Tag 429: Pandemie wurde politisch beendet

Heimat Mainfranken

Seit meinem letzten Blogeintrag habe ich eine schöpferische Auszeit genommen – ich war nämlich das erste Mal seit einem Jahr und 3 Monaten wieder in meiner unterfränkischen Heimat bei meinen Eltern. So eine lange Durststrecke gab es seit meiner Emigration nach Österreich noch nie. In den letzten Jahren war ich allerdings auch höchstens auf Kurzbesuch – mein Lebensmittelpunkt ist Wien. Ich hielt es nie lange aus, sondern sehnte mich nach Österreich. Das war dieses Mal anders. Ich freute mich richtig auf zuhause und blieb über eine Woche – so lang wie noch nie. Und ich fühlte mich befreit, auch das ein neues Gefühl. Das auch damit zusammenhing, dass mich zwei Tage vorher der „Standard“ (nachträglich) abgelehnt hatte, als es um ein Interview über „Citizen Journalists“ ging – in das ich mit Klarnamen (und Risiko) gegangen wäre, weil mir diese Aufklärungsarbeit so wichtig ist. Das hat gekränkt und meinen letzten Rest Hoffnung auf ehrliches Interesse an Aufklärung zur Pandemiebekämpfung genommen.

Österreich

Daneben ist die Pandemie nicht so Thema, wie sie sein sollte – die „türkise Mafia“ steht momentan im Rampenlicht und der Beitrag von Jan Böhmermann im ZDF liefert beredtes Zeugnis davon ab, keine Satire übrigens, sondern bitterer Ernst (der ORF übertrug den Parteitag der Jungen ÖVP live, der ORF sendet ein belangloses zibspezial mit Kanzler-Ansprache, Kurz erscheint mit einem Foto, das ihn beim Bieranstich zeigt, pressewirksam in Krone, Österreich, Kurier, Heute).

Seit heute gilt die „Öffnungsverordnung“ mit weitreichenden Lockerungen. Die Infektionszahlen entwickeln sich selbst für Experten überraschend positiv, nämlich weiter sinkend. Unklar ist, weshalb eigentlich. Der „saisonale Infekt“ kann es nur minimal sein, im kühlsten Frühjahr seit über 25 Jahren, mit kühlem Aprilwetter bis weit in den Mai andauernd. Dennoch ist es natürlich milder als noch im März und das Freizeit- und Lüftungsverhalten hat sich geändert. Epidemiologe Zangerle bringt in seiner Seuchenkolumne den Gedanken ins Spiel, ob B.1.1.7 zu pessimistisch eingeschätzt wurde oder sich die Bevölkerung doch vorsichtiger verhält als in den letzten Monaten. Gerne gebracht wird auch die Vermutung, dass viele Menschen mit der rettenden Impfung in Sicht kein Risiko mehr eingehen wollen, sind sie also doch nicht so pandemiemüde wie uns Pseudoexperten (z.B. Weiss) immer wieder einreden wollen? Zangerle betont auch, dass man die Maßnahmen in anderen Ländern differenziert betrachten muss. In der Schweiz, wo die Zahlen ebenfalls sinken, öffneten nur die Schanigärten, nicht die Innengastronomie, in allen Betrieben gibt es wöchentliche Pflichttestungen statt optionale Wohnzimmertests.

Ich möchte auch noch wild spekulieren – was ist, wenn die Impfung an zentralen Kontaktnetzwerken der Virusverbreitung wirksam ist? Geimpfte Lehrer verbreiten das Virus, das von Kindern in die Schule getragen wird, nicht an ihre Kinder und Verwandten. Geimpfte Ärzte und Pflegekräfte detto. Geimpfte Politiker (Bürgermeister) haben eine Vielzahl an Kontakten und die Impfung reduziert zwar das Übertragungsrisiko nicht auf 0%, aber doch großteils die Gefahr, zum Superspreader zu werden. Jene in Risiko- und Hochrisikogruppen arbeiten auch, und zwar teilweise als Systemerhalter, und auch da kann es die Gefahr abfedern, zur Virendrehscheibe zu werden [es wäre überhaupt interessant zu erfahren, in welchen Berufen Risiko/Hochrisikogruppen gehäuft arbeiten, mit/ohne Homeoffice – leider haben wir solche Daten auch anonymisiert nicht].

