Tag 153: Das Jahr ohne Urlaub

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Urlaub für mich heuer nur über Tagesausflüge

Viele Diskussionen drehen sich im Kreis. Da geht es ewig lang um den Babyelefant, also den Mindestabstand von einem Meter. Das wird so wenig verstanden wie das Mindesthaltbarkeitsdatum auf Lebensmitteln. Einen Tag später werden viele Lebensmittel bereits weggeworfen. In Österreich wird so viel über den Meter Abstand debattiert, dass der sachliche Hintergrund ignoriert wird. Dazu ein exemplarischer Fall, wie „Vorschrift ist Vorschrift“ den Hausverstand aussetzt:

Die Familie erfuhr, dass ihre Tischnachbarin im Hotelrestaurant Corona-positiv getestet wurde. Das Management in dem Hotel teilt den Gästen als Corona-Maßnahme für deren Aufenthalt einen fixen Tisch zu. Die Tische wurden mit einem Meter Abstand zueinander angeordnet. Dieser Mindestabstand wird vom Tourismusressort und der Wirtschaftskammer empfohlen. Holz-Babyelefanten auf der Anlage erinnern zusätzlich daran.

Die Familie wurde zu ihrer Verwunderung von der Bezirkshauptmannschaft als Kontaktpersonen mit hohem Infektionsrisiko eingestuft.

Da passieren so viele Denkfehler. Der erste Denkfehler überhaupt ist, dass ein Meter Abstand bereits ausreicht. In vielen Ländern sind es zwei Meter („six feet“). Der zweite Denkfehler ist, zu glauben, das Virus werde nur über Tröpfcheninfektion übertragen, also große, sichtbare Spucketröpfchen, die bei feuchter Aussprache oder Husten entstehen. Außerdem reicht ein einziger Nieser, dass die Tröpfchen quer über den ganzen Raum transportiert werden. Der dritte Denkfehler ist das völlige Ignorieren des Unterschieds zwischen Aufenthalt im Freien und in geschlossenen Räumen. Ich dachte, das hat man gründlich und ausführlich genug beschrieben, besprochen, angemahnt.

Seit 31. Juli – mit zwei bis drei Monaten Verspätung im Erkenntnisgewinn gegenüber anderen, vor allem schwerer betroffenen Ländern – fließt die Aerosolinfektion in die Containmentstrategie der Behörden ein:

Personen die unabhängig von der Entfernung mit hoher Wahrscheinlichkeit einer relevanten Konzentration von Aerosolen ausgesetzt waren (z.B. Feiern, gemeinsames Singen oder Sporttreiben in Innenräumen) oder ungeschützten, direkten Kontakt mit infektiösen Sekreten eines bestätigten Falles hatten (inkl. medizinisches Personal während aerosolgenerierenden Prozessen ohne adäquate Schutzausrüstung)

In meiner ziemlich umfangreichen Übersetzung des Aerosolexperten-Texts wird das angesprochen: Die Infektion erfolgt überwiegend über Aerosole und nur zu einem geringen Teil über Tröpfchen, es ist also genau umgekehrt. Die wichtigste Konsequenz ist, dass Mindestabstände in geschlossenen Räumen nicht ausreichen. Hätte man die Bevölkerung darüber ausreichend aufgeklärt, könnte man als betroffene Familie schon vorab klären, ob man statt drinnen nicht draußen essen kann. Um es auf einen Nenner zu bringen: Es ist völlig blunzn, wie weit die Tische voneinander entfernt stehen. Wer sich eine Stunde lang mit Fremden in einem Lokal aufhält, kann sich infizieren. Egal, ob er  einen oder zehn Meter entfernt gesessen ist. Tourismusressort und Wirtschaftskammer handeln entweder aus Unwissenheit über die tatsächlichen Infektionswege oder – siehe Ischgl – durch die rosarote Profitbrille, denn Tische im Meterabstand bringen mehr Umsätze als Tische im Zweimeterabstand oder überhaupt gesperrte Innenräume, wenn keine Klimaanlage mit Frischluftzufuhr und HEPA-Filter verbaut ist oder die Möglichkeit fehlt, ständig Fenster offen zu halten. Dass ein einziger Infektionsfall bereits zwei Wochen Sperre und schlechte Publicity mit Stornierungen und ausbleibenden Gästen bringt, wird dabei nicht bedacht, wenn man sich stur auf die vorgegebenen Regeln verlässt.

Für mich persönlich heißt das, ich müsste bei jedem Gasthof, wo man nicht draußen sitzen kann, genau nachfragen, wie sie es hygienisch lösen, wenn sie es überhaupt lösen. Knackpunkt sind für mich die Situationen, in denen ich mir nicht aussuchen kann, ob ich draußen oder drinnen sitzen kann, d.h., wenn es stürmt, regnet oder gewittert. Das führt in der letzten Konsequenz momentan dazu, dass ich zumindest in der Hauptsaison meinen Urlaub nicht so nutzen kann, wie ich das geplant hatte. Der Aufwand ist zu groß, das Risiko nicht abschätzbar, es bedeutet Stress statt Erholung. Ich bin auf den Hausverstand der Mitmenschen angewiesen. Mir wäre es z.b. lieber, es würde wieder jeder Maske tragen, wenn er im Gasthaus – oder auch auf der Hütte – auf Toilette geht. Aber – siehe oben – „was nicht vorgeschrieben ist, muss ich auch nicht tun“.

