Tag 439: Kein Platz für eine Debatte

7-Tages-Inzidenz und Trend am 24. Mai 2021 in den Bundesländern und Gesamt-Österreich

Schlimm genug, dass NoCovid in Österreich nie mehrheitsfähig war – es wurde auch nie eine Debatte darüber zugelassen. Es ist eigentlich unfassbar: Die NoCovid-Befürworter sind doch keine Leerdenker, keine Spinner. Sie sind davon überzeugt und werden von der Wissenschaft (Alwan et al. 2020, Priesemann et al. 2020) gestützt, dass nur eine Eliminationsstrategie sowohl Gesundheit als auch Wirtschaft rettet (Oliu-Barton et al., April 2021). Virologin Brinkmann bringt es in 101 Sekunden auf den Punkt, weshalb es sinnvoll ist, die Inzidenzen so niedrig wie möglich zu halten. Ebenso wurde seit dem Herbst oft genug unisono deutlich kritisiert, dass es zu spät ist, wenn man strengere Maßnahmen wie Lockdowns erst setzt, wenn die Intensivkapazitäten erschöpft sind. Lockdowns sind ein Zeichen dafür, bei der Aufklärung und Information versagt zu haben.

„Wenn Sie sagen, ein Lockdown macht keinen Sinn, wenn die Bevölkerung nicht mitmacht, dann könnte man auch sagen, das ist das Eingeständnis eines politischen Scheiterns. Sie können die Menschen nicht mehr überzeugen, Sie haben kapituliert.“

(Sandra Maischberger zu Bundeskanzler Kurz, 24.02.21)

Infektionen vermeiden rettet Gesundheit und Wirtschaft

Wenn die Intensivbetten voll belegt sind, ist es zu spät, um Maßnahmen zu ergreifen, weil sie erst mit 2-3 Wochen Verzögerung wirken und der Lockdown dann länger dauern muss, bis man wieder lockern kann. Davon abgesehen sagen uns alle Daten und Fakten zu LongCOVID, dass es zynisch gegenüber allen Infizierten ist, die Krankheit Covid19 mit ihren Spätfolgen zuzulassen. Es geht um jeden einzelnen Fall, sowohl bei vermeintlich milden Verläufen als auch bei jedem einzelnen hospitalisierten Patienten. Ein Drittel der Intensivpatienten stirbt, weil es kein Wundermedikament gibt, das alle schweren Verläufe heilen kann. Jeder Zehnte stirbt innerhalb von Monaten nach der Entlassung und mehr als zwei Drittel sind auch Monate nach der Entlassung noch nicht erholt. Von den Kollateralschäden bei Nichtcovid-Patienten reden wir hier noch gar nicht.

Eine NoCovid-Strategie hätte den entscheidenden Kollateralnutzen, sowohl kurz- als auch mittel- und langfristig das Gesundheitswesen zu entlasten – kurzfristig würden Nichtcovid-Patienten profitieren und könnten weiterhin ambulant und intensivmedizinisch versorgt werden, mittelfristig käme es zu keinem Rückstau durch Long/PostCovid-Patienten und jenen übersehenen schweren Erkrankungen, weil sich Patienten nicht rechtzeitig zum Arzt getraut haben oder nicht adäquat versorgt werden konnten, und langfristig würde das Gesundheitsspersonal nicht durch die hohe Arbeitsbelastung und traumatischer Erfahrungen (viele Patienten sterben trotz allem Einsatz, auch junge Menschen und auch trotz zwischenzeitlicher Besserung) zerschlissen werden. Von angemessenem Lohn red ich da erst gar nicht.

Jeder einzelne Covid19-Fall, der Monate braucht oder es möglicherweise nie wieder schafft, gesund zu werden (v.a. Organschäden, ME/CFS), fehlt auch im Wirtschaftskreislauf – um das Argument zu entkräften, NoCovid würde der Wirtschaft schaden. Kurzfristig gehen durch Krankenstand und Quarantäne von Kontaktpersonen natürlich auch viele aktive Arbeitskräfte verloren, welche viele Millionen Euro kosten verursacht. Hier nicht eingeschlossen sind die Kosten für die Behandlungen selbst, welche die Krankenkassenbeiträge entweder steigen lassen oder zu massiven Leistungskürzungen führt.