Status quo ist, dass die Infektionszahlen weiter sinken, über 3 Millionen Einwohner haben den Erststich erhalten. Teile der Risikogruppe und die Kinder unter 16 fehlen noch. Weniger gefällt mir, dass in den Teststraßen österreichweit (bis auf Wien) statt auf Nasen-Rachen-Abstrich auf weniger sensitive Nasenbohrtests gesetzt wird. Zumindest ohne Symptome werden da viele Infizierte übersehen, und mit weiteren möglicherweise ansteckenderen Varianten (Bei B.1.167.2 nicht zweifelsfrei geklärt) wäre es ja gerade wichtig, rechtzeitig zu erkennen, ob da eine Bedrohung entstehen kann. Die gleichen Nasenbohrtests sind auch als 24-Stunden-Eintrittstest zugelassen.

„Fazit: Der Schnelltest eignet sich zum rule in (wer ist positiv), nicht aber zum rule out (wer negativ getestet wird, ist nicht immer negativ!)“

Kathryn Hope, 12. Mai 2021 über eine Analyse zu Schnelltests

Darauf wies ich übrigens schon zu Jahresbeginn am Tag 295 hin. Die Schnelltests eignen sich gut, um Symptome rasch abzuklären, aber nicht, um ohne Symptome Dinge zu tun, die dem Virus gefallen könnten.

Ich bin daher noch vorsichtig – nach über einem Jahr Pandemie in Österreich mit so vielen Lügen, Scheinmaßnahmen und vertuschtem Ausmaß der Belastung des Gesundheitssystems (Spitäler und LongCOVID) sollte man auch vorsichtig sein. Nur net hudeln. Die sinkenden Zahlen täuschen darüber hinweg, dass Österreich bereits zwei Mal über die Kapazitätsgrenzen ging. Das wurde immer kleingeredet, auch vom oft gelobten Wiener Bürgermeister. Dessen medienwirksame Einführung der FFP2-Maskenpflicht am Donaukanal wurde übrigens Tage später kaum eingehalten und kaum kontrolliert – vielleicht sah die Exekutive selbst die Sinnlosigkeit, einzelne Spaziergänger zu drangsalieren. Und wahrscheinlich war der Donaukanal auch nicht Schuld daran, dass die Spitäler am Limit waren.

Historische Altstadt („Schwarzviertel“) von Miltenberg am Main

Deutschland

Für mich war immer klar, dass ich meine Eltern erst besuchen werde, wenn wir alle geimpft sind. In den ersten Monaten dachte ich vor allem an ihren Schutz, ab dem Sommer zunehmend auch an meinen eigenen, als ich dank internationaler Studien und Medienberichte immer mehr vom Erkrankungsrisiko von jüngeren Menschen erfuhr. Mit Beginn der zweiten Welle befürchtete ich vor allem, mich während der langen Öffi-Fahrt anzustecken. Später las ich dann, dass bei der Deutschen Bahn alternativ zu FFP2-Masken auch medizinische Masken getragen werden dürfen, die bekanntlich kaum besser als ein Spuckschutz sind, weil sie nicht eng am Gesicht anliegen. Im Nachhinein war meine Vorsicht berechtigt. Mein Heimaturlaub kam wenige Tage zu früh, denn jetzt hätte ich mir einiges an Bürokratie erspart.

Ein- und Ausreise

Wenige Tage vor der Einreise hieß es noch in den Medien, dass für vollständig Geimpfte die Test- und Quarantänepflicht in Bayern wegfallen würde. Später wurde klargestellt, dass nur die Quarantäne gefallen war, aber Einreiseregistrierung und Testpflicht weiterhin bestehen würden, weil Bundesgesetz. Die Klarstellung musste man allerdings mühsam auf den offiziellen Seiten suchen.

Bei der digitalen Einreisemeldung ergab sich die nächste Hürde: Wer aus Hochinzidenz- oder Virusvariantengebieten einreist, muss bereits vor der Einreise ein negatives Testergebnis vorweisen. Bei Risikogebieten darf das Ergebnis höchstens 48 Stunden alt sein und maximal 48 Stunden nach der Einreise feststehen, bzw. muss nach 72 Std. der Landesbehörde übermittelt worden sein.

