Tag 8, 19.03.

Überleben in Zeiten der Coronakrise – mit selbstgemachtem Bärlauchpesto

Wer kennt auch den Film „Das Experiment“ mit Wärtern und Häftlingen, die zwei Wochen lang in einem Gefängnis ein Sozialexperiment durchführen sollen? Nach 3 Tagen wurde bereits abgebrochen wegen überschießender Gewalt. So ähnlich fühle ich mich derzeit auch, nur dass man Gewalt durch Emotionen ersetzen kann. Samstag vor einer Woche war ich das letzte mal radfahren. Ich hab zwar einen Tagesplan für die Zeit in der Wohnung, halte mich aber nicht daran. Es triggert zu viel. Meine bisher gültigen Ausgleichsroutinen für den autistischen Stressalltag erweisen sich als Bumerang. Inzwischen hab ich die geographischen Karten von den Wänden abgehängt. Die Kalender hab ich alle abgehängt und außer Sicht gebracht. Sie wecken zu viel Erinnerungen an eine Zeit, die nicht mehr kommt. Meine Bookmarkliste im Browser wurde auch um die ganzen Wanderziele und Urlaubspläne bereinigt, digitale Wanderkarten brauche ich nicht mehr.

Die Regierung hat heute betont, dass rund 90% der Bevölkerung sich an die Vereinzelungsmaßnahmen hält, es gäbe nur wenig Unbelehrbare. Grundprinzip sei jetzt das Abstand halten, mindestens einen Meter – das Virus hat große Virenpartikel, die rasch zu Boden sinken. Es sollen daher auch alle Parks wieder geöffnet werden, und, das interpretiere ich jetzt so, um meine Motive zu rechtfertigen, man darf auch die U-Bahn benutzen. Es gilt in allen Situationen „Abstand halten“, oberste Priorität, sogar noch über der Würde des Menschen. Unter diesen Voraussetzungen werd ich das riskieren, die U-Bahn nehmen oder Straßenbahn am Schottenring und bis Stadtgrenze fahren. Dann ab in den Wienerwald und immer abseits der Wege bleiben. Der Wald verändert sich nicht durch die jetzige Situation, er liefert mir die Gleichförmigkeit, die ich jetzt dringend benötige, um diese lange Phase der Isolation zu überstehen.

Die Unsicherheit darüber, ob Maßnahmen verschärft werden, verschärft auch die Panik und vor allem die Handlungsstarre. Ich werde einige Zeit brauchen, um den Tagesplan durchzuhalten, und ein Minimum an Stabilität zu bekommen, um nach draußen zu gehen. Ich möchte nicht, dass Fremde sehen, wenn ich emotional zusammenbreche.

Letzte Nacht bin ich sehr spät und hochdepressiv eingeschlafen, laut Fitnesstracker war mein Schlaf hervorragend, fast zwei Stunden Tiefschlaf. Ich schlief bis halb elf durch, mit Ohrnstöpseln abgekapselt, nachdem ich gegen 6 Uhr von der Meditations-CD der alten Nachbarin wachgeworden bin. Gestern war ich deutlich ruhiger und hatte wieder Ideen und Pläne, abends ein nettes Videotelefonat mit einer Freundin. Warum bin ich trotzdem wieder so eingebrochen?

Radio und Fernsehen versuche ich zu meiden, ebenso blockiere ich weiter User, die mir regelmäßig Worst-Case-News in die Timeline tweeten. In meinem ehemaligen Lieblingswetterforum hat jemand einen Thread aufgemacht mit „Positive Neuigkeiten zum Coronavirus“, eine gute Idee. Da finden sich auch zahlreiche Nachrichten über mögliche Impfstoffe oder Medikamente. Ich hab auch eine Verantwortung als reichweitenstarker User mit über 2000 Followern, das gilt auch für den Blog hier. Deswegen sind im Menüpunkt unter „Scientific Articles“ auch nur sachliche Informationen verlinkt, bestenfalls optimistisch stimmende. Der Mensch lebt nur durch Hoffnung weiter. Ich werd meinen Twitterkonsum weiter beschränken müssen, das ist auch klar, das Hauptproblem ist die bestehende Timeline, denn in den Listen hab ich neben „Ärzten“ und „Polizei/Verkehr“ nur noch die „Allerliebsten“, und die sind am wichtigsten, sie sind meine Nabelschnur.

