Tag 712: Die Regierung verbreitet gefährliche wissenschaftliche Desinformation

Don’t look up! Die Staaten weltweit lassen alle Maßnahmen fallen und ein mutierfreudiges, neutropes Virus mit schwerwiegenden Langzeitfolgen auf hohem Niveau endemisch werden.
Aktueller Stand zu BA.2Screenshot aus meinem Blog (‘teilweise’ wurde nachträglich ergänzt, weil die genannten Studien auf eine gewisse Kreuzimmunität bei BA.1/BA.2 hinweisen. Das Reinfektionsrisiko ist bei ungeimpften Kindern demnach am höchsten)

Laut einer heutigen Presseaussendung von Gesundheitsminister Mückstein soll demnächst die monoklonale Antikörperkombination Evusheld für Immungeschwächte prophylaktisch zur Verfügung stehen. Die Therapie ist aber naturgemäß dann effektiv, wenn sie vor der Infektion bzw. vor der Entwicklung von ersten Symptomen eingeleitet wird. Ein weiteres Problem könnte sein, dass die ab März dominante BA.2-Subvariante von OMICRON die meisten therapeutischen monoklonalen Antikörper wirkungslos macht, darunter auch Evusheld, wie Zhou et al. (15.02.22) explizit schreiben:

“We report here, using a spike protein-pseudotyped lentivirus assay, that Omicron BA.2 is not neutralized with detectable titer by any of the therapeutic monoclonal antibodies, including Sotrovimab and the Evusheld monoclonal antibodies.”

Zum heute bekannt gegebenen Aus der Schutzmaßnahmen ab 5. März 2022 ist wieder einmal ein Faktencheck notwendig:

Faktencheck Begründung des “Freedummsday 05. März 2022”

Die Ausgangslage ist einmal klar: Es herrscht aktuell ein hohes Infektionsrisiko in ganz Österreich. Die Impfquote verharrt seit Wochen bei 76% Erstimpfungsquote und derzeit 52% Boosterquote. Es ist seit der Notwendigkeit der dritten Teilimpfung bekannt, dass nur so die Grundimmunisierung abgeschlossen wird. Ebenso ist seit dem erstmaligen Auftreten von OMICRON Ende November 2021 bekannt, dass auch drei Teilimpfungen sowie generell überstandene Infektionen wenig Schutz vor einer OMICRON-Infektion bieten. Daraus ergibt sich, dass die durch Impfung oder Infektion erhaltene Immunität nur kurzzeitig und keinen anhaltenden Schutz vor Übertragungen bieten.

Pandemiebekämpfung besagt, dass bei manchen Erkrankungen wie Masern und mithilfe von Kreuzimmunität bis zu einem gewissen Ausmaß auch bei Influenza die Herdenimmunität jene Mitglieder der Herde schützt, die entweder ungeimpft sind oder keinen ausreichenden Schutz entwickeln können. Wir haben im ersten Pandemiejahr festgelegt, wer zur Risikogruppe zählt, um sie von Präsenzpflicht im Arbeits- und Bildungswesen freizustellen. Wir haben im zweiten Pandemiejahr zunächst Risikogruppen geimpft, um sie vor schweren Verläufen zu schützen. Mit der nachlassenden Immunität auch bei OMICRON hat sich leider herausgestellt, dass auch schwer immunsupprimierte Menschen weiterhin vor einer Infektion geschützt werden müssen, selbst wenn sie mehrfach geimpft wurden. Dass ihr Immunschutz trotz Impfung unvollständig oder gar nicht vorhanden sein kann, war unabhängig der Varianten schon vorher bekannt. Im dritten Pandemiejahr hat man sich trotz der Fakten entschieden, die Risikogruppen nicht mehr durch Infektionsvermeidung zu schützen. Der Schutz von Risikogruppen wird künftig endgültig zur Privatsache – entweder durch Isolation und damit Aussschluss von der gesellschaftlichen Teilhabe über Jahre hinweg, über eigenes Engagement, um frühzeitig an prophylaktische Medikamente zu kommen, oder über die eigene Durchsetzungsfähigkeit, im Umfeld Rücksichtnahme durchzusetzen, entweder durch freiwilliges Maskentragen und/oder regelmäßige (kostenpflichtige) Tests. Es ist absehbar, dass die Individualisierung der Pandemie nicht überall und nicht dauerhaft aufgehen wird.

Fakt: OMICRON verursacht Hospitalisierungen und LongCOVID.

Man sei trotz hoher Infektionszahlen nicht an die Auslastungsgrenzen gekommen.