Jetzt konnte man zwar auswählen, ob man aus einem Risikogebiet oder anderem Gebiet einreist, aber sein Testergebnis nachträglich hochladen ging nicht mehr. Man bekommt mit der Einreise einen PIN zugeschickt, um sein Testergebnis hochzuladen, kann es aber nicht mehr nachträglich hinzufügen. Es ist auch nicht möglich, die Reisedaten nachträglich zu ändern, etwa bei einem Zugsausfall, wo sich mit dem Folgezug die Zugnummer ändert. Die Einreisemeldung braucht man allerdings zwingend vor der Einreise zwecks Kontrollen.

Ich druckte also die digitale Einreisemeldung aus – mein österreichisches Impfkärtchen und den ausgedruckten elektronischen Impfpass hatte ich ohnehin dabei, nachdem sich die beiden Ärzte in der Impfstraße in Traiskirchen leider weigerten, meine Impfung im international gültigen gelben Impfpass der WHO einzutragen. Nachtragen dürfen das Hausärzte nämlich entgegen der Auskunft vor Ort nicht mehr. In Passau an der Grenze ging die Bundespolizei durch den Wagon, kontrollierte aber nur optisch. Der Kontrolleur der Deutschen Bahn trug nur eine medizinische Maske und wollte die Einreisemeldung (und das Fahrticket) sehen. Nach einem negativen Test hat keiner gefragt. Mit Überschreiten der Grenze bekam ich eine SMS von Deutschland, worin stand, dass ich die länderspezifischen Test- und Quarantäneregeln beachten müsse. Sonst nichts. Diese SMS bekam ich insgesamt noch drei Mal, immer der gleiche allgemein gehaltene Inhalt. Ich reiste an einem Sonntag ein, am Montagmittag kam eine Mail vom örtlichen Gesundheitsamt an meine angegebene Mailadresse, dass ich unverzüglich meine Befunde an das Gesundheitsamt mailen soll. Ich sendete also den negativen Laborbefund meines zertifizierten PCR-Gurgeltests ans Gesundheitsamt, dazu auch der abfotografierte Impfnachweis. Darauf kam dann keine E-Mail mehr, eine Bestätigung wäre höflich gewesen, um sicher zu sein, dass man sich rechtmäßig frei bewegen kann.

Für die Ausreise füllte ich wieder ein Formular aus, das ich ausdruckte. Kontrolliert hat das auf österreichischer Seite keiner und es kam auch keine SMS oder E-Mail.

Zugfahrt

Die Deutsche Bahn wirbt damit, dass die Auslastung im Durchschnitt nur 30% beträgt und die reservierten Sitzplätze schachbrettartig verteilt werden, um die Belegung auszudünnen. Ich hatte also reserviert, erste Klasse, weil ich so einen günstigeren Sparpreis bekam als bei der ÖBB. Als ich meinen Sitzplatz aufsuchen wollte, stellte ich fest, dass direkt vor und hinter mir die Sitzplätze belegt waren. So konnte man weder Abstand halten noch zwischendurch guten Gewissens die Maske absetzen, um etwas zu essen oder zu trinken. Ich wechselte daher den Waggon, war aber darauf gefasst, dass der „ggf. reservierte Sitzplatz“ später besetzt werden würde (die Reservierungsanzeige war leider ausgefallen). Das war er dann auch, aber die Frau saß bei Bekannten an einem Dreiertisch und ich konnte sitzen bleiben. Mit Abstand zu anderen Fahrgästen war aber nichts mehr.

Ich schaltete unterwegs auch mein CO2-Messgerät an. Im Großraumwagen bewegten sich die Messwerte zwischen 700 und 900ppm. Die höchsten Werte gab es immer um den Zeitpunkt von Zwischenhalten herum, wenn die Fahrgäste ein- und ausstiegen. Im Anschlusszug hatte ich in ein Viererabteil für mich alleine. Anfangs maß ich sehr hohe Werte und öffnete die Tür. Die Werte sanken. Mir kam eine Idee. Ich schloss die Tür, aber die Werte sanken weiter. So kam ich darauf, dass die gute Lüftung, mit der die Bahn immer wirbt, einzig vom Fahrtwind abhing. Je höher die Zuggeschwindigkeit, desto effektiver die Frischluftzufuhr bzw. Abzug der verbrauchten Luft (Sogwirkung). Damit ist aber auch klar: Längere Stehzeiten wegen technischer Defekte oder behördlicher Anordnungen (Polizei, Feuerwehreinsatz) in vollbesetzten Zügen können rasch problematisch werden.

