Tag 9: 24 Tage werden noch kommen

Die Regierung ließ heute die Katze aus dem Sack: Die aktuellen Maßnahmen werden bis Ostermontag verlängert, also weitere 24 Tage Ausgangsbeschränkungen. Niemand in Europa, mit Ausnahme der Italiener, hätte sich vor zwei Wochen träumen lassen, dass wir in einer Diktatur leben und Polizei und Heer die Bevölkerung kontrollieren, ohne Versammlungs- und Reisefreiheit. Das, um das abzuschwächen, ist natürlich nicht ganz richtig – denn es herrscht weiterhin MEINUNGSFREIHEIT. Man darf Maßnahmen offen kritisieren, ohne Repressalien fürchten zu müssen.

Ehrlich gesagt bin ich erleichtert, dass die Regierung von der Salamitaktik abgewichen ist mit schrittweisen Verschärfungen und Verlängerungen. Jetzt können wir uns auf vier Wochen einstellen und neue Routinen entwickeln, um damit klarzukommen. Wie unkompliziert es plötzlich ist, via Telefon Rezepte zu bekommen, die vom Arzt per Fax zur Apotheke geschickt werden, wo man sie ohne Papier-Rezept abholen kann. Auch bei vielen anderen Amtserledigungen haben sich unkomplizierte Lösungen aufgetan – nicht nur für die neurotypische Mehrheitsbevölkerung ein Segen, sondern auch für Autisten, die darauf ewig warten mussten – aber wenn es keine Mehrheit betrifft, dann tut sich halt leider nichts. Es wird schwer zu argumentieren sein, bestimmte Erleichterungen später wieder zurückzunehmen – man denke nur an den ganzen Papier- und Zeitaufwand, der dadurch gespart wird.

Ich will mich aber nicht damit abfinden, dass angsterkrankte, depressive und an Panikattacken leidende, vereinsamte Menschen ohne Auto die kommenden vier Wochen kaum aus dem Haus gehen können in der Großstadt (sic!), weil sie laut Verordnung keine Öffis benutzen dürfen, keine zu langen Radtouren machen sollen, keinen geöffneten Park oder Bundesgarten um die Ecke haben und ihnen sprichwörtlich die Decke auf den Kopf fällt. Die Kommunikation muss sozialer werden, werter Herr Anschober und Kogler! Wofür schränken wir uns so massiv ein? Für alte Menschen, chronisch kranke Menschen und jene mit einer körperlichen Behinderung, die Risikofaktoren erhöht. Es gibt da aber auch noch eine vierte Gruppe, und das sind die oben angesprochenen psychisch beeinträchtigten Menschen bzw. allgemein jene Menschen, die auch vor dem Coronavirus schon wenig Sozialkontakte hatten, dies aber z.b. durch Ausdauersport oder andere Sportarten kompensiert haben. Das ist jetzt nicht mehr möglich oder erwünscht, es gibt diesbezügliche eindringliche Warnungen vom Alpenverein oder vom Rennradsportverband. Wenn man bedenkt, dass jene Betroffenen jetzt wochenlang ohne Sozialkontakte und ohne Möglichkeit, sich anderweitig abzulenken, zuhause sitzen, kann man sich vorstellen, dass sich der seelische Zustand verschlechtert, schwere depressive Episoden und Suizidgedanken zunehmen. Das gilt gleichermaßen für Partner und Familien mit häuslicher Gewalt, dazu gibt es auch Studien aus China. Es ist eben bewiesenermaßen ungesund, einen so langen Zeitraum aufeinander zu picken, und nicht jeder von uns hat einen Balkon, einen Garten, ein Auto oder wohnt am Stadtrand. Deswegen setze ich mich dafür ein, sich Lösungen auszudenken, wie man die indirekt vom Coronavirus betroffene Risikogruppe möglichst gut betreuen kann und ihnen die Möglichkeit gibt, sich im Freien zu bewegen und Stresshormone abzubauen. Das wirkt sich auch unmittelbar auf das Immunsystem aus. Es gibt nun mal einen gewichtigen Unterschied zwischen einem Spaziergang in einem dicht verbauten Grätzel und einer Runde durch den Wald. Auch das ist durch zahlreiche Studien erwiesen (siehe Clemens Arvay – Der Biophilia-Effekt).

Ideen, wie man so etwas umsetzen könnte, gäbe es zuhauf. Es wäre denkbar, dass man sich sein Leiden oder auch seine medizinische Indikation (z.b. Bewegung notwendig wegen Thrombosegefahr, Herz-Kreislauferkrankungen, etc…) vom Arzt bestätigen lässt und ggf. vorzeigt. Was mich jetzt so ärgert ist, dass die egoistische Spaßgesellschaft in Massen jene Flächen belegt, auf die die genannten Risikogruppen nicht gehen können oder wollen. Ich habe übrigens schon vor Corona Menschenansammlungen gemieden, habe mich in engen, überfüllten Räumen unwohl gefühlt bis hin zu Panikattacken. Es ist doppelt ungut, wenn man jetzt an die Ansteckungsgefahr denkt, auch wenn es im Freien sicherlich weniger riskant ist wegen der Durchlüftung, aber sie ist nicht Null. Ich werde selbst meine Strategien finden müssen, um mich erholsam (!) im Freien zu bewegen, das wird überwiegend über das Rad gehen, ich muss aber vor allem wenigstens 1-2 Tage die Woche ganz aus der Stadt.

