Tag 42: Das Unmögliche möglich machen

Traktor Session statt Jazz Jam Session

Zuerst das Unmögliche: Wir haben einen Bundeskanzler, der nur an seine guten Umfragewerte denkt, der den Staat weiter umbaut auf Kosten einer breiten Bevölkerungsschicht, ohne Rücksicht auf Verluste. Was wir jetzt dringend bräuchten: Eine Führungspersönlichkeit, die Zuversicht und Kompetenz ausstrahlt. Die auf Experten hört und nicht auf die Stimmung im Volk. Was wir haben: Einen kleinen Orban, der noch vor einem Jahr eine rechtsgerichtete Politik betrieben hat, um die FPÖ-Wählerstimmen mit ins Boot zu holen, mit denen er gemeinsame Politik gemacht hat. Viele Errungenschaften des Sozialstaats, der Demokratie, der Menschenrechte, wurden unter Kurz abgebaut oder standen kurz vor der Abschaffung. Die Pressefreiheit wurde eingeschränkt. Österreicht rutscht weiter ab im internationalen Ranking. Derselbe Kanzler regiert jetzt mit den Grünen und putzt sich an ihnen ab. Ich rufe das nur noch einmal in Erinnerung, bevor man glaubt, man hätte eine solidarische, empathische, zukunftsorientierte Reaktion der türkisgrünen Regierung erwarten können, als uns die Bilder aus der Lombardei und später aus Spanien oder New York erreicht haben. Nein, das haben wir nicht.

Unser Populistenkanzler hat das Behördenversagen in Ischgl verschleiert und durch tägliche Pressekonferenzen ersetzt. Er hat richtig gehandelt im Sinne des WHO-Experten, der sagte, schnell handeln, nicht zu viel nachdenken, das sei jetzt wichtig. Der Lockdown war richtig. Der Umstand, dass wir nicht einmal annähernd an die Kapazitätsgrenzen gekommen sind, ist kein Gegenbeweis. Der große Vorwurf lautet, wie die Regierung die flankierenden Maßnahmen gesetzt hat (siehe Tagebucheintrag, Tag 38). Da ist enorm viel Vertrauensvorschuss in den frühen Lockdown verloren gegangen. Der andere große Vorwurf lautet, dass man die seit dem Lockdown verstrichene Zeit nicht genutzt hat, um Begleitforschung zu betreiben (siehe z.b. Martin Sprenger, am 14.04.). Auch, wenn sich viele an manchen von Sprengers Aussagen reiben (Herdenimmunität ist übrigens ein epidemologischer Fachbegriff), im Punkt mangelnder Datenzugang und fehlende wissenschaftliche Erkenntnisse hat er völlig recht. Das hat er auch heute auf orf.at noch einmal bekräftigt: https://orf.at/stories/3162752

Davon herausgreifen möchte ich folgende Aussagen ….

Dann könnten manche Maßnahmen bundesweit gelten und manche nur in einzelnen Bundesländern. Jedenfalls sollte man „wissensbasiert überlegen, welche Strategie uns mit weniger Kratzern durch die Pandemie führt“,

Das wurde bis vor kurzem noch abgelehnt von Anschober mit der Begründung, entweder gelte es für alle oder für keine, das sei zu kompliziert umzusetzen. Meine Privatmeinung: Statt dass wir uns jetzt gegenseitig unsere ethische Grundhaltung zum Vorwurf machen (zwischen Menschen, die Angst haben, dass jetzt gelockert wird, und Menschen, die Angst haben, ihre Existenzgrundlage zu verlieren oder das Seelenheil ihrer Kinder), sollten wir gemeinsam an die Regierung appellieren, dass sie die Rahmenbedingungen dafür schafft, das Risiko möglichst gering zu halten. DAS TUT SIE ABER NICHT! Personen der Risikogruppe werden erst ab 4. Mai informiert, ob sie freigestellt werden können oder Homeoffice in Frage kommt. Bis dahin verstreichen zwei Wochen, in denen viele weiterhin arbeiten müssen. Warum? Man wundert sich, was alles möglich war, ein kompletter Lockdown innerhalb weniger Tage. Und dann sind die Kriterien für die Freistellung so eng gefasst, dass am Ende wahrscheinlich nur wenige davon profitieren werden.

