Tag 273: Über Opfer und Verstrickungen

#Dontyouforgetaboutme – Opferkerzen vor dem Bundeskanzleramt, Bild: anonym

Wie feiern wir jetzt Weihnachten? Am besten gar nicht. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Deutschland empfiehlt einen harten Lockdown. Die österreichische Regierung, namentlich Kurz, hat die Chuzpe, ihre Politik der verschlafenen Maßnahmen bestätigt zu sehen.

“Die große Katastrophe konnte verhindert werden”, sagte Anschober auf einer Pressekonferenz am 10. Dezember. Der Minister meint damit die kritische Grenze von rund 800 Betten. Spitalsmitarbeiter sehen das anders. Die Angehörigen von über 4200 Covid-Toten bei täglich über 100 Toten auch. Geradezu schizophren, dass Anschober ausgerechnet am ersten Tag nach dem Lockdown mit Spitalsmitarbeitern vor Ort spricht, und trotz der “extremen Ausnahmesituation” an die Eigenverantwortung der Menschen appelliert.

Gelernt hat man seit März nichts, wenn man sich ansieht, was heute angekündigt wird: Da ist von Maskenpflicht am Arbeitsplatz die Rede, wenn der Abstand nicht eingehalten werden könne. Das ist bereits jetzt in vielen Büros der Fall, nützt aber NÜSSE gegen Aerosolübertragung!

Langzeitfolgen – Update

Eigentlich wollte ich über Long Covid einen ausführlichen Beitrag schreiben, nachdem die Langzeitfolgen der Viruserkrankung auch Thema meiner diesjährigen Kalenderaktion sind. Die Liste möglicher Spätfolgen wird länger und länger und wird uns sicherlich die nächsten Jahre und Jahrzehnte beschäftigen. Konservative Schätzungen gehen von 10% Betroffenen mit Langzeitfolgen aus, das wären bei den aktuellen Infektionszahlen weltweit über fünf Millionen Covid-Betroffene. Altmann und Boyton (9.12.) vergleichen das Auf und Ab bei Langzeitsymptomen von Covid19 mit Multipler Sklerose, ebenso werden Vergleiche zum Epstein-Barr-Virus, zu Ebola und zum Chikungunya-Virus gezogen. In einem Übersichtsartikel von Nath and Smith (25.11.) über neurologische Auswirkungen von Covid19 ist sogar von 10-35% Betroffener mit Langzeitfolgen die Rede.

Zutiefst beunruhigend waren die kürzlich veröffentlichten Studienergebnisse zu Langzeitfolgen bei Kindern: Bei allen 50 untersuchten Kindern, darunter 21 mit mildem oder symptomlosen Verlauf, war die Menge des Biomarkers sC5b9 signifikant erhöht.

Dieser Molekülkomplex zeigt an, dass das sogenannte Komplementsystem der Immunabwehr im Zuge einer Infektion Zellen angreift und zerstört. Zwar beseitigt dies vom Virus befallene Zellen, kann aber auch übersteigerte Entzündungen und Gewebeschäden verursachen.

Ein Großteil der untersuchten Kinder zeigte zudem Hinweise auf Mikrothrombosen und akute Nierenschäden, wie die Wissenschaftler in weiteren Analysen feststellten. Insgesamt fanden sich bei 48 Prozent der Kinder Indizien für Mikrothrombosen, darunter auch bei 21 Prozent der asymptomatischen und milden Fälle.

Diorio et al.

Nicht der einzige Artikel über Spätfolgen bei Kindern, bereits am 7. September wurde über multisystemische Entzündungen bei asymptomatischen Verläufen berichtet. Mehr zu Langzeitfolgen demnächst, das erfordert umfangreichere Recherche als ich momentan Aufmerksamkeitsspanne habe.

Medikamente

Bei den Medikamenten gibt es ein paar hoffnungsvolle Fortschritte, vielleicht bringen sie im Gegensatz zum Frühjahr (Remdesivir und monoklonale Antikörper) auch wirklich eine wirksame Behandlung nicht nur für eine Minderheit an Patienten. Ein Medikament, das bei Frettchen, einer Wieselart, wirkt, könnte prophylaktisch wirksam sein, also die Viruslast auf den Schleimhäuten verringern und die Übertragung unterdrücken (Cox et al., 3.12.). Penningers Arznei, die direkt an den ACE-2-Rezeptoren ansetzt, hat die Patientenrekrutierung der Phase 2 abgeschlossen und soll dreifach wirken: als Prophylaxe, zur Verringerung der Schwere eines Verlaufs und von Langzeitfolgen (mehr von Medizinjournalistin Anita Gross). Auch das von Formycon entwickelte Medikament blockiert den Eintritt von SARS-CoV2 in die Zellen, soll aber frühestens 2022 zugelassen werden (Bericht).

