Tag 266: Fahrplan zur Hölle

Todesfälle pro 100 000 Einwohner, Stand 03.12.2020

Wir hatten im Sommer sehr sehr niedrige Ansteckungszahlen nach dem Lockdown und haben dann durch Reiserückkehrer, und insbesondere auch durch Menschen, die in ihren Herkunftsländern den Sommer verbracht haben, uns Ansteckungen wieder ins Land hereingeschleppt.

Bundeskanzler Kurz am 02. Dezember 2012, Pressekonferenz

Als ich das das erste Mal gelesen habe, fehlten mir die Worte. Meine Mitbürger, die wie ich einen Migrationshintergrund aufweisen, aber im Gegensatz zu mir hier vor allem gemeint sind, haben die richtige Antwort gegeben:

Als jemand, der seit seinem dritten Lebensjahr in Österreich lebt, hier zur Schule gegangen ist, studiert hat, arbeitet, Steuern zahlt, kann es doch nicht sein, dass mir der Bundeskanzler während einer Pressekonferenz das Gefühl gibt, dass ich nicht zu Österreich gehöre und Schuld an einer zweiten Corona-Welle und Hunderten Toten bin. Was soll das?

Amra Duric, 02.12.20, „Nicht mein Kanzler“

Einen fundierten Faktencheck gab es auch von Puls24 und eine Menge von Bürgern mit und ohne Migrationshintergrund waren über diese Worte erschüttert, sowohl inhaltlich als auch von der Wortwahl. Assoziationen mit der „Balkan-Schlepperroute“, mit „Migranten, die Krankheiten einschleppen“ waren wohl nicht zufällig. Das ist übrigens klar rechtsradikal und erinnert daran, wie Juden in den 30er Jahren zu Sündenböcken gemacht wurden. Wehret den Anfängen, warne ich da.

Die Katastrophe ist eingetreten, wir wurden angelogen

„Über das massenhafte Sterben hinwegzusehen, es zu normalisieren, nicht anzuerkennen, ja, sogar in Kauf zu nehmen, ist nicht nur schlechter Stil. Es ist kaltherzig, niederträchtig und gegen alles, was uns als Menschen ausmacht.“

…schreibt Natascha Strobl heute im „DerStandard“, 04.12.20

Die zeitweisen oder ständigen Berater der Regierung betonen bis heute energisch bis geradezu entrüstet, dass Österreich das beste Gesundheitssystem der Welt hätte und die Spitalskapazitäten immer ausreichen würden.

Ab Oktober werde die Anzahl der Personen mit viralen Infekten zunehmen […] Ein Teil davon werde
heuer das Coronavirus ausmachen. …aber eines ist sicher, zu einer Überforderung der Krankenversorgung wird es mit hundertprozentiger Sicherheit nicht kommen.“

Public-Health-Experte Martin Sprenger, 22.08., Ö1-Journal

Der grüne Gesundheitsminister Anschober, gebürtiger Oberösterreicher, gab seine mangelhaften Mathematikkenntnisse zum Besten:

Bei den Neuinfektionen zeige sich eine besorgniserregende Entwicklung, aber: die „Zahlen der
Hospitalisierung sind erfreulicherweise ebenso wie die Todeszahlen relativ stabil.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober, 13.09., Pressestunde

Dabei wissen wir doch schon seit der ersten Welle, dass wegen der Inkubationszeit und der langen Erkrankungsphase mit Verschlechterung häufig in der zweiten Woche die Hospitalisierten- und Todeszahlen lange hinterherhinken.

Am gleichen Tag bewies ausgerechnet Kanzler Kurz den größeren Realitätssinn:

Österreich steht definitiv am Beginn einer zweiten Welle. Ich bin gegen ein Schönreden der Zahlen und plädiere dafür, die Zahlen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Kanzler Kurz, 13.09., zib2

Die Beraterin der Regierung, Wurmologin Dr. Apfalter sagte gemeinsam mit ihren Kollegen der Ärztekammer Oberösterreich den verhängnisvollen Satz:

Wir haben keine zweite Welle, sondern einen technischen Labor-Tsunami.

Dr. Petra Apfalter, Leiterin für Hygiene, Mikrobiologie und Tropenmedizin, Inhaberin der Firma BioLab, Mitglied der Expertengruppe „Arznei und Vernunft“, die mit Pharmafirmen, Versicherungen und Ärztekammer zusammenarbeitet, 18.09.

Politik behindert Kommunikation der Ampel mit Aussagen wie Zweite Welle, exponentielle Zunahme und Lockdown.

