Tag 697: COVID19 wird nicht zur Grippe

Hospitalisierung, Intensiv- und Todesfälle seit Pandemiebeginn in Österreich, Quelle: Erich Neuwirth, 08.02.22

Derzeit kann man in Europa live erleben, wie sich die Staaten wie Lemminge verhalten und in der OMICRON-Welle über die Klippe stürzen. Österreich ist seit Herbst 2020 dem “Schwedischen Weg” gefolgt. Schweden, Dänemark und andere Länder haben jetzt die Covid-Maßnahmen weitgehend aufgehoben. Österreichs Regierung leidet unter dem innenpolitischen Skandal der “Sideletters” (Postenschacher bei der Koalitionsvereinbarung) bzw. der Chat-Affären (ÖVP-Landeshauptfrau von Niederösterreich, Mikl-Leitner, hat die SPÖ als “rotes Gsindl” bezeichnet). Nicht zufällig erfolgten die jüngsten, gegen jede wissenschaftliche Evidenz sprechenden Lockerungen in zeitlicher Nähe zu den neuesten Skandalnachrichten. Ich hab darüber schon in Zusammenhang mit der Kurz-Affäre berichtet.

Wir befinden uns derzeit inmitten der OMICRON-Welle. Die ansteckendere Subvariante BA.2, die auch den Immunschutz noch etwas besser umgeht (höhere Ansteckungsrate auch bei Geimpften, Plesner-Lyngse et al., 01/22), macht rund 10% aller Neuinfektionen aus und wird laut Prognose von Molekularbiologe Ulrich Elling Ende Februar bzw. Anfang März dominant in Österreich. 75% der Bevölkerung hat zumindest eine Impfdosis erhalten, 51% sind geboostert.

In Wien ist die Hospitalisierungsrate bei Covid19 so hoch, dass erneut Stationen in Covid19-Stationen umgewandelt werden und NonCovid-Operationen verschoben werden müssen. OMICRON wirkt sich erst die letzten Wochen zunehmend bis auf ältere Menschen aus, die auch dreifach geimpft ins Spital müssen. Die Mehrheit der schweren Verläufe sind aber immer noch Ungeimpfte.

Was zuletzt geschah ….

Am 31.01. endete der “Lockdown für Ungeimpfte”, am 05.02. wurde die Sperrstunde auf Drängen der Gastronomen um zwei Stunden auf 24 Uhr nach hinten verlegt, am 12.02. wird die 2G-Regel im Handel enden (ok, das sehe ich nicht so kritisch, solange FFP2-Maske getragen wird), aber auch bei körpernahen Dienstleistungen, zudem fällt bei Veranstaltungen die Personenobergrenze – hier gilt nur 2G, ab 14.02. fällt die Maskenpflicht bei Volksschulkindern im Unterricht weg, ab 19.02. soll in der Gastronomie und im Tourismus wieder 3G gelten, also auch Ungeimpfte mit Antigentest Zutritt haben.

Am Montag, 07.02., ist die Impfpflichtverordnung in Kraft getreten, gestraft wird aber erst ab Mitte März. Sie nimmt ausgerechnet die Risikogruppen von der Impfung aus: Kinder, Schwangere und Immunschwache Personen! Weshalb ich hier Kinder erwähne: Sie erkranken zwar insgesamt deutlich seltener als Erwachsene, können aber unabhängig vom Immunsystemstatus LongCOVID bekommen. Kinder haben noch viele Jahrzehnte zu leben – eine frühe chronische Erkrankung (z.B. Diabetes) erzeugt eine viel höhere Krankheitslast als bei älteren Menschen.

Die Österreichische Krebshilfe schlägt Alarm – die Impfpflicht-Verordnung konterkariert die Empfehlungen für KrebspatientInnen.

Wir wissen, dass OMICRON den Immunschutz umgeht und auch Geimpfte nach 3x mRNA noch Symptome ähnlich wie bei Influenza entwickeln können. Zwar sind Geimpfte im Schnitt kürzer und schwächer ansteckend als Ungeimpfte (Accorsi et al., 01/22), aber ansteckend ist ansteckend. Wir wissen, dass Reinfektionen nach anderen Varianten mit OMICRON zunehmen. (Pulliam et al., 12/21). Das zeigt auch die Anzahl der Reinfektionen z.B. in England:

Quelle: Dashboard UK, 08.02.22

Zudem häufen sich anekdotische Berichte zu Reinfektionen erneut mit OMICRON, sowohl bei ungeimpften Kindern als auch bei dreifach geimpften Erwachsenen.

