Tag 418: Positiver Trend, bleibt es dabei?

7-Tages-Inzidenzen und Trend in den Bundesländern und Gesamt-Österreich, Stand 08. Mai 2021

In den Bundesländern mit vorherigem Lockdown sind die 7-Tages-Inzidenzen am niedrigsten. In Vorarlberg, das trotz B.1.1.7-Mutante öffnete, ist sie am höchsten. Derzeit zeigt der Trend aber überall nach unten, obwohl die Regierungen weitreichende Lockerungen ab 19. Mai ankündigte. In den vergangenen Monaten führte diese Ankündigungspolitik häufig zu vorzeitigen Anstiegen (genauso aber auch Absinken, wie vor dem Wien-Lockdown ab Ostern). Ich traue mir dazu keine klare Prognosen abzugeben. Die Pandemie hat mich grundsätzlich gelehrt, in Österreich eher vom Schlimmsten auszugehen. In diesem Beitrag möchte ich die pro und contras behandeln sowie die Probleme, die sich aus der Definition des Grünen Pass in Österreich ergeben.

Impfungen in Österreich schreiten voran

Diese Woche wurden bereits 90000 Dosen am Tag verimpft. Der Blick auf die Impfquote zeigt, dass bei den 65+ im Schnitt bereits über 70% ihre erste Impfdosis erhalten haben. Beide Impfdosen haben bisher aber nur die 85+ in hohem Ausmaß erhalten. Am schlechtesten ist die Impfquote in allen Altersgruppen in Wien. In der Elterngeneration mit überwiegend erwachsenen Kindern (45+) ist erst rund ein Drittel erstgeimpft und nur jeder Zehnte vollimmunisiert.

Noch schlechter sieht dann in der Elterngeneration mit schulpflichtigen Kindern oder Kleinkindern aus (35+), hier haben weniger als ein Drittel die erste Impfung und nicht einmal jeder Zehnte die zweite Impfdosis erhalten. Schulpflichtige Jugendliche bewegen sich auf noch niedrigerem Niveau.

Quelle: Erich Neuwirth, Statistiker

Die jetzt große Verfügbarkeit an Impfterminen auch für die Allgemeinbevölkerung (jedoch je nach Bundesland verschieden) sorgt offenbar für vorauseilende Vorsicht vor den Impfterminen. Niemand will sich so kurz vor der Impfung noch anstecken und verhält sich anscheinend vorsichtiger. Das kann ein Grund dafür sein, dass etwa in Vorarlberg die Zahlen trotz Öffnungen wieder deutlich zurückgehen.

Was hat sich zum vergangenen Herbst geändert?

In 11 Tagen treten weitreichende Öffnungen in Kraft, in 9 Tagen sollen die Schulen wieder im Vollbetrieb (Präsenzunterricht) starten. Im Kindergarten sind praktisch keine Schutzmaßnahmen möglich – hier werden zwar vermehrt Schnelltests eingesetzt, jedoch sind die sogenannten Lolli-Antigentests von der Sensitivität noch deutlich unter den Nasenbohrtests. In Volksschulen besteht im Unterricht keine behördlich vorgeschriebene Maskenpflicht.

“Auch Kinder haben ein Recht auf Gesundheitsschutz”

Für Mikrobiologe Wagner kommen die Öffnungen wenige Wochen zu früh. Die Elterngeneration ist noch nicht weit genug durchgeimpft, um in den Präsenzunterricht ohne Schichtbetrieb zurückzukehren. Er hält es für sinnvoller, statt der wenig sensitiven Antigentests (ohne Symptome!) drei Mal die Woche zu gurgeln, da so anhand der Ct-Werte festgestellt werden kann, ob es sich um eine zurückliegende oder beginnende Infektion handelt.

In Nordrhein-Westfalen werden hingegen künftig Lolli-PCR-Tests in Grund-Förderschulen eingesetzt, die deutlich genauer als die Schnelltests sind. Dass Gurgeln, Spülen und Lolli-Tupfer so gut funktionieren, liegt daran, dass selbst im Speichel von asymtomatisch Infizierten noch infektiöses Virus enthalten ist. Warum Österreich ausschließlich auf Abstriche und Gurgeln setzt, stößt bei manchen Experten auf Unverständnis.

