Tag 15: Kollateralschaden der konservativen Regierung

Zusammenhalt ist jetzt so wichtig, nicht nur untereinander, sondern auch zwischen Arm und Reich

Am Anfang hatte ich auch das Gefühl, die Regierung macht es richtig, setzt die drastischen Maßnahmen und es kommt erst gar nicht zu der steilen Kurve an Neuinfektionen. Mittlerweile hab ich meine Meinung dazu relativiert, nicht zuletzt wegen dem Skandal um Ischgl (-> Leseempfehlung). Aber man sieht auch an der Umsetzung der wirtschaftlichen Maßnahmen, dass es vor allem darum geht, die eigene Lobby zu retten. So soll die Abwicklung der Soforthilfe nicht über das Finanzamt gehen, das bereits alle Daten hat, sondern über die Wirtschaftskammer. Und sofort ist ein zeitlich sehr elastischer Begriff, wenn man die implizierte Bürokratie dazu betrachtet (-> Quelle).

Was uns jetzt fehlt, ist ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) – so könnte man noch mehr Menschen dazu bringen, zuhause zu bleiben statt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Arbeit fahren zu müssen und am Arbeitsplatz weiter andere Menschen anzustecken. Mit Ausnahme jener Berufe, die die Grundversorgung garantieren, aber da ist die Betonung auf Grundversorgung, und nicht auf – wir unterstützen jetzt den lokalen Handel statt Amazon und bestellen materielle Güter, die wir gerade nicht brauchen. Es ist wunderbar, dass man alles online erledigen kann, aber irgendjemand wird Regale schlichten müssen, wird die Ware zustellen müssen und setzt sich damit einem Risiko aus, das an sich nicht notwendig wäre. Immer mit dem Hintergrundwissen, dass je stärker sich alle gleichzeitig einschränken, desto kürzer wird dieser Zeitraum dauern. Momentan ist mein Eindruck, dass wir die Zahl der Kontakte immer noch zu hoch halten, indem wir zwar nicht direkt in die Läden gehen, aber die Warenkette aufrechterhalten.

Wie medizinisch sinnvoll ist es, dass zunehmend ein Zeitlimit für das Hinausgehen angedacht wird? Wie wirkt sich dieser immense Stress auf das Immunsystem aus? Wie wirkt sich das auf potentielle Ansteckungen und den Schweregrad des Verlaufs aus? Dazu auch eine aktuelle Podcastfolge von Natalie Grams, Ärztin.

„Wir sind nicht alleine zuhause, wir sind mit unseren Ängsten und Depressionen zuhause.“

Der Podcast betrifft Deutschland, kann man aber teilweise auch auf Österreich anwenden, etwa Video- und Telefontherapie durch Psychotherapeuten und Psychologen. Problematisch ist aber in Österreich, dass weiterhin Beratungstermine durch klinische Psychologen nicht durch die Krankenkassen übernommen werden. Gleichzeitig steigt der Bedarf an regelmäßigen Gesprächen aber deutlich an, die Kosten erhöhen sich, während die Geldsorgen mehr werden.

Die Psychologin im Podcast appelliert an psychisch Betroffene, sich der Infodemie zu entziehen und nicht ungefiltert alle Informationen auf sich einprasseln zu lassen. Sie erlebt sich das auch an sich selbst, es sei legitim sich davor zu schützen. Hilfreich sei, sich Alltagsstruktur aufzubauen, gleichzeitig soll man positive Aktivitäten einplanen, die noch möglich sind. Gerade für aktive Menschen, die immer draußen waren, sei es schwierig, neue Strategien zu finden. Bewegung sei wichtig für den Spannungsabbau. Es sei auch legitim, auszuprobieren und festzustellen, dass manche Ratschläge nicht funktionieren.

Die strengen Maßnahmen werden sich mit Ostern nicht plötzlich ändern, sondern solange weitergehen, bis alle 9 Millionen Menschen in der Bevölkerung durchgetestet wurden. Es wurde auch berechtigterweise angemerkt, dass die jetzigen Ausgangssperren dafür sorgen, dass die zweite Welle im Herbst noch stärker ausfallen kann, weil dann jene, die sich bis dahin nicht infiziert haben, zum Handkuss kommen.