Great Barrington hat gewonnen

Das Aufkommen von Virusvarianten zeigt unmissverständlich, dass Herdenimmunität durch natürliche Infektion („Great Barrington Declaration„) nie eine Option war. Einerseits begünstigt hohe Virulenz (hohe Inzidenz) in der Bevölkerung selbst das Aufkommen von Varianten, andererseits reicht der Immunisierungsgrad nicht aus, das erneute Auftreten von Infektionen zu vermeiden. Mit dem Wissen um die Folgeschäden einer natürlichen Infektion ist klar, dass das niemals ein gangbarer Weg sein kann – er wurde es aber aus Mangel an politischem Willen in vielen Ländern Europas sowie in den besonders schwer betroffenen Ländern Indien, Brasilien, UK und USA: Möglichst wenig Restriktionen, um die Wirtschaft zu schonen, und gleichzeitig vorgeben, Alte und Vorerkrankte besonders zu schützen, was bei hoher Hintergrundinzidenz nirgendwo funktioniert hat. Great Barrington ist überall an seinem eigenen Vorsatz gescheitert, es war aber bereits in die Kosten-Nutzen-Rechnung mit einkalkuliert worden, dass eine abwartende, liberale Pandemiepolitik zu vielen direkten und indirekten Opfern führen wird. Wann immer Ideologie und Interessenskonflikte ins Spiel kommen, geht die Objektivität verloren – und vor allem die Fähigkeit, auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse und veränderte Datenlage mit einem Richtungs- und Strategiewechsel zu reagieren.

Great-Barrington-Befürworter gab es auch in der WHO und auch Ludvigsson unterschrieb die GBD, der aufgrund „personal communication“ mit Tegnell entgegen der Fakten behauptet hatte, es hätte keine großen Schulausbrüche in Schweden gegeben. Auf das Paper von Ludvigsson bezogen sich aber zahlreiche Verharmloser in Österreich, darunter Schmid und Allerberger, der ÖGKJ, viele Kinder- und Jugendfachärzte sowie auch Politiker in den Ländern, um die lange Zeit unkontrollierte Durchseuchung der Kinder (und damit der Bevölkerung) in Kauf zu nehmen bzw. aktiv voranzutreiben.

Alle waren dabei

Wir hätten spätestens im Herbst die (personellen) Konsequenzen aus dem Versagen ziehen müssen. Auch, wenn sich der zurückgetretene Gesundheitsminister Anschober mit seiner Abschiedsrede in die Herzen geredet hat, trägt er dieses Versagen gleichermaßen mit wie die türkise Familie. Er hat die zweite Welle unterschätzt und wie alle Politiker (!) hat keiner zugegeben, weder in der zweiten noch dritten Welle, dass die Überlastung der Spitäler eingetreten IST. Es kam zu Triage-Situationen in mehreren Bundesländern, was aber bis heute allgemein abgestritten wird. Weder die Landeshauptleute noch die Regierung wollen Verantwortung übernehmen. Und die Opposition will offenbar das Versäumnis nicht zugeben, rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu fordern. In Österreich waren nämlich alle Parteien, Gewerkschaften (bis auf wenige Ausnahmen), Sozialpartner und Kirche auf dem Durchseuchungstrip. Es erschien der populär bequemste Weg, um nicht den Unmut der Bevölkerung auf sich zu ziehen, indem man Maßnahmen setzt, bevor die Infektionszahlen ansteigen – so wie es das Einmaleins von gesundheitlicher Prävention vorsieht. Chemotherapien bei Krebs sind effektiv, aber nicht in allen Fällen. Besser ist es, gar nicht erst mit dem Rauchen anzufangen oder lieber früher als später aufzuhören. Begleitend zu informieren und aufzuklären, ist in Österreich nicht umsetzbar. Amtsgeheimnis, Datenschutz und politische Rivalitäten stehen einer transparenten Datenlage im Weg, und Inkompetenz bei der Ermittlung und Vermittlung wissenschaftlicher Fakten der breiten Aufklärung der Bevölkerung.

