Tag 238: Faktencheck Pressekonferenz mit Apfalter, 02.11. – Teil 1

Nach meinem Faktencheck des Sektionsleiters für die Öffentliche Gesundheit bei der AGES, Franz Allerberger bei „Frühstück bei mir“ in Ö3 am 25.10. kommt hier nun ein weiterer Faktencheck zu den Aussagen der Leiterin des Instituts für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin im Ordensklinikum von Linz, Petra Apfalter, die am 02. November bei einer Pressekonferenz mit ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann zum Thema Schulen während des zweiten Lockdowns auftrat.

Vorweg: Solche Faktenchecks sind immer im Nachteil gegenüber geäußerten Lügen oder Halbwahrheiten. Denn:

„Jemand, der zwar alle Tage lügt, aber die Lüge in den Rang einer rituellen Wahrheit erhoben hat, kann nicht mehr dadurch unschädlich gemacht werden, daß man ihm von Fall zu Fall eine Lüge nachweist.“

und

„Wer zuerst eine lügnerische Behauptung aufstellt, ist immer im Vorteil vor demjenigen, der sie nachträglich als Lüge kennzeichnen muß.“

„So ergibt das Ganze zwar keinen Sinn, aber eine Resonanz.“

Quelle: Erik Reger: Naturgeschichte des Nationalsozialismus, Vossische Zeitung, 1931

Deshalb sollten solche Faktenchecks bereits von jenen Journalisten erfolgen, bevor sie Apfalter und andere in ihre Sendungen einladen oder interviewen. Deswegen sollten sich Journalisten nicht damit zufrieden geben, sondern kritisch nachhaken, wenn Apfalter, Bhakdi und andere offensichtlich nicht auf die Frage antworten. Das setzt aber voraus, vorher zu recherchieren, um einen breiten wissenschaftlichen Diskurs abzudecken. Wissenschaft beruht auf Daten und Fakten, nicht auf Meinungen.

Die konsequente Verharmlosung der Pandemiefolgen hat eine Agenda: Die „Great Barrington Declaration“, die das Konzept der Herdenimmunität durch den völligen realitätsfernen Ansatz, nur Risikogruppen zu schützen, verfolgt vs. John Snow Memorandum.

Fakt: Die Sterblichkeit nimmt mit dem Alter zwar deutlich zu (von 65 aufwärts), aber Langzeitschäden können alle Altersgruppen betreffen. Je höher die Zahl der Neuinfektionen, desto mehr Patienten müssen intensivmedizinisch betreut werden. Unzureichende Maßnahmen sorgen für ein enormes Infektionsgeschehen, für das selbst das österreichische Gesundheitssystem nicht ausgerüstet ist. Der Zusammenbruch des Gesundheitssystems, nicht nur in den Spitälern, sondern durch infizierte Fachkräfte auch außerhalb, führt dann ganz massiv zulasten aller Menschen im Land, auch ohne Covid-19-Bezug. Gleichzeitig führt der starke Anstieg akut und länger erkrankter Menschen zu einer Lahmlegung der Wirtschaft mit der Gefahr, dass systemkritische Betriebe und Organisationen die Basisversorgung nicht mehr aufrechterhalten können.

Durch das Konzept der Herdenimmunität durch natürliche Durchseuchung, das sogenannte Experten in den letzten Monaten immer wieder in den Medien vertreten haben, auch durch Verharmlosung („gelassener werden“, „nur symptomatische Verdachtsfälle testen“), wird der Anschein erweckt, man könnte von Lockdown-Methoden und Freiheitsbeschränkungen absehen und die Mehrheit der gesunden Bevölkerung würde ein weitgehend normales Leben führen und arbeiten gehen, während nur eine Minderheit definierter Risikogruppen, v.a. ältere Menschen geschützt werden müsste.

Tatsächlich ist die Definition der Risikogruppe in Österreich sehr eng gefasst, dazu zählen vor allem chronisch-fortgeschrittene Erkrankungen (Lungen-, Herz-, Krebs-, Leber- und Nierenerkrankungen, Immunsuppression, Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie und Adipositas ab Grad III mit BMI >= 40). Insbesondere bei Übergewicht ist der Schwellenwert viel zu hoch, wie eine große US-Studie mit 17000 Patienten gezeigt hat. 29% waren übergewichtig (BMI 25-29) und 48% fettleibig (BMI > 30). Bereits eine große britische Studie Anfang April mit 2900 Intensivpatienten zeigte, dass 35,7% übergewichtig waren und 30,7% fettleibig. Nur 7% waren stark übergewichtig. In Österreich gilt man erst mit starker Fettleibigkeit als Risikopatient. Das nur als Hinweis dafür, dass die sogenannten Risikogruppen erstens nicht nur ältere Menschen sind, sondern jede Altersgruppe betreffen kann, und zweitens deutlich weiter gefasst sind als vom Gesundheitsministerium derzeit vorgegeben. Warum geht man nicht den Weg der Vorsicht statt in Kauf zu nehmen, dass wesentlich mehr Menschen stärker erkranken, die trotz erhöhtem Risiko in die Schule oder in die Arbeit müssen?

