
Das Ende des aktuellen Monitorings bedeutet nicht, dass mir nun gleichgültig ist, was damals passiert ist und heute passiert. Mich beschäftigt und belastet die Pandemiezeit heute noch. Gestern habe ich erfahren, dass eine der besten zeitgenössischen Public-Health-Journalistinnen, Helen Branswell, verstorben ist. Ihre damalige Berichterstattung war mit ein Auslöser dafür, mich frühzeitig wissenschaftlich mit der Pandemie auseinanderzusetzen. Branswell berichtete bereits Ende Jänner 2020 darüber, dass sich das Virus verbreiten konnte, bevor erste Symptome auftraten, und Ende Februar 2020 erschien eine Recherche von ihr, dass Kinder erkranken und das Virus verbreiten konnten. Im deutschsprachigen Raum dauerte vor allem die mediale Debatte darüber, ob Kinder eine Rolle in der Pandemie spielten, noch etliche Monate länger, weshalb in der zweiten Welle fatalerweise die Schulen zu spät geschlossen wurden. Die frühen Erkenntnisse wurden mir damals übrigens durch die Nachrichtenplattform Twitter ermöglicht, die seit dem Kauf durch den Faschisten Elon Musk “X” heißt. Ende 2023 hab ich X verlassen und durch Bluesky ersetzt – was rückblickend betrachtet ein Fehler war. Solche Plattformen brauchen Algorithmen – auf die Eigenverantwortung der Nutzer zu setzen (“retweeten, um Sichtbarkeit zu erzeugen”) funktioniert nicht.
Vor etwa sechs Jahren standen wir in Österreich kurz vor dem zweiten Lockdown. Ich hatte mein Leben mit Pandemiebeginn monothematisch auf die Pandemie umgestellt. Das war für mich leicht ohne Partner*In und Kinder. Ich glaube, dass ich von Beginn an aus den Augen verlor, dass für die meisten Menschen das Leben trotzdem weitergehen musste, und viele gar nicht die Zeit, geschweige denn die Ressourcen oder Nerven dafür hatten, sich so intensiv mit dem Pandemiegeschehen auseinanderzusetzen wie ich. Viele notwendigen Handlungsschritte erschienen mir damals völlig logisch, waren aber mitunter nicht praktikabel im Alltagsleben. Es hat relativ lange gedauert, bis ich das überrissen habe, dass “No/ZeroCovid” auf lange Sicht nicht DIE Lösung ist.
Doch die Diskussion darüber war schon verbrannt, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Ich muss hier explizit darauf hinweisen, dass Österreich nicht Deutschland ist. In Deutschland gab es viel mehr differenzierte Berichterstattung, schlichtweg dadurch, dass das Land fast zehn Mal so viel Einwohner wie Österreich hat und entsprechend mehr Wissenschaftsjournalist*Innen mit höherer Qualität aufzuweisen hat. Deutschland hatte außerdem den Virologen Drosten, während Österreich keinen vergleichbaren Kapazunder hatte – ok, Florian Krammer, aber der lebte und arbeitete damals ausschließlich in den USA, und ExpertInnen aus dem Ausland mögen und wollen wir hier in Österreich nicht. Es gab zu dieser Zeit schon eklatante Unterschiede im Zugang zu wissenschaftlichen Informationen in beiden Ländern, und der Wissenschaftskompetenz in der Bevölkerung. Mit dem Erstarken der Rechtsextremen in Deutschland werden diese Unterschiede sukzessive kleiner, trotzdem behaupte ich, dass dieser Unterschied niemals ganz verschwinden wird, da er strukturell bedingt ist. Österreich ist abseits von Wien und seiner kleineren Großstädte überwiegend ländlich geprägt, wo der rechte Boulevardjournalismus ein Monopol hat. In Deutschland gibt es viel mehr Großstädte und signifikante Kleinstädte, Zeitungsvielfalt und Zugang zu Bildung sind größer. SPÖ-Vizekanzler Babler hat versucht, diese Monopolstellung mit einer Medienreform zu brechen und wurde dafür in der eigenen Partei abgesägt.
