Tag 345: Österreichs Journalismus in der Krise

Am 19.02 hielt die Bundesregierung eine Pressekonferenz zum Rückblick auf ein Jahr Pandemie ab. Neben der ausgegebenen Devise, ab jetzt „mit dem Virus leben“ zu müssen, sprach auch Infektiologe Weiss, der – wie mein Schaubild zeigt – bisher nicht durch besonders intelligente Aussagen und Ansagen zum Virusgeschehen aufgefallen ist. Covid19 ist tödlicher als Influenza und zudem ansteckender. Nachdem man – wie Oswald Wagner stolz verkündete – als eines der ersten Länder außerhalb Asiens (neben Tschechien) eine Maskenpflicht eingeführt hatte, wurde sie im Juni als eines der ersten wieder gelockert, empfohlen von Weiss, Allerberger und Lass-Flörl. Im September war Weiss Teil der „Labortsunami“-Connection, welche den erneuten Anstieg der Infektionszahlen herunterspielte. Weiss behauptete außerdem Anfang Oktober, dass PCR-Tests viele falschpositive Ergebnisse erzeugt. Neuseeland hatte bei 65000 Tests Null Neuerkrankungen zu verzeichnen, also Null Positive. Ende September warnte Weiss vor überschießenden Ängsten und wollte mehr Normalität wagen. Kurz vor dem Gipfel der zweiten Welle, als auch die Spitäler überlastet wurden, war ihm sehr wichtig zu sagen, dass die Zahlen zu hoch sind. Er war auch strikt gegen Schulschließungen, weil sie „eigentlich“ nichts beitragen. Und uneigentlich? Ende November war offenbar auch seine Innsbrucker Intensivabteilung belastet, gleichzeitig warnte er vor der nie eingetretenen Influenzawelle. Kaum war die zweite Welle abgeklungen, fingen die Verharmlosung und Rufe nach Lockerungen wieder an. Er plädiert erneut nachdrücklich für mehr Normalität, obwohl ihm – wie er in einem Interview mit dem Regionalfernsehen zugab – sehr wohl bewusst ist, dass auch junge Menschen schwer erkranken können und lange an den Folgen leiden.

Bürgerjournalismus (Citizen journalism)

Schaubilder wie oben mit den Zitaten sind das Ergebnis monatelanger Recherche und Sammlung etlicher Zitate aus Zeitungen, Radio- und Fernsehinterviews sowie aus Vortragsinhalten bei Fachkongressen. In meiner Corona-Übersicht trage ich alle relevanten Zitate von Politikern und Wissenschaftlern im Dokument „zitatschau“ zusammen. Dazu kommt eine sehr umfangreiche Liste an Medienberichten und Studien in den einzelnen Menüpunkten, wodurch sich zumindest stichpunkthaft der ungefährliche Wissensstand entsprechend der Chronologie nachvollziehen lässt. So kann sich jeder selbst ein Bild machen – und in meiner naiven Vorstellung haben JournalistInnen einen Startpunkt für eine Recherche, um eine Aussage zu überprüfen.

Ganz ehrlich: Ich habe nicht angefangen zu bloggen, um Wissenschaftsjournalismus zu betreiben und Irrtümer in der Pandemiebekämpfung aufzudecken. Der Zweck meines Schreibens war zunächst nur, mit der immensen psychischen Belastung fertig zu werden. Seit einem Jahr geistert immer wieder dieser Satz durch meinen Kopf „So wie vorher wird es nicht mehr.“ und zwischen dem Ende meiner Kur in Bad Mitterndorf (29.01.20) und dem ersten Lockdown ab 16.03. vergingen nur sechs Wochen. Zu kurz, um die aus der Kur gewonnen Fortschritte umzusetzen. Plötzlich wird Dein Leben völlig auf den Kopf gestellt. Das war schwer fassbar, weil es so schnell kam. Infolge der Kur hatte ich für ein paar Wochen keinen Nachrichtenkonsum und schrieb erst Ende Februar meinen ersten Text zum Coronavirus.