Um das klar zu formulieren:

Ich kann drei mal geimpft sein, mich mit OMICRON anstecken und nach vier bis fünf Wochen erneut mit OMICRON infizieren. Die Symptome können bei erneuter Infektion schwerer ausfallen als bei der Erstinfektion. OMICRON erzeugt KEINE Herdenimmunität – bei Ungeimpften schon gar nicht gegen andere Varianten (Roessler et al., 02/22), bei Geimpften führt eine “milde” Durchbruchsinfektion zu deutlich weniger neutralisierenden Antikörpern als bei DELTA (Servellita et al., 01/22). OMICRON ist ein neuer Serotyp – ein omicronspezifischer Booster wird wahrscheinlich NUR gegen OMICRON schützen (Lee et al., 01/22), nicht gegen andere Varianten. Für einen vollständigen Impfschutz wird man also drei “herkömmliche” Impfungen brauchen und 1-2 omicronspezifische Impfungen.

Mit diesem ganzen Wissen ist die sogenannte 2G-Regel, also der Zutritt zu Indoor-Menschenansammlungen mit Impf- oder Genesenenzertifikat, kein ausreichender Schutz anderer Personen gegen Ansteckung. Insbesonders kritisch dabei ist, dass sich die potentiell infizierten geimpften oder genesenen Personen nicht testen müssen. In Regionen mit hoher Inzidenz – und derzeit haben wir österreichweit Inzidenzen über 2000 – muss man davon ausgehen, dass sich bei einem vollbesetzten Gasthaus infizierte Personen darin befinden. Bei einem der ersten Superspreader-Ereignisse in Oslo im vergangenen Jahr infizierten sich über 100 Personen nach einer Weihnachtsfeier, einschließlich Restaurantgäste, die im Anschluss der Feier im selben Raum dinnierten.

An dieser Stelle auch noch einmal der wichtige Hinweis, dass ein negativer Antigentest bei Symptomen kein Ausschluss einer Infektion ist! Bei Geimpften entwickeln sich die Symptome, bevor sich das Virus vermehrt, ein Zeichen dafür, dass das Immunsystem den Erreger bereits kennt und sofort reagiert. Selbst bei Symptomen kann ein Antigentest daher noch negativ ausfallen.

Die Politik gibt die Ziele vor, nicht die Wissenschaft

Im letzten Bericht der GECKO-Taskforce wurde nicht auf die Maßnahmen im Schulbereich eingegangen. Angeblich (laut GECKO-Mitglied Gerry Foitik) gibt es dazu eine eigene Arbeitsgruppe, die von Epidemiologin Schernhammer geleitet wird – deren Ergebnisse scheinen aber nicht im Protokoll auf.

“Das ist insgesamt vielleicht gar nicht so schlecht, wenn man so auf natürliche Weise in jungen Jahren eine Immunität erwirbt, denn wir sehen ja, dass die Kinder an und für sich eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit haben, schwer zu erkranken.” (Eva Schernhammer, 14.06.21)

Stattdessen wurde relativ zusammenhanglos eine LongCOVID-Studie zu Kindern (Borch et al., 01/22) zitiert, deren Methodik und Aussage in der wissenschaftlichen Community heftig umstritten ist. Ich mein, das muss man auch erst einmal schaffen – sich zielsicher die Studie herauszupicken, die das geringste Risiko bei Kindern sieht – und kurz darauf fällt die Maskenpflicht bei Volkssschulkindern am Sitzplatz. So ein Zufall!

Die GECKO-Mitglieder bemühen sich um Schadensbegrenzung – zumindest auf Twitter. Sowohl von Niki Popper, Gerry Foitik als auch Andreas Bergthaler hab ich Stellungnahmen gelesen, die leider eher in die Richtung gehen, dass die Politik die Ziele vorgibt und die ExpertInnen Rechnungen und Einschätzungen anstellen, wie diese erreichbar sind. Es sollte umgekehrt sein! Die Wissenschaft beurteilt neutral, was die Faktenlage für die Bevölkerung bedeutet. Krankheitslast, LongCOVID, neue Varianten, Bedeutung der Ko-Existenz von Covid19 und Influenza für Erziehungseinrichtungen und Gesundheitswesen. Daraus werden Ziele formuliert, um die Gesundheit der Bevölkerung am besten zu schützen – denn nur eine gesunde Bevölkerung kann langfristig Arbeitskräfte bereitstellen und Dienstleistungen konsumieren. Die Politik muss Gesetze und Verordnungen formulieren, wie man diese Ziele innerhalb der Bevölkerung umsetzen kann.