Warum öffnet man die Schulen also nicht wieder, aber stellt es Eltern unter bestimmten Bedingungen frei, ihre Kinder weiter zuhause zu unterrichten? Wenigstens für gefährdete Kinder, gefährdete Eltern oder für Kinder, deren Eltern aufgrund ihrer Berufe gefährdet sind, sich leicht anzustecken? Einzelne werden jetzt immer zurückbleiben, für sie kann man weiterhin auf digitale Medien setzen. Laptops oder Tablets für alle! Viele bleiben aber auch zurück, wenn man den Kopf in den Sand steckt und abwartet, bis der ersehnte Impfstoff da ist, der auch erst einmal für Massen produziert werden muss – im allerbesten Fall ab dem Frühjahr 2021.

Solidarität heißt nicht nur, auf sich selbst Rücksicht nehmen und aufs engste Umfeld, sondern auch auf Dritte und deren Umfeld. Wenn es dann eine Lösung gibt, die für die Mehrheit passt, sollte die Mehrheit wiederum Unterstützung einfordern für jene, die auf der Strecke bleiben. Es kann nicht sinnvoll sein, alle mit Risiko ein Jahr lang einzusperren samt ihrer Kinder, aber es kann auch nicht sinnvoll sein, alle Beschränkungen sofort überall zu lockern, ohne eine Chance zu haben, was sich wie auf die Infektionszuwachsrate auswirken wird und Risikogruppen erst Recht gefährdet!

Bei Operationen sei es sogar Pflicht des Arztes, den Patienten über die Risiken aufzuklären. Bei Pandemien sei das nicht anders. Nutzen und Schaden müssten in einem akzeptablen Verhältnis zueinander stehen. Und der mögliche Schaden müsse im großen Rahmen gesehen werden, „der wirtschaftliche Schaden, aber auch der gesundheitliche, der psychische, der soziale“, so Sprenger.

Selbst wenn man einmal davon ausginge, dass der wirtschaftliche Schaden beherrschbar wäre, bleiben die gesundheitlichen, psychischen und sozialen Folgen. Ich sehe in der neoliberalen autoritär angehauchten Leistungsmaschinenideologie der Türkisen keinen Millimeter Spielraum für die Frage, wie es den Menschen eigentlich in der jetzigen Situation überhaupt geht.

Und Sprenger spricht sich auch gegenüber ORF.at dafür aus, Kinder bis zwölf Jahre von allen Maßnahmen unbehelligt zu lassen. Die möglichen Schäden durch Schulschließungen wiegen für ihn schwerer als die Risiken, die von den Kindern ausgehen. Wer das anders sehe, solle die Evidenz dafür „auf den Tisch legen“, dann könne man das wissensbasiert diskutieren.

Auch das ist ein Kritikpunkt. Es darf nämlich hierzulande nicht einmal faktenbasiert argumentiert werden. Es wird dann entgegengehalten, man wisse ja in Wirklichkeit gar nichts und es sei besser, alles geschlossen zu lassen statt unnötige Risiken einzugehen. Das würde aber wie oben erwähnt, dazu führen, dass wir noch ein Jahr lang im Lockdown verbringen müssten. Selbst in den am schwersten betroffenen Ländern wie Italien, Spanien, Großbritannien und auch USA gibt es dutzende, hunderte Veröffentlichungen darüber, wo Ansteckungen bevorzugt passieren, wer gefährdet ist, wie viel symptomfrei und wie viele präsymptomatisch andere anstecken. Aus Österreich gibt es auch nach knapp sechs Wochen Zeit für Begleitforschung keine einzige Veröffentlichung. Begründung: AMTSGEHEIMNIS – die Daten sind nicht frei zugänglich!

