrankungen kommt.

Laufer fragt, was für Maßnahmen für den Herbst angedacht werden könnten, etwa vermehrt Luftreinigungsfilter einzusetzen.

Gartlehner: “Es wird im Herbst sehr stark davon abhängen, mit welcher Variante wir es zu tun haben.”

Luftfilter, Aerososol-Überwachung (CO2-Messgeräte), Lüftungsmaßnahmen gelten unabhänig der Varianten und funktionieren auch bei anderen Infektionskrankheiten. Da kann man nicht viel falsch machen. Falsch wäre es nur, gar nichts zu machen.

Gartlehner: “Wenn es Omicron ist, dann wird es in der Bevölkerung noch eine sehr gute Immunität gegen schwere Verläufe geben und wir werden uns relativ leicht tun. Wenn eine neue, eine Variante auftritt, mit der wir vielleicht weniger Immunität haben, dann ist im Prinzip wieder alles möglich […]

Wie gesagt, LongCOVID wird ignoriert. Und grob gesagt hatte derzeit ein Drittel der Gesamtbevölkerung eine OMICRON-Infektion (BA.1 oder BA.2), mit Dunkelziffer vielleicht die Hälfte. Ist das eine sehr gute Immunität, wenn über 4 Millionen Einwohner noch empfänglich gegenüber dem neuen Serotyp OMICRON sind? Da sind die Geimpften übrigens mit dabei, nur 53% sind geboostert, und selbst bei denen lässt der Impfschutz weiter nach.

Gartlehner: “Also wenn es nicht OMICRON ist, dann könnten wir im schlimmsten Fall wieder einen Herbst erleben wie letztes Jahr mit sehr hohen Infektionszahlen, mit überlasteten Spitälern und dann muss man natürlich auch wieder alle nicht-pharmakologischen Maßnahmen wie Lockdowns im schlimmsten Fall, wie Maskentragen, wie Abstand halten wieder genauso einführen.”

Das ist eine sehr schlichte Sichtweise auf die langfristige Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens, das die Folgeschäden von ein- und mehrmaligen Covid19-Infektionen ignoriert, genauso wie die anhaltend hohe Belastung des Gesundheitspersonals. Im kolportierten ruhigeren Sommer – vorausgesetzt, die neuen Varianten, die jetzt schon zirkulieren, lösen nicht schon vorher Wiederanstiege aus – müssen etliche Operationen nachgeholt werden. Dann geht es nahtlos wie in den Vorjahren in die nächste Welle. Ohne Maßnahmen kommen aber auch andere Infektionskrankheiten wie RSV und Influenza hinzu.

Pandemieverlauf seit Beginn, Quelle: Erich Neuwirth

So zeigt der Blick auf den bisherigen Verlauf, dass jeweils mit Aufhebung der Maskenpflicht die Infektionszahlen wieder zu steigen begonnen haben, und zwar ab Juli 2020 bzw. Juli 2021, mitten im Hochsommer. Effektive Basis-Maßnahmen hätten im Sommer beibehalten werden müssen, wie Patientenanwältin Pilz korrekt fordert. Neben der Maske in Innenräumen zählt dazu auch das regelmäßige Testen.

Gartlehner: “Also noch ist keine andere Variante in Sicht, aber ich denke, im Spätsommer sollte sich dann schon abzeichnen, mit welcher Variante wir es im Herbst dann zu tun haben.”

Neue Varianten gibt es jetzt schon: Am Folgetag ein Interview von Virologe Bergthaler im KURIER, wo er auf neue Subvarianten von BA.2 (BA.2.12 und BA.2.12.1) hinweist, die beide um rund 25% infektiöser sein sollen als die Ursprungsvariante. Dazu kommen BA.4 und BA.5, deren Wachstumsvorteil gegenüber BA.2 höher ist als BA.2 über BA.1. Manche Subvarianten enthalten die pathogene Mutation L452R, die bereits bei DELTA gefunden wurde. Das könnte bedeuten, stärkere Immunflucht, höhere Infektiösität und schwerere Verläufe.

Laufer: “Sollten die Quarantäneregeln in Österreich weiter gelockert werden und auch eben diese Isolation auf freiwillig umgestellt werden?”

Gartlehner: “Also wenn Omicron bleibt, dann ist das sicher ein Schritt, den man überlegen muss, weil der Großteil der Bevölkerung erkrankt nicht schwer an Omicron und wir haben sehr viel Immunität jetzt schon aufgebaut. Das heißt, das ist die Frage eben, ob wir auch den Schritt machen sollen, den andere Länder schon gemacht haben, dass wir Omicron oder Corona so wie die Grippe sehen und nicht mehr als meldepflichtige Erkrankung, die zu Quarantäne oder Isolation führt.”

Fakt: Kinder landen drei Mal häufiger im Spital mit OMICRON als mit früheren Varianten, vor allem wegen Atemwegserkrankungen, die Krupp ähneln. (Martin et al., 30.01.22) Die intrinsische Schwere von OMICRON wurde schon von Davies et al. (12.01.22) zwischen ALPHA und DELTA gelegen eingestuft, bei Ungeimpften hat man kürzlich festgestellt, dass die Todesrate ähnlich hoch ist wie beim Wildtyp (Mesfin et al., 14.04.22). Gegenwärtig wirken die meisten monoklonalen Antikörper, die immunkranken Personen als Prophylaxe oder im Akutfall verabreicht werden, nicht mehr gegen BA.2. Paxlovid wirkt noch sehr gut, ist wegen dem hohen Wechselwirkungsprofil aber nicht für alle Patienten gleich gut geeignet. Mit Stand 16. April 2022 sind immer noch 24% der Bevölkerung ungeimpft.

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