Nach dem späten Frühstück werd ich das Rad nehmen und sinnlos durch die Gegend fahren. Ich hoffe weiterhin schwer auf den Wintereinbruch und die Kältewelle ab übermorgen, dass dadurch die Massenausflüge weniger werden und es leichter wird, Abstand zu halten. Mir hat schlechtes Wetter beim Wandern nie etwas ausgemacht, dafür kann man sich anziehen. Und man schwitzt wesentlich weniger unter einer Sturmhaube, wenn es plus fünf statt zwanzig Grad hat.

Hinweis zum Schluss an Unbelehrbare, vor allem junge Menschen, die jetzt tendenziell eher draußen und oft symptomlos übertragen: Ihr bekommt das Intensivbett und nehmt es jenen mit schlechteren Überlebenschancen weg. Ihr werdet wahrscheinlich überleben, aber auf Kosten eines Schwächeren. Bitte daran immer denken, wenn ihr absichtlich Risiken eingeht, in dem ihr den Mindestabstand unterschreitet. Ich weiß, wie weh das tut, es nicht mehr zu dürfen und zu können. Der Schmerz darüber ist nicht in Worte zu fassen. Je größer der Anteil derer, die jetzt den Schmerz teilen, desto kürzer wird die Zeit sein, in der wir diesen Schmerz in dieser Härte werden ertragen müssen. Je länger es dauert, desto größer wird das Risiko Menschenleben zu riskieren, wenn Depressionen und Suizidgedanken vereinsamter Menschen zunehmen.

Daher bitte bitte: Teilt den Schmerz und haltet Abstand, danke!

20.00 Runde durch den Prater

Ich hab es am Nachmittag nicht mehr ausgehalten und war wahnsinnig sauer, dass zwar offizell die Parks offen bleiben, aber es der Stadt obliegt, ob die Bundesgärten, wie Augarten, geöffnet werden. Und die entschieden sich dagegen. So kommt es, dass Bewohner in den westlichen Bezirken in offene Parks gehen können, aber die Leopoldstädter rund um den Augarten draußen bleiben müssen. Es ist wirklich sehr eng dort. Ich las dann sogar noch etwas davon, dass nur kurze Spaziergänge und Radtouren erlaubt seien und die Polizei überall Durchsagen macht, man solle nicht verweilen, sondern durchspazieren und nach Hause gehen. Ich schiss dann darauf und hab das Rad genommen, meine schicken weißen Baumwollhandschuhe von Bipa angezogen und bin Richtung Prater gefahren. Hunderte haben genauso gedacht, es war viel los und am Anfang unerträglich viel Polizei. Ich hab aber niemand gesehen, der gestraft wurde. Die meisten hielten den Abstand. Ich dachte mir, wenn die grüne Partei jetzt die Absolute stellen würde, dann würde es Durchsagen auch auf Englisch, Türkisch und in einer der slawischen Sprachen geben, aber die Polizei ist der türkisen Partei unterstellt, und die bedankt sich nun mal nur bei den ÖSTERREICHERN. Krisenkommunikation patriotisch gefärbt, da sollte man mit Kritik wirklich dranbleiben, weil es geht hier nicht um politisches Kleingeld herausschlagen, sondern dass die Dringlichkeit der Maßnahmen alle in Österreich erreicht, egal welcher Herkunft und welcher Sprache.

Ich fand es am Anfang nicht erholsam, die Hubschrauber sorgten für beständigen Lärm aus der Luft. Es fehlten nur noch Hunde und Maschinengewehre. Es hatte tatsächlich etwas Faschistisches an sich. Aber es ist nicht eskaliert, im Gegenteil. Ich nahm einen der Reitwege in die entlegeneren Teile der Praterauen. Das schmeckte einer Blockwartradfahrerin nicht, die mir hinterher rief: „Das ist der Reitweg, das ist nicht zum Radfahren!“ Typisch Wiener Grantler, ist doch blunzn jetzt, eh keine Pferde unterwegs. Ich sah auf den schmalen Schleichwegen später noch andere Radfahrer und einzelne Jogger. Im Wald verstreut saßen einzelne Familien – alleine, auf den abgestorbenen Baumstämmen. Es hatte wirklich eine Endzeitstimmung. Ich fand meinen Lieblingsbaum und umarmte ihn. Die letzte menschliche Umarmung hatte ich am 4. März, die letzte herzliche Begrüßung einen Tag später. Das wars erstmal. Ich sammelte Bärlauch, ohne zu wissen, wie ich ihn zubereiten sollte, sprich, morgen muss ich einkaufen gehen, hab weder Olivenöl noch Sonnenblumenkerne da.