Der Faktencheck besteht aus zwei Teilen – erst zum einleitenden Statement über Kinder und Jugendliche und die Rolle der Schulen, dann zu den beantworteten Fragen des Journalisten – das Transkript verlinke ich dann im zweiten Teil.

Vorab: Ich bin medizinischer Laie, Naturwissenschaftler, aber kein Fachexperte. Für alle meine Aussagen gilt das, was für wissenschaftliche Methoden und journalistische Recherche auch gilt: check, check, recheck, doublecheck.

Faktencheck Pressekonferenz

Fakt: Hinweise aus etlichen Ländern zeigen eine tragende Rolle der offenen Schulen beim sprunghaften Anstieg des Infektionsgeschehens im Herbst.

Apfalter behauptet, für die Kinderärzte in Österreich und aus infektionsepidemiologischer Sicht zu sprechen, wonach es gut und richtig wäre, die Kindergärten und Schulen offen zu halten.

Das halten aber längst nicht alle Experten für eine gute Idee, und zwar weder aus dem Ausland ….

R wird mit offenen Schulen langsamer sinken und damit den Lockdown verlängern, wodurch auch der wirtschaftliche Schaden verlängert wird

Die Zahl der Fälle wird so hoch, dass es eine Welle von MISC geben wird, wenn die Schulen offen bleiben. Häufiger Fehler in Europa, die armen Kinder.

Irene Tosetti, MD, Anästhesistin, Gesundheitsmanagement am 31.10.

Es ist gleichzeitig aber auch klar, wie wir schon seit langer Zeit wissen und jetzt auch bestätigt bekommen durch epidemiologische Beobachtungen, dass die Infektionsgefahr in Schulen genauso ist wie die Infektionsgefahr in jeder anderen vergleichbaren Sozialsituation.

Christian Drosten im NDR-Podcast am 27.10.

„If schools were to re-open fully without necessary precautions, it is likely that children will play a larger role in this pandemic“

Dr. John Campbell, 21.08. August 2020

… noch im Inland,

Wenn die Schutzmaßnahmen unzureichend sind, können sich auch Kinder unter zehn Jahren leicht infizieren und andere Menschen anstecken.

Michael Wagner, 28.09.20

Fakt: Die Daten der AGES sind mangelhaft, weil Kinder deutlich weniger getestet werden und ihre Infektionen zudem häufig symptomfrei verlaufen. Auf Grundlage fehlender Daten lassen sich keine kategorischen Aussagen treffen.

Apfalter bezieht sich bei einer Behauptung, dass Bildungseinrichtungen eine völlig untergeordnete Rolle in der Virusübertragung spielen würden, auf die Cluster-Untersuchungen in Österreich.

Das Problem besteht schon einmal darin, dass Aerosole nicht als wichtiger Übertragungsweg anerkannt werden und dass die Abstandsregeln von einem Meter bei weitem nicht ausreichen, um eine Übertragung zu verhindern, nicht einmal bei Tröpfcheninfektion, wo selbst große Tröpfchen bis zu drei Meter weit fliegen können.

Die Empfehlung für Gesundheitsbehörden im Umgang mit Infektionen bei Kindern und Jugendlichen als Vorgabe durch das Sozialministerium (Stand 28.10.) geht in der Einleitung davon davon aus, dass die infektiösen Tröpfchen innerhalb eines Meters zu Boden sinken und schreibt, dass Kinder unter 10 Jahren trotz vorhandenen Symptomen, die übrigens auf Covid19 hindeuten können, nicht getestet werden müssen:

Nach derzeitiger Evidenzlage nehmen Kinder unter 10 Jahren, auch wenn selbst infiziert,keine wesentliche Rolle in der Ausbreitung von SARS-CoV-2 ein. Aufgrund der geringen Rolle als Überträger, dem zumeist asymptomatischen Verlauf und aufgrund der Tatsache, dass
eine Infektion mit einem anderen Krankheitserreger um ein Vielfaches wahrscheinlicher ist, müssen Kinder bis zur 5. Schulstufe mit leichten Symptomen (Konjunktivitis, Otitis oder
Atemwegssymptome wie akute Rhinitis, Husten oder Pharyngitis, jeweils ohne Fieber) nicht in jedem Fall getestet werden.

Testungen sollen demnach nur dann erfolgen, wenn Kontakt zu einem bestätigten Covid-Fall bestand, besonders im gemeinsamen Haushalt (im Umkehrschluss: nicht in der Schule, nicht mit anderen Kindern!). Nur bei Symptomen mit Fieber (!) soll auf Covid getestet werden. Kontaktpersonen (Klassenverband) werden lediglich als Kontakt-II-Personen eingestuft.

