Tag 14: Hoffen, Bangen, Ernüchterung

Sofienalpe mit Graupelschauer im Anmarsch

Ja, es sind immer noch diese Vorschriften, die mir zu schaffen machen, hab genug darüber geschrieben. Da ist in mir wieder der Autist wachgeworden mit dem starken Gerechtigkeitssinn. Und es ist ungerecht, wenn man in einem Innenstadtbezirk lebt ohne Grünfläche in der Nähe. Die Ungerechtigkeit macht mich stärker fertig als die Angst vor dem Virus selbst.

Ich hab mir auch schon verschiedene Radrouten überlegt. Bis Rodaun komm ich unter einer Stunde kaum hin, Hütteldorf sind etwa 50min, Sievering noch 40min. Das werde ich wohl machen MÜSSEN und hoffen, dass jetzt nicht die Zeit für Kriminelle ist, Fahrräder oder Teile davon zu fladern. Was ich eigentlich nicht will, ist, mit dem Rad durch den Wienerwald zu gurken, sondern nur spazieren, weil das Verletzungsrisiko dann gleich Null ist. Wenn es rein um Bewegung ginge, würde das Radfahren quer durch die Stadt ja auch ausreichen, aber ich brauch das Naturerlebnis, um mein STRESSLEVEL zu senken und mal für einige Zeit auf andere Gedanken zu kommen, um dann zurückzukehren in die Wohnung und die deprimierenden Folgetage auszuhalten, ohne innerlich durchzudrehen.

Meine Furcht, in den Öffis kontrolliert zu werden und nicht glaubhaft versichern zu können, dass ich mich gerade gerechtfertigt darin aufhalte, hält sich mit der Furcht, dass mein Rad gestohlen wird, während ich spazieren gehe, sonderbarerweise die Waage. Aber ich war in inzwischen acht Jahren Wien nie ein Freund davon, Einkäufe mit dem Rad zu erledigen oder spazieren zu fahren. Ohne Auto wird das Rad zum Auto, auf das man wie seinen Schatz aufpasst. Das wird sich jetzt ändern müssen, wenn ich die kommenden Wochen oder gar Monate meine innere Stabilität bewahren will.

Hackers Interview im aktuellen Falter ist grausig, von den Fragen und Antworten, aber in einem hat er Recht: Man kann eine 2-Millionen-Einwohner-Stadt nicht mit dem restlichen Österreich vergleichen. Andere Möglichkeiten, andere Bedürfnisse.

Back to Wien:

Letzte Woche hab ich erstmals Biolebensmittel bestellt bei einem Biohof, heute kam die Lieferung, leider ohne das Mehl, das ich mitbestellte hatte – Lieferengpass. Jetzt werd ich also trotzdem in den Supermarkt gehen müssen, aber mir fehlen ohnehin ein paar Sachen wie Küchenrollen, Müsli, Milch und vor allem Fleisch. Auch eine Pizza wäre zur Abwechslung nett, und jetzt rächt sich, dass ich nicht, wie letztes Jahr vorgenommen, mir ein extra Tiefkühlgerät gekauft habe, um mehr Platz dafür zu haben. Natürlich auch die Umzugspläne an den Stadtrand, die ich jetzt nicht mehr umsetzen kann. Fahrstunden nehmen, ein Auto mit Automatikschaltung verwenden, das hätte mich jetzt gerettet. Aber es rächt sich so vieles, der Besuch zweier deutscher Freunde, der für heuer geplant war, und den ich die vergangenen Jahre nur nicht am Programm hatte, weil mir meine Wanderungen wichtiger waren. Ich bereue auch, dass ich nicht explizit betont habe, weshalb mir Umarmungen so wichtig sind, ohne Hintergedanken, dass ich aus meiner Bescheidenheit heraus gar nicht mehr brauche, als diese Geborgenheit und Wärme zu spüren – auch wenn das untypisch für einen Autisten erscheinen mag, aber es kommt auch immer darauf an, von wem man berührt wird. Und diese Umarmungen waren wir zehn Mal lieber als Begrüßungsküsschen oder Händeschütteln.

Aber wie eine Freundin heute trefflich schrieb …

„Das Leben findet im Jetzt statt. Nicht im Vorher, nicht im Hätte, und schon gar nicht im Bald. Aber manche dachten leider, das wären nur „Kalendersprüche“.“