Auf der Rückfahrt buchte ich zweite Klasse, auch hier war der Zug voll belegt. Anfangs ließen viele Fahrgäste ihre benachbarten Sitzplätze frei, bis die Durchsage kam, diese freizumachen, damit auch die stehenden Fahrgäste einen Platz finden. „Bei uns trägt jeder Fahrgast eine Maske, es besteht daher keine Ansteckungsgefahr!“ Naja… so ganz stimmte das nicht. Viele Nasenbären, viele, die am Sitzplatz aßen und tranken, weil man sich im Speisewagen nicht aufhalten durfte. Viele, die die Maske nicht eng anliegend trugen.

Ich fühle mich jedenfalls immer wieder darin bestätigt, nicht zu reservieren. Vor Corona hab ich nie reserviert, sondern hab mir immer im – bei der Deutschen Bahn viel geräumigeren – Bordrestaurant einen Sitzplatz gesucht. Großer Tisch, viel Platz, um sich und seine Zeitungen auszubreiten. Dazu gesicherte Verpflegung unterwegs. Ich hab immer gerne gefrühstückt. Die Bahnfahrt war so bequem und bei langen Fahrten Teil meines Urlaubs. Hoffe, das kommt wieder, seitdem fahr ich nämlich nur noch ungern lange Strecken.

Alltag in Deutschland

Mein Besuch stellt höchstens eine Stichprobe dar, ich blieb ja nur kurz. In der Nacht galt noch eine Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr. Im Supermarkt galt FFP2-Maskenpflicht, davon ausgenommen die MitarbeiterInnen an den Kassen, weil sie durch nutzlose Plexiglasscheiben „geschützt“ sind. In der Fußgängerzone der Stadt Miltenberg galt auch im Freien FFP2-Maskenpflicht. Weil die Inzidenz deutlich über 100 lag, konnte man nur mit „click and meet“ einkaufen, also mit Termin und negativem Antigentest. Diesen konnte man vor Ort teilweise auch erwerben, galt dann aber nur für diese Dienstleistung. Außer in Baden-Württemberg, da gilt er auch in anderen Geschäften. Es gibt wie in Österreich Teststraßen und Antigentests in Apotheken. Im Landkreis fahren auch „Testbusse“, die zu bestimmten Zeiten durch die Orte fahren, ein bis zwei Stunden stehenbleiben, damit sich die Einwohner kostenlos schnelltesten können.

In der Gärtnerei galt im Freien FFP2-Maskenpflicht, nur für die Mitarbeiter nicht, die auch indoor arbeiten (Plexiglas an der Kasse, die als „Gassenverkauf“ fungiert). Beim Friseur (ENDLICH) galt die 3-G-Regel bereits sinngemäß. Ich tauschte mich mit der sympathischen Friseurin über die unterschiedlichen Regeln in unterschiedlichen Ländern und Nationen aus. Wir haben viel gelacht.

Im Supermarkt je nach Frequenz Einkaufswagenpflicht. Das galt auch für einen gemeinsamen Haushalt. Als ich mit meiner Mutter einkaufen wollte, brauchte sie einen extra Wagen. Die Einkaufswägen hatte leider ein Trottel zu heftig zusammengeschoben bei der Rückgabe, sie klemmten und gingen nicht heraus. Also wechselten wir insgesamt vier Mal die Geldstücke mit fremden Menschen, um die Wägen zu übernehmen. Unnötige Kontakte.

