Tag 18: Wirtschaft oder Gesundheit oder Machterhalt?

Zur Erinnerung, ich zähle nicht ab dem ersten Tag der Ausgangsbeschränkungen, sondern begann schon Tage vorher, als der Wahnsinn seinen Lauf nahm. „Es wird nicht ohne hässliche Bilder“ gehen, hat der Bundeskanzler vor ein paar Jahren gesagt, als er stolz verkündete, die Balkanroute geschlossen zu haben und sich die damalige schwarzblaue Regierung mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat, dass man Flüchtlinge vom Mittelmeer her aufnimmt. Der Schweigekanzler, der wochenlang nicht zum Interviewhandkuss mit Armin Wolf kommen wollte, schweigt auch jetzt, wenn es darum geht, Fehler im Krisenmanagement einzugestehen. Zwar hat er zugegeben, die Pandemie unterschätzt zu haben, aber er hat viel früher davon gewusst, was sich in Tirol abgespielt hat. Der Kanzler hat sich vor seinem Putsch an die Regierung in der ÖVP mit Vollmachten ausstatten lassen, er hat die Länder verstummen lassen. Der gleiche Kanzler hat aber auch geschwiegen, als die Skilifte noch am gleichen Wochenende, als bereits die Ausgangsbeschränkungen verkündet wurden, noch bis Sonntagnachmittag liefen, sowohl in Tirol als auch in Salzburg. Die Fehler, die in Nordtirol gemacht wurden, werden europaweit tausenden Menschen das Leben kosten, die Folgeschäden sind nicht nur finanziell ein Desaster. Für über zwei Wochen hat sich das Virus europaweit unkontrolliert ausbreiten können und natürlich auch in Österreich, wo es naturgemäß auch einheimische Skiurlauber gibt. Lange Zeit zeigte man mit dem Finger aber nur auf Südtirol oder generell Norditalien und testete nur jene, die mit der Region in Kontakt kamen. Kurz verkündet vollmundig, man könne bald 15000 Tests am Tag machen, verschweigt aber, dass das notwendige Material dafür fehlt. Reagenzgläser fehlen weltweit.

Die Gleichung ist simpel:

Normalzustand = aktueller Zustand – X

X besteht aus a+b+c+d

a) Entwicklung der Impfstoffe, die im allerbesten Fall 6 Monate und im schlechtesten Fall 18 Monate dauert.

b) Entwicklung von Schnelltests, die auf die ganze Bevölkerung ausgeweitet werden können, sowohl auf das Virus selbst (die entsprechende Person und deren Kontaktperson müssen dann in Quarantäne) als auch auf Antikörper, um festzustellen, wer die Viruserkrankung schon durchgemacht hat und immun ist, also sich potentiell frei bewegen und mithelfen kann, Kranke zu versorgen oder zu arbeiten – hier soll es sich nur um wenige Wochen handeln. In den USA dauert der von der FDA zugelassene Schnelltest nur 5-15min.

c) Entwicklung von Medikamenten, um die schweren Verläufe abzumildern oder überhaupt zu verhindern. Da gibt es momentan offenbar 2-4 aussichtsreiche Kandidaten. Hauptproblem ist aber, dass sie in der Frühphase der Erkrankung gegeben werden müssen, was mit der Inkubationszeit schwierig ist. Sie müssten dann in so großer Zahl (minus die Anzahl der noch verschwindend geringen Zahl an Genesenen) hergestellt werden, dass zunächst die Gesundheitsberufe und Risikogruppen und zuletzt der Rest der Bevölkerung eines prophylaktisch zuhause hat und schon beim ersten Anzeichen von Unwohlsein einnehmen kann.

d) die flächendeckende Versorgung aller Gesundheitsberufe, Risikogruppen und Schlüsselberufe mit effektiven Mundschutzmasken – da zeichnet sich angesichts der anhaltenden Lieferungen aus Asien tatsächlich Entspannung ab, in weiterer Folge wäre anzudenken, die gesamte Bevölkerung zur Mundschutzpflicht aufzurufen. Da spricht wieder der Autist in mir – wollen wir ernsthaft eine Verlängerung des aktuellen Zustands riskieren, nur weil es kulturell bisher nicht üblich war, Mundschutz zu tragen? Ja, die Mimik ist eingeschränkt, aber nicht für immer! Der Mundschutz ist vor allem wichtig beim Einkaufen, am Arbeitsplatz, beim Arztbesuch und allgemein in geschlossenen Räumen. Er reduziert die Ansteckungsgefahr nicht auf Null, aber erstens reduziert er die Tröpfchenflugweite und zweitens sorgt der Anblick meist automatisch für Abstand halten. Denn wenn eine Maske impliziert, dass man andere davor schützen will, sich anzustecken, dann hält man vernünftigerweise Distanz zum Erkrankten. Die Maske macht die (potentielle) Erkrankung sichtbar, was das Virus nicht schafft, weil es leider nicht wie ein Glühwürmchen aufleuchtet, wenn man sich einem Infizierten nähert.

