Tag 326: Wo steckt man sich eigentlich an?

Österreich: Stochern im Nebel

Zur gestrigen Pressekonferenz, die bei allen seriösen Experten und allen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko Entsetzen ausgelöst hat, mag ich mich heute nicht ausführlicher auslassen. Anschober hatte am 08. Jänner in einer Pressekonferenz bereits angekündigt, dass es das erklärte Ziel der Regierung sei, „dass dieser Lockdown bei dem Termin endet, den wir angekündigt haben“. Nach der informellen Expertenrunde beim Kanzler am 16. Jänner wurde der Regierung eigentlich klargemacht, dass der Lockdown erst schrittweise gelockert werden könnte, wenn die 7-Tages-Inzidenz pro 100 000 Einwohner mindestens auf 50 oder weniger absinkt. Jetzt beträgt unsere Inzidenz weiterhin über 100 und die ansteckendere B117-Variante wird in ganz Österreich in den PCR-Labors bzw. Abwasserproben gefunden. Statt über die betroffenen Regionen mit der sich ausbreitenden B1351-Variante in Tirol und Salzburg eine strikte Quarantäne zu verhängen wie man es am Arlberg nach dem Ischgl-Desaster getan hat, erklärten Politiker und Experten gestern unisono, dass die B117-Ausbreitung nicht mehr aufzuhalten wäre. Bei B1351 regiert offenbar das Prinzip: Was ich ignoriere, verschwindet von selbst.

Gegen B117 wirken die Impfstoffe vorerst noch besser als gegen die südafrikanische B1351-Variante, welche teilweise der Immunantwort entkommt – im Verdacht ist dabei die E848K-Mutation. Nun die schlechte Nachricht: Diese Mutation wurde nun auch vereinzelt bei der B117-Variante nachgewiesen (technischer Bericht in UK). Selbst wenn sich B1351 nicht so stark ausbreitet wie B117 und möglicherweise nicht so ansteckend ist, kann die B117 ähnliche Eigenschaften entwickeln. Das kann zum Problem werden, weil 1. viele Menschen in den nächsten Monaten nur eine Impfdosis erhalten und der Impftiter nicht ausreichen könnte, um eine Erkrankung zu unterdrücken, 2. der Astra-Zeneca-Vektor-Impfstoff nicht so leicht auf Varianten adaptiert werden kann wie mRNA-Impfstoffe (dafür müsste die Auffrischimpfdosis einen anderen Vektor benutzen, bzw. mRNA gegeben werden, wozu es aber noch keine Studien gibt) und 3. der NovaVax-Impstoff bei B1351 nur 50% Wirksamkeit hat. Bei hoher Viruszirkulation und (langsam) steigender Impfrate steigt der Selektionsdruck, das Virus wird sich immer besser anpassen, wir würden immer hinterhinken mit Impfstoff anpassen.

When our goal is to select resistant viruses in laboratory experiments, we maximize viral population size and diversity, and then titrate in selection pressure.

Virologe Paul Bieniasz, 31.12.20

Die Antwort auf all das lautet ZERO COVID oder NO COVID. Manche Kritik daran kann ich schwer nachvollziehen. Schlägt man NOCOVID vor, wären es die theoretischen Hirngespinste phantasierender Epidemiologen. Schlägt man ZERO COVID vor, wo es mit flankierenden politisch und sozioökonomischen Maßnahmen untermauert wird, wäre es zu politisch aufgeladen, zu linksradikal. Dabei hat ihr Konzept berechtigte Kritikpunkte.

No matter what party we vote for, they should not get us killed. They should just tell us what’s going on, translate the science, and let everyone get on with their jobs.