Historische Altstadt von Lohr am Main

In Lohr am Main ebenso Maskenpflicht in der Fußgängerzone. Schauerwetter. Wenig Leute unterwegs. Durchnässte Masken. Es hat allenfalls symbolischen Wert, epidemiologisch aber wenig Sinn. Dafür war die Außengastronomie geöffnet, weil der Landkreis Main-Spessart mehrere Tage unter 100 lag. Dort hatte man die Öffnungen sogar verschoben, um auf der sicheren Seite zu sein. So viel Verantwortungsbewusstsein suche ich bei österreichischen Bezirkspolitikern oft vergebens. Wir nutzten die Gelegenheit für ein Mittagessen im Freien. Die Wirtin und Kellnerin trugen die Masken nicht immer da, wo sie hingehörten. Es wurde alles brav desinfiziert. Man musste sich registrieren und am Zettel angeben, wie lange man blieb. Dazu die Telefonnummer. Manche Lokale hatten auch offene Listen zum Eintragen, aber Einbrecher nutzten das aus, um über Adresse oder Telefonnummer herauszufinden, wer gerade unterwegs war. Festnetznummer angeben ist also nicht ratsam. Das Essen war leider nicht so gut wie es aussah. Reibekuchen aus der Tiefkühltruhe und nicht ordentlich durchgebratene Bratwurst mit einem Kartoffelsalat, der auch aus der Großpackung aussah. Vielleicht wird mein Einstand in Österreich kulinarisch besser ausfallen. Das liegt aber nicht an der deutschen Küche (dazu ein anderes Mal mehr).

Positiv hervorzuheben ist, dass egal, wen man anspricht, jeder sofort etwas mit Inzidenz anfangen kann. Die meisten wissen, was bei welchen Regeln gilt, und dass hohe Inzidenz auch hohes Infektionsrisiko bedeutet. In der Tageszeitung wurden die Inzidenzen aller Landkreise und auch der Gemeinden aufgelistet.

In Summe habe ich ähnliche Fehler gesehen wie in Österreich, etwa was medizinische Masken im Dienstleistungssektor betrifft, und öffentlichkeitswirksame Maskenpflicht in Fußgängerzonen. Trotzdem fühlte ich mich besser informiert als in Österreich und vom ganzen Gefühl her wohler.

Unterschied Deutschland und Österreich: Wer informiert?

Ich hab das schon auf Twitter versucht, in Worte zu fassen. Meinem Gefühl nach verstehen viele Deutsche nicht die Gefahr, die von Kanzler Kurz für die Demokratie in Österreich ausgeht („Orbanisierung“), auch durch das Böhmermann-Video nicht. Es klingt zu unglaublich, um wahr zu sein. Deutsche in Österreich verstehen das besser. Umgekehrt verstehen viele ÖsterreicherInnen nicht, wie sehr Deutschland demokratischer ist in vielen Bereichen als Österreich. ÖsterreicherInnen in Deutschland verstehen das besser. Manches muss man eben mit eigenen Augen gesehen haben.

In Deutschland gibt es viele kompetente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Bundesregierung beraten und auch einzelne Länder. Die Bundeskanzlerin ist promovierte Physikerin, die wissenschaftsbasiert und empathisch kommuniziert. Deutschland wäre Vorbild wie Neuseeland, Finnland oder Taiwan, wären da nicht der Föderalismus und die Länder – ein Problem in vielen förderalistischen Staaten (Österreich, Kanada, USA). Es gab Pressekonferenzen vom Robert-Koch-Institut (RKI), den Podcast von Virologe Drosten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und viele andere Podcasts und Interviews für die Tagesschau, für Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, ein sehr wichtiges Format für viele Fernseh-Zuseher in Deutschland. ImZentrum auf jedem Sender. NoCovid-Befürworter wie Priesemann oder Brinkmann konnten prominent und öffentlich ihre Strategie vertreten und erläutern. NachrichtenmoderatorInnen wie Marietta Slomka (ZDF) „grillten“ die PolitikerInnen etwa auch, wenn es um die Rolle der Schulen im Infektionsgeschehen ging. Sie standen damit im Einklang mit der Mehrheit der WissenschafterInnen weltweit. Das RKI hat eine ausführliche und mit Literatur begründete F.A.Q-Sektion auf ihrer Webseite. Auch die Länder (zumindest Bayern) informieren ausführlich und mit Faktenchecks.