Die aktuelle Covid-19-Auslastung der Normalbetten zeigt schon wieder fast so hohe Bettenlegungen wie beim Höhepunkt der DELTA-Welle. Ob die Patienten wegen oder mit COVID-19 isoliert werden müssen, ist unerheblich, da sie von ihnen belegten Räume Nicht-COVID-Patienten nicht zur Verfügung stehen. Dazu kommt der Pflegenotstand, durch COVID-bedingte Erkrankungen, Betreuung kranker Kinder und vor allem Kündigungen wie z.B. am Klinikum Klagenfurt.

Bei den Intensivstationen sind Wien, Burgenland, Tirol, Oberösterreich und Kärnten an oder knapp über der Belastungsgrenze 10% – teilweise müssen schon wieder Operationen verschoben werden. Spielraum für weitere Anstiege ist keiner mehr da. Derzeit gibt es nur sporadisch Influenza-Nachweise in Österreich, weit verbreitet dafür u.a. in Norwegen. Wenn jetzt vor allem die Maskenpflicht verbreitet fällt, während der Reiseverkehr weiter anzieht, könnte das auch die Influenzaaktivität im Spätwinter nochmals erhöhen, und das würden dann auch die Intensivstationen spüren.

Dazu kommt Long COVID. Zwar sinkt das Risiko durch zwei bzw. drei Impfungen deutlich, ist aber eben nicht Null. Bei der niedrigen Boosterquote in Österreich ist fast die Hälfte der Bevölkerung vulnerabel gegenüber langwierigen bis chronischen Krankheitsverläufen.

Fakt: Ein unkontrolliert zirkulierendes Virus gefährdet ungeimpfte Menschen und vulnerable Gruppen.

Massentests werden voraussichtlich Anfang April abgeschafft, die Quarantäne für Infizierte Personen endet dann. Das Infektionsgeschehen soll dann über Abwasseranalysen eingeschätzt werden.

Die Pandemie ist nicht vorbei, wie alle betonen, aber wenn symptomfreie Personen nicht mehr getestet werden, verbreitet sich das Virus ausgerechnet so unerkannt und unkontrolliert über größere Ausbrüche weiter, wie wir seit den ersten Fällen in China im Jänner 2020 schon wissen.

Die künftige Planung, dass sich die Bevölkerung nur noch bei Symptomen testen soll und Infizierte nicht mehr in Quarantäne müssen, wird vor allem Immungeschwächten zum Nachteil, wenn sie prophylaktisch Medikamente bekommen sollen. Immungeschwächte könnten unbemerkt Kontakt zu infizierten Personen haben, sie würden die Infektion dann erst bemerken, wenn sie selbst Symptome entwickeln. Da es Abwasseranalysen nur für Bundesländer und nicht für Bezirke, geschweige denn Gemeinden gibt, ließe sich für den vorsichtigen Bürger dann gar nicht mehr abschätzen, wo das Infektionsgeschehen gerade hoch ist und welche Regionen man besser meidet oder besondere Schutzmaßnahmen ergreift.

Am 21. Jänner 2022 wurde von GECKO-Vorsitzenden Starlinger ein österreichweites PCR-System ab April angekündigt. Die Intention der Bundesregierung ist klar: Das funktionierende Testsystem in Wien, dessen Kosten der Bund übernimmt, soll zerschlagen und neu ausgeschrieben werden, wahrscheinlich wird es künftig dann von einem ÖVP-nahem Unternehmen durchgeführt. Die Versäumnisse der anderen Bundesländer neben Wien sollen verschleiert werden, wenn auch in Wien das frequente Testen wegfällt – nach unten nivellieren nennt man das, wie in vielen öffentlichen Bereichen in Österreich.

Eine andere Interpretationsmöglichkeit: Weil ja die Durchseuchungsstrategie öffentlich zugegeben wurde und es nicht mehr darum geht, Infektionsketten zu unterbinden, wird natürlich auch das häufige Testen in Frage gestellt, wenn sich am Ende ohnehin jeder ansteckt. Warum testen, wenn es keine Konsequenz mehr hat?

Statt die Tests kostenpflichtig zu machen, hätte man auch die Testzertifikate kostenpflichtig machen können – damit wäre klar, dass nur freiwillig Ungeimpfte für Eintrittstests extra zahlen müssen. Wer sich nur testet, um andere zu schützen, würde weiterhin gratis testen können – so wie in Dänemark übrigens auch.

Fakt: Masken als Basisschutzmaßnahme bleiben notwendig und sinnvoll, solange die Pandemie andauert.

Die Maskenpflicht ist seit Montag, 21. Jänner 2022, an allen Schulen gefallen, und soll auch bald im Handel fallen. Sie soll dann nur noch für lebensnotwendige Besorgungen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln gelten.