Die Ausgangslage war natürlich denkbar ungünstig in Österreich, mit einem weit rechts stehenden Bundeskanzler und einer Ministertruppe, die man gut mit der aktuellen Ministertruppe unter Kanzler Merz vergleichen kann – sprich, eine inkompetente Gurke nach der anderen, aus der die Bösartigkeit trieft. Das grüne Beiwagerl war nicht unbedingt ein Vorteil, auch wenn es einen strengen Lockdown nach der Marke Italien oder Spanien verhindert bzw. abgeschwächt hat. Wobei Abschwächung in den ersten Pandemiejahren nicht unbedingt ein Vorteil war, sondern die Pandemie im Gegenteil in die Länge zog. Österreich und Deutschland waren Impfmuffel erster Klasse, das war lange vor der Pandemie bekannt. Entsprechend schwierig und dilettantisch waren die Versuche, die Impfquote zu steigern. Der Gipfel des Dilettantismus war die beschlossene Impfpflicht in Österreich, die nie in Kraft trat, und die späteren Relativierungen der MedizinerInnen, dass sie eh ein Fehler war und unnötig. Das hat das Vertrauen in Gesundheitsbehörden, in politische Kompetenz und in die Medizin schwer beschädigt. Ebenso war es später ein Fehler, die Schulschließungen als Fehler darzustellen und die Rolle der Kinder herunterzuspielen, statt eigene Versäumnisse, besseren Schutz in den Schulen selbst zu schaffen oder Versäumnisse bei der Digitalisierung (am Anfang gab es zu wenig Laptops/Tablets). Immer am stärksten waren und sind betroffen Kinder aus prekär lebenden Familien (Armutsbetroffene, Migranten), sowohl die Ausstattung, beengte Wohnverhältnisse als auch die Möglichkeit für Eltern, pflegefrei zu nehmen oder ihre Kinder selbst zu unterrichten. Naturgemäß hat das die Regierung nicht interessiert, weil die Betroffenen keine relevante Wählerzielgruppe waren (und sind).
Viel Wissen für nichts also? Das würde ich so nicht sagen. In den ersten Pandemiejahren hab ich abseits eigener Irrtümer schon viel recherchiertes Wissen unter die Leute gebracht, über Twitter, über den Blog, aber auch im Bekannten- und Kollegenkreis. Der größte Fehler war eigentlich, mich als Monopol für das einzig wahre Wissen hochzustilisieren.
“Audience capture is a disease” zitierte ich einmal über den Krankenpflege-Ausbilder John Campbell, der neben guten Infos mit wachsender Followerzahl auf Youtube auch Desinformation verbreitet hatte. Mich ereilte ein ähnliches Schicksal, auch wenn ich nicht verharmloste, sondern im Gegenteil die Gefahr dramatisierte und selektiv Informationen verbreitete. Auf der Haben-Seite steht sicherlich, dass ich LeserInnen dazu brachte, sich richtig zu schützen, den passenden Impfstoff zu finden, Luftqualität abzuschätzen, und wissenschaftliche Zusammenhänge erklärte, nach bestem Wissen und Gewissen. Ich streite gar nicht ab, dass in der Unmenge an meinen Blogbeiträgen viel Gutes drin stand, viel Wichtiges und auch viel notwendige Kritik an den politischen Verantwortungsverträgern. Trotzdem habe ich es nie in eine Zeitung geschafft, gab es nie ein Interview mit mir wie mit anderen Bürger/Datenjournalisten, etwa mit dem Statistiker Erich Neuwirth oder Alex Brosch, der die wissenschaftlichen Daten aus eigenem Antrieb visualisierte. Damals hat mich das sehr geärgert und ich unterstellte den JournalistInnen, die mich ablehnten, alles mögliche, aber rückblickend war es korrekt, mich nicht zu interviewen, da mein Blog eindeutig Aktivismus war. Ich äußerte politische Ansichten und kritisierte Politiker von Beginn an auf dem Blog, während die Genannten und andere bloß die Daten bereitstellten und das Schlüsse daraus ziehen anderen überließen. Dadurch war ich eben auch kein Bürgerjournalist mehr für die Wissenschaft, sondern ein politischer Aktivist – notwendig, mag sein, aber nicht die Rolle, in der ich mich damals sah, sondern damit verließ.