Deutschlands Bevölkerung ‚hatte‘ die Wahl, sich ausführlich und korrekt zu informieren. Diesen Elfmeter in Teilen zu verschießen, ist wohl die überstrapazierte Eigenverantwortung, die auch für Landespolitiker gilt. Kanzlerkandidat Laschet (CDU) holte sich Streeck als Berater, der oft danebenlag (was die FALTER-Journalisten aber nicht daran hinderte, Streeck neben Allerberger als wissenschaftliche Quelle zu zitieren), in Sachsen war es gar Bhakdi. Föderalismus ist ein Hund. Natürlich standen wirtschaftliche Interessen auch in Deutschland im Vordergrund, darum sollten die Schulen offen bleiben so lange wie möglich. Deutschland hat führende Institute (Hermann-Rietschel-Institut) für Aerosolforschung, hat es aber nicht geschafft, die Erkenntnisse daraus in allen Ländern durchzusetzen, was geeignete Schutzmaßnahmen betraf. Vom wissenschaftlichen Fundament war Deutschland aber gut aufgestellt und die Corona-App wurde weitaus besser angenommen als in Österreich. Aus den Umfragen lese ich heraus, dass die Mehrheit der Bevölkerung hinter den Lockdown-Maßnahmen stand oder sie sogar noch verschärft hätte.

In Österreich gibt es eine Regierung, die mit Wissenschaft nichts am Hut hat und für die Empathie und Anstand ein Fremdwort ist.

Ein Zitat sagt mehr als tausend Worte:

Quelle: Facebook, 16. Mai 2021

Die Regierung, vor allem die ÖVP, der auch das Innenministerium gehört, hat von Beginn an auf Gehorsam durch Angst und Einschüchterung (Strafen) gesetzt, dessen Gesundheitsagentur AGES, die dem grünen Gesundheitsministerium untersteht, von Beginn an verharmlost hat. Die AGES hat im gesamten Verlauf gegen wissenschaftsbasierte Begleitung gearbeitet. Es gab keine Pressekonferenzen, keine umfassende Aufklärung über präventive Maßnahmen, kein Hinweis auf gefährdete Gruppen oder prekäre Situation bei Migranten (SystemerhalterInnen), die besonders geschützt gehört hätten. Die AGES-F.A.Q. ist sehr dünn, schlecht belegt und vor allem großteils nicht am aktuellen Stand. Scheinberater haben haarsträubende Fehlaussagen abgegeben, ohne unabhängige Einordnung durch Journalisten, ohne öffentliche Kritik. Die wenigen WissenschaftlerInnen, die im Konsens weltweit sind, wurden mundtot gemacht, nicht mehr eingeladen, häufig ins Nachtprogramm (zibNacht) verschoben oder mussten überhaupt ständig auf Privatsender (v.a. Puls24) ausweichen. Nicht Teil der offiziellen Kommunikation. Es gab keinen Podcast, der die ganze Bevölkerung erreichte, und JournalistInnen erreichten mit wenigen Ausnahmen nie die Kompetenz wie in Deutschland, um WissenschaftlerInnen adäquat interviewen zu können.

Österreichs Bevölkerung hatte nie die Wahl, sich über offizielle Kanäle so gut zu informieren wie Deutsche in Deutschland. Gut informiert sind hierzulande vor allem jene, die bereits von Natur aus interessiert sind, über den Tellerrand zu schauen. Das ist eine verhältnismäßig kleine Twitterblase.

Das spürte man immer dann, wenn man aus der Blase in die Öffentlichkeit ging, um für eine Niedriginzidenz-Strategie zu werben. Die Petition für die Rettung der Wiener Zeitung bekam bisher rund 10000 Unterschriften, das Volksbegehren für Impfgegner über 220000. Die ZeroCovid-Petition hatte nicht mal 5000 Stimmen und die für Sichere Bildung (Schutzmaßnahmen für Schulen) jetzt erst knapp 8000. Und da können im Unterschied zum Volksbegehren auch Nichtösterreicher unterschreiben. NoCovid-Befürworter sind in Österreich vernachlässigbar. Sie wurden durch PLURV sogar noch diskreditiert. Boulevardzeitungen zogen diese Strategie in den Dreck, indem sie behaupteten, man wolle einen extrem harten Lockdown, der alles Leben herunterfährt und Politiker und Pseudo-Experten machten daraus „man kann nicht monatelang alle einsperren und alles schließen“. Ich hörte das dann auch im Umfeld. „Willst Du monatelang alle einsperren?“ So wird man regelrecht als Phantast und Spinner dargestellt, beinahe schon auf Querdenker-Niveau, obwohl man pro Gesundheit aller eintritt – letzendlich auch der psychischen Gesundheit. Rückblickend betrachtet waren die sechs Wochen Lockdown im Frühling 2020, die uns ZeroCovid und einen ruhigen Sommer bescherten, weit weniger psychisch belastend, als der Dauerhalblockdown mit hohen Infektionszahlen ab Herbst.