Sonst ging heute viel weiter, Achtsamkeitsübung via Skype-Telefonat mit der Psychologin, es hat gewirkt. Man muss die Möglichkeiten nutzen, die wir jetzt haben, um uns gegenseitig zu helfen. Ganz wichtig, eigentlich selbstverständlich, ist es nachzufragen. Man kann auch via Whatsapp oder Handy anderen Texte/Geschichten vorlesen, was auch immer, um eine vertraute Stimme zu hören, wenn sie schon physisch nicht mehr präsent sein kann. Was jetzt nicht hilfreich ist: Sich den Tag zu voll zu packen mit Erledigungen – es zählt jetzt vorrangig die psychische Stabilität! Das Bewusstsein bestimmt das Sein.

Heute nutze ich den letzten Tag auf dem Balkon, ab morgen wird es empfindlich kälter. Morgen kaum Niederschlag in Wien, aber nur noch niedrige einstellige Höchstwerte. Am Sonntag könnte es tagsüber ein paar Schneeschauer von Osten her geben, dazu weht ein eisiger Nordwind. Für Dienstag und Mittwoch zeigen die Wettermodelle zum Teil signifikante Neuschneemengen auch im östlichen Flachland. Nicht nur die Welt spielt verrückt, sondern auch das Wetter – nach drei rekordwarmen Wintermonaten kommt die kältestmögliche Luftmasse für diese Jahreszeit direkt aus Russland.

Hinsichtlich Menschenmassen hoffe ich dadurch auf eine Zerstäubung, das gemütliche Verweilen im Park oder Picknicks haben definitiv ein Ende. Vielleicht kann man sich dann wieder besser im Freien bewegen als vorher, etwa im Prater oder auf der Donauinsel. Warm anziehen ist angebracht, aber die Sturmhaube mit Ganzkörpergesichtsschutz hilft ja doppelt – gegen die direkte Ladung Viren durchs Anhusten und gegen die Kälte.

Abschließend der Hinweis zum Blog einer lieben Freundin, die zur Risikogruppe zählt und schildert, wie sie mit der Situation zurechtkommt: Daheim bleiben und Gefährdungskonkurrenzdenken und Home-Office und Systemrelevanz.

Update , 18.15

Laut heutigem Podcast mit Drosten ist es wichtig, dass die Grundfunktion der Lunge gut ist. Im Hinblick auf die Feinstaubdiskussion in Italien sieht er die Gefahr eher im Rauchen, weshalb überproportional Männer betroffen seien, und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in weiterer Folge auftreten. Profi-Klimaanlagen senken eher das Infektionsrisiko durch den Luftaustausch. Derzeit haben alle Länder das Problem, dass sie mit dem Testen nicht mehr hinterherkommen, deswegen werden sich die Länder nur langsam angleichen. Drosten ist nichts bekannt davon, dass vermehrt jüngere Menschen ins Spital kommen, es gibt immer noch Aufnahmen, wo es um die Diagnose und Isolierung geht, und in anderen Regionen ist schon zu viel los dafür. (Anmerkung, Stand, 18.00 Österreich: 2491 Infizierte, davon 2412 ein milder Verlauf). Nachdem wir eine Infektion durchgemacht haben, ist das Virus nicht mehr im Rachen ausreichend vorhanden, um ansteckend zu sein. Zum Infektrisko im Sommer – endemische Viren scheitern an der Bevölkerungsimmunität und an UV-Licht, Sonne, draußen sein, beides zusammen führt zum Stop. Ein pandemisches Virus wird nicht gestoppt, aber geringfügig verlangsamt.

Schule schließen, Isolieren, Testen, Quarantäne, Kontaktpersonen finden, etc… die Frage sei, was bringt dann eine Ausgangssperre. Dazu gibt es keine wissenschaftlichen Studien. Die Frage ist, ob man nicht die Schulen teilweise wieder öffnet. Für das Augenmaß ist der Eindruck wichtig. Heute morgen hatte Drosten das erste Mal den Eindruck, dass die Straßen in Berlin-Mitte leer sind, es habe sich so richtig was geändert.

Update, 22.45

Am Nachmittag hab ich noch eine kleine Radtour gemacht, den Donaukanal entlang, leider zu viele Jogger, Spaziergänger und Radfahrer, bis Höhe Kahlenbergerdorf an der Donau. Dort war ich mit dem Rad noch nie, auch den Brigittenauer Sporn kannte ich noch nicht. Die meisten haben die Abstände eingehalten, aber es war mir trotzdem zu voll. Später hörte ich noch davon, das die Radfahrerregel auch verschärft wurde. Keine mehrstündigen Einzelfahrten, aber ich denke, da geht es vor allem um das Risiko, dass einem selbst was passiert und man die Rettung benötigt. Ich fahre allerdings seit jeher defensiv und mangels ausreichend Kondition ging mir nach mehr als einer Stunde auch schon die Puste aus. Sollte ich doch einmal in den Wienerwald biken fahren, bleib ich eh auf den Wegen, weil ich quer durchs Gelände fahren noch nie gemacht habe und ganz sicher jetzt nicht damit anfangen werde.

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Schemerlbrücke beim Nußdorfer Wehr (1894-1899 erbaut)

2

The world literally turned upside down

3

Blurred.

4

Quiet Earth