Vom therapeutischen Nutzen des Blogs in den ersten Wochen, als ich täglich bloggte, ging ich zunehmend dazu über, wissenschaftliche Erkenntnisse zu ermitteln und vermitteln. In dieser Zeit vergrößerte sich der Abstand zunehmend zwischen dem, was ich an Wissen erarbeitete, indem ich mir auf Twitter eine internationale Timeline an Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachbereichen zusammenstellte, und dem, was die Regierung und die Gesundheitsagentur AGES via Journalisten vermittelte. Ich hatte nicht vor, diese Lücke dauerhaft auszufüllen. Ab Oktober wurde es zunehmend mühsam, immer gegen die gleichen Totschlagargumente kämpfen zu müssen, während ich in so vielen Ländern eine viel fortschrittlichere Aufklärung und Virusbekämpfung sah. Seit einigen Wochen nehme ich mir fallweise immer wieder Auszeiten, um abzuschalten. Es kommen aber täglich neue Zitate hinzu, die die Chronologie vervollständigen und die ich dann nachtragen muss. Dabei hatte ich doch gehofft, dass spätestens nach meinem Faktencheck von Allerberger Ende Oktober die Journalisten aufzuwachen beginnen und anfangen würden, kritisch zu berichten. Die skalandösen Aussagen Allerbergers in den beiden Vorträgen, die ich an Heiligabend (Tag 286) aufzeigte, hätten eigentlich den Sack schon zumachen können. An der rassistischen Wortwahl störten sich aber nur wenige und auch die offen zur Schau gestellte Inkompetenz für den Job als Chefinfektiologe der Republik sorgte nicht für den großen Aufschrei, der zu der ein oder anderen kritischen Frage eines Journalisten an Allerberger selbst, an Anschober oder andere Verantwortliche geführt hätte. Nachdem die Regierung seit Monaten von einem Skandal zum nächsten taumelt, beruhigte sich die Aufregung auf Twitter rasch wieder.

Verharmlosungsjournalismus

Bis heute wiederholen sich bei den JournalistInnen die gleichen handwerklichen Fehler, insbesondere der Wissenschaftsjournalismus scheint hierzulande kaum existent. Der mit Preisen ausgezeichnete Wissenschaftsjournalist Köksal Baltaci verharmloste am 2. Oktober in einem Presse-Artikel die Erkrankungsgefahr bei jungen, gesunden Menschen, worauf Intensivmediziner Gustorff einen geharnischten Leserbrief schrieb:

Und alle, die diese Krankheit hinter sich haben, sagen: Nie wieder! Ich kann Ihre schreibtischferne Einschätzung beim besten Willen nicht teilen. Wir sollten die Bevölkerung warnen und endlich die Wahrheit über diese Krankheit erzählen

Intensivmediziner Gustorff in einem Leserbrief am 06. Oktober 2020

Zwei aktuelle Beispiele:

Wenn wir davon ausgehen, dass wir immer mehr impfen werden und vor allem die älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger prioritär impfen, die vulnerablen Gruppen, dann sind das auch jene Personen, die das höchste Risiko haben in die Spitäler, in die Krankenhäuser zu kommen. Das heißt, wenn wir es schaffen, diese Personen zu schützen, dann sollten auch die Krankenhäuser weiter entlastet werden und dann können wir uns vielleicht eine etwas höhere Infektionsrate bei den Jüngeren leisten. Aber man muss das hier sehr gut ausbalancieren und sehr gut monitoren

Epidemiologe Gerald Gartlehner in der zib2 am 18. Februar 2021

Gartlehner reiht sich damit ein unter zahlreichen Wissenschaftlern in Österreich, die der Ansicht sind, dass man die Maßnahmen lockern könnte, „sobald vulnerable Gruppen“ geimpft wären – neben Allerberger, Schmid, Oswald Wagner, Kollaritsch, Weiss, Nowotny und wahrscheinlich auch Sprenger. Kurz, Anschober und Faßmann bekräftigen diese Ansicht in ihren Presse-Statements.

Die Mathematik ist einfach: Eine etwas höhere Infektionsrate bei Jüngeren führt dazu, dass in absoluten Zahlen mehr Menschen einen schweren Verlauf erleiden und die Spitäler erneut an ihre Grenzen kommen. Dazu kommt die große Zahl an Long COVID-Betroffenen.

