Tag 7, 18.03. 2020

uedokroea

Links die Altersverteilung bei den bestätigen Fällen, rechts die der Todesfälle, blau männlich, orange weiblich, Daten für Südkorea, Quelle: https://www.cdc.go.kr/board/board.es?mid=a30402000000&bid=0030

Ich hab Filme gesehen wie „I am legend“, „Twelve Monkeys“, „Snowpiercer“ oder „Interstellar“. Und ich hab Robert Harris „Der zweite Schlaf“ gelesen, eine Dystopie. In letzerer befinden wir uns gerade. Optisch hat sich nichts verändert. Die Häuser stehen alle noch, es gibt Industriegebäude und Gasthäuser. Nur hat sich die Benützung verändert. Das ist der Grund, weshalb es mir immer noch schwer fällt, hier einen Spaziergang im Grätzel zu machen. Die Alltagswege zu beschreiten, die kein Alltag mehr sind. Der geschlossene Augarten direkt gegenüber. Es ist ein schöner Frühlingstag heute und herrlich warm auf dem Balkon, eigentlich ideales Gastgartenwetter. Eigentlich…

Heute Nacht hab ich das erste Mal richtig gut geschlafen, knappe sieben Stunden am Stück, davon fast zwei Stunden Tiefschlaf, das ist mehr als die gesamte letzte Woche zusammen. Ich war schon am Abend gelöster, bekam endlich wieder Hunger und hab noch was essen können. Mein Blutdruck war heute Vormittag deutlich niedriger als gestern (130/90 statt 152/93) und ich fühle mich ausgeruhter und entschlossener. Und es gibt auch Gutes. Ich hab grad das erste Mal seit dem Einzug im Vorjahr ein paar Worte mit dem Nachbarn nebenan gewechselt (über den Balkon), er hat Homeoffice und putzt, ich schreibe grad den Blogeintrag und überlege, was ich alles machen könnte mit den limitierten Bewegungsfreiheiten. Meiner Physiotherapeutin hab ich angeboten, die verbleibenden beiden Termine vorzeitig auszuzahlen, sie wird die nächsten Monate unter einem kompletten Verdienstausfall leiden. Laut Budgetrede werden auch die Selbständigen Hilfen erhalten.

Mir kommen, seit ich ausgeruhter bin, eine Menge kreative Gedanken. Ich überleg, wie ich meinen Beitrag dazu leisten kann, dass sich an der Gesamtsituation etwas verbessert, etwa über solidarische Hilfen, Übersetzungen wissenschaftlicher Artikel, um – wie ich es einmal ausdrückte – den Schrecken zu versachlichen. Ich werd mein Falter-Abo wohl kündigen und stattdessen die Obdachlosenzeitung Augustin abonnieren. Denn ohne den Verkauf von Straßenzeitungen bricht vielen Flüchtlingen und Obdachlosen die Existenz weg. Ich kann den Zustand quo nicht ändern, die Gefahr ist da und wir müssen damit leben, bis ein Antikörpertest entwickelt wurde, bis es Medikamente gibt, die schwierige Verläufe verhindern oder abmildern, bis ein Impfstoff nicht nur entwickelt und gestestet, sondern auch für 4 Mrd Menschen zur Verfügung steht. Es wäre zum Beispiel hilfreich, wenn Mundschutzmasken in Massenproduktion gehen könnten, möglichst aus dem vorhandenen Material, da Importe auf unabsehbare Zeit schwierig sein werden. Statt den Unterricht für Oberstufen weiterlaufen zu lassen über das Internet, sollte man die Jugendlichen dazu ermutigen, kreativ zu werden, alles, was uns hilft, den Zeitraum zu verkürzen, in dem wir auf physische Distanz gehen müssen, rettet auf lange Sicht gesehen mehr Leben als das Virus jetzt auslöscht.