Als fatal hat sich aber erwiesen, Ideologen an zentralen Positionen des Gesundheitswesens ohne Kontrolle schalten und walten zu lassen. Der Aufsichtsratvorsitzende der AGES ist FPÖ-Vizebürgermeister und Mitglied der rechtsextremen Burschenschaft „Oberösterreicher Germanen Wien“. Ebenso Geschäftsführer Kickinger, der unter FPÖ-Gesundheitsministerin Hartinger-Klein bestellt wurde. Ich habe diese Infos, die jeder leicht ergoogeln kann, natürlich auch an Bewegungen wie „FPÖ-Fails“ oder „Stoppt die Rechten“ weitergegeben, und hätte erwartet, dass sie selbst mögliche Zusammenhänge mit der Verbreitung von Desinformation durch die AGES recherchieren und aktiv darüber berichten. Passiert ist leider gar nichts: Alle „linken“ Accounts, die sich als oberstes Ziel die Bekämpfung der Rechten gesetzt haben, sind auf dem AGES-Auge blind – mutmaßlich deswegen, weil die AGES dem grünen Gesundheitsministerium untersteht, und weil grün bekanntlich Gegenposition zur FPÖ ist, darf man Grün nicht kritisieren, es könnte sie ja schwächen und nicht mehr als Alternative zu blau erscheinen lassen. Diese Logik ist deswegen so absurd, weil es ausgerechnet die (weit) Rechten innerhalb der AGES waren, die jegliche Gegenmaßnahmen zur Pandemie sabotiert haben. Sie haben dem Gesundheitsminister selbst das Leben schwer gemacht und tun es immer noch, weil sich personell nichts geändert hat. „Linke“ bzw. „Grüne“ (was nicht synonym für Links ist) hätten ihre eigene Position stärken können, wenn sie die rechten Saboteure in ihren eigenen Reihen enttarnt und offen kritisiert hätten. Im Vertuschen sind also nicht nur die Rechten gut.

„Friendly fire“

Covid-Verharmlosung gab es aber auch dort, wo man sie nicht vermutet hätte, in meiner langjährigen Lieblingswochenzeitung FALTER, die immer sehr engagiert gegen Rechts berichtet hatte. Nur über die AGES hat man noch kein negatives Wort gelesen – im Gegenteil. Woran könnte das liegen?

„Migranten“ haben aber nicht nur durchschnittlich mehr Kinder, sondern hängen auch mehr an der Familie. Heimweh und die oft höhere Religiösität machen ihnen die Teilnahme an Hochzeiten oder Gottesdiensten unter Landsleuten besonders wichtig und erhöhten das Infektionsrisiko erheblich. Gelegentlich fühlen sich junge Männer aus Macho-Gesellschaften auch über Abstands- oder Maskenregeln erhaben, aber das Gros der Migranten hielt diese Regeln wohl eher mangels Sprachkenntnisse ungenügend ein.“

Peter Michael Lingens im FALTER, Ausgabe 19/21
  • Falter-Kolumnist Peter Michael Lingens (Ex-Profil-Chefredakteur und Herausgeber), schrieb mit AIDS-Leugner und Corona-Leugner Christian Fiala ein gemeinsames Buch über AIDS, wo viele Fakten geleugnet werden. Lingens tendiert zu verharmlosenden Aussagen zur Pandemie und die Wortwahl ist zum Teil rassistisch (abwertend gegenüber Migranten).
  • Falter-Journalistin und Historikerin Barbara Tóth, seit dem Frühling 2020 Befürworterin des Schwedischen Weges, mit verharmlosenden Aussagen zur Rolle der Kinder im Infektionsgeschehen und undifferenzierten Forderungen nach offenen Schulen (ohne ausreichend Schutzmaßnahmen)
  • Falter-Wissenschaftsjournalist Kurt Langbein brachte im Sommer in einer Beilage verharmlosende Aussagen u.a. auch von Public-Health-Wissenschaftler Andreas Sönnichsen, der gemeinsam mit Haditsch, Fiala und Schubert Corona verharmloste. Langbein war als Co-Autor an einem populistischen Buch über Medizin beteiligt, wo ebenfalls AIDS geleugnet wird, und sie sich dabei auf Fiala berufen.

Chefredakteur Florian Klenk outete sich in seinen Tweets ebenfalls als Great-Barrington-Sympathisant:

Ein „Lockdown“ dient dazu, die Kapazitäten in den Spitälern nicht zu sprengen. Aber er dient natürlich nicht dazu, die Ansteckungen komplett zu verhindern. Das wäre komplett totalitäres Denken. Es gibt schon auch noch andere Interessen in einer Gesellschaft . […] Aber in vorarlberg liegen derzeit 14 personen auf der intensivstation. Da muss man keine panik verbreiten.

Florian Klenk, Tweets am 21. April 2021

Andere hielten zu lange an Streeck und Allerberger als Experten fest.

Ausdrücklich positiv hervorheben möchte ich die Journalistin Nina Horaczek, die mir bisher durch differenziertere Berichterstattung aufgefallen ist, und die Seuchenkolumne von Robert Zangerle. Sie konnten am Grundton der Verharmlosung, insbesondere im Hinblick auf die Rolle der Kinder und Schulen, aber auch nichts ändern. Anfang Juni läuft mein FALTER-Abo aus.