Indi Samarajiva, 03. Juni 20

und

„Either you set this goal [elimination] and you don’t achieve it, but in the process, you certainly are reducing the number of lives lost. The alternative is to set a lesser goal and then still misfire.“

Premierministerin von Neuseeland, Jacinda Ardern, 16.12.20

Genug der sinnlosen Appelle. Hier soll es jetzt darum gehen, wo sich vermeintlich vorsichtige Menschen noch anstecken können:

AGES ist nicht am neuesten Stand

Um sich nicht anzustecken, genügt es leider nicht, den bekannten Maßnahmen Folge zu leisten. Es reicht nicht aus, jetzt zwei statt einen Meter Abstand zu halten, sobald man sich in einem schlecht belüfteten Raum ohne Masken befindet. Ebenso hat man keine Gewissheit einer Nichtansteckung, wenn man sich weniger als fünfzehn Minuten in der Nähe eines Infizierten befunden hat. Es gibt inzwischen Belege für Ansteckungsfälle, wo das bei fünf bis zehn Minuten Aufenthaltsdauer passiert ist. Eine schlecht eingestellte Klimaanlage mit Umluft statt Frischluft und ein Ventilatorstrom, der eine infektiöse Aerosolwolke transportiert, reichen für Infektionen in kürzerer Zeit und größeren Abständen aus. Wir wissen, dass Indoorgastronomie und Klassenräume die Prototypen für potentielle Superspreaderereignisse sind. Da kann die AGES noch so oft in Presseaussendungen behaupten, dass Gastro und Schulen keine essentielle Rolle spielen würden. Und die Skigebiete…. Strohmannargument, denn niemand hat behauptet, sich beim Skifahren auf der Piste anzustecken. Problematisch kann das längere Anstehen in der Schlange und in der Gondel mit durchfeuchteten Masken sein, aber noch viel problematischer ist das drum herum, hier der Cluster bei den Seilbahnmitarbeitern, dort die illegal geöffneten Hotels. Die Mitarbeiter werden im Sozialraum wohl gemeinsam essen und die Skifahrer gemeinsam am Frühstückstisch oder Abendessen sitzen. Je nach Anreise sitzen die Urlauber längere Zeit im Zug, gehen auf die Autobahntoilette oder sitzen zu viert im Auto.

Um es herunterzubrechen: Wenn der Contact Tracer fragt, wie man man engen Kontakt hatte, dann findet er dadurch niemals alle Übertragungsquellen. Es gehen jene durch die Lappen, wo die Exposition kürzer als fünfzehn Minuten war und der Abstand größer als zwei Meter. Wer alleine eine öffentliche Toilette benutzt, wird ein falsches Sicherheitsgefühl haben. Dabei wissen wir, dass Aerosole zwischen 20 Minuten und 4 Stunden im Raum verweilen können. So unangehm das ist, neben ausgiebiger Desinfizierung sollte man auch beim Kacken die FFP2/3-Maske aufbehalten.

Second Attack Rate steigt mit B117

Die AGES hat sich in der gesamten Pandemie nie besonders positiv damit hervorgetan, wo man sich anstecken und davor schützen kann. Es wurde wie in der WHO sehr viel Fokus auf Händewaschen und Desinfizieren gelegt, womit man zwar robustere Viren wie Adenoviren, Noroviren und Rhinoviren eher beseitigt, die sich wegen ihrer unbehüllten, doppelsträngigen DNA-Struktur effektiver über Schmierinfektion verbreiten können. Bei SARS-CoV2, das als behülltes Virus leichter durch Desinfektion zerstörbar ist, sich aber mehrheitlich über Aerosole und winzige Tröpfchen verbreitet, sollte aber Maßnahmen im Vordergrund stehen, die Aerosolwolken verdünnen. Das haben Wells & Wells bereits 1936 erkannt, doch Chapins Tröpfchentheorie hat sich durchgesetzt ins Handbuch der WHO und damit bis in viele Gesundheitsbehörden, die nicht mit Aerosolwissenschaftlern zusammenarbeiten.

Das wird spätestens dann ein Problem, wenn man sich im eigenen Haushalt befindet und ein infiziertes Haushaltsmitglied isolieren muss. Völlig unbemerkt an der Öffentlichkeit vorüber ging ein Paper, das erklärte, dass – bezogen auf den Wildtyp – 73% der Infizierten kein nachweisbares Virus ausatmen. Das erklärte die niedrige Second Attack Rate (30-50%) im Haushalt. So kam es immer wieder vor, dass sich der Partner oder das Elternteil nicht ansteckte. Landläufig ging man ja immer davon aus, dass es alle im Haushalt automatisch hätten, wenn sich nur eine Person darin infiziert hatte. Die umfangreichen Sequenzierungsstudien in Großbritannien gehen bei der B117-Variante von 25-40% Zunahme gegenüber dem Wildtyp aus (Stand, 26.01.21).