Aerosol-Übertragung und Implikationen für Indoor-Veranstaltungen

In Ländern mit funktionierender Datentransparenz, ohne Amtsgeheimnis, Datenschutz an den falschen Stellen, funktionierender IT-Schnittstellen und monarchistischer Anwandlungen kann man aus wissenschaftlichen Studien noch etwas lernen. Das mit den Masken und Aerosolen sollte inzwischen jeder spitz gekriegt haben, außer dem Wiener Bürgermeister, der sich neulich bei einem PR-Termin mit Kurz medienwirksam massentesten ließ und dabei seine FFP2-Maske falsch herum aufsetzte. Aber so ein paar Blitzgneißer findet man derzeit noch in jeder Partei.

Und wir wissen schon längst, dass Babyelefanten als Abstand nicht ausreichen, um Infektionen zu verhindern, indoor schon gar nicht. Die Regierung und auch die AGES erklären nie, warum wir eigentlich lüften sollen, wenn es doch nur Tröpfcheninfektion geben würde. Denn Tröpfchen, so wurde uns erklärt, würden sofort zu Boden sinke und nur enger Kontakt mit infizierten Personen würden das Infektionsrisiko deutlich erhöhen. Wenn das der Fall ist, wozu dann der Scheiß mit dem Lüften? Weil Lüften die Aerosolwolken verdünnt und je länger man sich in so einer potentiell infektiösen Wolke aufhält, desto höher das Ansteckungsrisiko. Nicht nur das: Wenn man eine hohe Dosis auf einmal abkriegt, steigt auch das Risiko eines symptomatischen Verlauf. Darum Masken tragen, lüften, frieren, sich warm anziehen und weiterlüften. An einer Erkältung wegen Zugluft stirbt niemand, an Covid19 zu sterben ist leider viel wahrscheinlicher. Wegen großen Tröpfchen müssen wir nicht lüften, sondern wegen den winzig kleinen schwebenden Aerosolen.

Die Studie von Kwon et al. sagt aus: Person B infizierte zwei weitere Personen (A und C) aus einer Entfernung von 6,5m und 4,8m. B und A überlappten sich nur für fünf Minuten im Raum, das sind deutlich mehr als die 2m, welche das CDC vorsieht und erheblich mehr als der Meterabstand, den die WHO befürwortet. Und deutlich kürzer als die 15 Minuten, die als Kriterium fürs Contact Tracing (K1) herangezogen worden.

Zeynep Tufekci hat sich die Studie genauer angesehen und ihrem immer hochinformativen Newsletter darüber berichtet: Tröpfchen und Aerosole werden über die Luft transportiert. Je näher man sich an einer Person befindet, desto eher wird man getroffen. Doch ist die Position der Leute und die Luftströmung gleichermaßen bedeutend. Manchmal ist die wichtigste Information, dass der Hund nicht bellte.

Tufekci zitiert daraus aus Sherlock Holmes in The Adventures of Silver Blaze:

Gregory (Scotland Yard Dekektiv): Gibt es da noch etwas anderes, worauf Sie meine Aufmerksamkeit lenken mögen?

Holmes: Auf den merkwürdige Vorfall mit dem Hund in der Nacht.

Gregory: Der Hund tat nichts in der Nacht.

Holmes: Das war der merkwürdige Vorfall.

Tukfeci macht darauf aufmerksam, dass bisher noch kein einziger Ausbruch auf ein Kino zurückgeführt werden konnte. Das kann nicht nur an mangelnder Rückverfolgung liegen. Ein Kinofilm ist ein einprägsames Ereignis und leichter rückverfolgbar als viele anderen Arten von Menschenansammlungen. Währenddessen haben wir zahlreiche Cluster durch Chorveranstaltungen. Doch im Kino sitzen sich die Menschen nicht gegenüber oder reden viel. Das schließt künftige Übertragungen nicht aus, aber das kann als hilfreiche Information verwendet werden. Aus der Studie kann man die traurige Schlussfolgerung ziehen, dass Indoor-Gastronomie und jede Aktivität, bei denen Menschen entweder singen oder schwer atmen (wie in einem Fitness-Studio) bei schlechter Durchlüftung ein hohes Risiko bleiben. Und wir sollten Japans Vorbild folgen und vor allem lautes Sprechen indoor oder im öffentlichen Verkehr ächten.

Was man hinterfragen sollte …

Wer alles Einfluss in der Corona-Kommission ausübt:

Vertreterin für Salzburg ist Sanitätsdirektorin Petra Juhasz, die nach dem Rotaryclub-Clusterereignis im Juni mutmaßte….