X muss gelöst werden, wenn wir – wie im Film Twelve Monkeys – wieder an die Oberfläche zurückkehren wollen. Ein Haufen Probleme werden bleiben, die Massenarbeitslosigkeit, die aufgeschobenenen Kontrollen, Therapien, Reha und Operationen bei Kranken, was sich viel später rächen kann und wird, die Traumata bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Letzte Nacht gab es noch eine unselige Twitterdiskussion zum Thema Bundesgärten öffnen versus tausende Tote. Es geht hier nicht um zwei Wochen, sondern dass die aktuelle Situation noch MONATE andauern kann. Viele sind bereits jetzt am Ende und die Sorgen um die Zukunft fressen die Seele auf. Was ist das für ein schwacher Trost, aktuelles Sterben zu verhindern, wenn die Perspektivlosigkeit zusätzliches Sterben provoziert?

Hier MUSS die Regierung einschreiten, und einmal mehr ist wichtig, das nicht nur mit finanzieller Absicherung, sondern auch mit Worten zu tun. Nicht nur die Österreicher ansprechen, sondern alle im Land. Offen eingestehen, dass man Fehler gemacht hat und derzeit nur Passagier der Entwicklung ist, man weiß schlicht nicht, wie sich das weiter entwickelt. Es fehlt auch ein offenes Eingeständnis, dass es falsch war, das Gesundheitssystem so massiv zu privatisieren und einzusparen, siehe Österreichische Gebietskrankenkasse. Und nicht zuletzt fehlt die Bereitschaft, die Opposition voll einzubinden. Die Zeit für Parteipolitik ist vorbei – schwere Verläufe und Tod betreffen jeden, auch Unternehmer, auch Immobilienbesitzer, auch den Villenbesitzer in Grinzing. Geld schützt vor diesem Virus nicht, es erleichtert allenfalls, die Zeit bis zum Normalzustand zu überbrücken, durch den großen Garten, den Zweitwohnsitz, das Auto, die finanzielle Absicherung. Mir scheint, den Grünen ist die Zweiklassengesellschaft klar, aber sie dringen beim großen Koalitionspartner nicht durch, und die Schwarzen wollen ihre menschenverachtende Politik der letzten Jahre auch in Krisenzeiten durchsetzen, wissend, dass die Bereitschaft, Freiheit und Grundrechte aufzugeben, später viel größer sein wird als vorher.

Ungeachtet von der Macht des Geldes glaube ich, dass es kein leichter Weg sein wird, aus dem aktuellen Lockdown herauszufinden. Die Ärzte in den Spitälern fürchten italienische Zustände, fürchten, dass Menschen sterben, die unter normalen Umständen überlebt hätten, egal ob jung oder alt. Die Bevölkerung und die Wirtschaftstreibenden fürchten, dass die Folgen des Lockdowns langfristig schwerer wiegen als das Virus selbst, dass viele schlichtweg so verarmen, dass sie sich keine angemessenen Zugang zum Gesundheitssystem mehr leisten können, geschweige denn ein Dach über den Kopf. Beide Sorgen sind berechtigt und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ebenso wenig das Bedürfnis, nach draußen zu gehen und etwas anderes als Straßen und Beton zu sehen, nicht für wenige Wochen, sondern über Monate hinweg. Es ist so schon traurig genug, dass dieses „nach draußen“ gehen vollständig den persönlichen Kontakt zu Familie und Freunden ersetzen muss, dass jeder Einzelne von uns fürchten muss, alleine zu sterben, ohne Verabschiedung, ohne letzte Umarmung. Ich glaube nicht, dass das eine einfache Entscheidung sein wird, wenn wieder aufgemacht wird, auch mit dem Risiko, dass die Infektionen wieder zunehmen und weitere Menschen sterben. In anderen Ländern werden derzeit Ideen angedacht, die man zuletzt zu Zeiten des Nationalsozialismus vernommen hat: Lassen wir alle über 80 sterben, lassen wir die Behinderten sterben, sperren wir die Risikogruppen bis zum Schluss weg. In Deutschland soll quasi unbemerkt eingeführt werden, dass Beatmungspflichtige ins Pflegeheim müssen und nicht mehr zuhause betreut werden können – selbstbestimmtes Leben my ass. #Nixklusion

Rant Ende.

Es ist 13.00 MESZ, die Spatzen speiben von den Dächern. Die Sonne scheint, von Norden zieht Stratocumulus durch, damit lebt Nordwind auf, der sukzessive kältere Luft heranführt. Ich sitze am Balkon und werde heute wohl nochmal eine Runde mit dem Rad drehen, damit der Darm in Schwung kommt.