Was bedeutet das? Meine fortgeschrittene Laienspekulation: Die bisherigen Lockdownmaßnahmen reichten leidlich aus, um die Neuinfektionen zu drücken, weil damit weitgehend Superspreadevents unterbunden wurden. Der Wildtyp war stark überdispersiv – wenige Infizierte steckten viele weitere Infizierte an. Unterbindet man die Situationen, wo Superspreadevents auftreten können, hat man schon viel an Eindämmung erreicht, weil die Übertragungen in den Verästelungen abseits des Quellclusters ins Leere laufen (73% atmen kein nachweisbares Virus aus). B117 erhöht jetzt aber die Übertragungen in diesen Verästelungen, entweder weil die Infizierten mehr Virus ausatmen oder weil die potentiellen Wirte empfänglicher wurden (oder beides). Damit geht das Virus leichter in die Fläche und kann schlechter eingegrenzt werden mit regionalen Maßnahmen. Der berüchtigte Perkolationseffekt – die Verbindung vieler größerer und kleinerer Cluster – tritt schneller ein. Insbesondere die in Österreich offenbar viel verbreitetere Missachtung der Quarantänebestimmungen wirkt sich dann schneller fatal aus. Deswegen sind öffentlich gültige Maßnahmen wie FFP2-Maskentragepflicht auch sinnvoll, verhindern aber nicht, sich überall dort anzustecken, wo die Maske nicht oder nicht richtig getragen wird.

Wo stecken sich „extrem vorsichtige“ Menschen an?

Beispiele u.a. in diesem Artikel vom „Guardian“.

  • In der Familie, bei den eigenen Kindern, die das Virus über die Schule oder bei Treffen mit Freunden aufschnappen
  • Beim gemeinsamen Essen im Sozialraum (Maske ab)
  • In Sanitäranlagen (öffentliche Toiletten) und im Aufzug – auch alleine
  • Freunden vertrauen, die sagen: „Ich war vorsichtig“. Viele Menschen offenbaren nicht, wenn sie enge Kontakte hatten oder Symptome hatten
  • Aerosolübertragung wird unterschätzt: Wenn man den Geruch anderer Menschen (Knoblauch, Zigaretten, Alkohol) wahrnimmt, inhaliert man nicht nur Luft, die danach riecht, sondern auch deren Virenpartikel. Das flüchtige Vorbeigehen ist kaum problematisch, aber wenn man längere Zeit in dieser Wolke verweilt. Ventilieren heißt nicht nur, ein Fenster aufmachen – die Anweisung steckt im Namen, vent kommt von Wind – man braucht einen Luftzug. Ich weiß von Ansteckungen im Sozialraum, die bei geöffnetem Fenster passiert sind. Bestenfalls also zwei gegenüberliegende Fenster öffnen, oder noch eine Tür oder einen, im allerbesten Fall zwei Standventilatoren verwenden.
  • Draußen in einer Warteschlange mit unzureichend Abstand und wenig Wind (z.b. in einer Fußgängerzone zwischen hohen Gebäuden oder beim Warten auf den Bus
  • Undicht sitzende Maske – auch die FFP2 sollte auf der Nase sitzen, der Bart sollte rasiert sein und dicht um die Nase herum sitzen (anpassbarer Nasenbügel). Eine beschlagende Brille ist ein Zeichen dafür, dass sie nicht dicht sitzt. Und trocken sollte sie sein. Achtung bei Regenwetter, bei körperlicher Anstrengung (Sprint zur Straßenbahn und Anstellen bei Skigondeln) und wenn man niesen musste.
  • Lüftungsanlagen in Wohnhäusern (Badezimmer und Toiletten) ohne Rückschlagventil
  • Handwerker in der Wohnung (ohne Maske), die Nachbarin, die was vorbeibringt
  • Im Wartezimmer beim Arzt
  • Taxi: Fahrer ohne Mundschutz, viele Fahrgäste ohne Mundschutz, Aerosolwolke bleibt erhalten, wenn man danach einsteigt
  • Keine Masken am Arbeitsplatz
  • Schmierinfektion durch Gegenstände/Oberflächen berühren, die Infizierte zuvor berührt haben (gemeinsame Kuchengabel….)
  • Falsches Sicherheitsgefühl nach negativem Antigen/PCR-Test, zu früh beendete Quarantäne (geringer Prozentsatz hat höhere Inkubationszeit, anekdotische Berichte gehen von Verlängerung der Inkubationszeit bei B117/B1351 aus).
  • Bei Telefonaten in den Öffis Maske abnehmen
  • Bei engem Kontakt mit Personen mit Ventilmaske (ohne zusätzliche OP-Maske als Fremdschutz), z.b. Zahnarzt oder HNO-Arzt