Rückkehr zur Normalität, aber für wen?

Es kommt derzeit noch dicker. Im letzten Beitrag hab ich die Gefühlslage beschrieben, wie es ist, wenn man aus Überzeugung dafür eintritt, Infektionen zu vermeiden und Menschen schützen zu wollen. In den letzten Tagen häufen sich Aussagen, die ZeroCovid-Anhänger und Impfgegner in einen Topf werfen. Sie werden als extreme Position gesehen, die nicht mehrheitsfähig ist. Das mag in den westlichen Ländern der Fall sein, in den bisherigen ZeroCovid-Staaten trifft das aber nicht zu. Dort wurde die ZeroCovid-Strategie erfolgreich praktiziert und von der Bevölkerung mitgetragen. Menschen aus asiatischen Ländern verstehen etwa den Unwillen in Europa nicht, eine Maske zu tragen – selbst Zweijährige tragen etwa in Singapur eine Maske. Asiatische Länder haben aber auch Erfahrung aus früheren Pandemien gesammelt. Die ZeroCovid-Staaten bzw. Niedriginzidenz-Staaten haben mit Wissenschaft und Vernunft im Rücken gehandelt, die Fallzahlen dauerhaft niedrig zu halten – manche von ihnen besitzen kein so gutes Gesundheitssystem wie in Europa, sie konnten sich einfach keine unkontrollierten Ausbrüche leisten. Jetzt leiden sie unter den verrückten Strategien im Westen mit massiven Mutationen – auch Südkorea, Japan und Singapur geraten jetzt unter Druck durch OMICRON. In den Medien werden diese Anstiege häufig mit “ZeroCOVID ist gescheitert” kommentiert, aber in Wahrheit ist “Great Barrington” gescheitert, denn es reißt nicht nur das eigene Land, sondern die ganze Welt mit in den Abgrund.

Ich weigere mich, meine Position mit gut begründeten Ideen und konstruktiven Vorschlägen, Infektionen zu vermeiden und die Gesundheit der Bevölkerung, inklusive meiner, zu schützen, als Extremposition zu sehen und als Spiegelbild zu Covidleugnern und Impfgegern, die ihre gefährlichen Ansichten mit Gewalt der Bevölkerung aufzwingen wollen. Eher muss man sich fragen, was um himmels Willen passiert ist, dass eine Regierung jene gegen sich aufbringt, die keine Maßnahmen wollen, und jene, die zu wenig Maßnahmen sehen.

Derzeit findet Geschichtsklitterung statt: Die vergangenen zwei Jahre werden schöngeredet, ausgeblendet, und mit Verweis auf die ganze Welt “es wird jeden erwischen” als alternativlos dargestellt. Es ist wirklich sehr ähnlich zum Klimaschutz, wenn es heißt: Was bringt es, wenn sich Österreich beteiligt, aber die größte CO2-Emmission ganz woanders stattfindet? Was können wir als kleines Land da schon ausrichten? Ja, irgendwer muss halt den Anfang machen, weil mit dieser Haltung geht gar nichts weiter. Es war auch die Idee von ZeroCovid-Wissenschaftlern, die grünen Zonen mit keinen oder wenig Neuinfektionen sukzessive auszuweiten auf benachbarte Regionen. Eine positive Grundhaltung, Engagement, Eigeninitiative, ein ethisches Vorbild müssen sich wieder lohnen.

Ich kann jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen, so tun, als ob die letzten zwei Jahre nichts passiert wäre, und sich jetzt halt alle infizieren, ein paar sterben, einige an LongCOVID erkranken und von der gesellschaftlichen Bildfläche verschwinden, aber für den Rest geht das Leben weiter wie früher. Es wäre das Mindestmaß an Respekt vor den Verstorbenen und den unzähligen Kranken, wenn man aus den Fehlern der Vergangenheit lernt und etwas mitnimmt für die Zukunft: COVID wird über die Luft übertragen, Gesundheitskompetenz aufbauen, Abneigung gegen Masken abbauen, nicht mehr krank oder infiziert in die Arbeit schleppen, Anlaufstellen für LongCOVID schaffen und Tabus aufbrechen, und den Schülern und Schülervertretern zuhören, wenn sie sagen, dass sie sich im Stich gelassen fühlen (und werden). Ach es gäbe eine Menge, was man für die Zukunft lernen könnte – besser machen könnte, aber diese Debatte führen wir leider nicht.