Hoffnung besteht alleine darin, dass jetzt gleichzeitig die Tests auf das Virus selbst (PCR-Test) und auf die Immunität (Antikörpertest) deutlich ausgeweitet werden können. Dann kann die Beschränkungen zumindest regional begrenzen, dann dürfen sich Menschen nach durchgemachter Erkrankung wieder begegnen, umarmen, zusammenarbeiten, dann kann man einzelne Regionen unter Quarantäne setzen, muss aber kein ganzes Bundesland wie Tirol unter Generalverdacht setzen, das Virus weiterzuverbreiten. Außerdem könnte durch den theoretischen flächendeckenden Einsatz von Mundschutzmasken der Bewegungsradius ebenfalls erhöht werden, speziell im Hinblick auf Tröpfcheninfektion mit schwerwiegenden Verläufen, weil man durch direkte Huster/Nieser die volle Viruslast abbekommt.

Ich will nicht egoistisch erscheinen, ich will auch nicht unfair sein. Es gibt genauso chronisch Kranke mit Auto am Land, die wenig verdienen und schon vor Corona am Existenzminimum lebten. Die haben jetzt zwar den Vorteil der Natur von der Haustür, sonst aber reichlich Nachteile, insbesondere da die medizinische Versorgung der chronischen Krankheit gerade drastisch eingeschränkt wird. Auch deswegen wäre ein BGE gerade so wichtig, um sie sozial aufzufangen. Die milliardenschwere Finanzspritzen der konservativgrünen Regierung dienen vor allem der Wirtschaft, nicht der Gesundheit – es werden immer noch Prioritäten falsch gesetzt.

Die Gedanken im Kopf fahren jedenfalls derzeit Achterbahn. Zwischen sanftem Optimismus und zu Tode betrübt. Über Patientenverfügung sollte man sich ernsthaft Gedanken machen, bevor einen das Virus mit einem schwereren Verlauf erwischt. Ob man, so man weiterleben darf, mit irreparablen Lungenschäden weiterleben will oder nicht darum bittet, seinen Intensivplatz freizumachen für jemand, der bessere Genesungsprognosen hat. Gedanken, die im Kopf eines 36jährigen nicht wirklich Platz haben sollten. Ich weiß nicht einmal, wie weit ich von der Risikogruppe entfernt bin – genetisch bin ich durch das zusätzliche X-Chromosom (47,xxy) vielleicht sogar geschützt, weil Frauen seltener (schwer) erkranken als Männer, andererseits ist die Prävalenz für Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen höher als für XY-Männer. Viel kann ich zur Vorbeugung nicht tun, theoretisch war die beste Vorbeugung, mich viel draußen zu sein und mich zu bewegen – der Gedanke ist für mich unerträglich, dass ich diese Vorbeugung jetzt für Monate nicht mehr gleich intensiv betreiben darf wie vorher. Ich habe meinen Bewegungsdrang immer als Lebensversicherung betrachtet. Mein Venenarzt, den ich glücklicherweise noch im Februar aufgesucht hab, empfiehl mit Nachdruck, ich solle wenig sitzen, sondern mich viel bewegen, Ausdauertraining betreiben. Jetzt bin ich gezwungen, über mehrere Monate das krasse Gegenteil zu betreiben, wenn ich mich an die gesetzlichen Verordnungen penibel halte und zuhause bleibe. In der Statistik werden am Ende aber nur die Toten und jene mit irreparablen Lungenschäden landen, nicht aber jene, die jetzt für Monate nicht die nötigen Behandlungen und Therapien erhalten, die psychischen Folgeschäden schon gar nicht.

Ich mag das nimmer weiter ausführen, mir ist auch bewusst, dass ich teilweise irrational bin, dass mich die Polizei nicht daran hindern darf, stundenlang spazieren zu gehen oder radzufahren. Für mich ist dieser Nicht-Natur-Alltag einfach so unerträglich, und die Androhung das wenige, was noch bleibt, weiter einzuschränken, ohne begründete Belege, dass sportliche Aktivitäten das Ansteckungsrisiko erhöhen oder risikoarme Aktivitäten wie Wienerwaldspaziergänge ein erhöhtes Unfallrisiko bedeuten. Ich blieb diese Woche an drei Tagen daheim, verhielt mich korrekt, aber es schlägt sich eben auf die Psyche nieder.