In meinen Augen beruht vieles auf veralteten Kenntnisstand zu den Infektionswegen und macht auch aus – Vorsicht, Laienmeinung – epidemologischer Sicht keinen Sinn. Ich denke, Experten werden zustimmen, dass das Übertragungsrisiko beim Eintragen ins Gipfelbuch über den vorhandenen Kugelschreiber in der Gipfelbuchkassette relativ gering ist. Ebenso ist das Ansteckungsrisiko sehr gering, wenn es bei beliebten Wanderbergen am Weg oder auf dem Gipfel vorübergehend enger zugeht – schließlich bewegt man sich im Freien, es geht häufig ein Wind und die Aerosolwolken werden rasch verdünnt und das Viruspartikel damit unschädlich gemacht.

Artikel wie in der letzten Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung (08./09.08.2020 – Text bewusst verkleinert aus Copyrightgründen, wer ihn vollständig lesen will, muss sich ein Abo besorgen) setzen aber genau da den Schwerpunkt: Die vermeintliche Infektionsgefahr beim Wandern, beim Eintrag ins Gipfelbuch. Ein Halbsatz „Gedränge auf der Hütte“, mehr steht nicht darüber, dass hier die größte Gefahr lauert, weil es indoor passiert, nicht outdoor.

Zwischenablage01

Das kann zur absurden Situation führen, dass die Leute am Gipfel penibel Abstand halten, aber beim kurzen Regenschauer auf der Hütte alle fluchtartig ins Innere gehen und wie Hühner auf der Stange zusammensitzen. Wenn es sich nicht gerade um ein Gewitter handelt, müssen wir aus der Bequemlichkeitszone heraus. Ja, da wird man halt nass, dafür holt man sich keine Infektion!

Das stört mich mittlerweile ganz massiv, wie viele Bedenken ausgesprochen werden, weshalb etwas nicht funktionieren kann. Die harten Fakten sind:

  1. Vor Mitte/Ende 2021 wird die Bevölkerung nicht soweit durchgeimpft/immunisiert worden sein, dass man zur „alten Normalität“ zurückkönnte.
  2. Bis dahin bleiben gerade jene Bereiche der Freizeit, die uns am meisten Spaß machen, gefährlich: alle gemeinsam genutzten Innenräume, egal ob Clubs, Bars, Restaurants, Hütten, Konzerthallen; aber auch notwendige Bereiche wie Schulen oder Arbeitsplätze.
  3. Die Infektionsgefahr wird im Winter nicht verschwinden. All das, was bisher leidlich gut draußen funktioniert, weil auf die passende Witterung angewiesen, wird im Winter nicht nach drinnen verlagert werden können.
  4. Wenn man das Infektionsrisiko niedrig halten will, bleiben Innenräume bis auf weiteres tabu bzw. erfordern teure Umbauten/Nachrüstungen (Ventilation, Klimaanlage, Fenster, Filteranlagen, etc.).

Was ist uns jetzt lieber? Das Risiko eingehen, eine zweite Welle riskieren mit unkontrollierbaren Infektionsketten und Clusterausbrüchen? Oder nach kreativen Lösungen suchen statt tausend Gründe zu finden, warum etwas nicht geht oder warum es der eigenen Bequemlichkeit zuwiderläuft. Ich setze mich lieber mit vier Kleidungsschichten bei knappen Plusgraden in den Gastgarten als mit zwanzig Fremden in einen Raum.

Mir könnte ja vieles egal sein, wenn es nur um mich ginge. Ich habe keine Kinder, mir könnte egal sein, wie der Schulbetrieb funktioniert. Ist es aber nicht. Letzendlich werde ich indirekt immer wieder tangiert sein. Sei es, dass die Eltern sich über die Kinder anstecken können und das Virus dann (symptomfrei) in die Arbeitsplätze zu den Kollegen tragen, wenn die Kinder zuhause bleiben müssen und die Nachbarskinder ständig laut sind, sei es, dass es die Kinder sind, die unsere Welt noch zum besseren verändern können, weil unsere Generation hat versagt, sei es schlicht, weil sie später unsere Pension zahlen, sollten wir noch eine solche erleben. Mir könnten auch viele Veranstaltungen egal sein, da ich weder in Museen noch ins Theater gehe, ich bin auch selten auf Konzerten. Trotzdem zählt für mich die Kunst und Kultur zum wesentlichen Bestandteil eines erfüllten Lebens, in der Stadt erst recht, sonst hätte ich auch aufs Land ziehen können. Mir sind selbst die Discos und Nachtclubs nicht egal, obwohl ich das Gedränge immer hasste, mit der Musik nie etwas anfangen konnte und mit dem Schlag Menschen dort oft auch nicht. Aber beschäftigte Menschen können nicht auf Dummheiten kommen, und viele brauchen das Nachtleben, um tagsüber zu funktionieren, junge Erwachsene erst Recht. Es hängen viele Jobs daran. Das kann niemandem egal sein.

Momentan scheint es mir oft, als ob man von der alten Normalität mit den alten Hygienestandards nicht loslassen will und lieber ein erhöhtes Infektionsrisiko riskiert als umdenken, neu denken will. Und das betrifft die Kulturschaffenden und Betroffenen wahrscheinlich weniger als die starren Behörden und Politiker, die auch die nötige Hilfestellung geben müssen.