Citizen Journalists

Vor ein paar Wochen wurde ich für einen Text über Bürgerjournalismus für ein STANDARD-Interview angefragt. Das Interview wurde später aber abgelehnt mit der Begründung, mein Blog wäre zu aktivistisch. Im jetzt erschienenen Text kommen zwei „Citizen Data Journalists“ zu Wort und eine LongCOVID-Betroffene. Was fehlt, sind jene Bürgerjournalist*Innen, die das Big Picture herstellen, die Zusammenhänge recherchieren und in den politischen Kontext stellen. Denn das im STANDARD-Text erwähnte private Engagement entsteht ja erst aus der Lücke, welche Opposition und Medien hinterlassen. Neben den drei engagierten Aktivisten hatte ich auch Alex Brosch empfohlen, der erstmals graphisch darstellte, dass die AGES „fiktive“ freie Zusatzbetten erfand, und damit unendliche Intensivkapazitäten suggerierte, nach denen die Überlastung des Gesundheitssystems nie eintrat. Diese Vorgangsweise steht stellvertretend für den „schwedischen Weg“ alias „smartes Risikomanagement“ (O-Ton Public-Health-Pseudoexperte Martin Sprenger):

„Peinlich genau wurde deshalb darauf geachtet, dass auf den Intensivstationen stets genügend freie Betten zur Verfügung standen. Solange dies gegeben war, konnten Behörden und Regierung beschwichtigen und Kritik am schwedischen Sonderweg zurückweisen.“

Schwere Vorwürfe gegen Schwedens Coronapolitik, 11.10.20

Offenbar hatte der zuständige STANDARD-Redakteur*In dafür zu sorgen, dass keine „ZERO COVID-Anhänger“ zu Wort kommen. Wir hätten nämlich den zugehörigen Kontext hergestellt: Der Mangel an Informationen ist gewollt, weil sich so leichter Behauptungen aufstellen lassen, die nicht der Wahrheit entsprechen:

Wer Kinder systematisch untertestet, kann später behaupten, sie würden keine Rolle im Infektionsgeschehen spielen. Wer LongCOVID statistisch nicht erfasst, kann behaupten, es würde sich um Härtefälle handeln, für die keine allgemein gültige Lösung (z.B. von der ÖGK) gefunden werden muss. Viele Betroffene werden nicht mit der gleichen Energie (no na) um ihre Rechte kämpfen und bleiben auf ihren Kosten sitzen. Wer nicht über Aerosole und Masken aufklärt, kann den Schwedischen Weg mit Great Barrington und über „natürlicher Infektion“ zur Herdenimmunität leichter gehen, denn es geht dann nicht um Infektionsvermeidung dort, wo sie am häufigsten passieren: Mit vielen Menschen in Innenräumen, wie in Schulen und am Arbeitsplatz. Die Gefährlichkeit des Virus wurde wiederholt heruntergespielt. Je sorgloser sich die Menschen verhalten, desto eher stecken sie sich an und desto schwächer wirken Lockdowns. Später lässt sich dann leicht behaupten, dass Lockdowns sich abnutzen würden (O-Ton Weiss) oder gar keine Wirkung hätten (O-Ton Allerberger).

Shirley und ich haben die Hintergründe ausführlich im Gespräch mit Sebastian Reinfeldt von Semiosis erläutert. Die Fragen von Herrn Reinfeldt waren viel näher an der Notwendigkeit von Bürgerjournalismus als jetzt im Standard zu lesen ist. Bedauerlich, dass die Ansichten von No/ZeroCovid-Anhängern in Österreich offenbar nicht als verbreitungsfähig betrachtet werden.

LongCovid bei Kindern?

Im vorletzten FALTER wurden Experten-Aussagen abgedruckt, darunter auch eine von Mikrobiologe Michael Wagner, nach der bis zu 10% der Kinder von Long COVID betroffen seien. Ob ein 1 oder 10%, die Mehrheit der Bevölkerung hat offenbar Probleme mit Größenordnungen: 1% ist nicht ein Kind, 10% sind nicht 10 Kinder. In Österreich gibt es über 1,8 Millionen Kinder und Jugendliche, das sind also 18000 bis 180 000 Betroffene. Würden so viele Kinder im Straßenverkehr verletzt oder getötet, würde man das als Skandal betrachten (bis 2016 wurden im Schnitt 4500 Kinder im Straßenverkehr verletzt).