Vor kurzem wurde ich auf mein damaliges Engagement von einem Meteorologen angesprochen, der meinte, ich hätte mir damit ja eine wahnsinnige Arbeit gemacht, er hätte meine Beiträge damals verfolgt (aber nie etwas kommentiert davon…). Ich wusste darauf nicht recht, was ich antworten sollte. Meine KollegInnen wollten damals vor allem viel über die Impfung wissen, und bis heute steht einer meiner Luftreiniger in einem der (staubigen) Ruheräume. Es wäre falsch zu sagen, dass ich keinen positiven Einfluss im Kollegenkreis hätte. Doch auch da war mein Aktivismus beinahe das Ende meiner beruflichen Karriere, weil ich alles dem (vermeintlichen) Schutz vor Infektionen unterordnete. Ich bin Meteorologe mit Leib und Seele und beschäftige mich auch in meiner Freizeit mit dem Wetter, schreibe Blogtexte, wann immer ich Wetterphänomenen in den Medien oder im Alltag begegne. In der Pandemie ordnete ich alles der Pandemie unter, wollte Experte für die Pandemie werden, was ich aber von meiner Ausbildung her niemals sein konnte. Ich kaufte sogar ein paar Fachbücher über Public-Health, Immunologie und Biologie, stellte aber bald fest, dass ich schon bei den Grundlagen am Verständnis scheiterte – abgesehen davon, dass ich mit Statistik schon immer auf Kriegsfuß stand.
Viele LeserInnen, viele FollowerInnen, aber auch viele Bekannte und Freunde, KollegInnen haben nicht mitbekommen, welchen Aufwand ich für den Blog und die Recherche eigentlich betrieb, was ich dadurch alles unterordnete, was ich aufgab und wie sehr ich mich eigentlich verrannt hatte. Die Rückabwicklung dauerte Jahre, um wieder der zu sein, der man einmal war, aber persönlich mit jemanden darüber reden konnte ich noch nie – seelische Narben davon getragen zu haben. Soll ich von Glück und Dankbarkeit reden, dass es nicht mich mit Long Covid und bleibenden Schäden getroffen hat? Natürlich ist auch das ein Teil meines Engagements, der Aufarbeitung, wobei es nicht heißen soll, dass die heutigen Betroffenen sich nur zu wenig informiert hätten. Viele Betroffene, die zugleich Elternteil sind, hatten nie eine Chance, sich zu schützen, bis die Impfung da war, und einige heute Betroffenen waren durch die Impfung selbst nicht ausreichend geschützt, als sie chronisch erkrankten, weil sie aus nicht vollständig verstandenen Gründen vulnerabel waren. Also ja, auch das ist ein Faktor meiner rückwirkenden Betrachtung, aber ich lebe nunmal mein Leben, und kann nur das betrachten, was mein Leben verändert hat – und mit den Folgen meines damaligen Verhaltens muss ich bis heute leben.
Am meisten bereue ich heute, dass ich mir durch die “ZeroCovid-Bewegung” ein geradezu bösartiges Grundmisstrauen gegenüber den Mitmenschen, sogar in der eigenen Familie, einimpfen ließ. Leider kann ich mich an allzu viele peinliche und schmerzhafte Szenen in dieser Zeit noch sehr lebendig erinnern, als wären sie gestern gewesen. Das begann noch in der Anfangszeit der Pandemie, als wir glaubten, Schmierinfektion wäre die Hauptübertragung.
- Ich belehrte die Kollegen, das Geschirr der anderen nicht anzufassen, räumte aber mein dreckiges Geschirr nicht in den Geschirrspüler, sodass ich belehrt wurde, dass andere das nun anfassen müssten. D’oh!
- Ich warnte vor den Folgeschäden des Virus, aber Kollegten sagten, “es gibt immer Studien, die einen sagen das, die anderen das” – und damit hatten sie Recht, gerade im Bezug auf Long Covid – wo zwar tausende Studien erschienen, aber die wenigsten einer kritischen Betrachtung ihrer Methodik standhielten und statistisch letztendlich oft nicht aussagekräftig waren. Ich nahm das zu Früh für bare Münze und übertrieb damit Schäden, die so letztendlich nie eintrafen. D’oh!