Bei diesem Mann dürfte es sich um einen sogenannten Superspreader handeln. Das sind Leute, die mit hoher Geschwindigkeit eine große Zahl anderer Personen anstecken können. „Wenige Infizierte sind für einen Großteil der Folgefälle die Auslöser“, sagt Juhasz. Für einen hochinfektiösen Virusstamm spricht zudem, dass auch Personen der Kontaktkategorie 2 („mittelbar gefährdet“) erkrankt sind – also, jene, die keinen längeren direkten Kontakt mit Infizierten hatten, sich aber im gleichen Raum aufhielten.

https://salzburg.orf.at/stories/3054258/

Was Juhasz damals mit einer Virusmutation erklären wollte, beschrieb in Wahrheit nichts anderes als die Natur von Aerosolübertragungen, die eben weit über den direkten Kontakt (weniger als 1-2m Abstand) hinaus andere infizieren können.

Zu den fünf nominierten ExpertInnen des Bundes zählen u.a. auch Epidemiologin Schmid, die am 20. September “ImZentrum” sagte: “Politik behindert Kommunikation der Ampel mit Aussagen wie Zweite Welle, exponentielle Zunahme und Lockdown.” und auf einem Bild des FALTER-Podcast-Radios zeigte, dass sie auch in Innenräumen nichts vom Masken tragen hielt (im Gegensatz zum ebenfalls anwesenden Gerry Foitik vom Roten Kreuz). Ihr Stellvertreter ist Franz Allerberger (siehe Faktencheck von Tag 231), der die Durchseuchung der Bevölkerung befürwortet, was die Regierung brav umsetzt.

Wie kommt eigentlich Frau Labor-Tsunami Apfalter zu der Ehre, bei einer Pressekonferenz neben Bildungsminister Faßmann zu sprechen? Wir wissen es nicht. Ich habe mich schon länger gefragt, warum die Fachärztin für Infektionsepidemiologie und SPÖ-Chefin Rendi-Wagner Apfalter nie hart für ihre abstrusen Aussagen kritisiert hat. Vor drei Jahren hatte sich der Oberste Sanitätsrat konstituiert, Präsidentin Sylvia Schwarz wurde wiedergewählt, die den Energetik-Auftrag für das Krankenhaus Nord unterzeichnete. Vizepräsidentin wurde u.a. Petra Apfalter. Die damalige Gesundheitsministerin Rendi-Wagner gratulierte mit den Worten: “Es ist mir sehr wichtig, Expertinnen und Experten der Praxis und Wissenschaft in meine Entscheidungen einzubeziehen.”

Apfalter kann gut netzwerken, sie ist Mitglied der Expertengruppe der Initiative “Arznei und Vernunft“, eine “in Europa einzigartige Zusammenarbeit zwischen Pharmawirtschaft, Sozialversicherungen, Ärzte- und Apothekerkammer”. Außerdem ist sie medizinische Leiterin des Analyselabors BioLab. Im ORF-Report vom 7. Oktober kam von Apfalter das Statement: “Gurgeltests sind absolut abzulehnen”, was einen regelrechten Affront gegenüber Gurgelstudienleiter und Mikrobiologen Michael Wagner von der Uni Wien darstellte. . Bei der Pressekonferenz mit Faßmann bekräftigte Apfalter ihre Ablehnung an Gurgeltests und begründete es damit, dass die Studie asymptomatischen Personen untersuchte – etwas, das sie wiederholt ablehnte, weil ihrer Meinung nur symptomatische Verdachtsfälle getestet werden sollten. Ein bereits seit Februar veralteter medizinischer Wissensstand. Er ist auch nachträglich nicht nachvollziehbar, weshalb sie Gurgeltests verteufelt. In ihrem Analyselabor werden explizit Gurgelproben für die vier gewöhnlichen Coronaviren akzeptiert. Warum das sollte das für SARS-CoV-2 nicht gelten?

Auf der Webseite von BioLab findet man außerdem diesen Hinweis auf den Österreichischen Infektionskongress 2021, darunter am Tag 2 u.a. eine Pro/Contra-Sitzung zu …

Masken im Alltag. Pro: C. Lass-Flörl (Innsbruck), Contra: F. Allerberger

Alle testen. Pro M. Binder (Wien). Contra: P. Apfalter

Wundern wir uns wirklich noch, warum es so lange gedauert hat, bis Kinnvisiere richtigen Masken Platz machen mussten? Dass es neun (!) Monate gedauert hat, bis jene Risikogruppe mit der höchsten Sterblichkeit endlich gratis FFP2-Masken bekommen hat? Dass Gesundheitspersonal regelmäßig getestet wird, selbst wenn sie keine Symptome aufweisen? Dass Kinder unter 10 Jahren keine Masken tragen müssen und angeblich eine untergeordnete Rolle im Infektionsgeschehen spielen würden? Allerberger, der just vor Schulbeginn Schnupfen als Symptom für Covid aus den Kriterien streichen ließ, während es beim RKI in einem Viertel aller Covid-Fälle als Symptom aufschlägt? Der über den FALTER ausrichten ließ, dass Tröpfcheninfektion der Hauptübertragungsweg wäre und Aerosole “nur in einzelnen Fällen” eine Rolle spielen würden.

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