Chef-Epidemiologin der AGES, Daniela Schmid, 20.09., ImZentrum
Neuinzidenzen im 7-Tages-Mittel auf der logarithmischen Skala,
exponentielles Wachstum liegt vor, wenn die Kurve annähernd eine Gerade ist

Am 21. September zeigte sich Anschober „Im Zentrum“ noch zuversichtlich, dass wir nicht in eine zweite Welle kippen. Da waren wir schon mittendrin. Viele echte Experten haben den Sommer über davor gewarnt, die Spitalskapazitäten als Richtwert für Beschränkungen heranzuziehen. Der Lockdown Light kam bereits zu spät, der Lockdown Hard wurde nur halbherzig umgesetzt.

Die Vorstellung, dass wir in Österreich 10000 freie Betten hätten, um CovidPatienten zu versorgen, ohne dass wir deswegen schwersten Schaden von anderen schwerstkranken Patienten in Kauf nehmen würden, ist eine vollkommene Illusion.

Virologe Richard Greil, 29.10., zibNacht
Nur durch COVID-19 belegte Intensivbetten pro 100 000 Einwohner, Stand 03.12.20

Dennoch hatte Anschober die Chuzpe zu behaupten:

Ich hab ein tägliches Reporting, wo ich tagtäglich sehe, welche Spitalsbetten im intensivmedizinischen Bereich sind noch frei. Da schaut es derzeit noch relativ vergleichsweise gut aus.

Anschober am 7.11., Ö1-Mittagjournal

Betten-Allokation heißt das, Triage ist im Krieg, den haben wir nicht. So Dinge wie Kriegsmedizin, zu dem
wird es niemals kommen können bei uns.

Infektiologe Christoph Wenisch, Kaiser-Franz-Josef-Spital Wien, am 09.11., Puls24-Interview

Die Wortwahl spricht Bände. Der Konjunktiv als beinahe flehende Bitte, es nicht soweit kommen zu lassen.

Bei der Pressekonferenz am 02. Dezember behauptet Anschober, „dass es zu keiner Katastrophe und keinen Triagen kommt, das ist uns gelungen.“

Ärzte und Krankenpfleger widersprechen:

„Die Wahrheit ist: Wir sind seit Wochen in der vollen Triage, und es wird jeden
Tag enger. Jeder kann sich das selbst ausrechnen: Ein Drittel der Intensivbetten
im Land sind nun mit Covid-Patienten belegt. Intensivbetten sind auch sonst zu
bis zu 80 Prozent ausgelastet. Jeder kann erkennen, dass sich das nicht ausgeht.
Trotzdem wird da draußen gesprochen, als wären wir gerade erst am Limit, und
nicht schon lange darüber hinaus.“

Das ist nicht die einzige Meldung, die in diese Richtung geht. Puls24 brachte ein ungewöhnliches Sendeformat, bei dem Schauspieler anonyme Berichte aus den Krankenhäusern vortrugen. Die vom ORF beschönigt formulierten „Triage-Gerüchte im Klinikum Klagenfurt“ kann man daher getrost als wahr betrachten.

Schlussfolgerungen

Wir gehen den schwedischen Weg dank AGES-Leiter für Öffentliche Gesundheit, Franz Allerberger und weiterer Anhänger der GreatBarrington-Durchseuchungsstrategen. Über die Kinder (offene Schulen) und über ungeschützte Arbeitsplätze soll die Bevölkerung durchseucht werden, um eine fiktive (niemals erreichbare) Herdenimmunität zu erreichen. Die bewusste Täuschung der Öffentlichkeit, was den Ernst der Situation im Gesundheitswesen betrifft, entspricht eins zu eins der Öffentlichkeitsarbeit in Schweden:

„Peinlich genau wurde deshalb darauf geachtet, dass auf den Intensivstationen stets genügend freie Betten zur Verfügung standen. Solange dies gegeben war, konnten Behörden und Regierung beschwichtigen und Kritik am schwedischen Sonderweg zurückweisen“

https://www.focus.de/politik/ausland/wir-wurden-gezwungen-menschen-sterben-zu-lassen-liess-schweden-alte-menschen-sterben-um-zweifel-am-corona-sonderweg-zu-verhindern_id_12528795.html

Der Bevölkerung stets vorgaukeln, es gäbe genügend Intensivbetten, teils durch fiktive tausende freie Normal- und Intensivbetten im AGES-Dashboard. Das Personal für die aufgestockten Covid-Betten kommt jedoch von Normalstationen für Nichtcovid-Kranke, das sind jene, für die man Kollateralschäden befürchtet hatte durch die angeblich überzogenen Maßnahmen (Präventionsparadoxon).