Meine Argumentation deckt sich im wesentlichen mit den Aussagen von Wagner:

Die Kinder sind noch bis zu einem zugelassenen Impfstoff im Herbst ungeschützt, ein Großteil der Eltern hat noch keine Impfung erhalten. Von den Großeltern sind immer noch ein Drittel ungeimpft. Selbst von den sogenannten Risiko- oder Hochrisikogruppen, die sich durch alle Altersgruppen ziehen, kamen noch nicht alle Impfwilligen dran.

Jüngere haben höhere Überlebensschancen als Älter und liegen (kämpfen) länger. Sie werden außerdem intensivmedizinisch eher betreut als sehr alte Menschen. Die Todesrate pro Tag wird damit weiter sinken, dafür aber vermutlich zeitlich länger gestreckt sein, weil auch von den jungen Menschen ein Teil stirbt. Longcovid ist endlich medial präsent wie nie, in der offiziellen Krisenkommunikation der Regierung aber immer noch unsichtbar. Sie gelten “als genesen” und werden gerne von Rechts- wie Linksliberalen als Vorwand für die hohe Immunisierungsquote in der Gesellschaft benutzt, um weitere Lockerungen zu rechtfertigen. Die Regierungspolitiker und Scheinberater verharmlosen LongCOVID hingegen als “medizinisches Problem” und nicht mehr als akute Gefährdung des Gesundheitssystems. Dass Long COVID bisher nicht heilbar ist und ein Teil Wochen oder Monate nach der durchgemachten Infektion ärztliche oder ambulante Hilfe benötigt, fällt hier unter den Tisch.

Die aktuellen Empfehlungen des Vereins “Österreichische Gesellschaft für Kinder und Jugendliche” vom 07. Mai 2021 treffen dieselben veralteten Annahmen wie im Herbst 2020 (PLURV) und stehen damit voll auf Durchseuchung der Kinder im restlichen Schuljahr. Kinder lassen sich am leichtesten durchseuchen, weil sie die geringsten Mortalitätsraten aufweisen. Dass sie LongCOVID aber mindestens so stark wie Erwachsene trifft, wird dabei unter den Teppich gekehrt. Das Risiko für schwere Verläufe und Tod ist zwar viel geringer als bei Erwachsenen, doch sind sie genauso infektiös wie Erwachsene und können es an ungeimpfte Eltern und Großeltern weitertragen. Die AGES-Clusterdaten, die den Indexfall häufig bei den Erwachsenen (bzw. Pädagogen) sehen, sind irreführend, weil Kinder deutlich seltener getestet werden als Erwachsene und bei negativem Antigentest keine Nachtestung mit PCR-Test erfolgt. Hier kommt es zu einem Perception Bias, der zu den bekannten Vorurteilen “Lehrer tragen das Virus in die Schule” und “Die Eltern gehen ständig auf private Feiern und stecken so die Kinder an.” führt.

Der vorläufige Höhepunkt wissenschaftlichen Bullshits markiert das Interview mit dem Primar für Kinder- und Jugendheilkunde Simma vom LKH Feldkirch:

“Es sind mildere Verläufe, ist auch unabhängig von der Variante. Die Variante macht ja nicht den Verlauf schwerer, sondern die Ausbreitung schneller. Die Verläufe sind nicht schwerer. Das, was man schon auch weiß, was man schon vielleicht klar sagen muss, dass sich die Kinder nicht untereinander anstecken und die Kinder die Erwachsenen, sondern es läuft umgekehrt: Es lauft umgekehrt: Die Kinder bekommen diese Infektion von den Erwachsenen. Da gibt es große amerikanische Studien, die es auch sagen. Also, da müssen wir glaub ich auch mit diesen Schulschließungen vielleicht die Diskussion äh, äh, nüchterner führen.” (Vorarlberg LIVE, 30. April 2021)

Das fehlende kritische Nachfragen des Moderators ist eines von dutzenden Beispielen für die Inkompetenz vieler österreichischer Journalisten im Umgang mit Experten.

Hohe Inzidenzen bei Kleinkindern und Jugendlichen in Vorarlberg, Tirol, Steiermark und Oberösterreich.