Kernaussage der Empfehlung ist, dass Kinder unter 10 Jahren, die Symptome aufweisen, aber fieberfrei sind, nicht getestet werden.

Wünschenswert wäre, zuerst zum Hausarzt zu gehen. Die Patienten müssen wieder in die Ordinationen kommen. Bei Symptomen, die auf andere Viren als das Coronavirus hindeuten, ist es nur sinnvoll, nicht zu testen. 

Petra Apfalter, 18. September 2020

Nachdem das Coronavirus sich aber mit einer so großen Vielfalt an Symptomen präsentiert, kann der Hausarzt ohne Test gar nicht beurteilen, ob eine Infektion vorliegt.

Fakt: Kinder haben eine vergleichbare Virenlast im Rachen wie Erwachsene und infizieren sich und andere so häufig wie Erwachsene.

Apfalter behauptet hingegen, dass Kinder weniger empfänglich als Erwachsene wären, vor allem jüngere Kinder, und praktisch nicht oder nur leicht erkranken „in den allerallermeisten Fällen“.

Bereits Ende Juli wurde gezeigt, dass die Viruslast bei Kindern hoch sein kann, und symptomfreie Kinder sehr infektiös sein können. Das ist insbesondere wichtig, weil die aktuelle Teststrategie darauf abzielt, symptomfreie Kinder nicht zu testen. Die kürzliche Studie von Johnson et al. zeigt aber erneut, dass gerade symptomfreie Kinder das Virus lange Zeit unbemerkt in der Bevölkerung verbreiten, ehe es zu größeren Clusterausbrüchen kommt. Das gilt insbesondere dann, wenn nicht regelmäßig – auch symptomfreie Kinder – getestet werden! Im Bericht vom israelischen Gesundheitsministerium können auch sehr kleine Kinder eine Rolle im Infektionsgeschehen spielen.

Kinder sind zwar insgesamt seltener von schweren Verläufen betroffen, die meisten Infektionen verlaufen asymptomatisch, doch sind auch dabei Folgeerkrankungen wie multisystemische Entzündungen möglich, und die lassen sicher schneller behandeln, wenn man das Kind testet.

Fakt: Schulen als möglicher Ansteckungsort wurden bereits nachgewiesen. Es gibt keinen plausiblen Grund anzunehmen, weshalb ohne ausreichende Schutzmaßnahmen keine Ansteckungen in der Schule stattfinden sollten.

Zwar gibt Apfalter zu, dass bei Jugendlichen auch die positiven Fälle zunehmen, behauptet aber auf Grundlage der AGES und nicht näher benannter internationaler Literatur, dass nur ganz wenig Evidenz vorhanden wäre, dass die Ansteckungen tatsächlich in der Schule passieren würden.

Unter dem Twitter-Hashtag #BildungAberSicher finden sich ganz viele Berichte über Cluster-Ausbrüche in den Kindergärten und Schulen. Siehe auch diese Karte mit Cluster-Ausbrüchen in Deutschland.

Apfalter hingegen behauptet, dass vor allem Erwachsene Kinder infizieren würden und ältere Kinder (14-19) sich nur außerhalb der Schule infizieren würden.

Und begründet das mit dieser Argumentation:

„Die Schüler sitzen ja in ihren Bänken. Wer sich bewegt, mehr oder weniger, das ist die erwachsene Person, die auch weit, im Verhältnis zu den Schülern, diejenige ist, die spricht. Wir wissen ja, dass eben über das Sprechen oder das laute Sprechen natürlich die Viruslast eben eine andere ist.“

Die ausgeschiedene Viruslast ist beim Sprechen höher als beim Atmen, aber ich weiß nicht, wann Frau Apfalter zuletzt in einer Schule war (oder im Kindergarten). Die Kinder sitzen nicht schweigend am Platz, sondern reden miteinander, schreien, kommen sich mitunter nah, toben oder bewegen sich hektisch im Klassenraum. Die Phase, in der man ansteckend ist, scheint bei symptomfreien Covid-Fällen zwar kürzer zu sein, die Viruslast ist aber gleich. Wenn Kinder miteinander reden oder laut rufen oder schreien, wird genauso Virus ausgestoßen wie wenn sie Symptome (Husten, Niesen) haben. Wie schnell es hingegen gehen kann, dass ein infizierter Lehrer eine Klasse infiziert, zeigt diese hervorragende Animation über Aerosolübertragung.

Anders ausgedrückt: Woher kommt in Österreich die irrige Vorstellung, dass Virus würde sich nur verbreiten, wenn man sich bewegt, nicht aber im Sitzen? Es gibt aufgrund der Bedeutung der Aerosole im Übertragungsgeschehen keinen Grund anzunehmen, dass Aerosole im Umkreis von einem Meter einer sitzenden Person zu Boden fallen würden.

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