Tag 16 oder ists schon 17? 28.03.

Erlasskonforme Wanderung im Wienerwald, per bike & hike

Es dürfte den meisten so gehen, dass das Zeitgefühl abhanden gekommen ist. Das hat weniger mit Entschleunigung zu tun, als dass die Zukunft so unsicher geworden ist. Urlaubspläne, große Anschaffungen, Übersiedlungen, auch die Partnersuche, die man endlich in Angriff nehmen wollte, alles ist obsolet geworden. Meine Kalender alle in den Kasten zu sperren, war eine meiner ersten Handlungen. Ich bin nur ein kleines Licht unter vielen Kerzen auf dem Planeten Erde. Meine Trauer darüber, was ich alles versäumen werde, ist meine persönliche Erfahrung, keine Aufwertung oder Abwertung von den Erfahrungen anderer. Jeder leidet individuell. Es ist relativ ja. Man sollte sich glücklich schätzen mit dem, was man hat, weil anderen geht es oft noch schlechter. Das ist ein Stehsatz, falsch und richtig zugleich. Denn er verstärkt den Druck, nicht so viel zu motschkern, redet einem ein schlechtes Gewissen ein, wenn man über die eigene relativ priviligierte Situation lamentiert.

Ich hatte fünfeinhalb Jahre schwierige berufliche Umstände, fand dann einen neuen Job, dafür entstand ein chronisches Magendarmleiden mit wiederkehrenden Refluxattacken, für die ich keine Ursache fand. Es kam die Übersiedlung nach Salzburg, Wechsel innerhalb der Firma, einzige Möglichkeit aufzustocken. Ich bereute den Job nicht, aber den Umzug. Ich war viel zu lange getrennt von den vielen guten Bekannten und Wanderfreunden in Wien und fand kaum Anschluss in Salzburg. Deswegen kehrte ich wieder zurück. Im November 2018 ließ ich noch meinen Nabelbruch operieren, bewusst um diese Zeit, damit ich im Spätwinter wieder voll mit Wanderungen durchstarten konnte. Umso größer der Schock, noch während den Umzugstagen, als ich die Diagnose Knochenmarködem erhielt und nahezu alle Wanderurlaube letztes Jahr streichen musste. Im Herbst kam dann endlich die Gewissheit, dass ein Teil meiner Magendarmbeschwerden durch Laktoseintoleranz verursacht war, der andere Teil vermutlich durch zu histaminreiche Kost gepaart mit hohem psychischen Stress. Ich hatte für einige Wochen Ruhe. Zugleich wurden die Fußbeschwerden ab dem Herbst sukzessive weniger, ich konnte zunehmend längere Strecken schmerzfrei zurücklegen. Anfang 2020 war ich für drei Wochen auf Kur in Bad Mitterndorf, den Antrag hatte ich im August gestellt, als die Schmerzen trotz Einlagen nicht besser wurden. A posteriori werden diese drei Wochen mein längster Urlaub dieses Jahr gewesen sein, und wahrscheinlich mein einziger mit voller Bewegungsfreiheit. Meine Kondition hatte sich merklich verbessert, zum Leidwesen meines besten Wanderfreundes, dem ich bei einer Schneeschuhwanderung im Februar schlichtweg davonzog, obwohl ich alles spurte. Dieses Jahr wollte ich voll durchstarten, plante erstmals wieder Kurzurlaube mit dem Ort meiner Wahl, Wanderurlaube, Schwimmen an einem Bergsee, sowas in der Richtung. Das ist alles hinfällig geworden. Es hängt nun an einem Faktor, den ich selbst nicht beeinflussen kann, wie schnell dieser Alptraum vorbei ist und was die Folgen bleiben werden. Ein paar Aktivitäten werde ich wahrscheinlich nie mehr machen können – die teure Fernreise, die ich im kommenden Jahr geplant hatte (Kap Verden), die erste Fernreise überhaupt. Der teure Schweizurlaub, die teure Wohnung am Stadtrand, die kleine Eigentumswohnung im Grünen.

Zum Einen ist nicht sicher, ob mein Job diese langfristigen Auswirkungen überleben wird, zum Zweiten dürfte der Zenit erreicht sein mit dem Verdienst und zum Dritten ist die größte Befürchtung, dass durch Hyperinflation das über Jahre ersparte Geld nichts mehr wert sein wird. Zwar freuen sich jetzt alle über die 38 Milliarden, die mit der maximalen Umständlichkeit möglichst bürokratisch ausgezahlt werden sollen, aber für das größte Problem weltweit, nämlich, dass alle Staaten der Welt in eine tiefe Rezession bzw. Depression rutschen und den Schuldenberg nie mehr zurückzahlen können, ist noch keine Lösung gefunden, vielleicht auch keine angedacht worden, weil es keine Weltregierung gibt. Und dann wäre da noch der Klimawandel, auch für diesen müssen Lösungen gefunden werden, und das schnell, am besten dieses Jahr, aber verständlicherweise haben alle Staaten derzeit andere Sorgen, nämlich so viele Leben wie möglich zu retten, und gleichzeitig den Lockdown nicht so lange aufrechtzuerhalten, dass der nachfolgende Zusammenbruch noch mehr Leben kostet als dieses gschissene Virus.