Sonstige Überlegungen gehen meist in Richtung Kontaktinfektion, also Einkäufe desinfizieren, kontaminierte Handläufe im Stiegenhaus, Tastaturen, usw. Ich denke bei solchen potentiellen Ansteckungsorten immer an den wahrscheinlichsten Fall. Das ist in diesem Artikel gut beschrieben: Eine infizierte Person müsste direkt auf eine Oberfläche/Gegenstand husten/niesen, damit sich so viel Virus ansammeln kann, dass auch Stunden später noch genug Virus vorhanden wäre, um sich anzustecken. Ob die ausgeatmeten Aerosole, die sich auf Oberflächen ablagern, dafür ausreichen, ist meines Wissens nicht bekannt. Die ersten Experimente mit infektiösem Virus, das sich tagelang auf Oberflächen hielt, gingen von unrealistisch hohen Virusmengen zu Beginn aus. Eine zweite Überlegung ist, dass Kontaktinfektion aufgrund der geringeren Virusmenge, die mit den Schleimhäuten in Kontakt kommt, häufiger zu symptomfreien oder sehr milden Verläufen führt wie Tierexperimente zeigen. Auch dann müsste man bei stärkeren Symptomen eher an andere Quellen der Infektion denken, die mit höheren Viruslasten einhergehen.

PS: Noch ein guter Artikel im „Nature“, der betont, dass die Hauptübertragung über die Luft geschieht.

Abschließende Worte

Obwohl ich mich mit dem Thema intensiv befasse, kann ich einzelne Fehltritte bei mir nicht ausschließen. Zwar treffe ich die meisten Menschen seit Monaten outdoor, aber nicht alle. Zwei Ausnahmen gibt es, wo ich ein erhöhtes Risiko eingehe. Eine Person wird bald die zweite Pfizer-Impfung erhalten und ist dann zumindest vor der Erkrankung geschützt. Dann bleibt das Restrisiko im Büro, wo die CO2-Werte dank gut eingestellter Klimaanlage 600ppm nie überschreiten. Eine gut sitzende FFP3-Maske hat durchaus den Vorteil, dass man sich zwischendrin nicht ins Gesicht greift, etwa beim Einkaufen. Desinfektionsmittel und Ersatzmasken sind immer mit dabei. 100%ig ausschließen kann man eine Ansteckung leider nicht, aber so gut es versuchen, zumindest hochinfektiöse Situationen zu vermeiden.

Ein Gedanke zu “Tag 326: Wo steckt man sich eigentlich an?

  1. Für eine, die der Kategorie „sehr vorsichtig“ zuzuordnen ist, ist der Beitrag recht schonungslos zu lesen und ich nahm ihn mit gemischten Gefühlen auf. Aber wir dürfen uns länger nicht vormachen, denn die Zahlen gehen einfach nicht zurück und mir wird schon schlecht bei dem Gedanken, dass ab nächste Woche wieder gelockert wird.
    Gerade eben kam ein Rundmail von einer Arbeitskollegin zu einem gemeinsamen Mittagessen. Ich könnte schreiend davonlaufen. Stattdessen habe ich ihr zurückgeschrieben, dass ich so etwas leichtsinnig finde und von solchen E-Mails verschont werden möchte.

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