Aus anderen Ländern seien Informationen aus jeder Intensivstation auch für österreichische Forscher auf Knopfdruck verfügbar, sagt Sprenger. In Österreich gebe es hingegen keine zugänglichen Daten, selbst für die renommiertesten Forschungsinstitutionen. Alles sei unter Verschluss – und es sei auch nicht erklärt worden, auf Basis welcher Daten und Studien Entscheidungen wie die lange Beibehaltung der Schulschließungen und die Einführung der Maskenpflicht getroffen worden.

Eine Regierung, die ihre Entscheidungsgrundlage nicht preisgibt, muss sich den Vorwurf der Willkür gefallen lassen. Eine Regierung, die willkürlich agiert, hat in meinen Augen nichts mehr mit Demokratie zu tun.

Randnotizen:

  • Viren-RNA kann man im Abwasser nachweisen, das kann zur Früherkennung von neuen Infektionsclustern in bestimmten Gebieten genutzt werden, sodass man z.b. nur gezielt diese unter Quarantäne stellt und nicht einen ganzen Bezirk.
  • Die Frage, ob Kinder grundimmun sind oder genauso infektiös wie Erwachsene, ist auch wichtig im Hinblick auf das Öffnen von Spielplätzen und Sportanlagen. Zu wenig Sportunterricht gab es vorher auch schon oft, die Gefahr von Übergewicht hat schon vorher bestanden und nimmt in Lockdown-Zeiten weiter zu. Übergewicht und damit verbundene Folgen zählen aber zu den höchsten Risiken für einen schweren/tödlichen Verlauf. Ausreichend Bewegung ist daher wichtig – abgesehen von der psychischen Kompenente (getrennt von Spielkumpanen und Freunden)
  • Es gibt inzwischen zahlreiche Simulationen (mit gesunden Menschen), die zeigen, wie lange sich Tröpfchen in der Luft halten können und teilweise als Anlass genommen werden, neue Regeln einzuführen (z.b. Abstandsregeln beim Sport treiben), aber wenn man die Menschenmassen während dem Lockdown sah und annimmt, dass nur 100 000 zu geringe Abstände hielten, egal ob beim Sport oder beim Einkaufen (noch ohne Maske), müssten dann die Fallzahlen nicht viel stärker gestiegen sein? Das ist aber nicht möglich. Selbst dann hätten 20% einen schweren Verlauf gehabt und ein signifikanter Anteil wäre in die Spitäler und auf die Intensivstationen gekommen. Das ist aber – wenn die Zahlen stimmen – nicht passiert. Meine absolute Laieninterpretation ist, dass das Virus viel weniger ansteckend ist. Ansteckender als Influenza, aber wenn sich gerade einmal jeder zehnte oder jeder fünfte im gemeinsamen Haushalt mit einem infizierten Mitglied ansteckt, dann passt da was nicht zusammen und zeigt exemplarisch, dass Modellsimulationen nicht zwingend die Realität widerspiegeln müssen. Als studierter Meteorologe ist das für mich keine überraschende Erkenntnis – es gibt zu viel, was über das Virus noch nicht bekannt ist.
  • Aufruf der MedUni Wien nach Erkrankten, die wieder genesen sind. Sie wollen die Immunabwehr untersuchen, um die Basis für einen Impfstoff legen zu können: https://www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/detailseite/2020/news-im-april-2020/analyse-der-eigenen-koerperabwehr-nach-einer-coronavirus-infektion/
  • Bei sonst symptomfreien oder präsymptomatischen Verläufen werden nicht nur Verlust von Geruchs- und Geschmacksinn beobachtet, sondern auch sogenannte „Covid19-Zehen“ – das ist besonders stimmig mit der kürzlichen Meldung, dass Covid19 eine systemische Gefäßentzündung sei.