Ich bin nicht sicher, ob es in Österreich das erhoffte Umdenken geben wird. Nicht mit dieser Regierung. „Koste, was es wolle“, verkündete ein sichtlich schockierter und erschöpfter ÖVP-Finanzminister vor einigen Tagen in seiner Rede, als er das milliardenschwere Hilfspaket vorstellte. Dann überließ man die Auszahlung der Wirtschaftskammer, die dadurch an sensible Daten aller Unternehmen herankommt, statt dem Finanzamt, dass die relevanten Daten schon alle hat. Inzwischen mehrt sich die Kritik an dieser Vorgehensweise und den zig Hürden, die bestehen, um möglichst zeitnah an die Hilfen heranzukommen. Nächste Woche beginnt ein neuer Monat, Mieten und Gehälter müssen gezahlt werden. Vor allem „DerStandard“ zeigt sich derzeit engagiert, den Skandal um die Tiroler Skigebiete aufzuzeigen, Ischgl war nur die Spitze des Eisbergs, die Message Control der ÖVP-Regierung geht viel weiter zurück, bis zu den Wirtschaftskammerwahlen Anfang März. Letzte Woche hat Kurz angekündigt, dass bald 15 000 Tests pro Tag erfolgen werden. Dabei ist weit und breit nicht in Sicht, wie man diese Kapazitäten bereitstellen will, weder personell noch mit genügend Material (Reagenzgläser). Sicher wird die Bewältigung der Coronakrise dadurch erschwert, dass die letzte Gesundheitsministerin von der FPÖ – unter Billigung des jetzigen und damaligen Kanzlers Kurz – den Gesundheitsdirektor und die damit verbundenen Strukturen abschaffen ließ. Unverändert hart ist die jetzige Regierung trotz grünem Appendix bei der Weigerung, Flüchtlinge aus Griechenland aufzunehmen. Nicht einmal Kinder. Dafür werden jetzt ebenjene 24-Stunden-Pflegerinnen aus Südosteuropa eingeflogen (!), denen man vor zwei Jahren noch stolz die Familienbeihilfe kürzte – was dazu führte, dass etliche Pflegerinnen in die Heimatländer zurückkehrten und sich der Pflegenotstand verschärfte. Bisher gab es kein Wort des Bedauerns, kein Eingeständnis, dass man bei den falschen gespart hat. Sehr still sind derzeit auch die Reichen in Österreich. Auch die Kirche hält sich vornehm zurück und überlässt das Spenden einsammeln der Caritas. Dafür können sich betuchtere Bürger ihre Tests mit 200 Euro Kosten selbst zahlen. Das neue Dashboard, das ich verlinkt habe, weist nur noch die Gesamtzahl der Infizierten aus, die Genesenen- und Todeszahlen stehen nirgends, und für die im Spital und auf der Intensivstation muss man auf einen extra Link klicken. Was für ein Tohuwabohu – Transparenz sieht anders aus.

Stand 14.00: extrapoliert von den Daten um 08.00 ca. 50000 Tests, 8000 Infizierte, 800 im Spital und rund 150 auf der Intensiv.

Genug gemotschkert. Die gestrige Radtour zum Wienerwald und die anschließende Wanderung haben gut getan, auch wenn es anstrengend war. Heute ist der wärmste Tag für ca. eine Woche, aber ich bin zu platt, die Muskeln müde. Dafür bin ich dankbar, für einige Stunden an der frischen Luft gewesen zu sein, was neben der sportlichen Leistung zu meiner geliebten und sehr vermissten Erschöpfungsmüdigkeit geführt hat. Ich schlafe dann besser und tiefer und werde auch früher müde. Auch wenn das eine Alternative ist, es ist nicht niedrigschwellig. Ich muss solche Touren planen, speziell wenn ich alleine für die Anfahrt schon so viel Flüssigkeit bräuchte, dass für die eigentliche Wanderung nichts mehr bleibt.

Kommen wir zu den positiven Neuigkeiten des Tages:

1. Die Zuwachsraten gehen bereits zurück!

Quelle und Begründung für das geometrische Mittel über 4 Tage: Link zum SORA-Institut

Ziel muss es sein, die Zuwachsraten auf Null zu bringen. Und das möglichst über einen Zeitraum von zwei Wochen – erst dann kann überhaupt angedacht werden, die Maßnahmen zu lockern. Wie im Beitrag betont: Die aktuellen Zahlen zeigen das Bild von vor 7-10 Tagen, ein Blick in die Vergangenheit, nicht in die Gegenwart!

2. „ID NOW“-Schnelltest in den USA entwickelt.