Für wen ist das Virus gefährlich? Laut Regierung nur für 65+ mit deutlich erhöhter Sterblichkeit.

7-Tages-Inzidenzen nach Altersgruppen pro 100 000 Einwohner

Doch nicht einmal das Minimalziel, die ältere Bevölkerung zu schützen, wurde erreicht. Die Übersterblichkeit bei den über 65jährigen ist deutlich erhöht. Was uns die Politiker von Regierung und Opposition, die Medien und die Berater der Regierung verschweigen: Gefährdet sind nicht nur alte Menschen und die Gefahr ist nicht nur der Tod!

Es gibt also zwei weitere Folgen einer Covidinfektion neben dem Tod: Eine lange Reha nach einem schweren Akutverlauf mit Hospitalisierung und Beatmung, und eine langwierige Genesung nach einem symptomarmen bis milden Verlauf, der zuhause auskuriert wurde, die vor allem mit einer starken körperlichen und psychischen Schwächung (Fatigue) einhergehen. Und es ist einfach falsch zu behaupten, man wüsste noch zu wenig über Langzeitfolgen. Mein akribisches Archiv zeigt die ersten Berichte ab Juni, vor Lungenschäden bei Tauchern wurde bereits ab April gewarnt. Wir wissen logischerweise nicht, wie es den Patienten in ein, zwei Jahren gehen wird, aber wir wissen, dass ca. 10-35% aller Infizierten über mehrere Wochen bis Monate hinweg noch unter den Spätfolgen leiden – neben der verminderten Lebensqualität, psychischen Folgen auch ein enormer volkswirtschaftlicher Schaden.

Warum verschweigt uns das die Regierung? Warum fahren viele Ärzte in leitenden Positionen diesen höchst unethischen, moralisch verwerflichen und sozialdarwinistischen Kurs der „survival of the fittest“? Österreich gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Es wäre möglich gewesen, sich an den Positivbeispielen in der Pandemiebekämpfung zu orientieren, und zwar ohne vorurteilsbehaftetem Blick auf demographische und geographische Besonderheiten oder autoritäre Staatsformen (exakt demokratisch ist Österreich auch nicht mehr). Sich anschauen, welche erfolgreiche Strategien gemacht wurden, das hätte man können – selbst jetzt noch. Warum kein rigides Grenzmanagement mit Antigen- und PCR-Tests? Familien und größere Gruppen mit gepoolten Tests (Sammelproben) durchtesten.

Mit Stand 04. Dezember wurden beide Protagonisten der Regierung entzaubert, Kurz als Krisenmanager und Anschober als Feuerwehr. Anschober stand ab dem Sommer im ständigen Widerspruch zu Kurz, hörte auf die falschen Berater. Kurz hörte sich zwar die richtigen Berater (z.b. Drosten) an, machte aber keine Anstalten sich durchsetzen zu wollen. Zu groß der Druck der der selbst gezüchteten Wirtschaftslobby. Meine Kritik trifft beide gleichwertig. Anschober hat die fahrlässige Einschätzung der zweiten Welle zu verantworten, ebenso die zutiefst unethische Vernachlässigung von akuten und langwierigen Verläufen bei Erkrankten aller Altersgruppen und die bis weit in den November ungeschützten Spitäler, Alten- und Pflegeheime. Es ist ein unfassbarer Skandal, dass Gesundheitspersonal nie regelmäßig getestet wurde, dass FFP2-Masken nicht Standard waren, dass selbst in den Gesundheitseinrichtungen mit Meterabständen gearbeitet wurde, obwohl sich gerade dort Aerosole wesentlich stärker akkumulieren können als etwa im Supermarkt oder in einer U-Bahn.

Doch es wäre zu einfach, die Verantwortung jetzt alleine dem unsichtbaren Vizekanzler Kogler und Anschober in die Schuhe zu schieben. Kurz spaltet die Gesellschaft, baut seine mediale Präsenz mit 210 Millionen Euro PR-Subvention aus, berlusconeske Auswüchse einer trumpesken Politik. Die flankierenden Begleitmaßnahmen verschärfen die soziale Ungleichheit im Land massiv. Mit einer gespalteten Gesellschaft, die ständig neue Schuldige sucht und dabei nach unten tritt, kann man nicht an die Eigenverantwortung appellieren. Da ist sich jeder selbst der Nächste.