- Ich zensierte als Moderator in einem Forum eigenmächtig einen verharmlosenden Beitrag über das Virus und trat daraufhin als Moderator zurück, da ich meine Kompetenzen überschritten hatte – in einem Forum, wo den ModeratorInnen schon oft (unberechtigt) Zensur vorgeworfen wurde. D’oh!
- Ein vereinbartes Treffen mit Aussprache mit einer Mediatorin mit einem Freund, der ständig auf den Coronaverharmloser Bhakdi verwies, fand nicht statt, weil ich schon aus der Ferne sah, wie er auf der Straße stand, und jemanden die Hand schüttelte – in einer Phase, wo das Händeschütteln verpönt war und als Übertragungsart im Raum stand. Für mich war das undenkbar und daher platzte das Treffen. Später schob ich andere Gründe vor, aber es war dieser Anblick, der mich damals abgeschreckt hatte. Dabei hätte eine Aussprache gut und not getan und hätte vielleicht auch mit zur Reflexion gebracht, dass es selbst in einer Pandemie Graustufen geben konnte. D’oh!
- Als die Impfung im Frühjahr 2021 erstmals möglich war, informierte ich die Kollegen einmal falsch, weil ich etwas falsch verstanden hatte bzw. einer Fehlinformation aufgesessen war. So erzeugte man natürlich kein Vertrauen in die Impfung. Warum fühlte ich mich überhaupt so kompetent, meine Kollegen zu informieren – das war Aufgabe der Behörden bzw. des Gesundheitsbeauftragten der Firma? D’oh!
- Überhaupt schrieb ich gerne lange E-Mails an die Belegschaft der eigenen Abteilung, mit welcher Kompetenz? Weil ich ständig auf Twitter war und rudimentär Fachartikel zu interpretieren versuchte? Weil ich vermeintlichen ExpertInnen folgte und glaubte, das müsse automatisch alles wahr sein? Hinterher stellte sich heraus, dass weit nicht alles Experten davon waren und sich mit dem Ende der Pandemie viele Experten aus der Öffentlichkeit zurückzogen. Übrig blieben Pseudoexperten. D’oh!
- Im dritten Pandemiejahr, als die Schulen wieder geöffnet wurden, trug ich provokante “Durchseuchung? Nein, danke!” T-Shirts, ja selbst auf Arbeit. Dabei war die Durchseuchung nach der Impfstoffbereitstellung unvermeidbar, um die Pandemie zu beenden. Die Impfkampagne hätte viel effektiver sein müssen, die Impfquote höher, aber die Durchseuchung würde früher oder später kommen müssen. Ich sah darin eine Verharmlosung des Virus und einen Zusammenhang mit der Great-Barrington-Declaration, die aber Durchseuchung statt Impfung propagierte. Als ein Kollege Ende 2025 in Pension ging, sprach er mich einmal beiläufig darauf an, ob ich die T-Shirts noch hatte. Ich hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst. D’oh!
- In der Delta-Welle ließ ich eine Einladung zum Extremwetterkongress als Vortragender (!) aus, weil ich dafür mit dem Flugzeug hätte anreisen müssen und mir die Infektionsgefahr zu hoch war. Im Nachhinein eine verpasste Chance, mein meteorologisches Knowhow zu präsentieren, aber hier muss ich dennoch sagen, dass eine Absage vertretbar und nachvollziehbar war. Schade war es trotzdem.
- Mit dem Arbeitspsychologen hatte ich drei Sitzungen und warf ihm einmal in einer E-Mail alles mögliche an den Kopf, als ob nur ich mich richtig informiert hätte. Ich begründete meine Kompetenz unter anderem damit, dass selbst Gesundheitsminister Anschober mich damals empfangen hatte, (als er kein Minister mehr war), aber das war ein schwaches Argument und das sagte er auch. Ich projizierte viel in sein für mich damals unmögliches Verhalten, als er mich in der nächsten Sitzung nach der E-Mail regelrecht zusammenschiss und mir eine Angststörung unterstellte. Ich denke, Angststörung traf es nicht richtig, ich war in einer sektenhaften Gruppierung gefangen, und stieß jeden vor den Kopf, der nicht meiner Meinung war. Denn mit der exzessiven Impferei, den CO2-Messungen und Maske tragen fühlte ich mich ja sicher. Doch ich kannte nurmehr s/w und ließ keine anderen Meinungen mehr zu. Die Vorbehalte gegenüber dem Arbeitspsychologen führten dazu, dass ich ihn in einem anderen Thema, das viel direkter und stärker unsere Arbeit betraf, boykottierte, was nicht unbedingt ein Vorteil war in dieser Situation. D’oh!