Wir stehen vor einer Zeitenwende, die durch unfassbares Leid beschritten werden wird. Aber aus jeder Krise wächst auch etwas Gutes. Wir erleben eine unfassbare Welle der Solidarität, der Kreativität. Die Natur erholt sich spürbar. Gestern früh hörte ich das erste Mal, seit ich in Wien wohne, mitten in der Stadt, einen laut hämmernden Specht! Die globale Erwärmung wird nicht gestoppt werden können, aber durch das Coronavirus dürften die Klimaziele jetzt halten. Die Luftfahrt geht auf ein Minimum zurück für lange Zeit. Generell der gesamte Verkehr wird entschleunigt. Die Art, wie wir uns bewegen, wird verlangsamt, wieder der natürlichen Gangart angepasst. Wir bemerken die Entschleunigung zuhause. Es besteht kein Grund, sich jeden Tag zig Dinge vorzunehmen, die man erledigen muss. Es werden noch zig Tage kommen, wo wir das erledigen können. Wir können uns den Tag maximal frei einteilen, von Homeoffice abgesehen. Es wird individuell geschehen, wie viel Zeit wir brauchen, um uns an die neue Realität anzupassen. Das ist bei jedem anders, und bei anderen, die von Beginn an besonnen und ruhig sind, kommt der Zusammenbruch vielleicht erst später. Aber wenn wir es akzeptiert haben, dann sind wir frei für neue Gedanken und neue Pläne. Vor einer Woche war ich noch unruhig wegen Urlaubsplänen und hab damit gehadert, dass ich keine Wohnung am Stadtrand habe, wie ich das vorhatte, und meine Eigentumswohnung am Land kann ich mir abschminken ohne Geld. Es ist natürlich für (uns) Autisten noch viel schwieriger, wenn alle Routinen einbrechen, alles ungewiss ist, und für uns war vieles vorher schon nicht gewiss. Ich nehms mit Galgenhumor und sag mir, dass derzeit so viel unsicher ist, dass wenigstens sicher ist, dass vieles unsicher ist. Diese Unsicherheit ist ein neutraler Raum, in dem alles geschehen und alles gedacht werden darf, inklusive Überlegungen, seine Lebenspläne vollkommen über den Haufen zu werfen. Aktuell geschieht das fremdbestimmt, durch diverse Erlässe, Zusammenbruch der Weltwirtschaft, etc., und es muss uns gelingen, die nächsten Wochen und Monate wieder mehr zur Selbstbestimmtheit zurückzufinden, wie wir unseren eigenen Weg aus der Misere finden, und uns nicht davon indoktrinieren lassen, dass ganze Wirtschaftszweige aussterben.

So, mehr an einem anderen Tag. Es ist grad so herrlich warm, ich werd gleich tatsächlich mal rausgehen, Müll rausbringen, einkaufen. Und dann den Frühjahrsputz am Balkon machen wie der Nachbar.

Eine Idee möchte ich noch einmal aufgreifen: Unterricht ist jetzt nicht so wichtig, weil das System, für das wir gelernt haben, nicht mehr existieren wird in dieser Form. Ich würde eher an alltagspraktische Dinge appellieren, an Forschung, soweit möglich, die uns in der akuten Notsituation und der, die noch kommen wird, helfen kann.

Update, 23.30

Heute kamen wieder 300 Fälle österreichweit dazu. Drosten warnt im Podcast von heute, dass viele Menschen zu sorglos damit umgehen, etwa in Versammlungen, in Kneipen, etc. Auch in Wien waren heute etliche Familien zu Ausflügen unterwegs, in Gruppen, zu Picknicks. Oder am Donaukanal. Drosten meint, viele denken, sie wären dann ein paar Tage im Spital, würden beatmet und das wäre es, aber so ist es nicht. Jetzt sterben viel mehr von den älteren und chronisch kranken Menschen als etwa bei einer Influenza. Drosten sagt, wir müssen etwas finden, für Ältere und Kranke, wenn wir keine erhöhte Todesrate wollen. Dafür müssen Regulative außer Kraft gesetzt werden in der Impfstoffentwicklung.