Einerseits will man mit medienwirksamen Maßnahmen wie FFP2-Maskenpflicht in Fußgängerzonen und am Donaukanal jeden noch so unwahrscheinlichen Infektionsfall verhindern, aber bei Kindern macht man dafür nur unzureichende Schutzmaßnahmen? Keine Masken in den Volksschulen im Unterricht, sensitiv schlechte Lolli-Antigentests statt Lolli-PCR in den Kindergärten? Kein flächendeckendes Ausrollen an PCR-Gurgeltests in Österreichs Schulen? Weil man von Einzelfällen bei Kindern spricht? In unserer polarisierten Berichterstattung und Informationsdefizitlage in Österreich sind schon 10% LongCovid bei Kindern furchteinflößend – weil das Risiko für Kinder nie angemessen kommuniziert wurde. Jeder, der darauf hinwies, galt als Panikmacher. Dabei wollen wir vor allem eine ehrliche, faktentreue und gerechte Berichterstattung, um jenen Kindern und deren Angehörigen eine Stimme zu geben, die sonst bei öffentlichen Verlautbarungen „Kinder spielen keine Rolle. Kinder können nicht schwer erkranken“ verschwiegen werden. Dieses Gesellschaftsverständnis ist durch und durch verdorben hierzulande und trifft alle Bereiche. Es trifft zuerst die Kinder, bei denen immer die schwächsten Schutzmaßnahmen ergriffen werden, weil man ihre psychische Gesundheit alleine vom Schulpräsenzbesuch abhängig macht und ihre körperliche Gesundheit und die ihrer Angehörigen missachtet. Es trifft natürlich die Eltern und Pädagogen gleichermaßen mit, darunter auch viele in einer Risikogruppe. Es traf aber auch die Alten/Pflegeheime, wo man ebenso wenig auf Schutzmaßnahmen geachtet hat. Spätestens als klar wurde, dass nur niedrige Inzidenzen alle Bevölkerungsteile gleichermaßen schützen und jene mit höchstem Risiko noch mehr, hätte man auf die Niedrig-Inzidenz-Strategie umschwenken müssen. Das betrifft auch health care workers und generell Systemerhalter.

Wie viele Kinder wirklich von LongCOVID betroffen sein werden, erfahren wir möglicherweise erst in ein paar Jahren oder auch gar nicht, denn viele, viele infizierten Kinder wurden nie getestet, und es bedarf aufgeklärter Ärzte zu erkennen, ob es Zusammenhänge zu Covid19 gibt. Das ist ein Risiko, und es will nicht in meinen Kopf, wie man lieber dieses Risiko einer Durchseuchung der Klein- und Schulkinder hat eingehen wollen, mit unbekanntem Ausgang, als sich für wenige Monate zusammenzureißen, um die verdammten Zahlen nachhaltig nach unten zu bringen.

Wie geht’s weiter?

In fortschrittlichen Ländern lernt man aus Fehlern, während in Österreich die gleichen Fehler erneut begangen werden. Stand 25. Mai wurden in Österreich bisher 37,7% der Bevölkerung teilgeimpft (zumindest erscheinen so viele im E-Impfpass auf), aber nur 14,4% haben bis jetzt den vollen Impfschutz. Nach einem neuen Artikel in Nature ist die Indische Variante B.1.167, die aus drei Subvarianten besteht, um 50% ansteckender als die Britische Variante B.1.1.7. Das betrifft zumindest B.1.167.2, die uns auch in Österreich Sorgen bereiten sollte. Schwerere Krankheitsverläufe werden damit bisher nicht assoziiert. In UK kommt es derzeit aber zu teils starken Wiederanstiegen und dort sind bereits mehr als 50% der Bevölkerung zumindest teilgeimpft.

Mich erinnert die Situation sehr an den Jänner und Februar 2021. Wir wussten bereits seit Ende Dezember, dass B.1.1.7 in Großbritannien eine steile dritte Welle auslösen würde, und lockerten trotzdem in die Virusvariantenwelle hinein – mit B.1.351 in Tirol dazu. Jetzt sehen wir erneut die steigenden Infektionszahlen in UK durch B.1.167.2, aber was macht Österreich? Kanzler Kurz und Gesundheitsminister Mückstein wetteifern um die Verkündigung weiterer Lockerungen.

Im gestrigen #zib2-Interview mit Mückstein war keine Rede von Virusvarianten, stattdessen wurde wiederholt betont, dass man ab 40% Erstimpfungsgrad weitreichend lockern könnte. Durchaus auch eine Holschuld des Journalisten Thür, der hier nachhaken hätte müssen mit den Zahlen aus UK. Sonst wieder wissenschaftlicher Unsinn. Ja, FFP2-Maskenpflicht im Freien schießt am Ziel vorbei, aber in Schulen durch MNS ersetzen? Abstände reduzieren von zwei auf ein Meter hat rein wirtschaftliche Gründe, ein Zugeständnis vor allem an die Gastronomie und Hotellerie, die wegen der Quadratmeterregel mehr Gäste bewirten kann. Aerosolen ist es wurscht, ob ein oder zwei Meter.

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