Drosten erwähnt Long COVID zwar nicht in dieser Antwort eines Spiegel-Interviews vom 22.01.21, aber wenn er das sagt, und das sagt er nicht als einziger, dann sollte man das erstnehmen. Das könnte man natürlich schon lange wissen, denn Medienberichte zu Long COVID gibt es nicht nur schon lange in Deutschland, sondern auch – anfangs vereinzelt und langsam zunehmend – auch in Österreich, zuletzt rückten auch Spätfolgen einer Corona-Infektion bei Kindern in den Vordergrund. Die meisten Journalisten dürften wesentlich regelmäßiger und quantitativ mehr Zeitungen mehr lesen als ich. Ihnen können diese Berichte nicht entgangen sein. Vielleicht halten sie für Einzelfälle? Dann hilft ein Blick über den Tellerrand: Die WHO versucht gerade nicht aus Jux und Tollerei eine gemeinsame klinische Beschreibung von Long COVID zu erstellen. Ich würde es gerne einmal erleben, dass die Frage an einen Experten gestellt wird, ob es medizinisch und ethisch vertretbar ist, höhere Infektionszahlen bei jüngeren Menschen zu tolerieren – mit dem, was wir über die Erkrankung COVID19 seit Monaten wissen.

Am 19. Februar verkündete Virologe Nowotny mit einem herzhaften Lachen, dass man die tolerierbare Infektionszahl von 2500 auf 3000 pro Tag erhöhen könnte, sobald man die Risikogruppe, und dafür zählten für ihn alle über 75 Jahre geimpft, hätte. Und der Moderator antwortet mit „Sehr gut!“ Geht es hier überhaupt noch um Menschen und Schicksale oder geht es um Menschen als Pokerwetteinsatz?

Epistemic trespassers are thinkers who have competence or expertise to make good judgements in one field, but move to another field where they lack competence – and pass judgement neverthless. We should doubt that trespassers are reliable judges in fields where they are outsiders.

Radicalscholarship

Ein Fehler, den zahlreiche Wissenschaftler in Österreich begehen – sie begeben sich in fremdes Fahrwasser, haben aber ein so großes Ego, dass sie im Brustton der Überzeugung – und nicht des Zweifels – Ja/Nein-Aussagen treffen. Genauso liegt der Fehler aber auch bei Journalisten, die Infektiologen zu soziologischen Themen („die Bevölkerung ist müde“) befragen, selbst wenn eine schwache Mehrheit weiterhin die Maßnahmen befürwortet. Oder Intensivmediziner für Erwachsene zu Kindern befragen. Kompetenzüberschreitung schlicht und einfach. Und aufmerksame Zuhörer bemerken sehr schnell, was Experten und Scheinexperten voneinander unterscheidet: Ein Statistiker Neuwirth antwortet im Puls24-Interview, dass er für das Thema der falsche Ansprechpartner wäre, das müsse man einen Virologen oder Epidemiologen fragen. Drosten verweist auf Mediziner und Epidemiologen, Wagner betont Unsicherheiten. Scheinexperten wissen hingegen scheinbar zu jedem Thema eine klare Ansage.

Wozu brauchen wir noch Journalisten?

Vor Jahren kaufte ich mir ein kleines Büchlein von Armin Wolf, „Wozu brauchen wir noch Journalisten?“ (2013), wo er ab Seite 64 die vier zentralen Funktionen von Journalisten beschreibt. Recherche, Selektion, Redaktion und Publikation. Wolf glaubt, dass nur professionelle Medien alle vier erfüllen können – Journalismus sei definiert als bezahltes Schreiben, als gelernter Beruf. Check und Gegencheck von Fakten bezeichnet er als einer der wichtigsten Aufgaben des Journalismus. Besonders imponierte mir der Absatz über das Filtern von Informationen, der Journalist als Gatekeeper, der entscheidet, was berichtenswert ist aus der Flut an Informationen, der Infodemie. Diese Schlagworte sind bei mir auch nach Jahren noch hängengeblieben, anscheinend aber nicht bei vielen Journalisten in österreichischen Redaktionen.

„Genau diese Urteilskraft – die Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig, wahr und unwahr, Sinn und Unsinn – ist die Kernkompetenz professioneller Journalisten.“

Armin Wolf, Seite 79

Nun trifft in dieser Pandemie in Österreich eine unglückliche Mischung zusammen:

Es ist nur die Frage, wo die Beratung herkommt. Und die Beratung ist eben nicht immer gekoppelt an Sachkenntnis. Das ist vielleicht überall auf der Welt so. Aber Leute, die in diesem Feld so tief drin sind, die gibt es in Österreich kaum. Österreich hat auf dem Gebiet nicht die beste Expertise.