Skitourismus und Handel sind wichtiger als Menschenleben

In vielen demokratischen Ländern hätte ich diese Konsequenz nicht für möglich gehalten. Mein innerer Kompass sagte mir, der Lockdown reicht nicht und muss verlängert werden. Stattdessen kündigte die Regierung weitreichende Lockerungen ab 7. Dezember an, pünktlich zum Weihnachtsshopping und für den Skitourismus.

Echte Experten kritisieren diese Entscheidung scharf:

Ich halte die Lockerungen für verfrüht – damit steigt das Risiko für eine dritte Welle Ende Jänner erheblich. Es wäre wichtig gewesen, Entscheidungen vor dem Hintergrund des aktuellen Stands der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu erklären.

Mikrobiologe Michael Wagner am 02.12. auf Twitter

man kann nur hoffen,dass diese Lockerungen jetzt nicht als Freibrief genommen werden, keine Vorsicht mehr walten zu lassen, sondern dass die Menschen aufpassen, die Kontakte soweit minimieren, ihre Masken vernünftig tragen und Abstand halten.

Virologin Dorothee von Laer am 02.12. in der ZibNacht

Die nächsten Cluster sind vorprogrammiert:

Am 24./25./26./31. Dezember ist es möglich, dass sich insgesamt 10 Personen treffen, unabhängig von der damit verbundenen Anzahl der Haushalte.

aus den Eckpunkten der neuen Verordnung

Zwischen 19.12. und 10.01. werden alle Länder mit einem 14-Tages-Inzidenzwert über 100 als Risikogebiet eingestuft.

Es gibt glaub ich nur zwei Länder, die eine geringere Inzidenz als die 100 Neuinfektionen in zwei Wochen haben, nämlich Irland und Vatikan-Stadt. Also ich glaube, wir sind sieben Mal so hoch wie diese 100. Aus den meisten Ländern ist die Wahrscheinlichkeit, dass man infiziert ist, geringer als dass ein
Österreicher, dem man begegnet, infiziert ist. Logisch wäre, dass man die Einreise von Personen aus dem Ausland, das höhere Infektionszahlen als Österreich hat, reglementieren würde, aber dass man ausgerechnet auch die ganzen Länder reglementiert, die deutlich bessere Zahlen haben als wir, das hab ich jetzt nicht genau (lacht) verstanden.

von Laer, 2.12., zibNacht

Was Michael Wagner mit „aktuellem Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse“ u.a. meint:

  • Aerosole berücksichtigen statt „ein Meter Abstand halten“ oder Plexiglaswände
  • Maskenpflicht für alle Schüler, nicht erst ab dem 10. Lebensjahr
  • Schüler und Lehrer regelmäßig testen! Lüftungskonzepte, etc.

Mehr hat er gestern erklärt in der Zoom-Konferenz mit Fussi, Strobl und Laub.

Ein Gedanke zu “Tag 266: Fahrplan zur Hölle

  1. Lieber Forscher,

    mich hat die dreiste Aussage des österreichischen Bundeskanzlers auch geschockt und ich frage mich, ob er und die anderen schon vergessen haben, dass zu Beginn der Sommerferien eine Reisewarnung für Bosnien, Serbien etc. verhängt wurde und demzufolge sehr viele Menschen stattdessen in Österreich bleiben mussten?
    Ich bin im Sommer für wenige Tage in Deutschland gewesen, habe aber Abstand zu meinen Eltern gehalten und mich sonst mit keiner weiteren Person getroffen. Außer einem Konzertbesuch unternahm ich Ausflüge mit meinen Eltern, wo wir stets draußen waren. In der elterlichen Wohnung war mindestens ein Fenster stets geöffnet.
    Und, rückblickend betrachtet, habe ich mich in Deutschland wohler gefühlt als in Wien. Dort wurde die Maskenpflicht beibehalten und sie waren auch strenger mit ihren AHA-Regeln. (Doch, ein paar Trotteln gibt’s immer…)
    Und es ist für mich schon seit September klar, dass ich Weihnachten und den Jahreswechsel alleine in Wien verbringen werde.

    Den Öffnungen ab dem 7. Dezember blicke ich mit großer Sorge entgegen. Es wird böse enden. Aber es gibt ja Leute, die UNBEDINGT am 8. Dezember shoppen gehen oder sich über die Weihnachtsfeiertage treffen müssen.

    Und diese Hin-und-Her-Taktik der österreichischen Regierung macht mich einfach nur müde.

    Liebe Grüße!

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