- Mit der Arbeitsassistenz, gegen die ich starke Vorbehalte hatte, weil sie Mitte 2023 keine Maske mehr im direkten Kontakt trug. Das wirkte sich negativ auf die Zusammenarbeit aus. Ich verlor aus den Augen, weshalb ich bei ihr war – es ging nicht darum, zu missionieren. D’oh!
Die absolutistische Überzeugung, dass wir immer noch alle Pandemiemaßnahmen brauchen, führte bei deren Abschaffung Anfang 2023 zu meinem “Burnout”, als gleichzeitig innerbetriebliche Abläufe umgestellt wurden, auf die ich mich nicht einstellen konnte. Ich hätte mich darauf vermutlich leichter einstellen können, wenn ich nicht zweieinhalb Jahre lang mehr Aufmerksamkeit und Fokus auf die Pandemie gelenkt hätte statt in das, was unmittelbar um mich herum geschah. Konkreter will ich dazu nicht werden. Es geschah in dieser Zeit zu viel gleichzeitig, ich war oft in der Arbeit “nicht bei der Sache” – las zu viel Twitter und über Covid nebenher, verlor das Wesentliche aus den Augen. Dann kam eben alles zusammen – die verdrängte Umstellung in der Arbeit und die Umstellung auf die “Normalität”, die ich mich weigerte zu erkennen. Für mich dauerte die Pandemie immer noch an. Zu Beginn meiner dreimonatigen Auszeit, in der mich die ÖGK monatlich daran erinnerte, dass ich meinen Krankenstand ärztlich bestätigen lassen musste, war ich der unumstößlichen Überzeugung, dass die Welt verrückt geworden war, kollektive Gehirnwäsche, nur ich war normal. Aus diesem Standpunkt heraus erschien es für mich auch legitim, weiterzubloggen und weiterzutwittern. Das kam natürlich in der Belegschaft gar nicht gut an. Neben expliziten Ratschlägen damit aufzuhören sagten andere – völlig zu Recht – , dass mich die intensive Beschäftigung davon abhielt, gesund zu werden. Das sah ich anders – für mich war es eine Bewältigungsstrategie, mit der kollektiven kognitiven Dissonanz fertigzuwerden, ein vermeintlich immer noch so gefährliches Virus herunterzuspielen. Doch rückblickend hatten sie Recht – ich brauchte aber Hilfe dabei, das schließlich auch so zu sehen. Ich ging weiter wandern und schrieb Berichte darüber, rechtfertigte es damit, dass mich das Fotografieren und Berichte schreiben entspannte, doch objektiv sah es so aus, als ob ich ewig Urlaub hätte, nicht wie Krankenstand – auch wenn es im Fall eines Burnouts stimmt, dass “das tun, was einem Freude bereitet” am ehesten zur Genesung hilft.