Wer geglaubt hat, der neue Gesundheitsminister, immerhin Allgemeinarzt (aber auch Absolvent eines Bachelor-Studiums für TCM), würde für mehr Faktentreue sorgen, sieht sich bitter getäuscht. Er setzt die Linie von Anschober fort und zementiert den Durchseuchungskurs der Regierung ein:

Kinder bis zum Alter von zehn Jahren müssen nicht getestet werden. Sie können ohne eigenem Test mit ihren geimpften oder getesteten Eltern zum Beispiel ins Gasthaus oder auch ins Kino gehen. Kinder ab zehn Jahren brauchen ein eigenes Testergebnis“ (Pressekonferenz, 05.05.2021)

Über ein Jahr nach Pandemiebeginn ist kein Kurswechsel erkennbar, der die wahre Rolle der Kinder honoriert – als Teil des Infektions- und Krankheitsgeschehens wie bei Erwachsenen auch. In der Indoor-Gastronomie gelten ab 19. Mai wieder Abstände, als ob Aerosole nicht existieren würden. Dabei hat seit dem 30. April 2021 selbst die WHO endlich eingestanden, dass Aerosole ein wichtiger Übertragungsweg sind. Die Regierung orientiert sich weiterhin nicht an Inzidenzen, sondern an der Zahl der belegten Intensivbetten (schwere Akutverläufe). Wer stirbt, belastet die Intensivstationen nicht mehr. Manche Langzeitfolgen werden sich wohl erst Jahre später zeigen (z.B. MECFS), mitunter gar nicht zuordnen lassen, weil zu wenig aufgeklärt wurde, wegen Ärztemangel, zu wenig Kassenärzten, zu teure Privatversicherungen.

Spekulation:

Die Ausgangslage ist ähnlich zum vergangenen Herbst. Hohe Inzidenz bei Kindern, Jugendlichen und junger, mobiler, aber weitgehend ungeimpfter Bevölkerung. Wien könnte von der stadtweiten Ausrollung der gratis PCR-Gurgeltests stärker profitieren als die anderen Bundesländer mit weniger Gratis-Angeboten. Ungeimpfte Eltern- und Großeltern sowie impfunwillige Personen sind ebenso gefährdet wie Nonresponder (Immunsupprimierte). Wie das Beispiel Chile zeigt, reicht das “Reservoir” an ungeimpften Menschen aus, um eine weitere Welle an Schwerkranken zu erzeugen, die die Spitäler zum Zusammenbruch bringen kann – obwohl die Impfungen greifen. Im Osten sind die Spitäler weiterhin stark belastet, was in der Öffentlichkeit kaum noch eine Rolle spielt. Mit sinkenden Bettenbelegungen müssen zigfach Routine-OPs nachgeholt werden, die Betreuung von Regelpatienten sollte wieder aufgenommen werden.

Mit den Öffnungen werden die Infektionszahlen aber wieder steigen. Wer definitiv im Nachteil ist, sind die LongCovid-Patienten, die schon jetzt keine Termine bis Herbst bei Spezialambulanzen bekommen, von denen es zu wenige gibt. Ich frage mich auch, wo die vielen dutzenden Ärzte für die geplanten 83 Anlaufstellen in ganz Österreich herkommen sollen – auch das wird zulasten der Regelversorgung gehen. Wenn man es klug anstellt, bezieht man zumindest auch MECFS-Patienten mit ein, die seit Jahrzehnten auf kompetente Ansprechpartner warten – wovon es zu wenige österreichweit gibt.

Dämpfende Faktoren gegenüber dem Herbst:

  1. Geändertes Freizeit- und Lüftungsverhalten durch die sommerliche Witterung
  2. Rasch zunehmende Zahl an Geimpften, die Infektionsketten unterbinden
  3. Geimpfte sind seltener und wenn, dann kürzer infektiös, weisen eher eine geringere Viruslast auf und haben meist keine oder nur sehr milde Symptome.

Verstärkende Faktoren:

  1. Hochansteckende Virusvarianten wie B.1.1.7 haben sich vollständig durchgesetzt, damit nimmt die Second Attack Rate in der ungeimpften Bevölkerungsgruppe zu.
  2. Die Indische Subvariante B.1.617.2 wurde von einer Variant of Interest zu einer Variant of Concern (VOC) hochgestuft, weil es Indizien für erhöhte Übertragbarkeit gibt und sie die zuvor dominante B.1.1.7-Variante verdrängt. Unklar ist, ob sie auch Fluchtmutationen (Immun Escape) aufweist, die die Immunabwehr von Genesenen und Geimpften schwächen kann.
  3. Die mangelhafte Risikokommunikation der Regierung: Der Grüne Pass gilt genauso für Getestete und Erstgeimpfte drei Wochen nach der Impfung. Nach der ersten Teilimpfung kann man sich aber noch infizieren und auch schwer erkranken bzw. hochansteckend sein. Es besteht die Gefahr, dass sich Getestete und Erstgeimpfte eher in Risikosituationen begeben und so das Virus weitertragen.