Ich finde schon, dass das etwas mit einem macht. Beide Länder haben Fehler gemacht, beide haben sich zumindest in Teilen bewusst für eine falsche Strategie („Durchseuchung der Kinder“, „Wirtschaft schützen“) entschieden und es teilweise auch verschleiert. Objektiv steht Österreich dennoch schlechter da als Deutschland. Größter Wirtschaftseinbruch in der EU. Die Halbleiterkrise (Taiwan!) wird wahrscheinlich auch in Deutschland die Erholung abwürgen, aber von einem höheren Niveau startend. Deutschland hat keine Korruptions- und Demokratiekrise epischen Ausmaßes wie in Österreich. In Deutschland verweigert die CDU nicht die Teilnahme an den Befreiungsfeiern eines Konzentrationslagers.

In Österreich hab ich das Gefühl eines Kampfs von David gegen Goliath, während ich in Deutschland eher noch eine signifikante Anzahl an Gleichgesinnten finde, die für das Gute kämpfen, für unsere Gesundheit, aus Solidarität auch für die Gesundheit derer, die uns nicht betreffen, für Gerechtigkeit. In Österreich finde ich sie nur dank meiner Twitterblase, die aber nicht die Gesellschaft offline abbildet. Wenn es sie doch tut, ist die Frage, warum sie nicht so wählen, warum sie so leise sind. Warum in den Umfragen immer noch eine stabile Mehrheit schwarzblau will.

In Österreich ging seit Pandemiebeginn viel Aufklärung „vom Volke aus“, von pensionierten Experten, von Ärzten, von Citizen Journalists und anderen Privatpersonen, alles in Eigeninitiative, Eigenverantwortung anders interpretiert. Das ist aber nicht meine Vorstellung davon, wie es richtig laufen soll. Ich zahle Steuern, ich erwarte informiert zu werden in der größten Gesundheitskrise seit 100 Jahren. Ich erwarte das über offizielle Kanäle, nicht darüber, in Eigeninitiative zufällig auf die richtigen Informationen zu stoßen, die ich versuche einzuordnen (und auch das gelingt mir selbst nach einem Jahr nicht immer – ich bin eben KEIN Experte). Deutschland ist anders strukturiert als Österreich, auch das spielt natürlich eine Rolle. In Österreich gibt es nur wenig größere Städte, der Großteil ist ländlich, mit spärlicher Zeitungsvielfalt am Land (großteils dominiert vom Boulevard, der von der Regierung großzügig mit Inseraten gefüttert wird). ÖsterreicherInnen haben, wenn sie nicht die entsprechenden Kontakte zu ihren sozialen Netzwerken haben (offline und online). kaum die Möglichkeit, sich korrekt zu informieren, wenn von den offiziellen Kanälen nichts kommt.

Unter diesem Blickwinkel betrachtet kam mir der Aufenthalt in Deutschland sehr erholsam vor, trotz aller auch dort bestehenden fachlichen Defizite. Alleine den peinlichen und gefährlichen Kindergarten um die Korruptionsvorwürfe an die ÖVP aus Deutschland mitzuverfolgen, verstärkte den Eindruck der rückständigen Provinzialität in Österreich. In Deutschland hingegen wichtigere Themen, z.B. auch Rassismus während der Pandemie. Gut fünf Minuten dazu in den ARD-Tagesthemen, sowas wie eine verlängerte zib2, inklusive Interview mit einer Rassismus-Expertin. In Österreich undenkbar zur Prime-Time.

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