“My greatest fear at the moment is that countries now have a lemming syndrome & they’ll open on the basis that the country next door opened up, [even though] they don’t have the same situation, vaccine coverage, or health system…& end up opening prematurely”

Dr. Mike Ryan, WHO – ihr wisst schon, das war der, der am Pandemiebeginn gesagt hat, dass man schnell handeln und nichts bereuen soll, 01.02.22

Selbst die GECKO-Kommission hat zugegeben, dass FFP2-Masken sinnvoll sind. Zahlreiche Studien belegen, dass FFP2-Masken das Infektionsrisiko senken (Huang et al., 16.02.22, Ku et al., 22.10.21), sie hätten daher in den Schulen und in weiterer Folge in der Öffentlichkeit nie abgeschafft werden dürfen. Die Befürchtung ist jetzt vor allem, dass man auf Widerstand stoßen wird, wenn sie mit steigenden Fallzahlen erneut eingeführt werden müssten.

Fakt: Die meisten Menschen sterben an COVID, nicht mit.

Besser abschätzen will man künftig auch, wie sich die Infektionen verteilen, wobei beispielsweise auch berücksichtigt wird, ob bei jemandem in einem Spital CoV quasi nur als Nebendiagnose anfällt, die Person also eigentlich aus anderen Gründen in das Krankenhaus gekommen ist. Man sei kurz davor, das dafür geplante Register präsentieren zu können.

Damit erfüllt man einen sehnlichen Wunsch von Covidverharmlosern und Leerdenkern, die behaupten, dass die Mehrheit der Infektionen bzw. Todesfälle nur mit COVID stattfinden.

  • Inzidenzen, Hospitalisierung und Todesfälle sind selbst dann gekoppelt, wenn das Virus bedingt durch die hohen Durchimpfungsraten weniger schwere Verläufe macht. Wenn die Inzidenzen hoch gehen, steigen Hospitalisierung und Todesfälle an. Jeder einzelne Fall ist ein individuelles Schicksal, das es zu vermeiden gilt.
  • Mehr positiv getestete Patienten, egal ob mit oder wegen COVID19, erfordern Isolierungsmaßnahmen, die wieder Bettenkapazitäten für Nichtcovid-Patienten in Beschlag nehmen. Denn man möchte verhindern, dass sich Risikogruppen, die wegen ihrer Grunderkrankung oder unfallbedingt im Krankenhaus befinden, anstecken und sich ihr Zustand dadurch rapide verschlechtert.
  • Wenn die Inzidenzen so hoch sind, dass immer mehr Patienten „zufällig“ auf COVID19 getestet werden, nimmt auch die Zahl der erkrankten Mitarbeiter zu: Weniger Personal, weniger Betten, die benutzt werden können. Selbst bei reduzierter Krankheitslast müssen also OPs verschoben werden. Das schafft wenig Puffer, sollte eine neue Virusvariante wieder schwerere Verläufe machen oder sich der Altersdurchschnitt der Patienten erhöhen, was ebenfalls mit mehr Hospitalisierungen einhergeht.
  • Stillfried et al., (17.02.22) stellen im ersten Bericht des deutschen Autopsieregisters fest, dass 86% aller Todesfälle direkt auf COVID-19 zurückzuführen sind und nur 14% auf COVID-19 als Begleiterkrankung.. Die häufigste Ursache war eine Schädigung der Lungenbläschen, gefolgt von Multiorganversagen.
  • Sollten künftig auch in Krankenhäusern nicht mehr alle Patienten auf Covid getestet werden, verzerrt es zudem die Statistik.

Fakt: Saisonale Effekte machen nur eine Minderheit der beobachteten Rückgänge im Frühling und Frühsommer aus.

Zuversichtlich ist Reich, dass auch in diesem Sommer das Fallgeschehen deutlich zurückgehen wird. Dieser Effekt zeige sich in allen Ländern, in denen es kalte und warme Jahreszeiten gebe. Es könne im Herbst aber durchaus noch einmal eine ordentliche Welle kommen.

Gefährliche Leerdenkerlogik à la Allerberger und Weiss: Es hätte nie Lockdowns gebraucht, weil die Fallzahlen durch die warme Jahreszeit ohnehin gesunken wären. Die Regierung schafft fast alle Maßnahmen ab, inklusive der 2G- und 3G-Regeln, die Masken, das regelmäßige Testen, wirbt sicher bald massiv für einen ruhigen Sommer und erwartet ein Reiseaufkommen wie vor der Pandemie. Das soll ernsthaft keine Auswirkungen auf den Sommer haben?