Welchen Status hat wer in der Bevölkerung?

Beim geplanten “Grünen Pass” in Österreich sollen Getestete, Genesene und Geimpfte unter bestimmten Vorausssetzungen gleichgestellt werden:

  • Genesene unter 6 Monate nach Infektion
  • Geimpfte 3 Wochen nach der 1. Teilimpfung
  • Gestetete 24h für Selbsttests zuhause, 48h für Antigentests unter Aufsicht und 72h für PCR-Tests.

Virologen sind mit diesen Festlegungen nicht begeistert.

Bei den verschiedenen Testarten, Genesenenstatus und Geimpften fällt es zunehmend schwer, den Überblick zu behalten.

Status Sensitivität bei Symptomen Sensitivität ohne Symptomeerforderliche GültigkeitGültigkeit realTransmissionsrisiko
“Wohnzimmertest” (Antigentest)erst ab Tag 2 erhöhtschlecht24h6-12hhoch
beaufsichtigter Nasenbohrtest (Antigentest) erst ab Tag 2 erhöhtschlecht48h6-12hhoch
beaufsichtiger Nasen/Rachenabstrich (Antigentest)erst ab Tag 2 schlecht48h6-12hhoch
Gurgel/Spülen-PCR (zuhause)hochhoch72h < 48hniedrig
Nasen-Rachen-Abstrich/Gurgeln (beaufsichtigt)hochhoch72h < 48h gering
Genesen (Infektion < 6 Monate) < 6 Monateniedrig
Genesen (Infektion > 6 Monate)moderat
Genesen + 1 Impfunggering
Genesen + 2 Impfungengering
1. Teilimpfung < 3 Wochenmoderat bis hoch
1. Teilimpfung > 3 Wochenmoderat
2. Teilimpfung < 3 Wochenniedrig
2. Teilimpfung > 3 Wochengering
ca. 6 Monate nach 2. Impfungniedrig/moderat??

Virologen und Infektiologen sind mit der Gültigkeit der Schnelltests und Gleichstellung mit Geimpften und Genesen nicht einverstanden. Die Sensitivität der Schnelltests ist bei Symptomfreiheit bis Symptombeginn viel zu schlecht, um bei negativem Ergebnis als Eintrittstest zu fungieren. Die Gültigkeitszeiträume sind jeweils zu lang.

Bei Geimpften sollte unbedingt die zweite Teilimpfung abgewartet werden, wie etwa in Bayern, ehe man Lockerungen der Einschränkungen ausspricht. Die Testpflicht sollte grundsätzlich nicht entfallen. Fälle sind schon vorgekommen, wo geimpfte Omas die ungeimpfte Familie angesteckt haben. Dazu kommen noch die “non-responder”, bei denen Impfungen nicht ansprechen.

Bei Genesenen wird eine Impfung unbedingt empfohlen. Einerseits sinkt die Menge an gebildeten IgA-Antikörpern ab, die einen effektiven Schleimhautschutz bilden und damit die Übertragung verringern/verhindern, andererseits bilden sich ohne Impfung bei erneuter Infektion mitunter infektionsverstärkende Antikörper (ADE), die die Erkrankung verstärken können (siehe Dugan et al., 06.05.21). Unter “Immunität” habe ich jetzt einige zusätzliche Erläuterungen angeführt, ich kratze da selbst erst an der Oberfläche.

In Summe ist das also nicht trivial, denn während wir wie im Vorjahr einen ruhigen Sommer erleben könnten, dürfen die Auffrisch-Impfungen im Herbst nicht in Vergessenheit geraten, wenn die IgA-Antikörper schwinden und die Übertragbarkeit zunimmt. Zuvor müssen wir es aber überhaupt bis dahin schaffen, denn die Kinder bleiben bis dahin ungeschützt und mit zunehmender Reisetätigkeit könnte sich die Indische Subvariante rasch durchsetzen. Dann liegen zwar nicht mehr ausschließlich 65+ auf den Intensivstationen, aber dafür viele 35+ oder 40+. Ja, viele werden es überleben, aber ist es das wert, angesichts dessen, was wir bisher über Spät- und Langzeitfolgen wissen?

Zum Schluss noch ein dringender Hinweis auf die Sendung von Jan Böhmermann über “Sebastian Kurz – der Penatenkanzler & seine türkise Familie“.

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