Letztendlich half mir, gut ein bis zwei Jahre später, zu erkennen, dass ich eine Anpassungsstörung hatte – und allmählich erkannte, dass für die Gesellschaft längst vieles wieder normal war, dass es ein Leben neben dem Infektionsschutz gab, dass Gesundheit nicht nur aus der Abwesenheit von Covid bestand. So gesehen darf ich mir nicht böse sein, in dieser Zeit so agiert zu haben, denn ich konnte es nicht erkennen – ich musste erst wieder lernen, Graustufen wahrzunehmen, so wie jemand einmal schrieb, dass er mithilfe eines Therapeuten wieder lernen musste, in ein Lokal essen zu gehen, ohne panische Angst zu haben, die Aerosole von anderen einzuatmen. Der Ausstieg aus dieser sektenhaften Überzeugung, alle anderen wären verrückt und die Regierung würde bewusst durchseuchen, wurde anfangs dadurch erschwert, dass eine Social-Media-Userin sich an mehrere “Zero-Covid”-Anhänger (bewusst ungegendert) heranschmiss und gleichzeitig ein Verhältnis hatte, u.a. mit mir, wenige Tage nachdem ich in den Krankenstand ging. Sie übertrieb jegliche Schutzmaßnahmen, desinfizierte exzessiv und hielt mir ständig vor, es sei ein Risiko andere zu treffen, selbst im Freien. Selbst verhielt sie sich aber erratisch und suchte gerne Einkaufszentren, Volksfeste, den Prater auf, also gerade da, wo sich Menschenmassen aufhielten. Mir wurde ein wenig der Spiegel meiner eigenen kognitiven Dissonanz vorgehalten, denn ich trug im Büro keine Maske, ging in die Kantine essen, fuhr gerne Zug und saß im Speisewagen und wollte anderen vorhalten, dass sie zu wenig auf Schutzmaßnahmen achteten. Als ich nicht davon abrücken wollte, im Büro keine Maske zu tragen, brach sie den Kontakt zu mir immer mehr ab, just ab dem Zeitpunkt, wo ich wieder zu arbeiten anfing. Das war mit ein Auslöser, neben Therapie, wo ich zu hinterfragen beginn, ob meine strengen Prinzipien zur Pandemie denn gültig und schlüssig waren, und ich stellte schließlich fest, dass objektiv, wissenschaftlich betrachtet, kein Grund mehr bestand, seine Mitmenschen zuerst einmal als Infektionsrisiko zu betrachten und erst dann als soziales Wesen. Das war der Grundstein für meine Genesung.
Ich bedaure es heute zutiefst, wie ich mit KollegInnen umgegangen bin, nur weil sie gehustet haben. Es war wirklich so krass – es ist keine Selbstgeißelung von mir. Die neue Kollegin hat gehustet und ich schrieb gleich mal was auf Twitter, wie unmöglich ich das hielt, andere zu gefährden. Tatsache war, in dem Büro war es so staubig, dass jeder husten und niesen musste. Deswegen war man nicht gleich rücksichtslos gegenüber anderen. Als ich mich selbst infizierte, trug ich keine Maske trotz Halsweh, weil ich das mit Reflux verwechselt hatte, statt präventiv einfach mal eine Maske aufzusetzen. Aber andere ständig kritisieren und darüber twittern, das war peak Heuchelei. Ich war nicht der “Gott der Prävention”, den manche LeserInnen und FollowerInnen in mir sahen. Ich war auch nur ein Mensch mit Fehlern.
Es hat gedauert, das zu erkennen und dass mein Verhalten den anderen gegenüber falsch war, aber es hat dem “social Bonding” immens geschadet. Ich brauchte lange, um eine kollegiale Beziehung zu ihnen aufzubauen, und geschädigte Beziehungen wieder zu reparieren. Einem Kollegen warf ich Mobbing vor, weil er meine Maske im Büro kritisierte. Er war bekannt für seine Scharfzüngrigkeit, aber nie bösartig. Er war sehr beliebt bei allen, man kannte seinen Schmäh, und es war Schmäh, kein Mobbing, und ich schuf mir keine Freunde damit, ihm das zu unterstellen. Er selbst war nie krank im Büro und gefährdete auch niemand wissentlich. D’oh! Als ich von meiner Anpassungsstörung geheilt war, hab ich die letzten Monate vor seiner Pension sehr genossen, jeden einzelnen Dienst mit ihm, und es zugleich bedauert, dass ich Jahre hinweg so feindlich gestimmt war, nicht nur bei ihm. Erst, wenn man mit den Menschen redet, ihre Beweggründe kennt, weiß man, warum sie sich so verhalten – das kann man respektieren, selbst dann, wenn man es nicht richtig findet. Wenn ältere Kollegen etwa gerne auf ihre Enkel aufpassen, und natürlich erbost waren, als die Schulen geschlossen wurden (freiwillige Betreuung war allerdings immer möglich) und Kinder ihre Großeltern nicht sehen durften/sollten. Mir wurde erst spät, viel zu spät klar, welchen Stellenwert seine Enkel für ihn hatten, wie wichtig das in seinem Leben war, und daraus erklärte sich seine vehemente Ablehnung. Da hatte man mit Fakten wenig Chancen gegenüber Emotionen, und direkte Konfrontation war kontraproduktiv. Da hätte ich anders herangehen müssen statt mit der Brechstange. Mir tut das heute noch weh, weil viele Jahre verschissen wurden verstrichen sind, in dem kein gutes Verhältnis mehr vorhanden war. Es hätte mir vieles leichter gemacht in einer unabhängig von der Pandemie schwierigen Zeit, als gemeinsamer Rückhalt wichtig war. Durch meine Vehemenz mit einem Thema legte ich mir Steine in den Weg beim anderen Thema. Heute spüre ich den Verlust immer noch, weil viele social events ohne mich stattfinden – ich war eben nicht so eng mit ihnen wie andere, und bin außen vor. Ich positionierte mich damals als Außenseiter – damals schien mir das alternativlos, dabei bin ich gerne Teil des Teams.