COVID-19 wird nicht zur Grippe

Stattdessen wird schon darüber geredet, dass nach der OMICRON-Welle Herdenimmunität herrschen würde, dass dann alles vorbei wäre. Im Herbst Auffrischimpfungen wie bei der Grippe, das wars. Aber COVID-19 ist nicht die Grippe und wird es niemals sein. LongCOVID ist in UK inzwischen die Hauptursache für Langzeitkrankenstände. Covid19 verursacht auch nach milden Verläufen unabhängig vom Impfstatus Schäden im Herz-Kreislauf-System (Xie et al., 02/22), das verursacht langfristig mehr Herzerkrankungen, Schlaganfälle, Gefäßverschlüsse, etc.

SARS-CoV2 gehört zu den ansteckendsten Viren überhaupt, es verhält sich anders als die Grippe. Es zeigt kein klar saisonales Verhalten (im Sommer 2020 und 2021 begannen die Wiederanstiege jeweils nach Wegfall der meisten Maßnahmen im Juli und war bereits lange vor dem Winter wieder deutlich präsent) und es bewegt sich um den Erdball so schnell, dass wir den Impfstoff jährlich nicht so gut bzw. rechtzeitig anpassen können wie bei Influenza. Bei Influenza haben wir übrigens erbärmliche Durchimpfungsraten. Mit Impfungen alleine werden wir nicht auskommen, aber genau darauf zielen die ganzen Lockerungen derzeit ab. Zum dritten Mal in Folge wird das Ende der Pandemie ausgerufen – und damit nicht mehr in den langfristigen Gesundheitsschutz investiert. Luftfilter, CO2-Messungen, mehr Klassenräume mit mehr Fenstern – im Krankheitsfall Maske tragen oder daheim bleiben, das käme auch bei Influenza oder RSV zu gute.

Nur als Auszug die letzten drei notierten Artikel über den vermeintlich so herbeigesehnten endemischen Zustand.

Letzter Kommentar noch:

Als Grund für die Aufhebung aller Maßnahmen wird oft genannt “Aber bei Influenza machen wir es doch genauso”. Nicht vergessen – im ersten Pandemiejahr haben die weltweiten Beschränkungen zwei von vier Grippestämmen ausgerottet. Im ersten Pandemiewinter ist die Influenzawelle vollkommen ausgeblieben, in diesem Winter hält sie sich dank der bestehenden Maßnahmen noch auf sporadischem Niveau, vor allem in Osteuropa mit weniger Maßnahmen ist sie dagegen weit verbreitet. Es muss einem klar sein, dass wir künftig ohne Maßnahmen zwei Wellen haben werden – Influenza und Covid19. Schon mit Influenza waren die Spitäler im Winter stark ausgelastet. Beides kann monatelangen Druck erzeugen. Was ist, wenn einfach unsere Herangehensweise BISHER falsch war? Der status quo zu Influenza hat viele Tote in Kauf genommen, viele vermeidbare Tote. Wir brauchen dringend eine hohe Durchimpfungsrate bei Influenza, auch das wird nur über eine Impfpflicht gehen, weil sich die Stämme jährlich ändern. Ebenso braucht es bei Influenza und influenzaähnlichen Erkrankungen mehr Bewusstsein, dass dies für immunschwache Mitmenschen lebensgefährliche Verläufe erzeugen kann – heißt, nicht krank in die Schule, nicht krank in die Arbeit. Nur passt das nicht in eine neoliberale Politik, die ständig auf Personaleinsparung und Leistungsoptimierung drängt.

In Summe – die aktuelle Situation hat zwei Ebenen für mich. Auf privater Ebene versuche ich mich weiterhin gut zu schützen und leide unter der Alternaivlosigkeit. Freunde, Kollegen treffen, auf ein Bier gehen, Urlaub antreten, Gruppenreisen – bin ich bereit, darauf dauerhaft zu verzichten, zumindest bis es einen Zeitplan für i) OMICRON-Booster oder ii) Nasen-Impfstoffe (Schleimhaut-Schutz) gibt, oder kann ich es schlicht nicht verhindern, mich anzustecken? Nur – die Aussicht auf wiederholte Reinfektionen, die das Immunsystem nicht trainieren, sondern die Symptome verschlechtern können – stimmt mich nicht optimistisch. Es ist dann eben nicht vorbei, wenn es man es gehabt hat. Auf gesellschaftlicher Ebene trete ich – unabhängig davon, ob ich bereit bin, das Infektionsrisiko in Kauf zu nehmen – weiterhin für Infektionsvermeidung ein. Ich bin tief davon überzeugt, dass das richtig ist und bleibt.

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