Dorothee von Laer im Interview mit der „Welt“, 20.02.21

Neben der mangelnden Expertise in der Coronakommission und in der AGES orientieren sich Politiker viel stärker an den Umfragen und einem möglichen Verlust an Wählerstimmen statt an wissenschaftlichen Fakten.

It is very hard to tell people what they *need* to hear based on facts. Not what they *want* to hear based on emotion.

Prof. Devi Sridhar, 22.11.20 (Tweet)

Dies trifft auf eine Wüste an Expertise in den österreichischen Wissenschaftsredaktionen, die nicht vergleichbar sind mit großen deutschen Tageszeitungen, dem Spektrum oder auch internationalen Kapazundern wie Helen Branswell und Zeynep Tufekci. Das Ergebnis ist eine stark geschwächte Urteilskraft, die nicht einmal in der Lage ist, festzustellen, was Experten zu Experten macht?). Ein Jahr Pandemie ist vergangen, es wurden – wie meine Sammlung an Zitaten zeigt – unzählige Fehleinschätzungen getroffen, unzählige Aussagen, die schon zum damaligen Zeitpunkt umstritten oder längst widerlegt waren. Warum wurde nicht kritisch nachgehakt, wie man es sonst bei anderen Themen erlebt? Mein Faktencheck mit Schmid (Tag 341) hat weder die Reichweite noch den Anspruch professionellen Journalismus zu ersetzen. Er entsteht aus einem Mangel an Urteilskraft der JournalistInnen hierzulande. Ich versuche es wenigstens, wahr von unwahr zu unterscheiden und Aussagen kritisch zu hinterfragen. Mein Hintergrundwissen beziehe ich von Experten, die sich im wissenschaftlichen Konsens bewegen, einem Geflecht von Fakten, wie es Florian Aigner ausdrückte. Fakten, nicht Meinungen.

Wir sehen die Berichte von schweren Verläufen bei Menschen unter 65 und dazu die zahlreichen Berichte von anhaltenden Symptomen, von vorübergehender Arbeitsunfähigkeit, manchmal auch dauerhaft, und das einfach in einem viel größeren Ausmaß als bei der Influenza. Einer von zehn Covid-Patienten stirbt, nachdem er aus dem Spital entlassen wurde. Manche Wissenschaftler schätzen die Zahl der Long COVID-Betroffenen auf 10-35%, wobei 10% als Unterrand so gut wie bestätigt ist und die Skala nach oben hin offen bleibt. All das hätte man längst recherchieren können und im zib2-Interview mit Gartlehner und anderen nachfragen:

Auch jüngere Menschen sind von schweren Verläufen betroffen, sogar Kinder. Glauben Sie, dass wir uns wirklich eine höhere Infektionsrate leisten können?

Betroffene und Angehörige von Long-Covid-Patienten hätten ein berechtigtes Interesse, dass diese kritischen Nachfragen gestellt werden.

Wozu brauchen wir also noch Journalisten, wenn sogenannte Experten eine Bühne zum Monolog geboten wird? Wenn Journalistinnen Exklusivrechte an wissenschaftlichen Daten besitzen, die wegen Amtsgeheimnis und Datenschutz für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, und dadurch ein Interessenskonflikt entsteht, die Datenquelle möglichst in gutem Licht erscheinen zu lassen. Es ist Ausdruck einer demokratiepolitisch bedenklichen Situation, wenn Zivilisten die Rolle der Medien und Wissenschaftsaufklärung übernehmen müssen. Pensionisten wie Statistiker Neuwirth und Epidemiologe Zangerle ordnen für uns Zahlen, Daten und Fakten ein. Einfache Bürger übernehmen die Rolle der Aufklärung und Aufbereitung von wissenschaftlichen Artikeln auf Twitter und auf Blogs – und versuchen gleichzeitig die Zusammenhänge aufzudecken zwischen politischer, wirtschaftlicher und ideologischer Einflussnahme auf wissenschaftliche Methoden und Strategie der Pandemiebekämpfung. So honorig das klingt, so traurig ist es – weil es für all das eigentlich eine vierte Gewalt im Staat gibt, geben sollte – die Kontrolle durch die unabhängigen Medien.

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