Warum schreib ich das alles? Weil dieser Teil der Vergangenheit genauso dazu gehört zu meinem Engagement, weil es Kollateralschäden gab, die nicht jedem klar sind, und ich mich beinahe aus meinem Job herausdrängen ließ, nur weil ZeroCovid-Aktivisten glaubten, ich könne doch einen anderen Job annehmen, wo meine herausragenden analytischen Fähigkeiten stärker gewürdigt würden. Erstens bin ich dort glücklich, wo ich derzeit bin, und meine Ausbildung ist in der Meteorologie beheimatet, nicht in der Virologie oder irgendwelchen medizinischen Datenaufbereitung-Startups, und zweitens war auch meine Analytik in der Pandemie nicht frei von fundamentalen Fehleinschätzungen. Man soll bitte nicht so tun, als ob die restliche Wissenschaft auf der Nudelsuppe dahergeschwommen sei. Ich hatte ein neues Hobby, die Pandemie damit bewältigt, vielen Menschen Informationen gegeben, die sonst schwer greifbar waren, aber das war eine Phase, die vorbeiging, so wie die Pandemie vorbeigegangen ist. Ich wollte Infektionsschutz dauerhaft in meinem Job etablieren und bin dafür beinahe zu weit gegangen, hab meine Reputation riskiert, weil ich glaubte, ich müsse in der “Infektionsschutzcommunity” selbst aktiv mit gutem Beispiel vorangehen, selbst etwas verändern, doch das war streng genommen gar nicht notwendig. Es herrschte meist ein gesunder Umgang mit dem Thema (Infektions-) Krankheit. Die meisten verhielten sich vernünftig. Ich konnte nicht alle Infektionen verhindern, weil sie dort gar nicht passierten. Überhaupt, warum wurde aus mir plötzlich ein Vorzeigeneoliberaler, der alle Krankenstände verhindern wollte? Niemand konnte das, und die Luft war bereits sehr gut bei uns, die Lüftungsart ideal, um Frischluftzufuhr zu gewährleisten. Das hatte ich jahrelang selbst gemessen. Aber ich konnte meinen Kollegen schwer vorschreiben, bei Grippewellen z.B. nicht auf Konzerte zugehen, oder im Flieger eine Maske aufzusetzen, oder ihre Kinder im Winterhalbjahr zuhause zu unterrichten oder nur mit Maske in die Schule zu lassen. Ich wusste nach den Jahren der Pandemie und eigener Erfahrung, dass die wenigsten Infektionen an unserem Arbeitsplatz passierten. Zusätzlicher Aufwand stand in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Infektionen.
Gibt es einen Schlussstrich zu dem Ganzen? Ich denke, ich werde es im Kollegenkreis einmal ansprechen müssen, um den Schlussstrich ziehen zu können. Ich möchte schließlich auch vergessen und nicht den zehnten und zwanzigsten Beitrag dazu schreiben, weil es so in mir nagt. Ich möchte auch bei allen, die bis hierher durchgehalten haben, bitten zu trennen – zwischen meinem Aktivismus, der in dieser Zeit wichtig und richtig war, und selbst dann, wenn er nicht geholfen hat, zumindest einen Denkanstoß geboten hat, und meinem Innenleben, das darunter gelitten hat. Wenn es überhaupt eine Botschaft für die Zukunft gibt, dann ist es ein Appell, die Graustufen nicht zu vergessen. Es gibt immer Graustufen, sondern verlieren wir unser Menschsein als soziale Wesen. “Nature never draws a line without smudging it.“