Zum Schluss noch ein paar Sager von mir der letzten Tage- Heiteres und Nachdenkliches.

  • Die lange Zeit der physischen Distanzierung/Isolierung ist vergleichbar mit einer 24-Stunden-Wanderung. Man kann schneller gehen als die anderen, aber sie dauert für alle 24 Stunden. Wir können nur disizipliniert bleiben, um am Ende alle gemeinsam ins Ziel zu kommen.
  • Für jene, die sich gerade über massive Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte aufregen (Überwachung der Handydaten, Quarantäne ganzer Ortschaften und Gebiete, Ausgangssperren):

    Es geht nicht um Deine Persönlichkeitsrechte, sondern um Deinen Onkel, der grad immunsupprimiert ist, um die Tante mit dem starken Asthma, um den 80jährigen Opa, der zum Geburtstag eingeladen hat, um die Freundin, die gerade eine Chemo macht. Es wird jeden irgendwie betreffen.

  • Ich möchte den Menschen, die grad in Gruppen zusammensitzen auch auf den Weg geben, dass es nicht nur um Virus gefährdete Alte und chronisch kranke Menschen geht, sondern auch um geplante, lebenswichtige OPs und Unfallversorgung, die im Ernstfall nicht mehr gewährleistet sind. Das kann JEDEN von uns betreffen.
  • Frei nach Alfred Polgar: In Wien gehen Menschen spazieren  weil sie zum daheim bleiben nach draußen gehen müssen.
  • Ist jemand, der sich in einem Heurigenlokal kuriert hat, ausgesteckt?

Vom gestrigen Podcast von Drosten noch ein paar praxisnahe Informationen:

  • bei den meisten milden Fällen waren die Symptome (Husten und Fieber) nach einer Woche verschwunden, in der Lunge war das Virus aber noch nachweisbar. Noch ist unklar, ab wann jemand offiziell als gesund gilt: Patienten bekommen früh Antikörper während der Infektion (Ende der ersten Woche, hohe Zuverlässigkeit), Immunität stellt sich schnell ein.
  • Das Virus wird schon im Rachen repliziert, Reiz zur Immunstimulisierung gegeben, bevor das Virus in die Lunge rutscht. Hypothese: Es ist denkbar, jemand atmet gleich eine hohe Dosis Virenpartikel ein, die in die Lunge geraten, so kommt es gleich zum schweren Verlauf, weil der Körper keine Immunantwort hat. 
  • Eine große Gruppe wird gesund, alle machen Antikörper, aber nicht alle machen neutralisierende Antikörper, sind aber trotzdem gesund geworden.
  • Die Antwort: Zytotoxische T-Zellen (Zellpolizei) gehen selbst auf Infektionszellen los. => Zelluläre Immunantwort entscheidend, Antikörper nur Beiprodukt.
  • Nicht notwendig, Impfstoff zu entwickeln, der den Virus imitiert, sondern der nur darauf abzielt, möglichst viele neutralisierende Antikörper herzustellen.
  • Antikörpertest nutzlos in den ersten 10 Tagen, wenn noch keine Immunantwort vorhanden ist
  • Ab 2/3. Tag der Symptome kann man aus Rachenabstrich Schnelltest durchführen, kann den aufwändigen PCR-Test künftig ablösen.
  • Wissenschaftliche Daten für FFP2-Masken gibt es nicht. Nur FFP3-Masken haben belegbaren Infektionsschutz für diese Viren.
  • Einfache Maske schützt bei feuchter Aussprache, aber: Die Maske schützt nicht vor dem Einatmen von Virenpartikeln. Man schützt nicht sich selbst, sondern andere.
  • Psychologischer Effekt setzt ein: Jeder muss eine Maske tragen, sonst macht er einen Fehler (in Asien geächtet). Infektionsbereich im Nahbereich wird verringert. Vor der Corona-Pandemie war es kulturell geächtet, Masken zu tragen (das wird sich künftig ändern)