Am Rückweg war die Polizei verschwunden, ebenso der Hubschrauber. Es hielten sich trotzdem die meisten an den Abstand. Um 18.00 fand wieder Klatschen auf den Balkonen in der Wohnanlage statt. Kurz darauf spielte ein Kind von einem Balkon ein kurzes Flötenlied und der Applaus brandete erneut auf. Ich wärmte meine Nudeln mit Faschiertem von gestern auf und aß sie bei Kerzenlicht am Balkon. Zum vorletzten Mal. Ab Samstag wird es dafür zu kalt sein. Derzeit liegt der März über 3 Grad über dem Schnitt, mit dem Kälteeinbruch werden wir dafür sogar unter dem Schnitt liegen.

Man darf nicht darüber nachdenken, was später anders sein wird. Auch wenn Supermärkte, Lieferdienste, Onlinehandel jetzt boomen und die Grundversorgung weiterläuft, ebenso Pflege, Rettung, etc. Tourismus, Gastronomie, Kultur und Luftfahrtbranche gehören zu den am stärksten betroffenen Bereichen, sie werden sich fundamental verändern bzw. am längsten mit den Nachwehen zu kämpfen haben. Andere Branchen wie Baugewerbe oder Autobranche finden wesentlich schneller zurück. Es wird sicher auch nach Corona noch Wettervorhersagen geben müssen, denn der Klimawandel pausiert nicht und lebenswichtige Produkte werden weiter mit dem Flugzeug kommen. Man fragt sich, wer das alles später bezahlen soll. 38 Mrd Euro umfasst das Hilfspaket der Regierung, selbst die ÖVP hat betont, koste es, was es wolle, jetzt zählt nur die Hilfe. Und das wird nicht reichen, denn der Gesundheitsbereich wird massiv ausgebaut werden müssen. Und vor allem dürfen jetzt nicht jene Bevölkerungsgruppen unter die Räder kommen, die durch das Coronavirus einem besonders hohem Risiko ausgesetzt sind – Alte, Behinderte, chronisch Kranke und psychisch Gefährdete. Ich erwähne jetzt auch die letzte Gruppe, weil ich nicht weiß, wie sich der extreme Stress auf das Immunystem auswirkt, und letzendlich auch auf die steigende Suizidgefahr. Das gehört dringend thematisiert. Es geht hier nicht lapidar um „die Decke auf den Kopf fallen“ oder „auf den Partner gepickt“ sein, die aktuelle Lage bringt bei einer Vielzahl von Menschen Angst- und Panikattacken mit sich, und legt den Grundstein für ein handfestes Trauma, wenn das alles vorbei ist, z.b. vor dem Alleinsein, vor engen Räumen, vor Hubschrauberlärm, vor zu wenig körperliche Nähe zu anderen Menschen. Hier sollte man sich echt was überlegen, auch in der Art und Weise, wie kommuniziert wird. Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob Kontakte nur reduziert werden oder auf Null gebracht werden sollen (was ja angestrebt wird, weil man zu JEDEM Menschen, außer in der Familie, Abstand halten soll). Für ohnehin alleinstehende Menschen, womöglich noch ohne Haustier, bedeutet das soziale Isolation. Mein Lebensinn bestand darin zu wandern und über das beständige Naturerlebnis Kraft zu tanken, um den Alltag zu bestehen. Diese Kompensationsstrategie ist jetzt durch die Maßnahmen stark beschnitten, sie erfordert einen immensen Aufwand inmitten unklarer polizeilicher Verordnungen und Strafen. Deswegen wirkt sich die aktuelle Situation auch so dramatisch auf meinen Alltag aus und macht es mir schwer, neue Routinen aufzubauen.

Es gibt eine neue Übersichtsseite für Österreich mit Echtzeitangaben zu Coronafällen, nach Bezirken aufgelistet, ebenso mit Alters- und Geschlechterverteilung: Link Gesundheitsministerium.

Eindrücke vom Nachmittag, 15km Radtour.