Pandemieverlauf in Österreich bis heute, blau markiert Sommer 2020 und 2021

Der Rückgang bis zum Sommer geschah in beiden Fällen nach deutlichen Kontaktbeschränkungen, geschlossener Gastronomie, Maskenpflicht und Distance Learning bzw. geschlossene Schulen. In beiden Jahren setzte der exponentielle Anstieg bereits im Hochsommer an, zufällig waren am Minimum der Welle die Maßnahmen weitgehend aufgehoben worden. 2021 profitierte man von der Schonfristperiode (honeymoon period) nach Einführung der Impfungen, die vor allem gegen ALPHA noch sehr effektiv waren. Mit einer durch OMICRON BA.1 und BA.2 wieder empfänglichen Bevölkerung, von denen die ungeimpften Kinder nach DELTA/BA.1-Infektion kaum Immunität gegen BA.2 haben, hat sich die Ausgangslage aber wieder verändert.

In Südafrika war gerade Sommer, als die OMICRON-Welle hereinbrach.

Ex-Kanzler Sebastian Kurz, 04. Juni 2020 im Interview mit Addendum/Fleischhacker.

In einem Preprint von Gavenčiak et al. (19.10.21) betrug der saisonale Einfluss rund 40% – allerdings war der untersuchte Zeitraum vor dem Auftreten von Virusvarianten. Spekulationen zufolge könnte die Mutation N501Y in der rezeptorbindenden Domain den saisonalen Effekt eliminieren und sich daher besser an wärmere Klimazonen anpassen. DELTA und OMICRON beinhalten diese Mutation.

Saisonaler Effekt:

  • Die Außentemperatur steuert das Freizeit- und Lüftungsverhalten und hat Einfluss auf die Fähigkeit, der Immunabwehr Krankheitserreger abzuwehren
  • Die Umgebungstemperatur steuert die Stabilität der infektiösen Aerosole (Aerosoltröpfchen, Langlebigkeit)
  • Der Aufenthalt in Innenräumen erhöht die Wahrscheinlichkeit, auf infizierte Personen zu treffen, und die Häufigkeit von Übertragungen über short-range und long-range airborne transmission.
  • Überlagert sind großräumige saisonale Faktoren wie Schulferien und Reisezeit, sowie wiederkehrende regionsübergreifende Familientreffen (Ostern und Weihnachten)
  • Einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung und Höhe einer Infektionswelle haben aber nichtpharmazeutische Maßnahmen wie Masken tragen [Verringern Wahrscheinlichkeit der Übertragung], Quarantäne und Kontaktbeschränkungen [Verringern Aufeinandertreffen von infizierten Personen und empfänglicher Personengruppen].

Trotzdem bleibt unklar, warum sie immer den Herbst ansprechen. Die Welle baut sich bereits im Sommer auf und hat längst exponentielles Wachstum erreicht, wenn sie im Herbst die nächste Raketenstufe zündet. Hinzu kommt die mehr oder weniger verschobene Umsetzung der Impfpflicht, sodass im Sommer kein Fortschritt bei der Impfquote zu erwarten ist. Ohne 3G-Regel besteht für Ungeimpfte keine Veranlassung mehr, (kostenpflichtig) testen zu gehen, sollte das noch ein Anreiz für eine Impfung sein.

Fakt: Öffentliche Gesundheit heißt ”better safe than sorry”

Man wisse aktuell nicht, was sich weltweit an Varianten ergebe, die über Reisende nach Österreich kommen könnten. Verhindern könne man das nicht.

Es kann niemand wissen, wann die nächste Variante entsteht, doch hat NERVTAG zur Langzeitentwicklung von SARS-CoV2 am 10. Februar 2022 explizit festgehalten:

„We caution that the milder symptoms in the human population, and in animal models, associated with the Omicron variant compared to previous variants, is likely a chance event. The next variant to achieve UK/global dominance is likely to have the same pathogenicity as previous variants. The loss of virulence as viruses evolve is a common misconception.“

Die derzeitige Entwicklung mit BA.2, das sich wieder mehr Richtung DELTA entwickelt, scheint diese Feststellung zu bestätigen. OMICRON war keine mildere Fortsetzung von DELTA, sondern ging aus ALPHA hervor und lag in der Krankheitslast zwischen ALPHA und DELTA. OMICRON kann wie bei früheren Varianten auch Mumps-artige Schäden an den Hoden verursachen (Li et al., 18.02.22), soviel zu mild.

Verhindern lässt sich das Einschleppen nicht, aber gegen die Ausbreitung ließe sich sehr wohl etwas tun, wenn man nicht Tourismus und Wirtschaft vor öffentliche Gesundheit stellen würde. Mittlerweile das dritte Pandemiejahr in Folge.

Sonst ist schon alles gesagt und lässt sich in meinen zahlreichen Blogeinträgen nachlesen.

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