Das amerikanische Unternehmen Abbott hat einen Schnelltest entwickelt, der nach 5 Minuten ein positives und nach 13min ein negatives Testergebnis auf Corona ausspuckt. Die FDA (Food and Drug Adminstration) hat den Notfallgebrauch dieses Tests bereits genehmigt. Die zugrundeliegende Technologie hat sich schon bei Influenzaviren bewährt (-> Studie).

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Freie Übersetzung nach Matt Haig, der über psychische Gesundheit twittert:

The current era is crap enough without having to feel guilt that we aren’t learning Greek and painting watercolours of daffodils. If you brushed your teeth today and got showered and ate something and spent ten minutes not looking at the news then well done it’s an achievement.

Die derzeitige Situation ist belastend genug, ohne dass wir Schuldgefühle dafür entwickeln müssen, weil wir kein Griechisch lernen, ein Fitnessprogramm indoor durchziehen, die Wohnung saubermachen oder unsere ungelesenen Bücher durchackern. Wenn Du Dir heute die Zähne putzt, Dich duschst, etwas isst und zehn Minuten lang keine Nachrichten schaust, dann ist das sehr wohl eine Leistung.

Und abschließend noch ein kleiner Rant über das generalisierende „#staythefuckhome“, das derzeit gerne in sozialen Medien mit Horrorbildern aus den Ländern untermalt wird, deren Gesundheitssystem zusammengebrochen ist.

Das Virus verbreitet sich von Mensch zu Mensch, am häufigsten über Tröpfcheninfektion (laut Podcast vom 27.03. konnte man in Heinsberg, dem Ischgl von Deutschland, kein lebendes Virus aus Virenpartikeln auf Türklinken anzüchten, Schmierinfektion spielt also eine definitiv eine geringere Rolle), vor allem durch engen Kontakt, wobei man mindestens 10min lang miteinander sprechen muss oder sich in geschlossenen Räumen aufhalten muss (lange Öffifahrten ohne Möglichkeit zu lüften). Das effektivste Gebot ist also Abstand halten und Hände waschen. Und Situationen meiden, wo Abstand halten nicht möglich ist:

  • nicht in eine volle U-Bahn einsteigen
  • nicht zur Rush Hour einkaufen gehen
  • Menschenansammlungen (die ohnehin verboten sind) meiden
  • keine Geburtstagsparties oder sonstige Feiern, auch wenn es den eigenen Geburtstag betrifft
  • Zusätzlich: Alle Aktivitäten meiden, die das Unfallrisiko erhöhen (exzessiver und riskanter Sport, Fenster putzen auf der wackligen Leiter, zu schnelles Fahren mit dem Auto oder Rad, etc.)

Mit den jetzigen Verordnungen lässt sich der wahrscheinlich häufigste Ansteckungsort aber nicht umgehen: Der Arbeitsplatz. Das betrifft zwar auf den ersten Blick vor allem Gesundheitsberufe ohne Schutzkleidung, also Intensivmediziner, HNO-Ärzte, Zahnärzte, aber letzendlich jeden Büroarbeitsplatz, wo Menschen auf engstem Raum über Stunden hinweg zusammenarbeiten müssen. Die beste Desinfektion nützt nichts, weil Atemluft nicht desinfizierbar ist.

Ja, es gibt immer noch Unbelehrbare, die meinen, weil sie keine Symptome haben, seien sie nicht infiziert oder die Schwere der Erkrankung herunterspielen, aber die Mehrheit hält sich an die Regeln. Es gibt Menschen, die rausgehen müssen, die eine winzige Wohnung haben, die mit Familie auf engstem Raum leben müssen oder denen vom Arzt explizit gesagt wurde, sie müssen raus und sich viel bewegen. Genauso mit psychisch hochbelasteten Menschen, deren Ängste und Ohnmachtsgefühle jetzt potenziert werden. Auch die müssen unbedingt nach draußen, auch die brauchen unsere Aufmerksamkeit und unser Verständnis. #staythefuckhome wirft alle in einen Topf und gibt gerade jenen, die unbedingt rausgehen sollen, noch ein schlechtes Gewissen, wenn sie es tun. Staythefuckhome trifft oft die Falschen. Diejenigen, die es hören sollten, muss man es wohl direkt weitergeben, nicht über Social Media. Wenn, dann müsste der Adressat jene Arbeitgeber seien, die kein Homeoffice anbieten, obwohl es technisch möglich wäre bzw. die Kurzarbeitsvariante nicht in Anspruch nehmen wollen, sodass vorübergehend gar nicht gearbeitet wird. Die Zuwachsrate der Infizierten in Italien geht erst zurück, seit man das Arbeitsleben auf essentielle Berufe beschränkt hat, und nicht wegen dem Verbot draußen Sport zu treiben. Das. ist. zu. einfach!

Darum: Abstand halten, Abstand suchen, Mundschutz tragen, notfalls auch selbst genäht, so tun, als sei man selbst ansteckend.

Mein Leitsatz im Einklang mit den derzeitigen Verordnungen lautet vielmehr:

Stay the fuck away bzw. Keep your distance to preserve my existence.